E-Mail aus Nigeria: Die Witwen von Boko Haram

Boko-Haram-Opfer
Haushaltswaren brauchen alle. Einer von fünf Läden im Witwendorf

Privat

Haushaltswaren brauchen alle. Einer von fünf Läden im Witwendorf

Haushaltswaren brauchen alle. Einer von fünf Läden im Witwendorf

Ihre Männer kamen um. Ihre Dörfer sind niedergebrannt. Frauen, die den Boko Haram-Terror erlebten, bauen sich jetzt ein neues Leben auf.

Am besten läuft die Pepper Soup. Die scharf gewürzte Suppe aus ausgekochten Rinderknochen und Innereien kostet nur 50 Cent und lockt viele Männer in "Marthas Restaurant", die auf dem Weg von der Arbeit durch das sogenannte Witwendorf kommen. Oder Leute aus den anderen Teilen der Siedlung, in der Überlebende des Boko-Haram-Terrors leben. Mir ist die Pepper Soup zu scharf, ich ­esse hier lieber Maisbrei mit grünem Gemüse. Aber ich freue mich so, wenn ich sehe, wie die beiden Frauen den kleinen Laden managen. Nach dem, was sie erlebt haben. Die eine musste zusehen, wie Boko-Haram-Kämpfer ihren Mann ermordeten und mit ­Macheten regelrecht zerhackten. Die andere wurde mit ihrer kleinen ­Tochter von den Terroristen in deren Lager verschleppt. Sie musste einen der Männer heiraten, wurde schwanger. Ihr gelang die Flucht mit den beiden kleinen ­Kindern. Der Junge ist heute zwei Jahre alt, es ist ein ängstliches Kind. Und seine Mutter macht sich immer wieder Sorgen, wegen ihm von den anderen Frauen abgelehnt zu werden.

Renate Ellmenreich

Renate Ellmenreich ist Pfarrerin im 
Ruhestand. Sie hat früher in Nigeria
 gearbeitet, von Deutschland aus unterstützt sie 
die Witwen in Gurku mit dem Verein
 Widows Care.
PrivatRenate Ellmenreich

Im Dorf leben fast 50 Witwen mit etwa 150 Kindern. Weit weg von ihrer Heimat im Norden Nigerias sind sie in relativer Sicherheit. Sie können – was Witwen sonst traditionell verwehrt wird – ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, haben kleine Läden aufgemacht, betreiben Fischzucht oder Landwirtschaft. Aber jede von ihnen schlägt sich mit schrecklichen Geschichten herum, die vor gerade mal zwei oder drei Jahren passiert sind. Gerade bin ich für ein paar Wochen vor Ort, viele der Frauen kenne ich von früher. Manchmal kommen sie in der Nacht und erzählen von den Überfällen, den Vergewaltigungen, dem Abschlachten. Es ist für mich kaum auszuhalten, das anzuhören.

Die evangelische nigerianische Kirche EYN lässt seit einiger Zeit "Traumaheiler" – Traumatherapeuten – ausbilden und schickt sie durch Siedlungen wie diese. Manche Witwen setzen sich dann mit diesen – meist sind es auch Frauen – zu Einzelge­sprächen zusammen, ein bisschen abseits, unter einen Baum etwa. Sie reden lange. Manchmal hört man ihr Weinen. Oder Schreien.

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