Religiöse Toleranz

Einfach so in einen Tempel gehen?
Religion für Einsteiger - Einfach so in einen Tempel gehen

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Einfach so in einen Tempel gehen

Fast alle Glaubensgemeinschaften geben sich offen und einladend. Für Gäste gelten trotzdem ein paar Regeln

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Darf man einfach so in einen Tempel gehen?"

Der hinduistische Tempel Waterfall Hill in Penang, Malaysia, 
stand offen, und schon waren die Besucher eingetreten. Ein Priester goss eben Kokosmilch über die Statue des Gottes Murugan und segnete sie mit einem Öllicht in der Hand. Anschließend drückte er jedem Besucher mit Asche einen ­Segenspunkt auf die Stirn. Glück und Andacht waren auf den Gesichtern der Besucher zu lesen, ob sie nun aus Asien, Europa oder von einem an­deren Kontinent stammten, ob sie nun gezielt den Tempel betreten ­hatten oder zufällig.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Leitender Redakteur für Theologie beim Magazin chrismon.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Dass Murugan nicht nur ein Schutz-, sondern auch ein Kriegsgott ist, wird nicht jeder Besucherin, nicht jedem Besucher bewusst gewesen sein. Berührungsängste gab es jeden­falls auf keiner Seite. Ist das nun ­Gedankenlosigkeit oder Neugier und vernünftige Offenheit?

Vielfalt gibt es in jeder Religion

Touristen reisen heute um die Welt. Sie möchten wissen, wie andere 
Menschen leben, arbeiten, essen – und beten. Das alles kann man auch zu Hause erfahren. Aber überall zeigt sich sehr schnell: So wie im Christentum eine außerordentliche Vielfalt herrscht, ist es auch innerhalb des ­Judentums, des Islam, des Hinduismus oder Buddhismus. Es ist also sehr sinnvoll, sich vor einem Besuch gut zu informieren.

Dürfen Unbeteiligte so einfach in einen Tempel, eine Moschee, eine ­Synagoge, ein Kulthaus einer anderen Religion hineingehen und am Gottesdienst teilnehmen? Gibt es da ähnliche Vorbehalte wie bei der katholischen Kirche, die Protestanten zwar am Gebet, aber bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht an der Kommunion 
teilnehmen lassen möchte?

In vielen Synagogen zum Beispiel sind Besucherinnen und Besucher gerngesehene Gäste. Nicht aus religi­ö­sen, sondern aus Sicherheitsgründen gibt es in den jüdischen Gemeinden allerdings Grenzen der Offenheit. ­Eine Anmeldung zuvor ist nötig.

Frauen beten getrennt von den Männern

Im Schabbat-Gottesdienst selbst gibt es keine Hindernisse beim Mitmachen, es sei denn sprachliche. Denn außer der deutschsprachigen Lesung aus der Thora werden die anderen Texte auf Hebräisch ge­sprochen. Ein paar Regeln gelten für alle: Männer sollen eine Kippa aufsetzen, Frauen beten vielerorts getrennt von den Männern, und bei der Zählung der zehn Juden für eine Gemeindeversammlung fallen nichtjüdische Gäste aus der Rechnung.

An der Jerusalemer Tempelmauer fand eine Bar-Mizwa-Feier für einen 13-jährigen Jungen statt, die Feier 
seiner Religionsmündigkeit. Nur: Es fehlte dazu der zehnte Mann. Auch wenn ein nichtjüdischer Gast gern eingesprungen wäre, kam er nicht infrage. Das ist verständlich, macht aber auch deutlich, dass es Grenzen des "Mitmachens" bei Gottesdiensten gibt.

Der Besuch einer Moschee zum Freitagsgebet steht jedem Nichtmuslim offen. Grundsätzlich, wenn auch nicht in jedem Land der Erde. In fast allen Moscheen Marokkos sind nur Muslime zugelassen. Muslimische Gemeinden sind weltweit religiös und politisch so unterschiedlich, dass eine pauschale Angabe über die Teilnahme unmöglich ist. Mancherorts ist der politische Argwohn gegenüber Besuchern auch sehr groß.

Es dauert lange, in eine Religon hineinzuwachsen

Was immer zu raten ist: vorher ­Informationen über die Gemeinde und den Gottesdienst einholen. Ge­rade bei fremdsprachigen Gemeinden fällt es sehr schwer, den Inhalten der Predigten und Gebete zu folgen. Aber warum sollte man das eigentlich tun – andere Menschen beim Gebet beobachten? Wird man überhaupt verstehen, was in ihnen vorgeht? Es ist ja gerade das gemeinsame Bekenntnis, der gemeinsame Glauben, der die Anwesenden zusammen­bindet. Er bleibt Besuchern weithin verborgen. In eine Religion wächst man auch nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage hinein.

Es ist ein Unterschied, ob man den Gottesdienst einer anderen Religion oder Konfession spontan besucht oder Teil der Gemeinschaft werden möchte. 
Schon zwischen den Kirchen der Re­formation bedurfte es einer langen, mühsamen Annäherung, bis die ­Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft 
möglich wurde. Mit anderen Reli­gionen steht das nicht zu erwarten.

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