Geht doch! Antisemitismus bekämpfen

Die glauben was anderes, na und?

Daniel Bockwoldt/dpa Picture-Alliance

Antisemitismus ist gegenwärtig in Deutschland. Viele Initiativen kämpfen gegen Ressentiments und Verschwörungstheorien

Zwei Jungen mit Kippa sitzen am 12.09.2014 in Hamburg in der Talmud Tora Schule. Am 13.09.2014 will der Zentralrat der Juden in Berlin in Deutschland ein Zeichen gegen antisemitische Tendenzen setzen - auch etwa 90 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Hamburg reisen dafür in die Hauptstadt. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa (zu dpa «Demo gegen Judenhass: «Hamburg mit einem blauen Auge davon gekommen»» vom 13.09.2014) [ Rechtehinweis: (c) dpa ]

In vielen Schritten tut sich was an vielen Orten.

Einmal beschwert sich eine Mutter: Wie es sein könne, dass ein Jude ihrem Kind die Hausaufgaben erkläre. Es folgt eine wilde Geschichte über eine jüdische Weltverschwörung. Die Chance für Irena Fliter, Leiterin des Projekts Shalom Rollberg vom Verein Morus 14. Sie erklärt, dass diese Informationen aus einseitiger Bericht­erstattung in manchen Medien kommen, dass diese Verschwörungstheorien die Welt vereinfacht darstellen und wie sie entstanden sind. Die Mutter geht, skeptisch. Aber das Kind kommt wieder – und die Mutter bald auch.

Viele Nationalitäten teilen sich das Rollbergviertel im Berliner Stadtteil Neukölln. Morus 14 will Vorurteile abbauen, besonders gegenüber Juden. Jüdische Ehrenamtliche leiten das Kung-Fu-Team, die Kunstgruppe und helfen bei den Hausauf­gaben. Die Kinder lernen die Religion bei Ausflügen in Synagogen kennen. Über die Kinder erreicht das Team auch die Erwachsenen. Alle sollen einander akzeptieren und sich losgelöst von der Politik betrachten, darum geht es.

Man muss lernen, den einzelnen Menschen zu sehen

In vielen Schritten tut sich was an vielen Orten. Im hannoverschen Stadtteil Sahlkamp haben Jugendliche sieben Regeln für mehr Rücksicht erarbeitet, zum Beispiel: Wir sind hilfsbereit, grenzen nicht aus und vertreiben niemanden. Das Berliner American Jewish Comittee hilft Lehrern, schlagfertig auf antisemitische Bemerkungen zu reagieren, gerade auch an Schulen mit schwierigen Schülern. Die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main organisiert Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Wie nötig das ist, haben die vergangenen Monate gezeigt: In Deutschland ist Anti­semitismus so gegenwärtig, dass Juden lieber unauffällig bleiben. Und Israel wird schnell zur Projektionsfläche. Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank glaubt: "Antisemitische Ressentiments werden auf Israel übertragen." Zum Beispiel wenn Israels Politik mit dem Vorgehen der Nazis gleichgesetzt wird. Burak Yilmaz vom Duisburger Verein ­Heroes weiß: In vielen muslimischen ­Familien ist der Begriff Jude regelrecht ­dämonisiert und wird Kindern zusammen mit tief­sitzenden Stereotypen vermittelt. Die sind dann schwer loszuwerden. Aber es geht. Man muss lernen, den einzelnen Menschen zu ­sehen.

Infobox

Aktiv werden gegen Antisemitismus - hier gibt es Infos und Anregungen:

  • Aufeinander zu: Mit dem Projekt Likrat (hebr.: "Aufeinander zu") will der Zentralrat der Juden Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland einen unbefangenen Zugang zum Judentum und zum jüdischen Leben in Deutschland ermöglichen. In Zweier-Teams erzählen jüdische Teenager in Schulklassen auf Augenhöhe, wie sie persönlich das Judentum erleben und stellen sich sämtlichen Fragen – auch zur Israelpoliltik. Das Programm wurde unter anderem vom Bundesprogramm "Vielfalt tut gut" unterstützt.
  • Geld für die gute Sache: Die Amadeu-Antonio-Stiftung fördert seit 1998 Initiativen von engagierten Jugendlichen und Erwachsenen gegen Antisemitismus auf lokaler Ebene, egal ob es dabei um Musik, Theater, ein interkulturelles Straßenfest, Aufklärungsprojekte oder eine Beratungsstelle geht. Eine Auswahl der Projekte gibt es auf der Website nachzulesen.
  • Das Bundesprogramm "Demokratie leben" vom Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend fördert verschiedene Projekte gegen Antisemitismus
  • Mit der Ausschreibung "Jugend gegen Extremismus" unterstützt die Robert-Bosch-Stiftung mit bis zu 10 000 Euro Schulklassen und Jugendgruppen von Vereinen oder religiösen Organisationen, die sich gegen Extremismus engagieren wollen. Veranstaltungen, Ausstellungen, Homepages, Schülerzeitungen – alles ist interessant. Eine Bewerbung ist noch bis Ende Oktober 2018 möglich.
  • "Soziale Stadt": Seit 2017 zeichnet der Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung Städte aus, die sich in Integrationsarbeit und Nachbarschaftsvernetzung besonders hervortun. Die ersten Preisträger sind Lippstadt und Rheinsberg. Rheinsberg integriert erfolgreich Flüchtlinge mit einem dezentralen Wohnmodell und einem engen Netzwerk aus Ehrenamtlichen und Vereinen. In Lippstadt stellen ehemalige Flüchtlinge die neu Angekommenen in Interviews und einer Wanderausstellung vor, die an Schulen und öffentlichen Plätzen bereits mehr als 2000 Personen erreicht hat.
  • 7 faire Regeln für ein Stadtviertel: Das Hochhausviertel Sahlkamp in Hannover gilt als Brennpunkt. Die finanzielle und soziale Not vieler ist dort groß. Menschen aus gut 80 Nationen wohnen auf engstem Raum, das macht das Zusammenleben schwer.  2010 kam es auf dem Stadtteilfest zu einem Eklat, als Kinder und Jugendliche eine jüdische Tanzgruppe mit Steinen bewarfen. Seitdem hat sich viel geändert. Die sozialen Einrichtungen, Nachbarschaftsinitiativen und Vereine vor Ort arbeiten enger denn je zusammen, um die Gemeinschaft zu stärken. Und: Die Sahlkamp-Charta ist entstanden. Sie enthält sieben goldene Regeln, die zu Respekt füreinander, Rücksicht aufeinander und auf die Umwelt auffordern. Mithilfe der Stiftung Demokratie zum Anfassen haben vier Schulklassen sie selbst entwickelt. Eine Grafikerin hat sie als buntes, asiatisches Tangrampuzzle gestaltet, das über die Farben, Formen und Muster auch optisch unterschiedliche Zugänge und Gesprächsanfänge ermöglicht. Ein Heft in sechs Sprachen erläutert die Regeln. Seit 2013 gelten sie auf allen Plätzen, in allen Straßen, Einrichtungen, Schulen und Kitas im Viertel. Darauf sind die Anwohner stolz – und auch darauf, dass die Solidarität untereinander etwas zugenommen hat, abseits von Religion und Politik.

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