Arnd Brummer über deutsche Wartezimmer

Und immer recht freundlich!
Im Labor der Hilfsbereitschaft kann man auch fröhlich und herzlich Spritzen setzen

Wartezimmer! Das sind die Orte der wahren Differenz zwischen menschenfreundlicher Theorie und Arztpraxis. Da sitzt man, liest in vergilbten Illustrierten und – logisch, darum heißt es ja so – wartet, wartet. Sodann kommt eine mürrisch dreinblickende Frau herein, nennt hart und knapp meinen Namen: "Brummer! Labor. Erste Tür rechts." Ich habe mich inzwischen dran gewöhnt.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Vergangene Woche hatte ich wieder einen Labortermin. Als ich die Praxis betrat, kam mir eine heitere Angestellte entgegen, reichte mir die Hand und fragte freundlich nach meinem Namen. "Oh, tut mir leid, Sie müssen noch ein paar Minuten warten. Seien Sie uns bitte nicht böse." Nein, nein – alles okay.

Als erfahrener Patient stellte ich mich darauf ein, nun mindestens eine halbe Stunde rumzusitzen. Deshalb hatte ich mir genügend Lesestoff mitgebracht. Doch es blieb tatsächlich bei ein paar Minuten! Die Arzt­helferin, erneut freundlich und höflich, holte mich ab, führte mich ins Labor, füllte das Medikament in die Spritze und stach in meinen Arm.

"Sie kennen den Vorgang? Wenn Sie ein schlechtes Gefühl haben oder Probleme mit dem Blutdruck, sagen Sie mir es bitte gleich." Nein, ich hatte ein gutes Gefühl und teilte Frau Birgit M. mit, wie angenehm ich mich von ihr behandelt fühlte.

Sie schwieg, nickte und sah mich an. "Das ist der Grund, warum ich Arzthelferin geworden bin", ließ sie mich wissen. "Ich habe mich selbst so sehr über unfreundliche Leute in Arztpraxen geärgert. Deshalb beschloss ich: Du musst dazu bei­tragen, das zu ändern." Mit sechzehn Jahren, erzählte sie, habe man an ihr bei ­örtlicher Betäubung einen kleinen Eingriff vollzogen. "Ich hatte ziemlich Angst und bat darum, dass meine Mama, die draußen wartete, an meine Seite kommen dürfe. Die Arzthelferin schüttelte den Kopf und fauchte: Stell’ dich doch nicht so an. Du bist doch fast erwachsen!"

Ich hätte ihr gern weiter zugehört, aber leider war das Medikament schon vollständig in meine Adern geronnen. Ich hatte gerade noch Gelegenheit, eine kleine Verteidigungsrede für das medizinische Personal anzustimmen. Es gebe in der Tat auch eine große Zahl unfreundlicher Patienten, die nach der Devise handelten: Wenn es mir schlecht geht, dann sollen alle etwas davon haben! Solche Leute jeden Tag über mehrere ­Stunden auszuhalten, sei schon eine heftige Heraus­forderung. Da sei es nur zu verständlich, wenn manche Helferin kein Lächeln mehr schaffe.

Gegen unfreundliche Patienten hilft nur Freundlichkeit

Frau Birgit nickte abermals: "Stimmt. Aber gerade dann macht es mir besonderen Spaß, über diese Leute eine Lawine der Freundlichkeit hereinbrechen zu lassen. Die reagieren dann so verdutzt und irritiert, dass ich mich noch beim Abendessen darüber amüsiere." Sie grinste breit, während sie meine Patientenakte mit Notizen füllte und ihr Laborgerät auseinanderschraubte. Dann blickte sie kurz auf und fragte: "Was ist passiert? Sie schauen plötzlich so ernst? Habe ich Sie verletzt?"

Nein, nicht verletzt – aber irritiert. Ich fragte, ob Frau Birgit deshalb so freundlich zu mir sei, weil ich einer dieser schrecklichen Leute sei, die sie zur Strafe mit Herzlichkeit überschütte. Nun lachte sie schallend. "Selbsteinschätzung scheint nicht ­Ihre Stärke zu sein. Wenn Sie Ihre Art, mit mir zu reden, für unfreundlich halten, müssen Sie dringend ­einen Psychokurs in schlechtem Benehmen machen. Da haben Sie noch viel zu lernen!" Den Kurs, schlug ich ihr vor, machen wir beide. "Einverstanden", antwortete sie. "Sie wissen aber, dass die Kassen das nicht erstatten. Da hört die Freundlichkeit auf!" Mein nächs­ter Termin in dieser Praxis ist leider erst in sechs Wochen.

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Lesermeinungen

„Chrismon“ liegt allmonatlich der Süddeutschen Zeitung bei und gerät dadurch ebenso häufig in mein Blickfeld. Obwohl ich keine Christin bin, lese ich das Heft recht gern, denn das eine oder andere Bedenkenswerte finde ich eigentlich immer darin.
Diesmal jedoch hat mich der vorletzte Satz Ihres Artikels stark befremdet – so sehr, dass er mir immer wieder in den Kopf kam und ich mich nun doch noch zu einer Erwiderung entschlossen habe. Ich – religionsfrei und somit nicht gottgläubig – empfinde Ihren Zusatz „sogenannt“ bei der Nennung von Agnostikern und Atheisten als abfällig und auch als persönlich herabsetzend, denn zu dieser Gruppe zähle auch ich. „Sogenannte“ sind keine echten Agnostiker/Atheisten, sie sind es nur vorgeblich – wieso eigentlich? Wer uns so bezeichnet, meint anscheinend, dass wir unfähig sind, uns selbst richtig einzuordnen.
Vielleicht fragen Sie sich, warum ich so empfindlich reagiere. Das hat sehr viel mit zahlreichen Äußerungen christlicher Würdenträger und Laien zu tun, für die Gottlosigkeit gleichbedeutend ist mit mangelnder Moral und daraus folgend Gewissenlosigkeit, letztlich auch mit Mord und Totschlag. Wie bezeichnete die Kanzlerin die islamistischen Attentäter von Paris 2015? Als „menschenverachtende und gottlose Terroristen“.
Es würde mich freuen, wenn ich Sie mit diesem Schreiben ein wenig für mehr Respekt gegenüber Nichtgläubigen sensibilisieren könnte.

„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg´ auch keinem andern zu.“ Jeder möchte gut behandelt werden, nicht nur in medizinischer Hinsicht, sondern ebenso im alltäglichen Miteinander.
Gute Umgangsformen, eine gewisse Verbindlichkeit bereichern das Leben, können Missstimmungen, gar Streit oft schon im Vorfeld verhindern.
In Arztpraxen sind sie besonders wichtig. Patienten haben Schmerzen, Sorgen und Ängste, sehnen sich dann ganz besonders nach freundlichen Menschen, die Mitgefühl zeigen, trösten und Mut machen können. „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“
„Und immer recht freundlich!“ Diese Aufforderung gilt ebenso für die Patienten. Wenn sie sich auch nicht wohl fühlen, so sollten sie dennoch einen verbindlichen Umgangston haben und sich nicht gehen lassen.
Im Übrigen wird Freundlichkeit gar nicht so selten erwidert.