Der homosexuelle Künstler Marcus Behmer verlor nie seinen Glauben

Fromm 
und schwul
Entscheidung - Marcus Behmer

Marco Wagner

Entscheidung - Marcus Behmer

Die Nazis warfen ihn wegen "widernatürlicher Unzucht" ins Gefängnis, aber Marcus Behmer war sicher, "dass mir nichts geschehen kann, was Gott mir nicht schickt".

Er war ein Hüne von Gestalt – und seine Kunst so großartig wie kleinformatig. Dass man viele seiner Werke noch heute betrachten kann, ist ein großer Glücksfall. Seinen gesamten Besitz einschließlich Hunderter Zeichnungen, Grafiken und Druckplatten verlor Marcus Behmer im November 1944 bei einem Bombenangriff aufs Berliner Westend. Einiges blieb verschont, anderes konnte später zusammengetragen werden.

Exlibris, Neujahrswünsche, die er an Freunde verschickte, Buchillustrationen: Vor allem aus solchen Grafiken besteht sein vielseitiges Werk. Für den Insel-Verlag lieferte er im Jahr 1903 Zeichnungen zu Oscar Wildes "Salome" – purer Jugendstil. Zehn Jahre später illustrierte er Philipp Otto Runges Märchen "Von dem Fischer un syner Fru", sieben Radierungen, zeitgemäßer.

"Ist geistiger Hochmut je von einem Gericht bestraft worden?"

Seine Arbeiten sind fein, ­voller Hintersinn und Humor, immer selbst­ironisch und gelegentlich sehr ein­deutig homoerotisch. Oft hat sich Behmer in Anspielung auf den großartigen Renaissancedrucker Aldus Manutius als Delfin dargestellt, auch mit Schneckenfühlhörnern, weil er seine Auftraggeber so oft warten ließ. Der Buchgestalter und Illustrator gilt als einer der interessantesten und bedeutendsten seiner Zeit. Buchgestalter lieben Schriften. Marcus Behmer hat für sich sogar eine eigene entwickelt, eine Antiqua, die Anfang der 1920er Jahre in der Schriftgießerei von Karl Klingspor geschnitten und gegossen wurde. Der Künstler und der Firmenbesitzer ­wurden darüber Freunde fürs Leben.

Behmer war der erste namhafte bildende Künstler in Deutschland, der sich öffentlich zur Homosexualität bekannte. Dafür musste er ab Dezember 1936 für 19 Monate ins Gefängnis. "Widernatürliche Unzucht" wurde ihm im Urteil zur Last gelegt. Behmer entschied sich, diese Strafe als von Gott geschickt anzunehmen. Und zwar nicht als Strafe für seine sexuelle Veranlagung, nein, Gott wollte ihn für etwas ganz anderes bestrafen. Darüber war er sich mit ihm auch einig: "Die Sünden aber, für die du, mein Gott, mich strafst – für die gibt es in der ganzen Welt keinen Paragrafen; oder ist geistiger Hochmut je von einem Gericht bestraft worden?!" Hochmut und Sicherheit, das seien seine Sünden gewesen, bekennt Behmer in einem tiefernsten und ergreifenden Dialog mit Gott, den er 19 Monate lang in seinen Gefängnis­zellen in Stockach, Konstanz und Freiburg im Breisgau geführt hat.

"Mir kann nichts geschehen, was Gott mir nicht schickt"

Dass er liebte und Männer liebte, das konnte gar nicht strafwürdig sein, aber es führte eben dazu, dass er sich so zufrieden und glücklich fühlte wie wohl wenige Menschen auf der Welt. "Dieser Hochmut und diese Sicherheit, die waren meine größte Sünde – und für die lässt mich Gott jetzt büßen!", notierte er in der Haft. "Um auszuhalten, was der liebe Gott mir bestimmt, über mich verhängt hat, muss ich mir diesen einen Gedanken mit alleräußerster Kraft klarmachen, sodass er mir in jeder Sekunde, auch der allergrässlichsten und verzweifeltsten gegenwärtig ist als allerletzter Halt: dass mir nichts geschehen kann, was Gott mir nicht schickt."

Marcus Behmer, intellektuell höchst reflektiert und durchaus weltlich, hat mit der gleichen unerschütterlichen Frömmigkeit ­hingenommen, dass sein gesamter Besitz und ein großer Teil seines Werkes in Berlin im Bombenkrieg vernichtet wurden. Ab 1945 lebte er in großer Armut ­und sagte immer noch von sich, er habe sein ganzes Leben lang nichts so nachhaltig und intensiv getan wie geliebt. Heute, fast 100 Jahre später, ist Klingspor, die ehemalige Schrift­gießerei in Offenbach, ein bekanntes Museum und beherbergt die umfangreichste Behmer-Sammlung.

Infobox

500 Zeichnungen, Grafiken, Bücher, Schriften von Markus Behmer zeigt das Klingspor-Museum in Offenbach noch bis 2. September. Ein umfangreicher Katalog ist in der Ausstellung erhältlich.

Bibliophil und bezahlbar: Philipp Otto Runges Märchen "Von dem Fischer un syner Fru" mit Radierungen von Marcus Behmer sowie einem Nachwort von Uwe Johnson. Insel-Bücherei, 64 Seiten, 10,95 €

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