Arnd Brummer über Schnee und Schlachten

„Zeigt euch, ihr feigen Kerle!“
Wie Schneeballschlachten Jung und Alt verbinden.

 Claudia Meitert

Ich liebe Schneeballschlachten!“ Der Blick des Vaters, den die blonde Fünfjährige erntet, scheint sie in ihrer Euphorie nicht bremsen zu können. Das Mädchen mit der rosaroten Pudelmütze rennt über den Friedhof vor der Kirche, stoppt, bückt sich und hält nach ein paar Sekunden einen fast handballgroßen Schneeklumpen in der Wurfhand.

„Nein! Nicht! Melli! Lass das!“, faucht Papi, als das Töchterchen mit dem weißen Geschoss auf eine würdige, ältere Gottesdienstbesucherin zielt. Die Dame im klassischen Kamel­haarmantel scheint von des Vaters Ton mehr überrascht zu sein als von der wurfbereiten Kleinen. Nach ­einer Schrecksekunde umspielt ein er­mutigendes Grinsen ihre knallrot geschminkten Lippen. „Los, wirf! Mal sehen, ob du mich triffst“, ermuntert sie zwinkernd ihr überraschtes Gegen­über.

„Nein“, kräht Melli, „du bewegst dich zu wenig. Ich werfe nur auf rennende Jungs. Und wenn ich die am Popo treffe, kriege ich hundert Punkte.“ Während sie versucht, die Regeln der Schneeballschlacht zu erläutern, drängt der genervte Vater sie, „. . . nun endlich mit in die Kirche zu kommen! Und hör auf, die Dame zu belästigen!“

Die schüttelt den Kopf, wendet sich Melli zu und sagt: „Ich heiße fast so wie du. Bei mir haben sie nur das M am Anfang weggelassen. Ich bin die Elli. Und als ich so alt war wie du, war ich die beste Schneeballschützin in unserer Straße.“

Gekniffen haben die Jungs

Die Jungs, lässt Elli Melli wissen, seien zum großen Teil „absolute Feiglinge“ gewesen. „Die haben sich versteckt, wenn sie mich mit einem Schneeball entdeckten. Die wussten, dass sie keine Chance hatten. Gekniffen haben sie. Und ich habe gerufen: Zeigt euch, ihr feigen Kerle!“

Melli ist begeistert. Mit aufge­rissenen Augen lauscht sie Ellis Erzählung. Ich stehe daneben und überlege, ob ich den beiden schenke, was ich eigentlich der Pfarrerin mit­bringen wollte. Ja, mach’ ich! Ich wurstle zwei Kalender unserer Aktion „7 Wochen Ohne“ für die Fastenzeit 2018 aus meiner Tasche. „Zeig dich! Sieben ­Wochen ohne Kneifen!“ Da geht’s zwar nicht um Schneeballschlachten, aber die Art, in der vor mir Jung und Alt gerade ins Gespräch gekommen sind, entspricht genau der Grundidee.

Die würdige Elli hätte sich dem frechen Mädel nicht zuwenden müssen. Sie hätte höflich lächelnd oder mürrisch dreinschauend an Tochter und Vater vorbeigehen und die Kirchentreppe emporschreiten können. Dass sie es nicht getan hat, sondern über zwei oder gar drei Generationen hinweg mit Melli fast schon geschwisterlich plauderte, hat nicht nur ihr gutgetan, sondern auch der Fünfjährigen.

Nicht gekniffen hat Brummer

Was aus einer ambitionierten Schneeballwerferin so alles werden kann! Das mag sich vielleicht auch der Papa gedacht haben, dem es erkennbar plötzlich nicht mehr so viel ausmacht, ein paar Augenblicke zu spät im Gottesdienst anzukommen. Respektvoll hört auch er Elli zu.

Und als ich die Kalender überreiche, grinst er: „Schade, dass ich jetzt keinen Schneeball zur Hand habe. Dem Typen auf dem Titelbild hätte ich gerne einen auf die Maske geworfen.“ Melli zögert keinen Augenblick. Sie bückt sich, greift in den Schneehaufen, den der Küster vom Kirchenweg zusammengefegt hat, und spricht: „Hier hast du einen, ­Papi! Wir können das Bild ja da vorne aufs Geländer stellen. Und jeder von uns darf dreimal werfen. Mal sehen, wer gewinnt.“

„Das geht nicht“, antwortet der Vater. „Das ist ein wertvoller Kalender. Den können wir doch nicht kaputt machen, nachdem ihn uns der freundliche Herr geschenkt hat.“ Mein „doch, das geht“ bringt mir schließlich einen ebenso herzlichen wie eiskalten Hände­druck von Frau Elli ein. Und ein: „Nicht gekniffen!“

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