Arnd Brummer über eigenartige Verbote

Gesamtbild: Leere im Lokal
Wie überflüssige Regeln für Kaffeevergnügen sorgen – anderswo

 Claudia Meitert

Eigentlich war unsere Konferenz bis 15.30 Uhr geplant. Um 16 Uhr sollte mein nächster Termin, zwei Straßen weiter, folgen. Und dann waren wir schon um 14.20 Uhr am Ende der Tagesordnung angelangt. Überraschung – na denn!

Ich packte das Zeug in meine Akten­tasche, verließ das Büroge­bäude und schlenderte zum nächsten Treff. Da erblickte ich ein nettes Café am Stadtpark. Wie gemalt!

Ich trat in den stilvoll angelegten Raum und wurde sogleich von einem freundlichen Mann begrüßt. „Sie sind allein unterwegs? Da habe ich einen schönen kleinen Tisch für Sie! Direkt an den großen Panoramafenstern zum Park. Wollen Sie speisen oder nur etwas trinken?“ Ein Stückchen Kuchen, signalisierte ich dem mutmaßlichen Oberkellner, würde ich mir gerne schmecken lassen.

Der Mann in schwarzem Anzug, weißem Hemd und roter Fliege ge­leitete mich zum Platz und überreichte mir die Speisekarte. Ich atmete tief durch, dankte und setzte mich.

Arbeiten ist in diesem Café verboten

Ich nahm ein Buch und mein iPad aus der Tasche. Ein bisschen lesen, mal kurz in die Mails gucken und entspannt die nächste halbe Stunde ­
genießen. Als ich in dem kleinen Bändchen zu blättern begann, stand plötzlich der Oberkellner wieder neben mir. Mit ernster Miene und strengem Blick auf mein Buch erklärte er mir: „Das geht nicht, mein Herr! Arbeiten dürfen Sie an diesem Platz nicht! Wenn Sie dies tun wollen, muss ich Ihnen einen Tisch hinten links anweisen.“

Ich blickte in die Richtung, in die sein beringter Zeigefinger mich wies. Ein dunkles Eck, gleich neben den WC-Türen. Einigermaßen verblüfft antwortete ich: „Ein Missverständnis. Ich möchte nicht arbeiten, sondern nur ein bisschen lesen, während ich auf Kaffee und Kuchen warte.“

"Lesen ist Arbeiten!"

Er, mit wachsender Schärfe im Ton: „Nein, das geht bei uns nicht! Lesen ist Arbeiten! Wenn Sie dies tun wollen, müssen Sie sofort den Platz wechseln!“ Meine nächste Frage ging über das erste Wort „Warum . . .“ nicht hinaus. Mit grantigem Stirnrunzeln zischte der Herr Kellner: „Wir möchten nicht, dass der Gesamteindruck unseres Restaurants durch derartige Gäste und ihr Verhalten beeinträch­tigt wird. Es soll bei uns nicht zu­gehen wie in einem Großraumbüro. Bitte verlassen Sie sofort den Tisch oder packen Sie Ihre Sachen ein!“

Ich packte, verließ nicht nur den Tisch, sondern das Café. Mein Gesprächspartner würdigte mich keines Blickes, räumte den Nachbartisch ab und verschwand hinter dem Tresen.

Beim Hinausgehen schaute ich mich noch einmal um. Seltsam, dachte ich. Das Lokal mit Platz für 150 bis 200 Leute war fast leer an diesem regnerischen Januartag. Dass eine solche Gaststätte derartige Regeln praktiziert, würde ich an einem gut 
besuchten Samstag durchaus ver­stehen, wenn sich Familien mit Kindern, Runden von Senioren dort zu einem vergnüglichen Imbiss treffen. Dann stören Typen mit Notebook und Papier die heitere Atmosphäre.

In der Cafeteria ist Lesen erlaubt

Nach ein paar Schritten fand ich eine kleine Cafeteria, ging rein und fragte den Mann an der Theke, ob ich hier Kaffee trinken und dabei ein wenig lesen dürfe. Irritiert grinste er mich an. „Seltsame Frage. Klar dürfen Sie das! Soll ich Ihnen meine Lesebrille leihen? Setzen Sie sich einfach, wohin Sie wollen. Ich komme gleich.“

Ich aß ein Tartufo-Eis, trank einen Doppio Nero, schaute nach neuen Mails und las ein bisschen. Derweil hörte ich einem Gast schräg gegenüber beim Telefonieren zu, genoss es, ein Paar neben mir laut über seine Witze lachen zu hören, und schaute aus dem Fenster in den Stadtpark. Ich erblickte jenseits der Gartenan­lage das große Café, mit leeren Plätzen an den Fenstern. Schön, hier zu sein! ­
Die Freiheit gelebter Verschiedenheit – das ist und bleibt für mich der beste „Gesamteindruck“.

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Lesermeinungen

Anstatt über den Oberkellner zu schimpfen, sollte er dankbar für dessen Verhalten zu sein. Er wollte ihm eine Auszeit verschaffen, Besser wäre es gewesen, nach der Konferenz zu sagen: Wir schalten unsere kleinen Helfer jetzt konsequent aus. In der Nähe gibt es ein Café mit einem herrlichen Blick, Ruhe und bei einem persönlichem Gespräch können wir den Tag ausklingen lasse und entspannt den Heimweg antreten.