Sich als Witwe wieder verlieben

"Das ging ja schnell"
Portrait - Das ging ja schnell. Plötzlich verwitwet, plötzlich frisch verliebt

Roman Pawlowski

Miriam hätte nicht gedacht, dass sie wegen ihrer neuen Liebe so stark abgelehnt werden würde

Portrait - Das ging ja schnell. Plötzlich verwitwet, plötzlich frisch verliebt

Miriams Mann stirbt jung, sie will ihr altes Leben zurück. Nach ein paar Monaten verliebt sie sich neu, wird schwanger, wird glücklich, zumindest gelegentlich. Wie kann sie nur, sagen die Leute.

Manchmal wundert sie sich, wie sehr sie das ­Leben überrumpelt hat. Ihr Mann Michael, 42, kam mit einem akuten Aorta-­Riss ins Kranken­haus. Der Leiter der herzchirurgischen Intensiv­station überbrachte ihr die Nachricht, dass Michael nicht überleben werde. Es war im Mai 2015, Miriam war 43, der gemeinsame Sohn zwölf. Miriam und Mathias, der Herzspezialist aus dem Krankenhaus, trafen sich ein paar Monate später durch Zufall wieder und verliebten sich ineinander. Im Januar 2016 zog Mathias, 18 Jahre älter, bei ihr ein, im August darauf kam die gemeinsame Tochter Cosima zur Welt.

Ein warmer Nachmittag, gut drei Jahre nach Michaels Tod. An den Wänden ihrer Altbauwohnung im Hamburger Univiertel hängen viele Fotos von ihm. Auf dem Boden: verstreutes Spielzeug der kleinen Tochter. Carl, der Sohn, sitzt in seinem Zimmer und spielt am Computer. Mathias ist nicht da, in der Woche arbeitet er meist zwölf Stunden am Tag.

Sie hätte nie gedacht, dass Freunde sie so ablehnen würden

Miriam Emmermann ist eine zurückhaltende, zierliche Frau mit langen dunklen Haaren und einem feinen Gesicht. Sie sagt, sie hätte niemals gedacht, dass sie sich nach so kurzer Zeit wieder verlieben würde. Sie sei nicht der Typ, der um einen geliebten Menschen trauert und sich gleichzeitig von einem anderen Menschen mitreißen lässt. Auch sei die Nähe zu Michael zu stark gewesen.

Miriam hätte auch nicht gedacht, dass sie wegen ihrer neuen Liebe so stark abgelehnt werden würde, von engen Freunden, von Bekannten: Wie kann sie nur! Wahrscheinlich hat sie Michael gar nicht richtig geliebt! Sie ist kaltherzig! Was mutet sie ihrem Sohn zu? Wieso musste sie gleich schwanger werden? Was will sie mit einem alten Sack, der sich nur eine junge Frau angeln möchte? Oft, sagt Miriam, habe sie hintenrum erfahren, was andere über sie dachten, selten wurde sie direkt angesprochen. Sie konnte nichts dagegen tun, kaum jemanden zur Rede stellen. Das hat sie aufgebracht. Immerhin hielten ihre Eltern zu ihr, und Michaels Mutter freute sich über die Schwangerschaft.

14 Jahre waren sie zusammen, sie hätte ­Michael, sagt sie, jederzeit wieder geheiratet. Er arbeitete bei einem großen Kaffeeunternehmen, zuletzt als Senior Manager E-Commerce. Jemand, der gern ausging, feierte, ein Lebemann. Gleichzeitig sei er mitfühlend gewesen, habe schnell gespürt, wenn es jemandem nicht gut ging. Eine Eigenschaft, die sie besonders an ihm mochte. Und seine ­Großzügigkeit anderen Menschen gegenüber, bei denen er versuchte, das Gute zu sehen oder es aus ­ihnen hervorzulocken. Ein Genussmensch mit einem großen Herzen – so beschreibt sie ihn. Miriam bezeichnet sich selbst als introvertiert, sie brauche es weniger, unter Leuten zu sein. Sie arbeitet als Pressesprecherin, abends ist sie oft müde und froh, zu Hause zu sein.

Franziska Wolffheim

Franziska Wolffheim, geboren 1962, ist Journalistin und Buchautorin. Ihre Themen kommen vor allem aus Gesellschaft, Kultur und Psychologie. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Privat

Miriam glaubte, Michael über die Jahre gut zu kennen. Einerseits. Andererseits: Wie weit lässt der Partner einen hineinschauen in sein Inneres? Und wie weit kennt er sich selbst? Nach Michaels Tod hat sich Miriam diese ­Fragen häufiger gestellt. "Mir war es manchmal fremd, dass Michael so viel unterwegs, so unruhig war. Ob er Angst hatte, etwas zu verpassen, das spießige Leben zu wieder­holen, das seine Eltern führten, zumindest dem ­Anschein nach?" Manchmal machte sie sich Sorgen, wenn er nachts lange unterwegs war, und wurde, ohne es zu wollen, zur ­Nanny. Mit 36 hatte Michael bereits eine Operation an ­einer Herzklappe gehabt, für Miriam ­eine beunruhigende Zeit. Er sprach nicht gern über die Krankheit und wurde wütend, wenn ­Miriam ihn nachts mit ihrer Angst behelligte – "du bist nicht meine Mutter!"

Wäre Michael gesund geblieben, wenn er anders gelebt, mehr Sport gemacht, weniger getrunken, sich gesünder ernährt hätte? Gedanken, die manchmal hochkommen. Miriam versucht dann, sie abzuschütteln, weil sie quälend sind und ihr den Mann, den sie verloren hat, nicht wiederbringen.

Als Michael starb, war Miriam bei ihm. Später schreibt sie in ihrem Blog, den sie nach seinem Tod begonnen hat: "Ich hätte nie gedacht, dass ich jemanden halten oder streicheln könnte, während er stirbt. Aber ich konnte es, und ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte."

Sie hat viel geweint, meist im Bad, für sich allein. "Das war der einzige Ort, wo mir ­keiner nachgerannt ist, um zu schauen, wie es mir geht." Mit ihrem Sohn, der ein enges Verhältnis zum Vater hatte, hat sie gemeinsam geweint. Gleichzeitig wollte sie ihm Zuversicht geben, ihm vermitteln, dass das ­alles zu bewältigen sei. Auch wenn sie selbst es nicht ­immer geglaubt hat. Ihre Eltern, die in ­München leben, besuchten sie regelmäßig und gaben ihr, soweit sie konnten, Halt. Auch in der Trauergruppe, in die sie nach Michaels Tod ging, fühlte sie sich aufgehoben.

Mathias war der Überbringer der schlechten Nachricht

Manchmal war sie auch wütend. Weil in den Läden, in denen sie oft mit Michael ein­gekauft hatte, viele so taten, als sei nichts ­gewesen. Wütend, wenn sie auf Ämtern, wo sie jede Menge Papiere ausfüllen musste, schroff abgefertigt wurde. Wenn Bekannte sie mieden, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Wenn jemand aus dem Freundeskreis sie mit weinerlicher Stimme fragte: "Du ­Arme, wie schaffst du das nur?" Dabei hätte ihr ­eine schlichte Umarmung gereicht, sagt sie. In ­ihrem Blog schreibt sie: "Ich will mein altes Leben zurück."

Und dann kam das neue Leben. Eine enge Freundin von Miriam, die mit ihr an Michaels Sterbebett gesessen hatte, traf Mathias zufällig in einem Restaurant. Nur wenige Monate nach Michaels Tod. Sie kamen ins Gespräch, verabredeten ein ­lockeres Treffen zu dritt, mit Miriam. Die eher zögerlich war. Mathias war der Überbringer der schlechten Nachricht gewesen. Im Nachhinein schätzt sie es, dass er ihr nicht Hoffnungen gemacht hatte, wo er selbst keine sah. Trotzdem konnte er, meint sie, einfühlsam auf sie eingehen. Später hat sie ihm sogar einen Brief in die Klinik geschickt und sich bei ihm bedankt. Und trotzdem: Will man, sollte man den Menschen, der den eigenen Mann nicht retten konnte, wiedersehen, privat?

 "Michael würde sich freuen, dass es Carl gut geht. Er wäre stolz, wie wir das hier meistern"Roman Pawlowski

Nach dem Treffen, vier Monate nach Micha­els Tod, war Miriam durcheinander, ­musste ständig an den Mann denken, der kaum ­größer ist als sie, überhaupt ein ganz anderer Typ als Michael, und 18 Jahre älter. Den sie als extrovertiert und charmant erlebte. Der zwar noch verheiratet war, aber dessen Ehe schon länger kriselte, weshalb Mathias innerlich schon auf dem Absprung war. Sie tauschten Mails, verabredeten sich, einmal, zweimal, ­immer wieder. Ende November war Miriam klar, dass sie sich in Mathias verliebt hatte.

"Ich konnte an einem einzigen Tag total traurig und dann wieder sehr glücklich sein. Michael hat mir gefehlt, obwohl ich mich wieder verliebt hatte. Und alle meine Gefühle fühlten sich richtig an." Geholfen hat ihr, dass Carl, ihr Sohn, positiv auf Mathias reagierte. Vielleicht, weil er seine Mutter wieder fröhlich erleben konnte, zumindest gelegentlich. Und weil Mathias ihre Trauer immer akzeptiert hat. Bald zog er bei ihr ein. Carl, der zunächst deutlich gemacht hatte, keine Lust auf eine kleine Schwester zu haben, merkte nach Cosimas Geburt, dass es auch schön sein kann, ein großer Bruder zu sein. Miriam sagte jetzt nicht mehr, dass sie ihr altes Leben zurückhaben wollte.

Was würde Michael wohl über ihre neue Liebe sagen? "Ich denke ganz oft, er sitzt da oben und lacht. Weil ich jetzt Dinge ­akzeptiere, auf die ich mich früher nicht eingelassen ­hätte: ein zweites Kind, einen Mann, der überall ­seinen Kram rumliegen lässt. Er würde sich freuen, dass es Carl unter diesen Umständen gut geht. Er wäre stolz, wie wir das hier ­meistern", sagt Miriam.

Man könnte sagen, dass sie Glück gehabt hat. Weil sich ihr Leben wieder gut zusammen­gefügt hat, weil neue Menschen in ihr Leben gekommen sind, die sie liebt. Weil sie heute das, was sie mit Michael erlebt hat, noch mehr schätzen kann und nicht mehr mit einem ungerechten Schicksal hadert. "Dankbarkeit fühlt sich besser an als Wut", schreibt sie in ihrem Blog.

Witwen stehen unter ständiger Beobachtung

Aber sie hat durch ihre neue Liebe gute Freunde verloren. Das schmerzt. Und macht ärgerlich. Witwen, sagt Miriam, stehen unter ständiger Beobachtung: Sie sollen nicht zu lange trauern, sondern irgendwann ins Leben zurückkehren, sonst sei das nicht gesund. Sie dürfen sich aber auch nicht zu früh wieder binden und dann noch schwanger werden. "Jeder hat eine eigene Vorstellung, wie ­Trauer auszusehen hat und Trauernde sich ver­halten müssen. Mindestens das Trauerjahr . . . ­Alle meinen, Erwartungen haben zu dürfen, und die Jüngeren sind da nicht unbedingt ­toleranter."

In ihrem Blog bekam sie verständnisvolle Kommentare. Aber es gab auch heftiges ­Bashing. Ein verwitweter Vater schrieb, es sei unverständlich und unmöglich, dass man sich nach so kurzer Zeit wieder verlieben könne. Eine Frau meinte zu wissen, es sei völlig unglaubwürdig, dass Carl die neue Beziehung der Mutter und deren Schwangerschaft so gut aufgenommen habe.

Ihre Trauergruppe hat Miriam nicht mehr besucht, nachdem sie Mathias kennengelernt hatte. Sie wollte die anderen Mitglieder nicht mit ihren Gefühlswirrungen überfordern, wollte keine Zurückweisung. Geholfen hat ihr das Internetforum verwitwet.de. Eine Frau aus Luxemburg, die bei einem Autounfall Mann und Kind verloren hatte, erzählte von ihrer neuen Liebe. Miriam kontaktierte sie. Der Austausch nahm ihr die Angst, emotional ein Alien zu sein, ein sonderbares, verqueres ­Wesen. Freunde rieten immer wieder, doch bloß ­eine Therapie zu machen, ihre Gefühle seien ja nicht normal. Miriam machte keine Therapie, sie fand nicht, dass sie etwas verdrängte. ­Jeden Morgen, wenn sie zur ­Arbeit fuhr, kaufte sie einen Cappuccino in der Kaffee­bar, die zur ­Firma gehört, in der ­Michael gearbeitet hat. Eine kurze Verbindung zu ihm, als Einstieg in den Tag. Bis heute macht sie das so.

Es ist inzwischen dunkel geworden. ­Mathias kommt aus dem Krankenhaus nach Hause und öffnet eine Flasche Weißwein, er kennt sich mit Weinen gut aus. Wenn er mal in Rente ist, wäre er gern Winzer, sagt er. ­Mathias hat längere graue Haare, er verzieht das Gesicht, wenn er etwas nicht mag, findet er etwas lustig, lacht er laut heraus.

Mathias sagt, es störe ihn nicht, dass überall in der Wohnung Fotos von ­Michael ­hängen – im Gegenteil. "Ich finde es gut, dass Miriam immer noch so tiefe Gefühle für ­Michael hat und sie auch zeigt. Für sie ist das wichtig, und deshalb kann ich es akzeptieren. Warum soll sie mich nicht trotzdem lieben? Ich habe ausreichend Raum in ihrem Leben." Im Krankenhaus habe er gesehen, wie nahe sich Miriam und ihr Mann waren, eine solche Verbundenheit habe er selten erlebt. "Miriam hat eine große menschliche Tiefe. Auch deshalb habe ich mich in sie verliebt."

Miriam weiß, dass es für Mathias nicht leicht war

Obwohl Mathias sich auf die Klein­familie einlassen konnte, weiß Miriam, dass es für ihn nicht leicht war. Einmal hat er zu ihr über ­seine Rolle gesagt: "Du ahnst, dass du ­immer mit dem verstorbenen Mann ver­glichen wirst. Egal ob bewusst oder unbewusst. ­Also verhältst du dich extrem vorsichtig. Die Freunde und die Familie begutachten dich, das Kennen­lernen gleicht einem Bewerbungs­gespräch. Man muss schon total verrückt sein, ein gesundes Selbstbewusstsein haben und sehr verliebt sein, wenn man trotzdem versucht, dieser Frau näherzukommen." Heute ist er glücklich, wie es ist, meint er.

Dann steht Mathias auf, um Cosima ins Bett zu bringen, die müde an seinem Bein hängt. Miriam sagt, dass sie sich keine Ge­danken über die Zukunft machen will, auch nicht darüber, dass Mathias so viel älter ist als sie und Cosima einen alten Vater hat. Sie weint immer noch manchmal um ­Michael. Und ist froh, Mathias getroffen zu haben: "Er zeigt mir, dass ich noch lebe."

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Lesermeinungen

Nach dem Lesen dieses Artikels bleibe ich - seit 3½ Jahren verwitwet, männl., 68 - mit einigen unbeantworteten Fragen zurück, u.a. folgende:

-- Warum erscheint dieser Artikel gerade in einem evangelischen Magazin?
-- Was soll mir (als älterer Witwer) dieser Artikel sagen?
-- Wird mit Miriam ein Vorbild für eine moderne, mutige Trauernde im 21. Jh. vorgestellt?
-- "De mortuis nil nisi bene" - Warum wird der Verstorbene m. E. ziemlich negativ dargestellt?

Ich bleibe ratlos zurück, da für mich in den letzten 3 ½ Jahren nach dem Tod meiner lieben Frau eine neue Beziehung völlig undenkbar war und immer noch ist. Ich bin also ganz sicher nicht wie Miriam. Ich habe mich nach dem Tod meiner Frau sehr viel mit den Themen Trauer, Verlust, Akzeptanz des Verlustes, Sinn des Lebens, usw., auseinandergesetzt, und wenn ich eines gelernt habe, dann dies:

Der Wunsch nach immer mehr positiven Erfahrungen ist in sich selbst eine negative Erfahrung, und paradoxerweise ist die Akzeptanz einer negativen Erfahrung selbst eine positive Erfahrung.

Aus der Erkenntnis dieses Satzes bin ich deshalb skeptisch, ob der schnelle Weg aus einem schlimmen Verlust in eine neue Liebe ein guter und empfehlenswerter Weg ist. Die Trauerbewältigung kostet Zeit, und diese Zeit sollte man allein verbringen.

Michael Bordt beschreibt das sehr schön in seinem Buch "Die Kunst sich selbst auszuhalten". Die Beschäftigung mit der Endlichkeit unseres Lebens und im Alleinsein "sich selbst auszuhalten" ist etwas, was unendlich wichtig ist und uns heute abhanden gekommen ist. Die allermeisten Menschen sind heutzutage wie Getriebene, und Miriam – ohne sie genauer zu kennen – ist m. E. keine Ausnahme.

Ich wünsche Miriam alles Gute - möge sie genug Zeit finden und haben, um den Verlust von Michael wirklich verarbeiten und ihr Leben reflektieren zu können.

Lieber Hans,
ich finde, dass dieser Artikel hervorragend in ein christliches Magazin passt. Nicht nur, dass (außergewöhnliche) menschliche Schicksale und Lebenswege rund um die Themen Liebe und Tod grundsätzlich besonders für uns Christen von Interesse sind, sondern ich finde diesen Artikel auch sehr lehrreich. Ein „Vorbild“ einer modernen Trauernden soll hier sicher nicht vorgestellt werden. Sondern, ganz im Gegenteil, soll wohl gezeigt werden, dass es DIE eine, perfekte Art zu Trauern eben nicht gibt. Der eine zieht es vor, in Einsamkeit über Jahre zu trauern, der andere geht schnell wieder unter Menschen und verliebt sich eben auch relativ schnell wieder. Ich denke, was hier deutlich gemacht werden soll, ist, dass es kein „gut“ oder „schlecht“, kein "richtig" oder "falsch" gibt, und dass jemand, der sich schnell wieder verliebt und bindet, den verstorbenen Partner nicht weniger geliebt haben muss als derjenige, der langfristig allein bleibt. Und die Liebe zu einem neuen Partner schließt die Trauer um den verstorbenen ja nicht aus! Ich hatte sogar beim Lesen die spontane Idee, dass die Beziehung zwischen Miriam und Michael eine besonders harmonische gewesen sein muss und es keine schwelenden Konflikte oder unausgesprochene Probleme gab und sich Miriam womöglich deswegen so vergleichsweise schnell wieder für die Außenwelt öffnen konnte. (Das ist natürlich Küchenpsychologie, und ich möchte auf keinen Fall eine Regel konstatieren, erst recht nicht für den Umkehrschluss!)

Sie schreiben: “Die Trauerbewältigung kostet Zeit, und diese Zeit sollte man allein verbringen.“ Das ist sicher nicht falsch, und ich vermute mal, Miriam hat ihren Michael in den ersten Monaten intensiv in Einsamkeit betrauert. Aber niemand kann und darf vorschreiben, wie lang diese Phase zu sein hat. Das hängt doch ganz vom einzelnen Menschen ab. Da gibt es unzählige unterschiedliche Faktoren innerhalb und außerhalb des Trauernden, die auf die jeweilige Trauerbewältigung einwirken. Und diese kennt wohl kaum einer, außer der Trauernde selbst.

Ich denke, dieser Artikel soll uns auch vermitteln, dass man sich im Allgemeinen, besonders als Christ, hüten sollte, ständig andere und deren Verhalten zu bewerten. Und andere nicht vorschnell nicht zu verurteilen, falls deren Verhalten sich nicht mit dem optimalen Verhaltensschema, das wir im Kopf haben, deckt. Und wenn wir das Werten und Richten dann doch nicht lassen können, ist sicher ein "im Zweifelsfall für den Angeklagten" das Fairste. „Leben und leben lassen“ finde ich in dem Zusammenhang ein schönes Motto.

Herzliche Grüße
Sabine

PS: Ich finde nicht, dass der Verstorbene negativ dargestellt wird! Ganz im Gegenteil: mir hat der Bericht ein ganz sympathisches Bild des Verstorbenen vermittelt. Der Hinweis auf den ungesunden Lebensstil (das meinen Sie damit ja vermutlich) soll ja nur als Erklärung für den frühen Tod dienen. Und warum sollte diese Tatsache verschwiegen werden?

Klar ging es schnell, aber soll man sich gegen Gefühle wehren? Soll man dem anderen sagen, komm mal in einem halben Jahr wieder, dann ist das Trauerjahr um und dann darf ich wieder Gefühle haben? Wie albern ist das denn. Der eine bindet sich nie wieder, der nächste nach ein paar Monaten. Sollte man nicht einfach froh und dankbar sein, das man das wieder empfinden kann und das man jemanden getroffen hat, der mit dem mitgebrachten Schicksal leben kann. Ich bin selbst verwitwet und habe nach 2,5 Jahren einen neuen Mann kennen gelernt und auch da wurde geredet ohne Ende, weil sich die Leute einfach für das Leben anderer mehr interessieren als für das eigene Leben und weil gerade das Leben von jungen Witwen sehr interessant zu sein scheint. Es ist für beide nicht einfach, eine neue Beziehung zu beginnen, für den verwitweten Menschen nicht, weil da dann wieder enormes Gefühlschaos aufkommt und für den neuen Partner nicht, weil der Verstorbene mal mehr oder mal weniger immer wieder präsent ist. Man sollte immer auf seinen Bauch hören und das tun, was einem gut tut. Die anderen, die reden, wissen halt nicht, wie es sich anfühlt verwitwet zu sein.

Mit Interesse habe ich diesen Artikel gelesen. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles erdenklich Gute. Dennoch verwundert es mich etwas, wie Sie sich über die Abwendung Ihrer Freunde darin so umfassend echauffieren. Wenn ich richtig gelesen habe, haben Sie sich nicht nur innerhalb von sechs Monaten in einen neuen Mann verliebt, Sie waren in dieser Zeit auch bereits schwanger von ihm, obwohl er möglicherweise noch mit seiner damaligen Ehefrau verheiratet war. Das Leid, das Sie dieser Frau womöglich angetan haben, möchte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Dass Sie auf dem von Ihnen eingeschlagenen Weg geliebte Menschen verlieren mussten, ist demnach nicht erstaunlich. Vielleicht sollten Sie das ihren Freunden nachsehen und sich einfach an Ihrem jetzigen Glück erfreuen, statt das Unverständnis Ihrer Freunde zu beklagen.

Sehr geehrte Frau Evert,
mir ist völlig unklar, wieso Sie derart auf Miriam herumhacken, zumal der Umstand, dass Mathias zumindest noch auf dem Papier beim Kennenlernen von Miriam verheiratet war, nicht Stein des Anstoßes im Freundeskreis war. Sie sprechen vom „dem von Ihnen eingeschlagenen Weg“ gerade so, als hätte Miriam eine Verbrecher-Laufbahn eingeschlagen. Dabei sind die beiden ja nur ihren Herzen gefolgt.

Trennungen sind immer irgendwie traurig und unschön, aber wenn es nicht mehr passt und die Ehe eine Dauerkrise darstellt, doch wohl das Beste für alle Beteiligten. Glücklicherweise leben wir ja nicht mehr im Mittelalter. Es war ja mitnichten so, dass Miriam eine glückliche Beziehung hinterhältig zerstört hätte, wie dem Artikel zu entnehmen ist, sondern die beiden haben sich aufgrund eines Zufalls wieder getroffen. Manch einer würde diesen Zufall wohl auch als „Schicksal“ bezeichnen. Außerdem: jemand, der in einer glücklichen Beziehung lebt, verliebt sich niemals so mir nichts dir nichts in jemand anderes! Und gerade ein gestandener Mann wie Mathias, mit entsprechender Lebenserfahrung, würde eine funktionierende Ehe aufgrund einer vielleicht hormonbeeinflussten Laune oder Verliebtheit wohl kaum ohne Weiteres aufgeben. Das möchte ich hier einfach mal so behaupten.

Klar, ich hätte diese berührende Geschichte zugegebenermaßen wohl auch noch ein My schöner gefunden, hätten bereits beim Kennenlernen von Miriam und Mathias klare Verhältnisse bestanden, sprich wäre die Scheidung zumindest schon eingereicht gewesen. Aber...nobody is perfect..... Und hätten die beiden aufgrund dieser Formalität auf ihr Lebensglück verzichten sollen? Den moralischen Zeigefinger zu erheben, finde ich jedenfalls völlig unangebracht und angesichts der Situation auch schofelig.

Das erste Gedanke, meinen Mann einmal zu verlieren, ist mir bei meiner Hochzeit, als der Pastor die berühmt berüchtigen Wörter zelebrierte: "Bis das der Tod euch scheidet". Da wurde mir klar, daß es irgendwann einmal statt zwei und noch einen geben könnte. Wenn man jung ist, denkt man, man lebt wenn schon nicht ewig, so doch noch sehr sehr lange. Und wenn man so lange, wie wir nun schon zusammen sind, soviel miteinander erlebt haben, ist es besonders schwer, wenn einer plötzlich allein ist. Natürlich ist es schön, wenn man einen neuen Partner findet. Für mich wäre dies jedoch nahezu undenkbar, wenn man sich so aufeinander eingestellt hat, im Alltag auch miteinander gerungen hat, Schönes erlebt und gelacht, aber sich auch in vielen schweren Stunden gemeinsam getragen hat, ist es fast unmöglich noch einmal die Kraft aufzubringen und sich ohne wenn und aber auf einen neuen Menschen einzustellen. Ich denke, es ist einfacher, sich neu zu verlieben, wenn die Partnerschaft nicht so eng war und man noch nicht 20, 25 Jahre und mehr zusammen war.
Im Leben kommt man oft einfacher zurecht, wenn man von seinem Naturell schnell Kontakte aufbauen kann und sich je nach Lebenslage wieder schnell umstellen kann. Dann leidet man zwar auch, aber nicht so stark. Ich möchte das gar nicht charakterlich abwerten, aber eine leichte Art durchs Leben zu gehen.

Den oben genannte Artikel habe ich heute verschlungen und mich in nahezu jedem Satz wiedergefunden. Ich war Mitte 30 als ich plötzlich und völlig unerwartet verwitwet bin. (Allein schon dieses Wort! Dieser Schuh wollte mir so gar nicht passen.) Meine Söhne waren vier und sechs Jahre alt. Auch ich habe Ähnliches erlebt wie Miriam. Ein soziales Umfeld, unfähig, mit der Situation adäquat umzugehen, mitleidsvolle Blicke, die mich in Rage brachten. Die Panik in den Augen mancher Eltern, wenn ich die Kinder in der Schule oder im Kindergarten abholte. Das Gefühl eine Aussätzige zu sein und andere trösten zu müssen, obwohl es doch mein Mann war, der da so unerwartet verstorben war.
Der Tod ist ein "no go" in der modernen Welt. Ich erinnere mich auch an die Aussage einiger Eltern im Kindergarten meines Sohnes, die etwa drei Wochen nach dem Tod meines Mannes der Meinung waren, nun wäre es aber endlich mal "genug mit diesem leidigen Thema".
Als einer mir bis dahin unbekannten Frau in meinem erweiterten Umfeld Ähnliches widerfuhr, habe ich sie einfach angeschrieben, denn ich fühlte mich von allen anderen komplett missverstanden. Auf diese Weise habe ich damals meine eigene Selbsthilfegruppe gegründet. Endlich jemand, der mich und meine Ängste, Sorgen und Nöte verstehen konnte. Eineinhalb Jahre später lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen, ebenfalls frisch verwitwet. Gefühlschaos inklusive. Wie kann man um den verstorbenen Partner trauern und sich gleichzeitig neu verlieben? Ich kann rückblickend nur sagen: "Es geht." Aber es ist manchmal hart, frustrierend, verwirrend und dann doch wieder einfach nur wunderbar.
Ich denke, Miriam und ihr neuer Partner sind ihrem Herzen gefolgt, ihrem Gefühl, und das allein zählt. Diejenigen, die nur am Rande die Veränderungen beobachten, haben einfach kein Recht dazu, sich in irgendeiner Art und Weise negativ zu äußern. Allein die Tatsache, dass man einen solchen tief ins Mark erschütternden Schock übersteht und weitermacht, sollte Außenstehenden ein hohes Maß an Respekt abverlangen.

Viel Glück! Und viel Kraft!
Ein ehrlicher, ruhiger Bericht. Ignorieren Sie das Gerede. Leben Sie Ihr Leben und sorgen Sie für Ihre Kinder sowie den neuen Mann.
Es steht mir und Anderen nicht zu, schlecht über Sie zu reden, nur weil Sie glauben eine neue Liebe gefunden zu haben. Natürlich ging es sehr schnell und die Ausnahmesituation, in der Sie sich befanden, birgt immer ein zusätzliches Risiko.
Alles Gute!