Markus Lüpertz über Versagensängste, Eitelkeit und die Liebe zu seinen Kindern

"Über Gott steht noch der Künstler"
Fragen an das Leben - Markus Lüpertz

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Markus Lüpertz

Markus Lüpertz, Maler und Bildhauer, hält nichts von Demut. Auserwählt fühlt er sich – und verpflichtet, Großes zu schaffen. Aber das setzt einen auch unter Druck!

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Ich habe ständig irgendwas im Kopf. Das ist mein ­verdammter Hunger nach Leben, diese unendliche, mich permanent verfolgende Neugierde. Aber auch ­diese ­gi­gantische Unzufriedenheit. Als Künstler bist du ein Krieger: Du kämpfst mit dir selbst, du kämpfst mit der Ewigkeit. Das ist ein Krieg, den du unter Um­ständen verlierst. Diese Angst vor dem Versagen wirst du nie ganz los. Als ich anfing, habe ich gedacht, das Künstlerleben bestehe aus Frauen, Gitarrespielen, Whiskytrinken und ab und zu Malen. Aber irgendwann packt es dich, du hast ja einen Auftrag. Du bist von Gott ausgewählt und verpflichtet, diese Möglichkeit, etwas Großes zu schaffen, zu nutzen. Alles andere wäre unfromm.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Markus Lüpertz

Markus Lüpertz, Maler und Bildhauer, 1941 in Liberec/Böhmen geboren, ist einer der prominentesten deutschen Gegenwartskünstler. 21 Jahre lang war er Rektor der Düssel­dorfer Kunstakademie. In seinen Arbeiten befasst er sich häufig mit antiken Mythen und der deutschen Geschichte. Lüpertz, zum Katholizismus konvertiert, schuf Gemälde und Kirchenfenster für Gotteshäuser in Nevers, Gütz, Mönchengladbach, Naumburg, Lippstadt, Hannover oder Köln. Er lebt in Märkisch Wilmersdorf, ist verheiratet und hat fünf Kinder.
Dirk von Nayhauß
Ich war in Jerusalem an der Klagemauer. Dort muss Gott sein, das spürte ich. Auch wenn ich arbeite, passiert mir das manchmal. Wollten Sie dieses Gefühl erklären, fielen ­Ihnen so wunderschöne Formulierungen ein wie "Ein ­Engel ging durch den Raum" oder "Man spürte den Hauch, eine Berührung". Aber es wäre falsch, das in Worte zu fassen. Ich habe für verschiedene Kirchen Gemälde und Fenster geschaffen. Das ist eine Auseinandersetzung mit der Freiheit des Malens. Die Auftraggeber können sagen: "Mach eine Kreuzigung", aber wie ich sie darstelle, ist meine Geschichte. Ich bin in diesem Moment nicht Gottes Erfüllungsgehilfe. Da bin ich – bei aller Gottgläubigkeit – gottlos, weil über Gott noch das Genie steht, der Künstler. 

Muss man den Tod fürchten?

Das Phänomen zu sterben ist etwas, das ich bis heute nicht akzeptiere. In der Abenddämmerung, wenn vielleicht mal eine Nachdenklichkeit einsetzt – was ich versuche zu ­vermeiden – dann zählt man die Jahre, die einem noch bleiben, und denkt: Vielleicht müsste man noch einmal von vorne anfangen. Den Tod fürchte ich nicht, aber Siechtum. Plötzlich nicht mehr mobil zu sein, davor habe ich eine Heidenangst, denn jeder kriegt eine Rolle im Leben zugeteilt. Meine war immer die des nie kleinzukriegenden Lüpertz. Also: Alle anderen werden krank, alle anderen werden alt – aber ich doch nicht!  

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Gar nichts, was soll der Quatsch? 

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe meiner Familie. Die Liebe und der Respekt der Kollegen und die Treue der Freunde. Von meinem Wesen her bin ich  kälter. Es ist für mich ungewöhnlich, dass ich zu solchen Emphasen in der Lage bin. Ich dachte, das hätte ich nur in der Kunst. 

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Sie machen mir Spaß! Woran soll ich schuld sein? Doch nicht daran, dass ich bin, wie ich bin, oder dass ich denke, wie ich denke. Von der Mentalität her bin ich großzügig, ich bin der nachsichtigste Vater, den Sie sich vorstellen können. Aber die Kunst geht über alles. Was ihr schadet, wird abgeschafft. Jeder, der mit mir lebt oder mit mir zu tun hat, muss das wissen. 

Ist Eitelkeit eine Last oder eine Tugend?

Eine Last. Was meinen Sie, was es mich kostet: jeden Morgen Liegestütze, Eisen stemmen, viel Geld für einen Schneider ausgeben. Natürlich bin ich eitel – warum nicht? Den Menschen ein wohlgestaltetes Bild zu liefern, ist doch ein Kompliment an die Umwelt. Als Junge war ich etwas kräftig, hatte dickes schwarzes Haar. Ich sah nie aus, wie man bei den Mädchen aussehen musste, ich hatte auch kein Geld. Also habe ich mich eines Tages entschlossen, ein schöner, intelligenter Mann zu sein. Wenn ich kein Geld hatte, konnte ich wenigstens mit meinen Gedichten punkten. Das hat funktioniert. Insofern war auch das eine Frage der Entscheidung. Ich bin nie das Opfer von irgendetwas.

Wer oder was hilft in der Krise?

Krisen sind Hindernisse, dafür habe ich keine Zeit. Ich weiß, dass man das nicht sagen darf, aber es ist so. Beim Malen habe ich schlechte Laune. Wenn Sie mich dabei erleben, so einen schlecht gelaunten Kerl können Sie sich gar nicht vorstellen. Das reicht mir dann aber auch als Krise. Ich kann nichts ernst nehmen. Selbst wenn ich trauere, muss ich lachen. Wenn ich etwas Furchtbares höre, kommt gleich ein dummer Spruch. 

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Lesermeinungen

Die Äußerung von Markus Lüpertz „Über Gott steht noch der Künstler !" löste bei christlichen Lesern sicher Empörung aus. Kennt man es doch anders „über Gott steht niemand!'' Aber auch aus künstlerischer Sicht ist sein Statement fragwürdig. Auch künstlerisches Schaffen steht unter Gesetzen, die wir Menschen weder erfinden, noch entfernen können.

Das ist einmal die Polarität, die besagt, dass es die Gegensätze gibt einmalige, einzigartige Gesetze - auf der anderen Seite steht die unendliche, sich nie wiederholende Vielfalt. Man kann deshalb nie sagen wie sich etwas entwickeln wird, sonst wäre es nicht der Gegensatz der einmaligen Einheit. Davon ableitend kann man sich vorstellen auf welcher Seite wir Menschen stehen - auf der Seite der unendlichen Vielfalt, die Freiheit und unsere persönliche Einmaligkeit bedeutet. Diese Situation lässt bei uns Menschen leicht den Eindruck entstehen, wir hätten diese freiheitliche Situation erfunden -haben wir nicht, dieses Gesetz installierte der einmalige, einzigartige Schöpfer -der für uns damit eine Art begleitete „Freiheit" vorsah.

Mit den Farben verhält es sich so: Alle entstehen aus den Spektralfarben , einmalig - hier auch wieder, von uns Menschen angewandt , unendliche , sich nie wiederholende Mischungen .Es gehört natürlich zum Ehrgeiz eines jeden Künstlers, dieses ihm vorgegebene System mit allen Mitteln auszutricksen.

Über die Geometrischen Grundformen sagte Euklid (400J v.Chr)·„Das Alphabet des Universums ist in der Sprache der Mathematik geschrieben und seine Schriftzeichen sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es keinem Menschen möglich ist ein einziges Wort davon zu verstehen.“ Alle Künstler wissen um das sie bestimmende System.

Wenn Markus Lüpertz z. b. Fliegen zeichnet, ohne die Striche schräg, gerade oder rund zu benutzen, dann kann er bei seiner Behauptung bleiben. Aber, auch er kann keines dieser Gesetze neu erfinden oder entfernen. Wir alle stehen in dem uns vorgegebenen System, nie und nimmer außerhalb oder gar drüber! Nie!

Marita Meyer

Lüpertz' narzisstische Selbstbespiegelung findet ihre Antwort im versponnnen Esoterik-Wälzer "Das Foucaultsche Pendel". Umberto Eco zitiert in diesem Roman wiederholt die piemontesische Redewendung: Ma gavte la nata! Er liefert auch gleich die Übersetzung: "Zieh dir mal den Pfropfen raus!" Oder höflicher: "Wollen Sie sich gütigst den Stöpsel entfernen."

(Anm.: Die Zitate finden sich in der dtv edition vom Juli 1996, S. 656)

Dass sich ein Künstler in Selbstvermessenheit über Gott stellt, ist nur für ein Über-Ich verständlich.
Von Sigmund Freud ist überliefert: „Ich habe gar kein Angst vor dem lieben Gott. Wenn wir einander mal begegneten, hätte ich im mehr Vorwürfe zu machen, als er an mir aussetzten könnte.“ .(Brief an James J. Putnam am 8.7.1915) – Lüpertz hat keinen Humor, nur aus-gedachte Frechheit.

Markus Lüppertz hat schon immer gern die Rolle des "Enfant terrible" in der Öffentlichkeit gespielt. Bei ihm weiß man nie, was aufgesetzte Pose ist und wie dieser Mensch wirklich tickt. Es kann also sein, dass seine Antworten ernst gemeint sind, doch genauso gut ist es mögllich, dass sich der Künstler darüber amüsiert, wenn wir seine Statements für bare Münze nehmen.

Uwe Tünnermann

Es stimmt, wie Sie schreiben:Markus Lüppertz hält nichts von Demut. Er gibt den eitlen, abstoßenden, lächerlichen Egomanen, der als Künstler meint genial zu sein und daher über Gott zu stehen. Wenn es stimmt, dass Hochmut vor dem Fall kommt, kann man diesem Menschen nur viel Glück wünschen.
Cordula Jonas

Hallo Chrismon!
Kirche hofiert Götzendiener
Markus Lüpertz will also auf gar keinen Fall "Gottes Erfüllungsgehilfe" sein. Er betet einen anderen Gott an: Sich selbst und die Kunst, die ihm hilft, schicke Anzüge zu tragen und mit Geld und Professorentitel zu protzen. Ein Götzendiener also in zeitgemäßer Form. : Zuerst das Ego, dann die Sintflut. Eine satanische Rebellion: Nicht dein, sondern mein Wille geschehe. Der Künstler als Übergott. Ich kann mir nur einen Grund denken, warum der Mann katholisch wurde: der lukrativen Aufträge wegen. Die sollte er von keiner Kirche mehr bekommen.
Ulrich Wessinger

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe mit Interesse die Juli-Ausgabe Ihres Magazins gelesen. Eins macht mich aber stutzig: Sie schreiben auf Seite 40, dass Markus Lüpertz in Liberec geboren wurde. 1941, da bin ich mir ziemlich sicher, hieß der Ort Reichenberg, oder?
Mit freundlichen Grüßen
Markus Karrasch

Sehr geehrte Damen und Herren ! Als regelmässiger Leser von Zeit und Chrismon möchte ich -wie übrigens auch viele meiner Freunde- mein ausgesprochenes Missfallen darüber zum Ausdruck bringen, dass Ihre Redaktion dieses unsäglich ärgerliche Interview mit M.Lüpertz mit seinen arroganten Aussagen aufgenommen hat, und das in einer christlichen Zeitschrift.
Mit freundlichen Grüssen H.Schwacke

Warum zeigen Sie nicht ein paar „Kunstwerke“ dieses übergöttlichen Egomanen ?
Dann könnte wenigstens der Normalbürger sich eine Vorstellung von den schlechtgelaunten Malergebnissen dieses Genies machen und subjektiv einordnen .

Dem „götter-gleichen“ Künstler Markus Lüpertz sei ins „Stammbuch“ geschrieben (ab Adam & Eva): „Alle Menschen sind klug. Die einen vorher. Die anderen nachher.“ Gilt für Diesseits wie Jenseits… Und für Nach-Denk-liche: „La Connaissance de Dieu sans celle de sa misère fait l’orgueil. La Connaissance de sa misère sans celle de Dieu fait le desespoir. La Connaisssance de Jésus-Christ fait le milieu, car nous y trouvons et Dieu et notre misère.“ (Blaise Pacal).
Ansonsten darf gelten: „Mit Jesu von Nazareth bekommen wir nicht das, was wir wollen, sondern den, den wir brauchen.“ (Johannes Kuhn, em.
Evgl. ZDF-/SWF-Fernsehpfarrer)

Obwohl ich ein überzeugter Atheist bin, so erhalte ich doch jeden Monat mit der Leipziger Volkszeitung ungefragt das evangelische Magazin chrismon. Dort habe ich erfahren, dass es einen neuen Gott namens Markus Lüpertz gibt. Steht in der Bibel unter 1. Mose 1:27
Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie ein Männlein und Fräulein,
so versucht Lüpertz ebenfalls als Schöpfer zu wirken. Ist es Gott mit den Menschen nicht ganz gut gelungen, so dass er wegen ihrer Sünden sogar seinen Sohn dem Henker ausliefern musste, dann sollte man sich mal ansehen was Lüpertz mit seiner Beethoven-Plastik den Leipzigern für einen Krüppel angeboten hat. Es zeigt sich, dass ich trotz einer guten Abiturnote im Fach Kunsterziehung im Jahre 1959 an einer DDR-Oberschule immer noch nicht begriffen habe was moderne Kunst ist. Offenbar hat das nichts mit Können zu tun, sondern die eigentliche Kunst besteht darin, den Leuten einzureden, dass das Machwerk Kunst sei und dafür noch viel Geld zu kassieren ist. Andersen´s Märchen von des Kaisers neuen Kleidern gibt ein gutes Beispiel! Da lob ich mir den Beethoven von Max Klinger, so wie er im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu bewundern ist.
Vor einem halben Jahr haben Diebe das bunt bemalte Kunstwerk "Athene", ebenfalls von Lüpertz, aus einer Kunstgießerei in Düsseldorf gestohlen. Nun weiß ich nicht, wie die Göttin der Weisheit, der Kunst und des Kampfes in seinen Augen aussieht, aber die Banausen haben vielleicht gar nicht den Wert von mehreren Hunderttausend Euro im Sinn gehabt, sondern eher den Materialwert der vergossenen Bronze von einigen tausend Euro.

Lüpertz´ Spruch „Über Gott steht noch der Künstler“ ist natürlich künstlerische performance, aber er ist nicht ohne ein Körnchen Wahrheit. Der Schlüsselbegriff, der beide, Gott und Kunst, verbindet und gar identifiziert, ist „Freiheit“. In philosophischer Perspektive ist es die „Vernunft“. Gott, Freiheit, Vernunft – alles dasselbe!

Da spricht ein großer, bewundernswerter Künstler. Die selbst auferlegte Eitelkeit und Egomanie steigern seine schöpferischen Ansprüche ins Unermessliche. Wie kann man aber damit leben, ohne zu verzweifeln? Von Kindern etwas lernen, ist ganz gewiss kein Quatsch. Sie sprechen die Wahrheit aus: Der Kaiser ist nackt! Und sie lachen herzlich über die Blöße des entlarvten Popanz.

Ich schließe mich meinem Vorredner an: Von Kindern etwas lernen, ist ganz gewiss kein Quatsch - gerade für einen Bildenden Künstler. Herr Lüpertz enttäuscht mich sehr mit dieser Aussage.