Lutherbibel 2017: "Tasche" oder "Reisetasche"

Verzicht – nur auf Luxusgüter?
Revidiert

chrismon

Revidiert

Reisetaschen sind moderne Luxusgüter. Das übersahen die Revisoren der Lutherbibeln von 1975 und 1984, als sie Matthäus 10,9f übersetzten: "Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetaschen." Dabei ist hier radikaler Verzicht gemeint. Nicht einmal "eine Tasche für den Weg" sollen Wanderapostel mitnehmen.

Alle wissen heutzutage, was eine Reise­tasche ist. Deshalb dachten sich wohl die Revisoren der Lutherbibel von 1975 und 1984, sie könnten mit der Vokabel Reisetasche abkürzen, was im griechischen Original umständlich formuliert ist: päran eis hodon – eine Tasche auf dem Weg. Die Übersetzung Reisetasche sollte besser klingen.

Ob nun Reisetasche, Tasche oder Sack – sachlich scheint der Unterschied nicht groß zu sein. Allerdings sind Reisetaschen, eigens designt für Urlaubsfahrt oder Dienstreise, moderne Luxusartikel und in der biblischen Welt unbekannt. Darum haben wir das Wort getilgt.

Radikaler Verzicht und Solidarität

Spannend ist an diesem Text aber, dass er fordert, auf jeden Besitz zu verzichten, nicht nur auf Luxusgüter. Der Neutestamentler Gerd Theißen hat herausgearbeitet, dass damals Menschen tatsächlich – zumindest zeitweilig – dieser Forderung gefolgt sind und als Wanderpropheten ohne Schuhe und Stock (zur Abwehr von Hunden) das Evangelium verkündeten. Gleichzeitig blieben andere Christen aber auch zu Hause und schmierten Schnitten für die Besitzlosen, wenn diese bei ihnen vorbeikamen. Radikaler Verzicht und solidarische Hilfe ge­hören zusammen.

Christoph Kähler

Christoph Kähler, Jahrgang 1944, leitet die Revision der Lutherbibel. Der Theologie­professor für Neues Testament war bis 2009 ­Bischof in Mitteldeutschland (zuvor Thüringen) sowie Stell­vertretender EKD-Ratsvorsitzender  
Jan-Peter Kasper/FSUDie Lutherbibel im Lebensalltag - Feier zum 70. Geburtstag von Landesbischof i.R. Prof. Dr. Christoph Kähler am 20.05.2014 an der Universität Jena. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

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