Württemberg oder Baden? Leingarten, zweigeteilt

Der Riss durch das Dorf
Hecke in einem Garten, der auf der Gemarkungsgrenze zwischen Großgartach und Schluchtern

Silas Bahr

Mit der Heckenschere kann man die Grenze noch mal nachschneiden

Hecke in einem Garten, der auf der Gemarkungsgrenze zwischen Großgartach und Schluchtern

Vor fast 50 Jahren schlossen sich zwei Gemeinden zusammen, 
 die eine war badisch, die andere württembergisch. 
 Sie streiten sich bis heute

 Die Grenze ist nicht mehr als ein Rinnsal, versteckt in einer Wiese, 
schon tagsüber schlecht zu sehen, 
aber nachts erst recht kaum zu finden. Ein unscheinbarer Wasserlauf, kaum 15 Zentimeter tief, aber für viele Menschen in der Gegend ein identitäts-
stiftendes Bächlein.

Auf der einen Seite, im Nordwesten, erstreckt sich Wiese, dann folgen Sträucher und Bäume, dahinter Hühnerställe. Hinter den Hühnern am Hang dann die ersten Häuser von Schluchtern, einst Teil des Großherzogtums Baden. Auf der anderen Seite, im Südosten, ebenfalls Wiese, Sträucher und Bäume, dann die ersten Straßenzüge von Großgartach, früher Teil des Königreichs Württemberg.

Zwei Dörfer, zwei Länder, zwei Mentalitäten, dazwischen die Talaue mit dem Rinnsal. So war das lange Zeit. 1952 aber erledigte sich durch den Zusammenschluss von Baden und Württemberg erst das mit den zwei ­Ländern, knapp 20 Jahre später auch das mit den zwei Dörfern. Seit 1970 gibt es nur noch eine Gemeinde, mit dem neu erfundenen ­Namen Leingarten. Einwohner heute: 11 500, fast doppelt so viele wie damals. Der Haushalt: ausgeglichen. Die Schulden: niedrig. Evangelische Kirchengemeinden: zwei. Sportvereine: zwei. Kleintierzuchtvereine: auch zwei. Die Doppelstrukturen sind geblieben, genau wie das Rinnsal in der Talaue.

 Manfred Hutt ist Fan des SV Schluchtern. Adolf Ferdinand zeigt den alten Grenzstein auf der Schluchterner SeiteSilas Bahr

Vor Jahrzehnten wurden die Gemeinden vereint, den Grenzverlauf können trotzdem viele genau beschreiben. Wolfgang Kretschmann steht vor seinem Haus in der Badener Straße und deutet geradeaus auf die Talaue, Grenzgebiet seiner Jugend und heute ein "persönliches Heiligtum", wie er sagt. Der 67-Jährige erzählt von den Schlägereien, die er und andere Schluchterner sich dort mit der "Bachbande" lieferten. So nennt Kretschmann die württembergischen Gegner aus "Großgäärtich". 30 bis 40 Mann auf jeder Seite. Manchmal wichen sie auf die nahe gelegene Bahnlinie aus und bewarfen sich mit Steinen aus dem Gleisbett. Das war noch vor Kretschmanns Pädagogikstudium. "Irgendwann hat man dann gemerkt, dass es zu gefährlich wird. Und nachdem mehrere zum Arzt ­mussten, war das das Ende dieser Geschichte." Von da an fingen sie ihre Gegner ein und fesselten sie an einen Baum.

Zwei Kilometer weiter südöstlich, auf der anderen Seite des Rinnsals, noch ein älterer Mann. Adolf Ferdinand, 81, zeigt auf die sieben Zinnreiter im Wandregal, Figuren in Großgartacher Trachten. Alle selbst bemalt. Mit dem "Ausland" hatte Ferdinand früher nichts zu tun, allein schon der "badische Slang" war ihm suspekt. Bis heute, sagt er, sei er nicht oft in Schluchtern. Warum auch? Als alteingesessener Großgartacher hat er das Wichtigste vor seiner Haustür. "Alles war und ist hier mindestens eine Nummer größer", sagt er. "Schluchtern war immer schwächer, deshalb waren die Leute dort froh, dass es mal nach vorne ging." Der Zusammenschluss ­damals – für Ferdinand eine richtige Entscheidung. Trotzdem fehlen ihm die alten Strukturen. "Im Grunde sind’s ja auch nette Leut’, aber es sind halt Schluchterner."

Fällt der Strom aus, dann haben "die anderen" den Stecker gezogen

Kretschmann und Ferdinand, das sind nur zwei von vielen, die die Trennlinie nicht aus dem Kopf kriegen – obwohl sich heute niemand mehr am Leingartener Grenzgraben prügelt, höchstens noch im "La Boom", der Dorfdisco. Zwei Tage in Leingarten reichen, und das Notizbuch ist voller Streitigkeiten. Wohin wird das neue Feuerwehrhaus gebaut? Wer kriegt den nächsten Sportplatz? Welcher Kindergarten wird zuerst saniert? Nach wie vor gibt es zwei Heimatfeste, dort flogen schon Bierkrüge. Fällt beim einen Fest der Strom aus, glauben alle, die anderen ­hätten den Stecker gezogen. "Wenn’s denen da unten nicht passt, machen wir den Schieber auf", drohen die Schluchterner und meinen den Staudamm. Sie verlangen wieder einen eigenen Supermarkt, alle Geschäfte seien in Großgartach. "Selbst schuld", heißt es auf der Gegenseite, "ihr habt euren Laden doch bankrottgehen lassen, weil ihr woanders gekauft habt." Investitionen in Schluchtern – für einige in Großgartach "rausgeschmissenes Geld".

 Das neue Wappen nimmt die alten Motive auf. Schluchtern links, Großgartach rechts. Bürgermeister Ralf Steinbrenner schaut aus dem Rathaus auf den MarktplatzSilas Bahr

Das Rinnsal zwischen zwei Dörfern trennte früher eben nicht nur zwei rivalisierende Dörfer samt rauflustiger Dorfjugend, sondern auch zwei Staaten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich Baden und Württemberg zu einem heute wohlhabenden Bundesland zusammengetan – nach heftigen Widerständen. Zu groß ­schienen manchen die Unterschiede: auf der einen Seite die liberalen Badener, die die Revolution von 1848/49 angezettelt hatten; auf der anderen Seite die konservativen Württemberger. Vor allem die Menschen im flächenmäßig kleineren Baden fürchteten, bei der Vereinigung schlecht wegzukommen. Sie pochten auf Augenhöhe. Das taten auch die Schluchter­ner. Weil ihr Ort mit fast 2.200 Einwohnern nur halb so groß war wie Großgartach, hatten sie Sorge, übervorteilt zu werden. Trotzdem stimmten am Ende bei einem Bürgerentscheid 62 Prozent der Wähler in Schluchtern und 82 Prozent in Großgartach für die Dorfehe. Sonst wären beide Orte Heilbronn zugeschlagen worden, der nächstgelegenen Großstadt. Das wollte erst recht niemand.

Heute ist die Welt komplizierter, auch in Leingarten. Länder zerfallen, Grenzen verschwinden, andernorts ziehen Staatschefs Mauern hoch bei gleichzeitiger Globa­lisierung. Kürzlich hat ein chinesischer Automobil­zulieferer seine Europazentrale ins Gewerbegebiet Leingarten verlegt.
Im Rathaus sitzt Ralf Steinbrenner in ­seinem fast rundum verglasten Amtszimmer. Vor sich auf dem Tisch hat der Bürgermeister einen Stadtplan ausgebreitet. Links oben steht "Schluchtern", rechts unten "Großgartach", mittig und in Großbuchstaben: "LEINGARTEN". Steinbrenner, 46 und parteilos, stammt nicht von hier, sondern aus einem Ort weiter südlich in Württemberg. Zwei Amtszeiten hat er schon hinter sich, zwei Mal hat er sich in dieser Zeit woandershin beworben. In drei Adjektiven soll der Bürgermeister Schluchtern und Groß­gartach beschreiben. Er schaut auf den Haushaltsplan neben sich, er weiß, dass der ihm jetzt nichts bringen wird. Steinbrenner setzt an: "Schluchtern ist übersichtlicher. Es ist auch ruhiger." Pause. "Großgartach ist lebhafter und moderner", sagt er, "baulich ­gesehen."

In Großgartach steht das Rathaus. In Schluchtern gibt es zwei Geldautomaten

Was der Bürgermeister meint, ist das: In Großgartach gibt es mehrere Bäcker, Schnell­restaurants und Ärzte. Es gibt eine Sparkasse, ­eine Volksbank, ein Haushaltswarengeschäft, dazu Apotheken, Blumenladen, Supermärkte. Dienstags und freitags ist Markt, und grüne Schilder weisen den Weg zu mehr als zehn Gaststätten. Die Straßen in Großgartach sind breit, die Wohngebiete groß und die Häuser meist in ­höflichem Abstand zueinander gebaut.

In Schluchtern gibt es einen Bäcker und zwei Geldautomaten. Ein grünes Schild weist den Weg zu einem Gasthof, den es nicht mehr gibt. Ein blaues Schild kündigt eine Metz­gerei an, aber auch dieser Hinweis führt vor ein ­leeres Schaufenster. Die Straßen in Schluchtern sind kurviger und schmaler, die Häuser im Ortskern stehen gedrungen beieinander. Auf die Frage, wie er als Bürgermeister die Grenze merke, antwortet Steinbrenner: "Die einen beschweren sich, dass sie mehr Asyl­bewerber bekommen haben. Die anderen ­freuen sich darüber, dass im gegenüberliegen­den Ortsteil keine Weihnachtssterne hängen."

Das Rathaus steht in Großgartach. Von seinem Büro im zweiten Stock kann der Bürger­meister über die Hauptstraße schauen. Der kubische Amtssitz ist imposant, schon wegen des weißen Steins und der riesigen Glasfront zum Marktplatz hin. Ein vorbildlicher Bau, fand der Architektenbund und zeichnete ihn aus. Diese Ehrung erwähnt Steinbrenner nicht. Vermutlich weiß er, dass viele Bürger immer noch mit Argwohn auf die Auszeichnung schauen, denn das neue Verwaltungszentrum hat die Leingartener wieder mehr zu Großgartachern und Schluchternern gemacht.

Denn es hatte damals zwei mögliche Standorte gegeben, einen am neuen alten Platz in Großgartach und einen genau in der Mitte der Dörfer. Dort, in der Nähe des Rinnsals, sollte eine neue Ortsmitte entstehen, die bis heute nur halb fertig ist. Es gibt eine Schule, ein Sport- und Kulturzentrum, eine Pizzeria und ein Reisebüro. Aber die Straßen und ­Plätze drum herum sind tot. Niemand fühlt sich dort heimisch.

 Das neue Rathaus stünde besser auf der Grenze als mitten in Großgartach. Leingaren hat zwei evangelische Kirchengemeinden. In jedem Dorf eineSilas Bahr

Nach monatelangem Streit gab es eine Volksabstimmung darüber, wo das neue Rathaus stehen soll. Das war vor zehn Jahren. Die 7000 Großgartacher ge­wannen gegen die 4500 Schluchterner. Heute sagen viele, ein Rathausbau im Grenzgebiet hätte den neuerlichen Riss vielleicht verhindert.

Warum überhaupt ist die Grenze nach einem halben Jahrhundert noch wichtig? Die einfachste Erklärung könnten die alten Männer sein, die die Geschichte vom Schlagbaum, der einst an der Grenze zwischen Schluchtern und Großgartach stand, bis heute erzählen. Alten Männern gefällt die Vergangenheit meist besser als die Gegenwart. Denkbar wäre aber auch, dass der Zusammenschluss nie ein Zusammenschluss war, sondern eine Über­nahme, so sehen es jedenfalls die Unterlegenen. Seitdem dominiert der Große den Kleinen. Oder ist es die Sehnsucht nach Kleinteiligkeit in einer unübersichtlichen Welt? Wo es einen Riss gab, reißt es leicht wieder.

Es ist ein Sonntag, als Manfred Hutt in Schluchtern zu Fuß in Richtung Rinnsal aufbricht, zur Grenze. Heute muss der 75-Jährige sie überqueren. In einer Stunde ist Anpfiff in Großgartach, sein geliebter SV Schluchtern trifft dort auf den SV Leingarten. "Das ist ein wunderschöner Weg", sagt Hutt, obwohl er ins "Feindesland" führt. Der Himmel ist grau, und es nieselt, als er den kleinen Graben passiert. Zu seiner Rechten kann Hutt einen Kunstrasenplatz sehen, ein neues Streitthema im Ort. Gebaut wurde er für beide Vereine, quasi als Belohnung dafür, dass die Jugendabteilungen kooperierten. Kurz darauf zerstritt sich die Spielgemeinschaft. Man war sich ­uneins darüber, ob man Leistungsfußball oder Breitensport machen wollte. Hutt findet, die Politik hätte vermitteln müssen. Dann sagt er mit schelmischem Grinsen: "Mal schauen, was die machen, wenn wir einen eigenen Kunstrasen beantragen."

Gut 400 Fans sind gekommen, die Groß­gartacher stehen auf der einen Seite, die Schluchterner wie Hutt auf der anderen. Der Schiedsrichter pfeift an. In der 18. Minute gibt es die erste Gelbe Karte, insgesamt werden es zehn. Dazu kommen zwei Rote. Am Ende steht es 2:1. Für Großgartach.

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