AB:STIMMUNG

Soll der öffentliche Nahverkehr kostenlos werden?

Machbar und finanzierbar: Franz Alt zum Thema kostenloser öffentlicher Nahverkehr

Autofahren ist heilbar. Man muss es nur wollen.
Kostenlos Bus und Bahn fahren? Eine großartige Idee! Doch wie so oft, naht erstmal die Stunde der Bedenkenträger. Wie fantasielos!

 

Kaum diskutiert die Bundesregierung eine neue zukunftsweisende, ökologisch interessante und sozial fortschrittliche Idee, schlägt die Stunde der ewigen Bedenkenträger. Kostenloser öffentlicher Nahverkehr – wer soll das denn bezahlen? Wie sollen die Kosten zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt werden? Kann der öffentliche Nahverkehr überhaupt noch ausgebaut werden, ohne überlastet zu sein?

Dr. Franz Alt

Dr. Franz Alt, Jahrgang 1938, war 20 Jahre lang leitender Redakteur und Moderator des ARD-Magazins "Report". Heute schreibt er Gastkommentare und Hintergrundberichte für über 40 Zeitungen und Magazine, hält weltweit Vorträge und berät Konzerne und Regierungen in Energiefragen auf der ganzen Welt.
Imago
Lauter Totschlagargumente! Kostenloser öffentlicher Nahverkehr bietet die große Chance, rasch die schlimmsten Auswüchse der katastrophalen Verkehrssituation hierzulande zu entschärfen. Hauptsächlich im Verkehrsbereich verfehlt Deutschland seine Klimaschutzziele. 2018 verursachen vor allem der Pkw-Verkehr und die noch immer wachsende Lkw-Dichte weit mehr CO2-Emissionen als 1990. Versprochen war, dass es bis 2020 weit weniger werden. 2017 standen die Autofahrer hierzulande häufiger im Stau als je zuvor. Die Zahl der Pendler steigt ständig. Heute gibt es dreimal mehr Wochenendpendler als noch im Jahr 2000. Und die Schiene bleibt dabei auf der Strecke. Jeder Deutsche verbringt mehr Stunden im Stau als beim Sex. Ist das Lebensqualität? Ist Autofahren denn gar nicht heilbar?

Wer wirklich will, kann etwas ändern

Doch! Die Idee der geschäftsführenden Bundesregierung ist gut und richtig. Minister aus CDU/CSU und SPD (Peter Altmaier, Christian Schmidt und Barbara Hendricks) haben parteiübergreifend der EU den Vorschlag eines kostenlosen ÖPNV unterbreitet, um die Luftqualität in deutschen Städten zu verbessern. Einem Land, das so mobil sein muss wie das Industrieland Deutschland, fehlte bisher jede geistige Mobilität für Alternativen zum bestehenden Chaos. Jetzt ist endlich politischer Wille zur Veränderung gefragt und siehe da – die Bundesregierung kann noch handeln, wenn auch erst auf Druck aus Brüssel.  

Die Finanzierung wäre sozial gerecht, ökologisch hilfreich und machbar

Und die Gegenfrage „Wer soll das bezahlen?“ ist leicht zu beantworten. Nach Berechnungen des Umweltdachverbands Deutscher Naturschutzring (DNR) würde allein die Streichung des Dieselprivilegs bei der Mineralölsteuer jedes Jahr sieben Milliarden Euro in die Staatskassen spülen.  Die Streichung der Entfernungspauschale brächte fünf Milliarden Euro. Durch den bisherigen Ticketverkauf beim ÖPNV wurden pro Jahr lediglich sechs Milliarden Euro eingenommen, die zu ersetzen wären, so der DNR. Der vorgeschlagene Umbau der Finanzierung ist sozial gerecht, ökologisch hilfreich und machbar.

Die alleinerziehende Krankenschwester, die keine Entfernungspauschale geltend machen kann, weil sie gar kein Auto besitzt, würde entlastet. Während die Liebhaber großer Dreckschleudern zur Kasse gebeten würden. Die Gesundheit aller Menschen würde besser geschützt. Die Klimaziele der Bundesregierung würden eher erreicht und die Mobilität aller würde entspannter.

Es fehlt an Fantasie und Mut

Deutschland braucht eine Offensive für den ÖPNV. Eine andere Politik ist möglich. Autofahren ist heilbar. 81 Prozent der Deutschen halten eine Verkehrswende für dringend nötig. Immer mehr Menschen, immer mehr Autos und zu wenig Platz. Zu viele Autos stören einfach. Wir müssen Verkehr neu denken. Es ist bisher hauptsächlich der politische Wille, der im Stau steckt. Immer mehr Autos bedeuten mehr Stress, weniger Freizeit und schlechtere Gesundheit. In den Nachrichten hören wir jetzt ständig, es drohen Fahrverbote. Wie wäre es denn mal mit der Nachricht, es „droht“ bessere Luft?

Leseempfehlung

Eine autofreie Stadt? Unmöglich. Oder doch nicht? Kopenhagen macht es vor und zeigt sich von einer besonders radfahrer-freundlichen Seite
Entscheidungsbaum Klima-Sünder-Test
Großes Thema, kleines Experiment: Finden Sie heraus, ob Sie auch schön nachhaltig leben. Und zwar gleich morgen früh!
Al Gore in Greenland as seen in An Inconvenient Sequel: Truth To Power from Paramount Pictures and Participant Media.
Im Nachfolgefilm zu "Eine unbequeme Wahrheit" von 2006 warnt Al Gore die Zuschauer erneut vor Treibhausgasen, zeigt aber auch Fortschritte der Klimaretter

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.