Der Apfel, der Kunde und der Handel

In der Norm bleiben
In der Norm bleiben

Lisa Rienermann

In der Norm bleiben

2000 Apfelsorten wachsen in Deutschland. Im Supermarkt liegen aber immer nur ganz wenige davon, zum Beispiel der Scifresh. Wer entscheidet darüber?

Patrick Finsterseifer greift ins Obst­regal seines Stamm-Supermarktes und legt eine Packung mit sechs Äpfeln in den Einkaufswagen, Marke "Jazz". Er hat eine Frau und zwei Kinder, alle lieben den Apfel. "Ein Dutzend essen wir jede Woche", sagt der ­Familienvater aus Frankfurt. Warum der "Jazz"? "Der schmeckt süßsauer und ist bissfest. Knacken muss es!", sagt Finsterseifer. Wenn möglich kauft er Äpfel aus Deutschland. Aber jetzt, im Spätsommer, dominiert die Importware, der "Jazz" kommt aus Neuseeland.

Vor ihm im Regal präsentieren sich die üblichen zehn Sorten. Verglichen mit den 2000 Apfelsorten, die es allein in Deutschland gibt, ist das fast nichts. Warum ist das so? Rudolf Keil, der bei Aldi Süd den Einkauf von Obst, Gemüse und Eiern verantwortet, sagt: "Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn wir durch Marktforschung feststellen, dass eine bestimmte Apfelsorte deutlich beliebter als eine andere ist, nehmen wir auch Neues ins Sortiment auf." Nach dieser Lesart bestimmt also der Kunde, was es zu kaufen gibt. Aber auch die Europäische Union hat Einfluss. Beispiel "Jazz": Patrick Finsterseifer hat sich für einen Apfel der Handelsklasse I entschieden. Die Bestimmungen regeln genau, was er erwarten darf: Ein Drittel der Oberfläche muss eine "gemischt-rote Färbung" aufweisen. Auch Größe und Durchmesser sind festgelegt.

Nils Husmann

Nils Husmann
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Der "Jazz" heißt eigentlich Scifresh, eine 
Kreuzung aus Braeburn und Royal Gala. "Jazz" ist eine Clubsorte. Nur lizenzierte Obst­bauern dürfen ihn anbauen. Der Lizenzin­haber ­steuert die Menge – und damit auch den Preis. Patrick Finsterseifer hat für 960 Gramm 
3,99 Euro bezahlt. In Europa vermarktet die Firma "Enzafruit New Zealand Continent N. V." den "Jazz". Wie wichtig es ihr mit der Lizenz ist, zeigt sich etwa in E-Mails. Darin setzt die Firma konsequent ein "TM" hinter den Apfelnamen, Trademark – eine Frucht wird zum Markenprodukt.

Wie wirken sich Handelsbestimmungen auf das aus, was auf den Feldern passiert, ob nun in Neuseeland oder bei uns? Jörg Disselborg vom Bundesausschuss Obst und Gemüse, einer Plattform der Erzeuger, sagt: "Was dort passiert, bestimmt immer noch die Natur." 
Die Handelsklassen seien nur eine Hilfe für die Obstbauern, ihre Äpfel im Handel zu vermarkten. Allerdings: Die Handelsklassen ­greifen für den Großteil der verkauften Äpfel in Deutschland. Vier von fünf Äpfeln be­sorgen sich die Kunden nämlich im Lebensmittel­handel – und der wird dominiert von Edeka, der Schwarz-Gruppe (mit Lidl), Rewe, Aldi und der Metrogruppe (mit Real). Zusammen haben diese fünf einen Marktanteil von fast zwei Drittel. Jörg Disselborg: "Die Bauern produ­zieren, was vom Lebensmitteleinzel­handel und vom Verbraucher erwartet wird, und ­haben sich entsprechend professionalisiert."

Eine Frucht wird zum Markenprodukt

Was war zuerst da? Das Interesse des Handels an verlässlicher Qualität? Oder Bauern, die sich vom Handel abhängig gemacht haben? Oder der Wunsch der Kunden nach Äpfeln, die das ganze Jahr über makellos aussehen? 
Darüber kann man streiten, vermutlich be­dingen und verstärken sich diese drei Faktoren. Das Ergebnis ist: Einfalt im Supermarkt. Das sehen auch manche Verbraucher so und fragen nach alten Apfelsorten. "Diese Sorten sind wichtig, aber da ist auch viel ­Romantik dabei. Es gibt keine alte Sorte, die man im Herbst bundesweit erntet und die man – wie etwa ­Äpfel aus der Jonagoldfamilie – bis Mai lagern kann", sagt Jörg Disselborg.

 Scifresh ist eine Kreuzung aus Braeburn und Royal Gala, über die er auch den Golden Delicious in seiner Ahnenreihe hat. Kritiker sagen: Das mache ihn anfällig für SchorfkrankheitenAlamy Stock Photo/Zoonar

Und was ist mit der Ökobilanz? "Ein Apfel aus Neuseeland – was heißt das für die Umwelt?", fragt sich Patrick Finsterseifer. Finsterseifers Äpfel wurden im April auf der Südinsel bei Blenheim geerntet und in Kühlcontainern per Schiff nach Antwerpen gebracht. Das ist schlecht – einerseits. Experten vom Umweltbundesamt haben die Faustregel aufgestellt, dass frisches Obst aus der Region am besten fürs Klima ist. Aber: Je länger Obst aus Eu­ropa gelagert wird, desto mehr Treibhausgase werden durch den hohen Energieaufwand freigesetzt, der durch die Kühlung entsteht – auch bei einer Lagerung in Deutschland. Im Herbst gekaufte Äpfel haben also immer eine bessere 
Klimabilanz, weil sie nicht gekühlt werden müssen. Im Hochsommer hingegen kann ein Apfel aus Neuseeland die umweltfreundlichere Variante sein, sofern er in großer Zahl per Schiff nach Europa gelangt ist.

 

 

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Redakteur Güthlein, mit Apfelsorten kenne ich mich nicht aus. Bei den Menschensorten tippe ich allerdings darauf, dass es sich bei Christiane um eine Frau und nicht einen Herrn handelt.

Max Zirom