Max Ernst: „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“, 1926

Heiliger Zorn
Und diesmal erwischt es den kleinen Jesus himself. Seine Mutter mag zwar Himmelskönigin sein. Aber sie ist auch nur ein Mensch ihrer Zeit. Über Max Ernsts Skandalbild von 1926: „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“

Kindheit und Jugend Jesu werden in der Bibel von der späteren und zugegebenermaßen auch recht eindrucksvollen Passions- und Erlöser­geschichte verdrängt. Nach allem, was man weiß oder eher nicht weiß, soll der junge Jesus eine beschauliche Kindheit bei Mutter und Stiefvater genossen haben. Schon früh zeichnet sich der Knabe aus durch sein sanftes Gemüt und ein umsichtiges Wesen. Das schließt, so können Eltern aller Menschheitsgenera­tionen bestätigen, aber nicht aus, dass nicht auch im Haushalt des Heilands mal die Matzen flogen und das Jesuskind für Tohuwabohu sorgte. Die jungfräuliche Mutter griff dann, so will dieses Bild bezeugen, zu den üblichen Erziehungsmethoden ihrer Zeit.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

Der Künstler lässt sie hierin aber nicht alleine. Denn Maria, in Rot und Blau, trägt die gängigen Farben der Madonnen der Renaissance. Und auch das Sujet der Knabenzüchtigung ist dem Kunstkenner bekannt als „Amor poenitus“, als strafende Venus, die dem jungen Amor beisetzt. Und doch ist der Anblick des kleinen Jesu, der in dem Fall beide Backen hinhalten muss, gewöhnungs­bedürftig. Zumal die Schläge nicht nur symbolisch sind. Der Heiligenschein ist dem Heiland nämlich schon zu Boden gefallen. Eine Tatsache, die kirchlichen Betrachtern dieses Bildes besonders sauer aufstieß.

Der Erzbischof ließ die Arbeit abhängen

Mit seinem Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesus­­kind vor drei Zeugen“ wollte Dada-Künstler und ­Surrealist Max Ernst provozieren. Es sind vor allem die kleinen Andeutungen des Bildes, die den Skandal ausmachen. Die Signatur des Künstlers im gefallenen ­Heiligenschein zum Beispiel. Und die drei Zeugen – nach dem fünften Buch Mose notwendig, um vor Gericht die Beschuldigungen einer Anklage zu be­stätigen. Hier sind es aber keine drei Weisen, die dem jungen Knaben ihre Aufwartung machen. Vielmehr zeigt sich Max Ernst selbst mit seinen beiden Kol­legen André Breton und Paul Éluard. Für die Züchtigung scheinen sich die drei allerdings kaum zu interes­sieren. Sie wahren die kritische oder gar religions­kritische Distanz der Intellektuellen zum Geschehen.

In Paris, wo Ernst das Bild 1926 erstmals zeigte, sorgte es für die beabsichtigte Aufregung. In Köln, wohin das Werk dann wanderte, ließ der Erzbischof die Arbeit abhängen und entfernen. Heute hängt das berühmte Bild in der ständigen Sammlung des ­Museums Ludwig, 150 Meter Luftlinie vom Dom entfernt. Die künstlerische Freiheit ist größer geworden und, das lässt sich abschließend auch noch festhalten: die Erziehungsmethoden gnädiger. Der kleine Jesus käme heute wohl ohne Schläge davon.

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