E-Mail aus Oslo: Ehrung für Theologen Moltmann

Ende der Eiszeit
Jürgen Moltmann und Idar Kjolsvik

privat

Jürgen Moltmann und Idar Kjolsvik

Jürgen Moltmann und Idar Kjolsvik

Historisches Ereignis in Norwegen: Mit Jürgen Moltmann erhält ein ehemaliger Wehrmachtssoldat die Ehrendoktorwürde

Die Mitarbeiter an der Theologischen Gemeinde­fakultät ­Oslo arbeiten auf Hoch­touren. Sie bereiten ein Ereignis vor, das ich historisch nennen möchte. Im September wird dem Tübinger Theo­logen Jürgen Moltmann hier die Ehrendoktor­würde verliehen. Erst mal nichts Besonderes: Unsere theologische Fakultät in Oslo ist die größte in Skandinavien, und der 92-jährige Moltmann gilt weltweit als einer der wichtigsten Theologen. Aber: Der 1926 geborene Deutsche war am Ende des Zweiten Weltkriegs Luftwaffenhelfer. Und es ist das erste Mal, dass ein ehemaliger Wehrmachtssoldat in Norwegen ­solch hohe akademische und kirchliche Würden verliehen bekommt.

Idar Kjølsvik

Idar Kjølsvik, geb. 1968, 
ist ­norwegischer ­Theologe. Er studierte an der Gemeindefakultät in Oslo und an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, unter anderem bei Jürgen Moltmann. Seit 1996 arbeitet er als Associate Professor für Theologie an der staatlichen Hochschule in Levanger. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
privatIdar Kjolsvik, norwegischer Theologe, E-mails aus

Der Schrecken der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945 sitzt tief in Norwegen. Um die 350 000 deutsche Soldaten waren hier stationiert, in einem Land mit lediglich rund drei Millionen Einwohnern.Der Krieg hat auch die kirchlichen und theologischen Beziehungen zwischen Deutschland und Skandinavien abrupt beendet. Diese waren über Jahrhunderte gewachsen, spätestens seit Martin Luther hatten beide Seiten den Austausch gepflegt. Eine Verbindung blieb immerhin die Sprache. Bis in die 1990er musste jeder skandi­navische Theologiestudent Deutsch lernen, um die Fachliteratur lesen zu können.

Ich selbst habe bei Professor Moltmann in Tübingen studiert, der aus der Hölle des Krieges heraus eine "Theologie der Hoffnung" ent­wickelt hatte, die in der Nachkriegszeit auf der ganzen Welt Menschen zum Glauben geführt hat. Auch die norwegischen und skandinavischen Theo­logen haben diese Denkweise auf­gegriffen, wenn auch sehr zögerlich: Bei Moltmanns erstem Besuch in Oslo 1968 kam er selbst gar nicht zu Wort, beim zweiten, 1996, war eine Annäherung sichtbar – vor allem die jüngeren Theo­logen schienen keine Scheu zu empfinden, ihm als ehemaligem Soldaten zu begegnen.

Jetzt, 2018, soll der Durchbruch kommen. Fast alle theologischen Kreise in Norwegen 
freuen sich sehr darauf, den Theo­logen der Hoffnung empfangen zu dürfen. Außerdem wird er Vertreter von Politik und Kirche treffen. Mit der Ehrung von Jürgen Moltmann in Norwegen geht ein Kapitel zu Ende, das im Zweiten Weltkrieg begann.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.