Zadie Smith über Zeit mit Kindern, englische Komödien und das Kamel, das durchs Nadelöhr passt

„Romantische Liebe? Uninteressant!“
Fragen an das Leben - Zadie Smith

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Zadie Smith

Die sei oft nur ein narzisstischer Zustand, findet die Schriftstellerin Zadie Smith. Spannend wird es für sie erst, wenn man verheiratet ist

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Zadie Smith: Da geht es mir vermutlich wie jedem anderen Menschen. Wenn der innere Wille, etwas zu tun, blockiert ist und man keinen Weg findet, sich auszudrücken – dann ist das, als wäre man tot. Lebendig zu sein bedeutet also, alle Fähigkeiten, die einem zur Verfügung stehen, zu nutzen. Glücklicherweise hatte ich noch nie das Gefühl, dass dieser Wille blockiert war, ich konnte mich immer ausdrücken.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Kinder verlangen viel von dir, du brauchst Demut. Sie können sich völlig danebenbenehmen, sie können richtig diktatorisch und herrisch auftreten. Gerade das gehört aber dazu. Du bist gezwungen, deine eigenen Interessen wieder und wieder aufzuschieben. Auf diese Weise lernst du, dass Unfreiheit auch freudvoll sein kann. Nah fühle ich mich meinen Kindern, wenn ich Zeit mit ihnen verbringe – wenn ich mit ihnen im selben Strom der Zeit bin.

Zadie Smith

Zadie Smith, 1975 ­geboren, zählt zu den einflussreichsten ­britischen Autoren. Bereits ihr erster ­Roman „Zähne zeigen“ war 2000 ein großer Erfolg und wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Zuletzt ­erschien ihr fünfter Roman „Swing Time“. Zadie Smith 
erhielt zahlreiche ­Aus­zeichnungen, 
seit 2010 ist sie ­Professorin für ­Creative Writing ­
an der New York 
University. Smith ist verheiratet mit dem Dichter Nick Laird, hat zwei Kinder und lebt in New York und im Sommer in London.
Dirk von NayhaußZadie Smith, © 2018 Dirk von Nayhauß

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Ich habe wenig Zeit für romantische Liebe. Ich sehe nicht, was daran interessant sein sollte. Liebe ist oft ein sehr narzisstischer Zustand. Letztlich schmeicheln die Leute einander nur und wollen das Bild, das sie von 
sich selbst und vom anderen haben, bestätigt sehen. Spannend wird es doch erst, wenn man verheiratet ist. Es hat sicher seinen guten Grund, dass sich Jesus in der Bibel niemals verliebt.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich bin in einem radikal atheistischen Haushalt aufgewachsen und kann mir nicht vorstellen, dass es einen Glauben gibt, der über allen anderen steht, gültig für die ganze Welt. Ich denke aber, dass sich in Religionen, als Philosophien gesehen, die verschiedenen Aspekte des Guten ausdrücken: Wenn zum Beispiel jemand danach strebt, das Leid der Menschen um sich herum zu ver­ringern. Diese Art der Frömmigkeit interessiert mich. Ob ich manchmal das Gefühl habe, einen Gott zu spüren? Ja, aber ich habe viele Gefühle, denen ich nicht zutraue, dass sie objektive Fakten darstellen. Sehr oft empfinde ich Dankbarkeit. Ich blicke nach oben und sage: „Danke“, aber für mich ist das auch ein Ausdruck meiner Desillu­sionierung. Allerdings gibt es ein wundervolles Buch über das Beten von C. S. Lewis, „Du fragst mich, wie ich bete – Briefe an Malcolm“. Er predigt nicht. Vielmehr führt er eine sehr intelligente Diskussion, in seinen Texten ist so viel Menschlichkeit. Wann immer ich sein Buch lese, bin ich völlig überzeugt – aber dann lege ich das Buch beiseite und ändere meine Meinung wieder.

„Ich weiß nicht, wie Menschen ohne Humor überleben“

Muss man den Tod fürchten?

Ja, ich habe furchtbare Angst davor. Vermutlich gehört es zu den großen Vorteilen, dass man weniger Angst hat, wenn man tief gläubig ist. Von Zeit zu Zeit denke ich: In sublimen Zuständen bekommt man eine Vor­stellung davon, welche Erleichterung es wäre, wenn sich das Bewusstsein auflöste. Aber eigentlich will ich nicht nichtexistieren. Ich habe meinen Vater begleitet, als er starb. Seine Asche bewahre ich in mehreren Plastik­boxen auf – ich wusste vorher nicht, wie viel Asche übrig bleibt. Ein Teil ist auch in einer kleinen italienischen Art-
Déco-Vase. Ich kann damit einfach nicht richtig um­gehen. Das Ende eines Menschen ist solch eine monumentale Angelegenheit, daran finde ich nichts Friedvolles.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Reue ist ein gutes Korrektiv zu Eitelkeit, Ehrgeiz, Grausamkeit. Ich hätte Angst, in einer Welt zu leben, in der Menschen nichts bereuen. Ich fühle mich oft schuldig, weil ich daran scheitere, gut zu sein. Reich zu sein bedeutet für mich, dass es nahezu unmöglich ist, gut zu sein. Das ist der Anspruch, der in der Bibel steht, und die Bibel hat recht: Es ist für ein Kamel einfacher, durch ein Nadelöhr zu passen als für einen reichen Mann, in den Himmel zu kommen. Es gehört zu den wahrsten Dingen, die je geschrieben wurden.

Wie wäre ein Leben ohne Humor?

Ich weiß nicht, wie Menschen ohne Humor überleben. Englische Komödien können sehr nah an der Tragödie sein – du lachst und weinst gleichzeitig, ich mag das.

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