Erinnerungskultur: Holocaust-Überlebender Leon Weintraub

"Ich bin 
ein Sieger"
Herr Leon Weintraub im Zeitzeugengespräch mit Schülerinnen und Schülern am Droste-Hülshoff-Gymnasium in Freiburg

Anne-Sophie Stolz

Leon Weintraub geht zu jungen Menschen - damit seine Geschichte zu ihrer Geschichte wird

Zeitzeugengespräch, Herr Leon Weintraub am Droste-Hülshoff-Gymnasium, Freiburg.

Denn Leon Weintraub hat NS-Lager wie Auschwitz 
oder Flossenbürg überlebt. Auch mit 92 sucht er 
diese Orte ­seiner Qual immer wieder auf. Und er geht 
zu den jungen Menschen – damit seine Geschichte 
zu ihrer Geschichte wird

Wie Leon Weintraub der Hölle von Flossenbürg entkam, weiß er nicht mehr genau. Er wog kaum noch 35 Kilo, war krank und schwach. Durch das große Metalltor muss der 19-Jährige ge­trieben worden sein, dann die Hauptstraße hinunter, die sich durch das ganze Dorf windet. Vorbei an den zugezogenen Vorhängen und verrammelten Fensterläden, die zwar vor Blicken schützten – aber nicht vor dem Klappern der Holzschuhe, die die Gefangenen trugen. Am Bahnhof pferchten sie Weintraub in einen der Waggons. Es war der 22. März 1945, so haben es die Nazis notiert. Das Ziel: ein weiteres Konzentrationslager, das KZ Natzweiler, Kommando Offenburg.

Wenn Leon Weintraub, 92 Jahre, heute über die Schwelle tritt, wo damals das große Metalltor stand, muss er kurz innehalten. Ein Schauer fährt ihm dann über den Rücken. "Flossenbürg, das ist Hunger, Kälte, Tod", sagt Weintraub. Aus den dunklen Nadelwäldern des Oberpfälzer Waldes fegt ein eisiger Wind über den Platz.

"Erinnern heißt vergegenwärtigen"

Fast jedes Jahr kehrt Weintraub an die Orte seiner Entmenschlichung zurück. Auschwitz, Flossenbürg, auch in Offenburg war er wieder. Weintraub kommt, um der Toten zu gedenken, aber auch um der Geschichte zu begegnen. Seiner Geschichte. Erinnern heißt vergegenwärtigen, sagt Weintraub. Denn so etwas wie damals darf sich nie mehr wiederholen.

An einem Montag im oberfränkischen Marktredwitz: Als Weintraub zu sprechen beginnt, wird es still in ­der neunten Klasse des Otto-­Hahn-Gymnasiums*. Gerade sind die ­Schüler aus der Pause zurückge­kommen. Vor der Tafel steht er, der ältere Herr, beiges Tweedsakko, ungewöhnlich große Fliege, das kurze Haar akkurat nach hinten gebürstet. So aufrecht steht Weintraub da, dass er wirkt wie ein Schüler kurz vor einem Referat. Nur dass er sein Referat schon Hunderte Male gehalten hat.

 Leon Weintraub möchte die jungen Leute widerstandsfähig machen gegen die Lockrufe aus dem rechten LagerAnne-Sophie Stolz

Vor dem alten Herren klammern sich 
58 Hände an weiße Blätter. "­Questions to Leon Weintraub" steht darauf, weil sie dachten, dass der in Polen ge­borene und in Stockholm lebende Gast am liebsten Englisch spricht. Weintraub spricht perfektes Deutsch. Geboren laut Pass am 1.1.1926 in Lodz, wahrscheinlich ein paar Tage früher, fünftes Kind einer armen Familie, der lang ersehnte Sohn. "Ich gehöre, meine ­
Lieben, zu denen, die man Kinder des Holocaust nennt."

Sonntag, tags zuvor. Bedächtig, Schritt für Schritt, läuft Weintraub über den Appellplatz in Flossenbürg. Der Schotter knirscht unter seinen Sohlen, sein Blick wandert langsam von links nach rechts. Am Rande des Platzes markieren lange Reihen aus Granitblöcken die Fundamente der abgerissenen Baracken. Helle Steine markieren die der Häftlinge, dunkle die der SS-Schergen.

Nummer 82707, Lejzer Weintraub

Montag. "Wir haben miteinander gekuschelt, um uns zu wärmen", erzählt Weintraub in Marktredwitz. Hunderte von Menschen in blau-weiß gestreiften Anzügen bewegten sich eng zusammengepresst über den Appellplatz. "Wer im Kern war, wurde fast erdrückt", sagt Weintraub. "Wer draußen war, hatte einen kalten ­Rücken und wollte nach drinnen." Die Häftlinge nannten das "Ofen". ­Eine Schülerin legt sich einen Pullover über die Schultern, als wäre es gerade ein paar Grad kälter geworden.

Sonntag in Flossenbürg, im Keller der ehemaligen Lagerwäscherei. Es hallt laut durch den düsteren Raum, als Leon Weintraub die dicken Seiten ­
des Namensbuchs umblättert. Sein Zeigefinger huscht über die Namensreihen. Damals registrierten die ­Nazis hier die Häftlinge. Sein Finger bleibt stehen: Nummer 82707, Lejzer Weintraub. Erst später, an der Uni in Göttingen, wurde daraus Leon. Ein paar Meter weiter steht ein Regal mit schwarzen Ordnern. Weintraub geht zum Abschnitt "jüdische Gefangene" 
und zieht die Mappe mit seinem ­Namen heraus. Familienfotos sind ­darin, eine kurze Biografie und die ­Kopie seines Ausweises aus dem ­Ghetto ­Litzmannstadt, vormals Lodz.

Vier Jahre Zwangsarbeit, dann Auschwitz

Am Montag zieht Weintraub das Original aus einer blauen Mappe und zeigt es den Schülern. Über vier Jahre Zwangsarbeit im Ghetto, dann kam er nach Auschwitz. Selektion an der Rampe, ein Wink nach links, arbeitsfähig. Seine Mutter sieht er hier zum letzten Mal. Die Haare werden ihm abrasiert, und mit ihnen sein letztes bisschen Persönlichkeit. Unterbringung in Baracke 10, Jugendblock. "Ich bin zusammengeklappt wie eine Muschel", sagt Weintraub, "wie ein Zombie war ich da". Große Schüleraugen blicken ihn an, einige starren aus dem Fenster. Weintraub erzählt, wie es ihm gelang, sich unbeobachtet einem Arbeits­kommando anzuschließen, das aus Ausch­witz verlagert wurde. Er sah eine Traube nackter Menschen, "ich hörte nur: raus", sagt Weintraub. Er riss sich den gestreiften Anzug vom Leib, warf die Holzschuhe in den Dreck und ­stellte sich dazu. Pures Glück, dass ihn die Wachleute nicht bemerkten. Nur Tage später wurden die Gefangenen aus ­Baracke 10 vergast.

Ein paar Meter hinter der Wäsche­rei geht es in Flossenbürg steil hi­nunter in den Wald. Dort steht ­neben vielen Gedenktafeln ein kleines weißes Haus mit einem Schornstein: das ­Krematorium im Tal des Todes. Ge­sehen hat Weintraub es damals nicht. 25 Tage war er in Flossenbürg, Stunde 
um Stunde musste er in einer der ­langen Reihen auf dem Appellplatz stehen. Entkräftet lag er dann auf einer Pritsche in der Quarantäne­baracke, nicht arbeitsfähig. Die an­deren Häftlinge leisteten Zwangs­arbeit im Steinbruch oder in den Hallen von Messerschmitt, um Flugzeug­motoren zu montieren. 30 000 Menschen ­star­ben im KZ Flossenbürg.

 Im Auswei des Ghettos Litzmannstadt hieß er umgangssprachlich LuzerAnne-Sophie Stolz

Montag im Klassenzimmer. Dass auch er sterben sollte, sagt Weintraub, ­habe ­er in Auschwitz verstanden. Er erinnere sich noch genau an den Gestank nach verbranntem Fleisch. Baracke 10 lag direkt an dem Krema­torium. "Around the clock, Tag und Nacht dieser schwarze, schwere, dicke, übel riechende Rauch, der alles durchdrang – den Atem, die Kleidung, alles." Er betont jetzt jedes Wort einzeln und trennt die Adjektive durch lange Pausen. Die weißen Papiere in den Schülerhänden hängen da längst schlaff nach unten. All die notierten Fragen – vergessen.

Sein Publikum ist jung, es geht ihm um die Details. "Ich habe mir sehr genau überlegt, was ich erzähle", sagt Weintraub. Sachlich will er sein, ohne Selbstmitleid – und die Dinge beschreiben, die man sich doch kaum vorstellen kann. Spaß machen ihm die Gespräche nicht. Und anstrengend sind sie für einen alten Mann wie ihn. Und doch fühlt Weintraub sich verpflichtet, weiterzumachen. Seinen verstorbenen Familienmitgliedern, aber auch den jungen Leuten gegenüber. "Ich möchte sie widerständig machen gegen die Lockrufe aus dem rechten Lager", sagt Weintraub. Neulich haben ihm Schüler einer Waldorfschule nach einem Gespräch Dankesbriefe geschrieben. Er hat sie alle aufgehoben. "Es war eine große Genugtuung zu sehen, dass es etwas gebracht hat." 

Auf dem früheren Lager stehen teilweise wieder Häuser

Sonntag in Flossenbürg, nahe der Stadt Weiden in der Oberpfalz. Weintraub stapft in der Gedenkstätte durch die langen Reihen von Granitquadern. In welcher Baracke er früher gelegen hat, weiß er nicht. Vielleicht auch in der Hälfte des Lagers, auf der heute Wohnhäuser stehen. In Sechserreihen ziehen sie sich den Hügel hinauf. ­"Aus dem Tal des Todes ist wieder ein Tal des Lebens geworden", trium­phierte der Landrat, als 1958 die ersten Bewohner einzogen, Heimatvertriebene aus dem Osten mit der Aussicht auf einen Job in dem Steinbruch, in dem vorher die Häftlinge schuften mussten. Vergangenheitsbesiedelung. "Ein Schock für mich", sagt Weintraub. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dort Menschen wohnen wollen." Wer in die Siedlung will, fährt heute mit dem Auto quer durch die Gedenkstätte.

Am Montag in der Schule erzählt Weintraub, wie Flossenbürg als Lager war: Flossenbürg, das ist Wind, Appell, Pritsche, Dämmerzustand. Eine Geschichte allerdings behält er sich für ältere Zuhörer vor. Sie handelt von dem kalten Fuß, den er eines Morgens plötzlich in seinem Gesicht spürte. Wenn er davon erzählt, presst er den Handrücken an seine Wange und drückt damit seinen Kopf leicht zur Seite. Kopf an Fuß lagen sie zu viert auf einer Pritsche. Sein Nebenmann war in der Nacht gestorben. Zum Appell geschleppt hat Weintraub den toten Körper trotzdem. Die Zahl musste ja stimmen.

Sonntag. Im SS-Kasino aßen früher ­die Nazis zu Mittag, heute ist es das Museumscafé, ein Ort der Begegnung. Es gibt Dinkelquiche mit Karotten und Wermut für die Überlebenden und ihre Familien. Alte Menschen umarmen sich herzlich, die jungen begrüßen sich zaghaft mit Handschlag. Wer ist gestorben? Wer hat neue Urenkel?

 Auf den anstrengenden Reisen begleiten ihn seine Frau Evamaria und oft auch Tochter EmiliaAnne-Sophie Stolz

Bereits am Vorabend kam Martin Hecht auf Weintraub zu, ein alter Mann wie er. Hechts Brüder starben im Zug nach Flossenbürg. Bis heute sucht er die Stelle, ­wo die Nazis ihre Leichen in den Wald warfen. Weintraubs Häftlingsnummer 
ist nur ein paar Hundert Nummern ­höher als die von Hecht und seinen Brüdern. Sie seien höchstwahrscheinlich im selben Zug gewesen, also ­müsse Weintraub doch etwas dazu wissen. "Alles ist vernebelt, ich kann mich kaum erinnern", entgegnete Weintraub. Das anschließende Wortgefecht filmten Hechts Angehörige mit dem Handy, bis Hecht aufgebracht abzog. Auch nach 72 Jahren sind noch nicht alle Geschichten erzählt.

Für das Leben, gegen den Hass

Montag. "Ich bin ein Sieger", sagt Weintraub in der Schule. "Denn ich habe ja überlebt." Am liebsten erzählt Leon Weintraub vom Leben selbst. Er spricht dann schneller und klangvoller. Wie er seine drei Schwestern durch einen Zufall wiederfand. Und wie er Geburtshelfer und Frauenarzt wurde, obwohl er zunächst kein Abitur hatte. Eine bewusste Entscheidung für das Leben nach so viel Leid, Tod und Hass.

"Dieses Wort", sagt Weintraub am Ende, "auf Englisch H-A-T-E – ­ich ­habe es aus meinem Wortschatz gestrichen."

Jonas Seufert

Der freie Autor ­Jonas Seufert, geboren 1989, forscht nun auch in seiner eigenen Familie nach ­unerzählten ­Geschichten aus der Zeit des ­Holocaust.
Privat

Anne-Sophie Stolz

Für die Fotografin Anne-Sophie Stolz, geboren 1984, war es nicht einfach, auf den Auslöser zu ­drücken. Dabei helfen Fotografien ja auch gegen das Vergessen!
Joshua Kaiss

Leseempfehlung

Nur noch wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen leben und können persönlich vom Holocaust und der NS-Geschichte berichten. In der pädagogischen Arbeit spielten sie lange eine wichtige Rolle. Wie Geschichte in Zukunft weiter vermittelt wird, wenn keine Zeitzeugen mehr leben - darauf haben drei Projekte unterschiedliche Antworten gefunden.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.