16-Jährige isst jetzt vegan

Voll lecker: Pudding aus Chiasamen
Anfänge - Vegan essen

Katrin Binner

Lotte, 16, möchte ihren CO2-Fußabdruck klein halten

Anfänge - Vegan essen

Lotte probiert es vegan und mit Konsumverzicht. 
Ihre Eltern waren erst nicht begeistert, unterstützen sie aber

Lotte, 16:

Ich liebe Schnitzel! Aber ich wollte herausfinden, wie groß mein Verzicht ist, wenn ich kein Fleisch mehr esse. Es war erst einmal nur ein Experiment für einen Monat. 14 war ich da.

Ich hab mir schon damals viele Gedanken gemacht. Das Futter für die Nutztiere wird meist aus Soja hergestellt. Und für den Sojaanbau wird Regenwald gerodet. Dabei bekommt man am Ende für drei Kilo Soja oder Getreide nur ein Kilo Schweinefleisch. Man könnte mit dem Getreide viele Menschen direkt ernähren. Wenn man was für die Umwelt tun möchte, ist es auf jeden Fall ein guter Weg, auf Fleisch zu verzichten.

Der erste Kommentar meiner Mutter war: "Oh nee, oder? Jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich kochen soll! Aber du machst nicht auch noch dieses Vegan?" Nein, nein, sagte ich, keine Sorge.

Es war dann eigentlich kein Problem mit dem Kochen. Wir hatten auch vorher schon höchstens zwei- bis dreimal die Woche Fleisch gegessen. Meine Mutter kocht mittlerweile fast nur noch vegetarisch. Es gibt ja auch vegetarische Bolognese, die haargenau gleich schmeckt, meiner Meinung nach. Am Wochenende kocht mein Vater. Statt Lasagne mit Hack macht er jetzt eine Gemüselasagne mit Auberginen, die mag jeder.

Irgendwann dachte ich: Für Milch und Eier ist ja auch Tierhaltung nötig. Jetzt versuche ich, nach und nach alle 
tierischen Lebensmittel wegzulassen. Neulich gab’s zu Hause Nudeln mit Pilz-Sahne-Sauce, da hab ich mir einfach Pilze ohne Sahne angebraten, dazu Kräuter und ­Zwiebeln.

Manche Leute denken, dass ich nur noch Gras und Fallobst esse

Wenn ich anderen Leuten erzähle, dass ich jetzt ­vegan esse, erwarten die meisten, dass ich mich nur noch von Fallobst und Gras ernähre. Dabei gibt es so viele ver­schiedene Lebensmittel, das bekommt man sonst gar nicht mit. Mandelmilch zum Beispiel. Die kann man auch selbst machen. Ich fühle mich überhaupt nicht eingeschränkt. Ich merke eher: Ich habe ganz schön viel verpasst die ganzen Jahre, wo ich Mandelmilch nicht kannte. Und in die Schule nehme ich mir zum Beispiel einen Pudding aus Chiasamen mit, der ist voll lecker.

Es gibt eigentlich nur ein Vitamin, an dem es einem mangeln könnte, wenn man auf Eier und Milch verzichtet: B 12. Deswegen ist es vielen Veganprodukten zugesetzt. ­
Es gibt sogar Zahnpasta mit B 12, weil das über die Schleimhaut aufgenommen wird. Aber ich habe meinen Eltern versprochen, dass ich demnächst mein Blut untersuchen lasse.

Ich verkrampfe mich nicht – sonst würde ich über nichts anderes mehr nachdenken als darüber, was ich ­esse. Ich bin auch nicht megastreng. Wenn ich bei ­Freunden ­esse, will ich nicht Fleischstückchen aussortieren, das fände ich unhöflich. Mein Vater unterstützt mich sehr, er findet gut, dass ich viel darüber nachdenke, woher mein Essen kommt und was es auslöst.

Ich finde Kaufen nervig

Ich möchte halt meinen CO2-Fußabdruck möglichst klein halten. Ich fand erschreckend, was bei einem dieser CO2-Tests am Ende stand: Herzlichen Glückwunsch, du lebst sehr sparsam, du brauchst nur zweieinhalb Erden. Dabei konsumiere ich – meiner Meinung nach –  relativ wenig. Ich kaufe recht selten Klamotten und meist nur in Secondhand-Läden, zuletzt vor zwei Monaten einen Rock. Ich finde Kaufen anstrengend, nervig.

Ich sehe bei Mitschülern, dass die sich jede Woche ein neues Kleidungsstück kaufen oder nachts auf der Zeil ­anstehen, um irgendeinen Sneaker zu bekommen. Ich ­ver­­ste­he nicht, wie man sein Herz an ein Paar Schuhe hängen kann. Das krieg ich nicht so richtig rein.  

Ich selbst habe Winterstiefel, Sandalen, Flipflops und zwei Paar Übergangsschuhe; die einen sind die alten von meiner Mutter, und die anderen hab ich seit drei Jahren. Hm, dann hab ich noch Sportschuhe, Tanzschuhe, weil ich Standardtanz mache, und Konzertschuhe, schwarze Ballerinas, weil ich im Chor singe.
Sicher kann man da was dran aussetzen. Und sicher kann ich auch das ganze Jahr in Birkenstock-Sandalen rumlaufen. Aber ich möchte nicht leben wie ein zurückgezogener Waldschrat. Nur weil ich mich jetzt vegan ­ernähre und auf meinen CO2-Abdruck achte, heißt das ja nicht, dass ich auf einmal total konsumfrei lebe.

Protokoll: Christine Holch

Leseempfehlung

Lotte liebt die Gemüselasagne ihres Vaters. Hier das Rezept für alle, die sie nachmachen wollen

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Lesermeinungen

Vor einiger Zeit ging die Verwandlung von gewöhnlichen Zeitgenossen mit ihren landesüblichen Verzehrgewohnheiten in besorgniserregende ökologische Fußabdrücker, die laufend alles falsch machen, ebenso widerstandslos wie erfolgreich über die Bühne. Da dürfte es beim nächsten fälligen Übergang, nämlich dem vom aktiv sündigen Fußabdrücker zum passiv sündigen Fußabstreifer der grünen und christlichen Verzichtsmoral, auch keinen Widerspruch geben.

So untertänig kann also das berühmte "Macht Euch die Erde untertan!" machen.

Fritz Kurz

Sich „viele Gedanken“ über das Essen zu machen kann auch eine dekadente Erscheinung unserer übersatten Gesellschaft sein und in vielen Fällen das Ergebnis eines profitfördernden Marketings.
Warum nicht mal einen Blick auf die 80-jährige Oma werfen, die mit gesunden Zähnen und einem stolz zur Erde geneigten Rücken immer noch ihr Grabeland bestellt. Aber das ist nicht werbewirksam, und vor allem altbacken.
Zur Info: Für die Produktion einer einzigen Mandel braucht es knapp 4 Liter Wasser, und Deutschland eignet sich ja nahezu perfekt als tropisches/subtropisches Anbaugebiet für Chia-Samen.
Ich habe mir mit 16 auch „viele Gedanken“ gemacht, und bemühe mich mit meinen nun 59 Jahren, auch mal einen richtigen Gedanken zu fassen.

Respekt, wie du agierst. Kleiner Tipp um deinen CO2 Fußabdruck noch zu verkleinern:
Statt Chiasamen Leinsamen verwenden( Kannst du evtl. selber anbauen)
Statt Mandeln sind Haselnüsse eine alternative Möglichkeit
Und B12 gibt es in vielen Getreidesorten zB. Hafer.
Viel Erfolg und weiter so.