Schauspieler Steffen Schroeder als Vollzugshelfer in der JVA Berlin-Tegel

„Man verliert 
das Gefühl für die Welt draußen“
Nach jedem Besuch bei Micha fotografiert Steffen Schroeder die JVA Tegel

Steffen Schroeder

Nach jedem Besuch bei Micha fotografiert Steffen Schroeder die JVA Tegel

Nach jedem Besuch bei Micha fotografiert Steffen Schroeder die JVA Tegel

Steffen Schroeder geht regel­mäßig in den Knast. Seit vier Jahren besucht er in der Berliner Justiz­vollzugs­anstalt Tegel einen verurteilten Mörder. Über den Austausch ­zwischen ­
drinnen und draußen hat der „SOKOLeipzig“-Schauspieler ein Buch geschrieben.

chrismon: Wann waren Sie erstmals im ­Gefängnis?

Steffen Schroeder: Als ich Mitte der 1990er meine erste Fernsehhauptrolle spielte. Da ­haben wir Szenen in einem echten Gefängnis gedreht. Das war archaisch: kleine Zellen, enorme Lautstärke, kaum Kontakt nach ­draußen. Als ich 2013 zum ersten Mal in der JVA Tegel war, hatte sich daran nichts geändert.

Warum besuchen Sie überhaupt einen Strafgefangenen?

Schroeder: Schon lange frage ich mich, wieso manche Menschen gewalttätig werden und andere nicht. Als ich 16 war, hatte ich eine ziemliche Wut in mir, die ich aber nur gegen mich selbst, nie gegen andere gerichtet habe. 2013 er­innerte ich mich daran, als ich auf den Verein Freie Hilfe Berlin stieß – dort vermittelt man Gefangenen ehrenamtliche Vollzugshelfer. Das erschien mir sinnvoll, denn so verlieren die Menschen im Gefängnis nicht den Kontakt zur Außenwelt. Der Verein teilte mir Micha zu, einen verurteilten Mörder aus der Neonazi-Szene, 38 Jahre alt. Ich wollte wissen: Was ist das für ein Mensch?

Und?

Schroeder: Micha galt lange als gefährlich. Er sitzt seit 18 Jahren ein, seine Mutter und sein Bruder sind während seiner Haftzeit verstorben, ein „Tegeler Urgestein“, sagt man. Lange hatte er den Ruf des Unverbesserlichen. Nach draußen hatte er schon lange keinen Kontakt mehr. Als ich ihn kennenlernte, war er seit zwei Jahren erstmals auf einem besseren Weg.

Worüber unterhalten Sie sich mit ihm?

Schroeder: Oft geht es darum, was aktuell im Vollzug passiert. Gerade hat die Gefängnisleitung ­
bei Micha eine Lockerung des Vollzugs beschlossen, also dass er mehr Ausgang bekommen soll. Das muss der Senat aber noch absegnen. Dann könnte Micha raus, erst im Wechsel mit mir und Sozialarbeitern, später dann auch alleine. Er ist im Knast heroinabhängig geworden, deswegen will er draußen eine Drogentherapie machen. Wir waren auch schon zusammen bei Exit, dem Verein, der ihn beim Ausstieg aus der Neonazi-Szene betreut. Micha will auch immer wissen, wie es bei meinem Dreh in Leipzig läuft oder wie der Urlaub mit meiner Familie war. Ihn interessiert, was draußen so passiert.

Micha ist zu lebenslänglich verurteilt. Fühlen Sie sich der Verantwortung gewachsen?

Schroeder: Am Anfang fragte ich mich: Kann ich das? Das kann sich noch über Jahrzehnte hinziehen! Ich habe drei Söhne, pendle nach Leipzig – wie soll ich das unterbringen? Wir hatten ausgemacht, dass ich ein Jahr lang versuche, Micha alle zwei bis drei Wochen zu besuchen. Das mache ich jetzt seit vier Jahren. Ab und an begleite ich ihn auch, wenn er mit zwei Beamten raus darf zum Einkaufen. Wer nach so langer Isolierung wieder ein eigenes 
Leben führen will, braucht jemanden an ­seiner ­Seite. Das versuche ich auch weiterhin. Vielleicht zie­he ich aber irgendwann um oder habe selbst andere Sorgen.

Geraten Sie auch aneinander?

Schroeder: Manchmal wird er ungehalten, wenn er sich bevormundet oder nicht verstanden fühlt. Je länger er einsitzt, desto mehr verliert er das Gefühl für die Welt draußen. Er kann schwer nachvollziehen, dass Zeit für mich eines der wichtigsten Güter ist. Drinnen muss er ja die Zeit totschlagen, und ich kämpfe um jede Minute Freizeit. Es ist für ihn schwer nachvollziehbar, dass „ich hab keine Zeit“ keine Ausrede ist.

Es muss unglaublich schwer sein, sich etwas einzugestehen, das man nie wieder gutmachen kann

Und dann hatte er noch eine ganz besondere Bitte an Sie . . .

Schroeder: Ja, die Situation hatte etwas Tragikomisches. Michas bester Freund im Gefängnis, Rico, war gestorben. Er bat mich, ein würdiges Begräbnis zu organisieren. Ich wollte mit meiner ­Familie am nächsten Tag in den Urlaub fahren, musste packen. Micha sagte: „Du willst am Strand liegen – mein bester Freund ist gestorben!“ So einfach war es nicht, am Nachmittag war auch noch die Geburtstagsfeier meines Sohnes. Aber was soll man da sagen? In zwei 
Stunden telefonierte ich alle Stellen ab und ­erzählte jedem die skurrile Geschichte: Ein ­junger Bankräuber, der kurz vor der Ent­lassung stand, ist gestorben. Seine Mithäftlinge haben Geld gesammelt haben, damit er anständig beerdigt wird. Egal ob beim Beerdigungsinstitut oder bei der Polizei, alle halfen unbürokratisch weiter. Am nächsten Tag konnte ich guten Gewissens in den Urlaub fahren. Als ich zurückkam, war die Beerdigung. Wenn wir heute an Ricos Grab vorbeikommen, bringen wir ihm immer ein paar Blumen.

Steffen Schroeder: Was alles in einem Menschen sein kann - Begegnung mit einem Mörder, Vlg. Rowolth, 16,99 Euro

Micha hat mit anderen einen Mann er­stochen. Blenden Sie die Tat aus, wenn Sie sich mit ihm treffen?

Schroeder: Nein, auf keinen Fall! Ich thematisiere das immer wieder. Am Anfang hat er die Schuld auf die Mittäter geschoben, sah sich selbst als Mitläufer. In den Gerichtsunterlagen sieht das anders aus. Heute nimmt er die Schuld auf sich. Es muss unglaublich schwer sein, sich etwas einzugestehen, das man nie wieder gutmachen kann. Aber die Schuld auf sich zu nehmen ist das Mindeste, was man dem Opfer, auch über den Tod hinaus, schuldig ist.

Man grenzt den Sünder nicht aus, sondern beschäftigt sich mit ihm und holt ihn so wieder in die Gesellschaft zurück

Macht die Haft Menschen besser?

Schroeder: Jemanden im Gefängnis zu bessern ist schwierig. Gleichzeitig muss die Gesellschaft aber bestimmte Schwerverbrecher isolieren, um sich selbst zu schützen. Nur: Der Großteil der Gefangenen in Deutschland ist nicht ­unmittelbar gefährlich. Die sitzen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz oder kleineren Delikten. Die sollte man lieber Sozialstunden leisten lassen und überlegen, ob man nicht doch Apotheken für Sucht­kranke einrichtet, um die Beschaffungs­kriminalität einzudämmen. Gerade Jugendliche, die eher harmlose Delikte begangen haben, lernen erst im Gefängnis, wie man eine Bank ausraubt.

Wie wäre es denn richtig?

Schroeder: Vielleicht ein Umgang wie mit dem Zöllner Zachäus aus der Bibel. Der Superstar Jesus zieht in Jericho ein, und alle fragen sich: Wo steigt er heute ab? Und dann geht er zu dem Geldeintreiber, der alle abzieht. Und ­alle ­waren sauer. Das hat mich als Kind total beeindruckt. Dass sich Jesus mit dem Sünder beschäftigt. Das ist für mich eine urchristliche Aussage: Man grenzt den Sünder nicht aus, sondern beschäftigt sich mit ihm und holt ihn so wieder in die Gesellschaft zurück.

Reden Sie mit Ihren drei Söhnen über das, was Sie im Gefängnis erleben?

Schroeder: Die bekommen das nur am Rande mit, ich bin da auch erstmal zum Schweigen verpflichtet. Aber jetzt haben sie das Buch gelesen und können besser nachvollziehen, warum ich das mache.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Schroeder: Weil das Bild, das Leute von Gefängnis im Kopf haben, nicht dem entspricht, wie es ist. Viele denken, Strafgefangene hätten ein angenehmes Leben in einer Art einfachem Hotelzimmer mit Fernseher und dreimal am Tag Essen. Und sie könnten tun und lassen, was sie wollen. Das hat aber wenig zu tun mit dem, wie es tatsächlich ist. Das ist eine extreme Parallelgesellschaft mit Hackordnung unter den Gefangenen. Wer nicht schlagkräftig ist, gehört als sogenannter Fisch zur untersten Schicht, muss putzen, Zigaretten 
drehen, Befehle befolgen und mehr. Mein Schauspielkollege Michael Degen sagte immer 
nach meinen Erzählungen: „Du musst das aufschreiben, damit die Leute wissen, was da abgeht.“

Ist Micha einverstanden mit dem, was Sie über ihn geschrieben haben?

Schroeder: Ja, und das obwohl ich nichts ausgelassen ­habe: seinen Mord, die rechte Vergangenheit, seine Drogenabhängigkeit. Ich hab ihm gleich gesagt: Ich werde nicht schreiben, was du für ein wahnsinnig netter Mörder bist. Es gibt auch Stellen, die für ihn nicht so einfach zu schlucken sind. Einmal deutete er an, dass er Selbstmord begehen wolle, weil das in seiner Situation vielleicht die beste Lösung für alle sei, und dass es einfach keine andere gebe. Es ist schon krass, so was zu denken und über sich im Buch widergespiegelt zu bekommen. Er hat mir auch erlaubt, ganz persönliche Dinge zu schreiben. In der Knastgesellschaft versuchen sonst alle, möglichst wenig von sich preiszugeben. Seine Offenheit finde ich mutig.

Micha scherzt manchmal: „Spiel mal wieder einen Bösen! Dann gebe ich dir ein paar Tipps“

Sie machen seit März Lesungen – auch in JVAs und vor Jurastudenten. Wie reagieren die Leute?

Schroeder: Im August war ich in der JVA Hohenleuben. Es war wahnsinnig still, die Gefangenen wirkten sehr konzentriert. Das hat mich beeindruckt, denn eigentlich schert man sich im Gefängnis wenig um Umgangsformen. Die Episode um Ricos Beerdigung hat die Männer gepackt. Die Jurastudenten interessieren sich eher ­
für Praktisches: Wie läuft das im Gefängnis? Und wieso ist der eine lebenslänglich Verurteilte nach 16 Jahren draußen und der andere sitzt nach 35 Jahren immer noch?

Was haben Sie bei den Besuchen im Gefängnis gelernt?

Schroeder: Ich versuche, weniger vorschnell über andere zu urteilen. Wenn sich jemand unangenehm verhält, bewerte ich das Verhalten. Aber wenn ich mehr über die Person weiß, sehe ich die Dinge oft anders. Mir ist einiges über Kreisläufe klargeworden, in denen Menschen festhängen. Täter waren in der Kindheit oft selbst Opfer von Gewalt. Das rechtfertigt kein Verbrechen, aber hilft mir zu verstehen. Und als Schauspieler merke ich, dass es viel spannender ist, den Bösewicht nicht nur böse anzulegen. Micha scherzt manchmal: „Spiel mal wieder einen Bösen! Dann gebe ich dir ein paar Tipps.“

Wie geht es jetzt weiter für Micha?

Schroeder: Gerade sieht es ganz gut aus, die angekündigten Lockerungen, also die vermehrten Ausgänge, sind ein großer Schritt Richtung Freiheit. Nach 18 Jahren Haft ist diese Aussicht überlebenswichtig. Ohne Perspektive resigniert ein Mensch.

Steffen Schroeder

Seit 2012 spielt Steffen ­Schroederden Kriminalkommissar Tom Kowalski ­
in der ZDF-Serie ­„SOKO Leipzig“. 
Fast ebenso lang besucht Steffen Schroeder in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel einen verurteilten Mörder. Sein 
Buch darüber, ­
„Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnungmit einem Mörder“, ­erschien 2017 bei Rowohlt (304 ­Seiten, 16,99 Euro).
dpa/picture-allianceSteffen Schroeder bei einem exklusiven Photoshooting. Potsdam, 13.03.2017 [ Rechtehinweis: picture alliance/Geisler-Fotopress ]

Infobox

Vollzugshelfer

In fast allen deutschen Gefängnissen kann man als Vollzugshelfer Gefangene besuchen. Vereine vermitteln den Kontakt und bieten Gefängnisführungen und kleine Fortbildungen an, um die Einstieg zu erleichtern. In Berlin ist der Verein Freie Hilfe Ansprechpartner. Ende 2016 waren in deutschen Gefängnissen 62 865 Menschen inhaftiert. Ein Drittel von ihnen sitzt Strafen von über einem Jahr ab, rund 2500 davon lebenslänglich. Die durchschnittliche Haftdauer lebenslänglich Verurteilter beträgt 18 bis 22 Jahre, ist aber nach oben offen.

Spendeninfo

In fast allen deutschen Gefängnissen kann man als Voll­zugs­helfer Gefangene besuchen. Vereine wie die Freie ­Hilfe ­Berlin e. V. vermitteln den ­Kontakt. Sie 
bieten auch Gefängnis­führungen und kleine Fortbildungen an, 
um den Ehrenamtlichen den Einstieg zu erleichtern.

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