Der evangelische Adventskalender zum Nachlesen

Advent, Advent - kein Lichtlein brennt?
Tag 24 Vorschaltbild Adventskalender 2017

Wunna Winter

May ist eine junge Frau mit mehreren Problemen: Sie ist schwanger, hat Ärger mit ihren Eltern, einen scheinbar etwas zu lässigen Partner - und dann sieht sie offenbar auch noch Gespenster...

1. Ich kriege nix auf die Reihe

May war frustriert: "Ich kriege nix auf die Reihe! Gar nix! Wenn ich abends auf meinem Kissen gelandet bin, gehen mir all die Sachen durch den Kopf, die ich heute eigentlich hätte schaffen müssen. Da drüben liegt immer noch die ganze Wäsche. Und der Kerzenständer, den ich für die Adventstage aus der Weihnachtskiste gekramt habe, ist noch schwarz und fleckig. Ich wollte ihn doch heute polieren. Ich war mir sicher, dass ich den Speziallappen noch im Küchenschrank habe. Und dann habe ich alle Schubladen und Regalböden gefilzt – keine Spur vom Lappen." Dann war Jo nach Hause gekommen. Sie hatte ihn gefragt, ob er wüsste, wo der Lappen geblieben sei. Antwort: "Nee. In Lappland kenne ich mich nicht aus." Auf solche blöden Sprachwitze konnte May absolut verzichten, wenn sie im Stress war.

Sie hatte sich einfach umgedreht und war weggegangen. Jetzt noch mit Jo über seine miserablen Scherze streiten? Nee! Das ging gar nicht. Da würde sie sofort ausflippen, brüllen, zetern. Stattdessen war sie noch schnell zum Supermarkt gerauscht, um einen neuen Lappen zu kaufen. Und natürlich! Sie fuhr auf den Parkplatz und sah, wie sie im Laden die Lichter ausmachten und die Rollläden runterfahren ließen. Mist!

Vor lauter Hektik hatte sie vergessen, den Eintrag in ihr Schwangerschaftstagebuch zu schreiben. Nichts! Nichts klappte! Dabei hatte ihr ihre Ärztin dringend empfohlen, jeden Tag genau zu notieren, wie es ihr geht. Daraus könnte man ableiten, wann und warum ihr übel sei. "May", hatte die Gynäkologin gesagt, "Schwangerschaftsübelkeit kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Schreiben Sie auf, was sie trinken, essen und sonst so machen." Als sie das Jo erzählte, kam – wie immer – ein blöder Witz: "Dann schreib' doch einfach rein, dass du nie was auf die Reihe kriegst, dass dein Partner dich nervt und du immer vor dem Einschlafen unzufrieden bist." Er hatte ja Recht! Aber das half ihr nicht. Gar nicht!

Als ihr dann durch den Kopf ging, dass sie eigentlich beschlossen hatte, sich auf das Baby zu freuen, obwohl Jo der Vater ist und für das Kind sein wird, wurde ihr wieder ganz weinerlich zumute. Er meinte es ja nicht böse. Er wollte ihr mit seinen Sprüchen helfen, sie entlasten. "Ist doch alles nur halb so wild! Gibt doch Schlimmeres! Die paar Wochen bis zur Geburt halten wir doch aus. Auch wenn du dich weigerst, mit mir am Abend ein paar Gläschen Wein zu trinken. Weine nicht!"

Der Jo! Kriegt nix auf die Reihe! Das verband sie offenbar.

2. Ziemlich bekannt in diesem Kaff

Als Jo sie seinen Eltern vorstellen wollte, war May durchaus nervös: "Ich habe meinen Alten gesagt, dass wir heute mal so zwischen Acht und Halb Neun bei ihnen vorbeischauen." Und das ließ er sie abends um Halb Sieben wissen. Sie hatte nicht geduscht, seit zwei Tagen ihre Haare nicht gewaschen. Ihr Lippenstift war alle und ihr grünes Kleid in der Reinigung. "Du spinnst doch!" fauchte sie ihn an.

Jos Eltern sind hier in Nahzarelingen ziemlich bekannte Leute. Als May Anfang des Jahres hier ankam, gehörte seine Mutter, Elfriede Daniel zu den ersten Leuten, mit denen sie zu tun hatte. Sie arbeitet in der Stadtverwaltung, genau gesagt im Einwohnermeldeamt. Dass sie mal was mit ihrem Sohn haben könnte, hatte sie da nicht geahnt. Sie wusste bis vor drei Wochen nicht mal, dass diese Frau Dr. Daniel Jos Mamma ist.

Über seine "Alten" spricht Jo höchst wenig und wohl auch nicht sehr gerne. Es hatte längst zwischen ihnen geschnackelt, da ließ er May auf mehrfaches Fragen endlich wissen: "Ja, ich bin in diesem Scheißkaff aufgewachsen." Pause. "Ja. Meine Alten leben hier." "Und wo? Und was machen die? Und wie ist euer Verhältnis zueinander?" May kam sich vor wie eine Kripo-Beamtin beim Verhör mit einem unwilligen Angeklagten.

"Ja – gut! Der Daddy managt ein Versicherungsbüro. Und Mutti verdient ihre Kohle bei der Stadt." Pause. Ihr fragender Blick nervte Jo. "Ich weiß nicht, was an all dem so wichtig ist. Ich frag' dich doch auch nicht aus. Entscheidend sind doch wir beide!" May vermutete, dass bei den Daniels irgendwas nicht stimmt. Mehr und mehr hatte sie den Eindruck, dass es heftig knirscht zwischen Jo und den Eltern. "Quatsch!", bellte er. "Das ist wieder typisch Weiber! Wenn jemand keine TV-Serie über seine Familie inszenieren will, dann wird schwarzgemalt! Nein, wir haben keinen Krach! Ja, ich möchte mein Leben selbstständig organisieren. Ja, die Daniels leben seit Generationen hier. Ja, mein Daddy ist Vorsitzender vom Fußballclub! Und Mutti? Ist Juristin und leitet das Einwohnermeldeamt."

Als May ihm erzählte, dass sie Dr. Elfriede kennengelernt habe, zuckten seine Mundwinkeln zu einem schwachen Grinsen: "Und siehste, sie hat dich nicht aus Nahzarelingen rausgeschmissen, obwohl du Migrationshintergrund hast!" Stimmt. Hat sie nicht. "Und sie wird dich auch nicht rausschmeißen, wenn du heute Abend ungeschminkt vor ihr auftauchst, dich vorstellst und ihr erzählst, dass sie Oma wird."

"Jo, wir sind so verschieden! Aber irgendwie … liebe ich dich!" dachte May.

3. "Ich bin Gabi"

Der erste Besuch bei Jos Eltern ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr her. Und im Nachhinein findet May es gut, dass sie ihr Freund erst kurz vorher darüber informiert hatte. Sie gehört zu den Menschen, die sich auf solche Ereignisse nicht nur intensiv vorbereiten, sondern in den Nächten zuvor schlecht schlafen. Wie Hefe gärt es dann in ihrem Kopf: Wie verhalte ich mich richtig? Was werden die für Fragen stellen? Kommt es zur Katastrophe?

Ja, Alpträume rasen ihr dann in den Nachtstunden durch Herz und Hirn. Voller Schrecken wacht sie auf, wälzt sich hin und her. Sie ärgert sich über sich selbst. Und dann ärgert sie sich darüber, dass sie sich ärgert. Für das Kind in ihrem Leib ist das einfach nur blöd, denkt sie. Das Zwerglein braucht Ruhe und Frieden im Mutterleib und keinen selbstgemachten Psychostress. Gut, dass Jo oft so spontan entscheidet. Und in dieser Geschichte war es besonders wichtig – was Jo aber gar nicht wissen konnte.

Denn am frühen Morgen jenes Tages war May aufgewacht. Sie lag neben Jo. Der schlief, wie sie hörte, tief und fest. Sie überlegte, ob sie im Bett bleiben sollte oder aufstehen. Sie entschied sich für Letzteres und schlich ganz leise ins Badezimmer, um zu duschen. Sie hatte gerade ihr Nachthemd ausgezogen, da passierte es.

Auf der Badezimmertür schimmerte es golden. Eine Figur erschien. Ein Gespenst? May hatte weder Alkohol getrunken, noch einen Joint gezogen. Unglaublich! Und dann fing die strahlend schimmernde Gestalt auch noch zu reden an: "Hallo May! Ich bin Gabi. Hab' keine Angst. Du bist mit einem Superkind schwanger. Freu' dich. Dein Baby ist ein Geschenk Gottes. Du ziehst das durch und alles wird gut!" Dann verschwand 'Gabi' so plötzlich, wie sie aufgetaucht war. Ein Wachtraum? Egal. Jedenfalls eine tolle Info, die May richtig gut tat. Sie fasste sich an den Bauch, stellte sich unter die Dusche und ließ sich warm beregnen.

Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, schnarchte Jo. May beschloss, die Sache für sich zu behalten, Der Kerl würde sowieso nur schräg grinsen und ihr nix glauben.

Sie wusste nicht, ob das alles so passiert wäre, wenn ihr Jo schon am Tag vorher gesagt hätte, was sie am Abend vorhaben würden. Gut so. Tiefenentspannt machte May Frühstück.

4. Der Whiskey auf zwei Beinen

Sie mussten bei den Daniels klingeln. Typisch Jo! Er besaß zwar einen Hausschlüssel, hatte ihn aber auf seinem Schreibtisch liegen lassen. Mutter Elfriede, die ihnen die Tür öffnete, war nicht sonderlich irritiert. Sie scherzte: "Den Tag, an dem Jo mal nichts vergessen hatte, hab' ich glatt vergessen." Und sie freute sich, dass May zustimmend lächelte.

"Sie sind also May?", fragte sie und bot ihr einen Platz am Esstisch an. "Irgendwie kommen sie mir bekannt vor. Stammen sie auch aus Nahzarelingen?" May erzählte ihr, dass sie ihr vor ein paar Monaten im Amt begegnet sei, wo sie sich angemeldet hätte. Und sie verschwieg auch ihren 'Migrationshintergrund' nicht. Elfriede Daniel nickte bedächtig und sah auf die Uhr. "Ich wundere mich, wo Jakob bleibt. Er hat versprochen, zum Essen da zu sein. Na, vielleicht steht er im Stau." Dann fragte sie May, ob es etwas gebe, was sie nicht essen würde. "Heutzutage gibt es ja ziemlich viele Mitmenschen, die sich nur vegan oder vegetarisch ernähren. Oder sie dürfen aus religiösen Gründen manches nicht essen." May sagte, dass dies alles auf sie nicht zuträfe. Nur sei sie – rein geschmacklich – keine große Freundin von fettem Schweinefleisch. Erleichtert atmete Elfriede durch. Sie hatte zarte Filets, einen würzigen Salat und Pommes Frites vorbereitet.

Während sie in der Küche hantierte, kam "Daddy Jack, der Whiskey auf zwei Beinen" zur Tür herein. So stellte er sich May vor. Jo brummte: "Wäre ein Wunder gewesen, wenn er dir den Jack-Daniels-Joke erspart hätte." Auch auf dem Nachhauseweg kam er noch mal darauf zu sprechen. "Wir waren mal zusammen mit einer riesigen Menge Engländer in einem Urlaubshotel. Da hat er diesen müden Witz mindestens tausendmal gerissen."

Es wurde ein entspannter, ja sehr netter Abend. May durfte ein wenig von ihrer Familie in Syrien erzählen. Und die Daniels waren geradezu euphorisiert, als sie von ihrer Schwangerschaft berichtete. Daddy Jack bedauerte, dass sie deshalb keinen Alkohol mehr trank. "Das wäre doch eine Flasche Schampus wert! Aber die trinken wir dann am Geburtstag des Kindes." Elfriede nahm May in ihre Arme und kiekste: "Hätte nie geglaubt, dass Jo überhaupt mal was zustande brächte." Und sie fragte, ob er wirklich der Vater sei. "Nehmen Sie mir das nicht übel. Aber Sie sind eine so bezaubernde junge Lady…" –  "…dass es dich wundert, wie sie sich mit einem so üblen Kerl wie mir aus einer blöden Familie einlassen konnte", fuhr Jo dazwischen. Und May begann, ihn besser zu verstehen. Die Scherze von Elfriede und Jakob mochten nicht böse gemeint sein. Abwertend waren sie dennoch.

Nachdem ihr die beiden das "Du" angeboten hatten, nahm May sich vor, ihnen diesen Eindruck mal unter sechs Augen zu vermitteln.

5. Trübsinn – bis das Lichtlein brennt

Jo nervt die dunkle Jahreszeit. Nicht etwa, weil zwei Drittel des Tages die Sonne nicht scheint, sondern weil einem überall Lampen und Lichter festlich und feierlich die Augen blenden. Nicht selten sind damit ganze Werbekampagnen verbunden. Und dann denkt er daran, dass der Advent, vor allem aber das angebliche Geburtsdatum Jesu keinen anderen Sinn hatten, als ebendies den Leuten zu vermitteln: Wenn es ganz schwarz und finster um euch ist, dann erwächst euch neue Hoffnung aus der Nacht.

Jo empfindet Dunkelheit nicht als bedrohlich. Im Gegensatz zu May. Die wird schon Ende September trübsinnig. Und wie oft durfte er in ihrem ersten gemeinsamen Sommer ihre Ausrufe am frühen Morgen genießen: "Jo wach' auf und schau wie die Sonne aufgeht." Als er beim zehnten oder zwölften derartigen Sopransignal den Song des Liedermachers Willem anstimmte, "Lass die Morgensonne endlich untergehen", erntete er blankes Staunen, ja Entsetzen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt? Eines. Und dann zwei, drei, vier. Das ist okay. Aber keine einhundert, zweihundert, dreihundert, vierhundert mit 200 000 Watt. Jo hat nichts gegen zarten Schimmer. Aber es muss ja nicht überall Flutlicht strahlen. Als er May das gestern zu erklären versuchte, schien es ihm doch, als würde sie ihn verstehen. Ihr strahlendes Lächeln wärmte ihm das Herz. Und dann nahm sie ihn in ihre Arme. So fühlt sich Liebe an, fuhr es ihm in Hirn und Seele.

Und so, dachte er, während er in der Teetasse rührte, ist das Licht am Ende des Dezember-Tunnels wohl gemeint: die helle Flamme der Liebe, mit der wir einander wärmen. Da steckt der Jesus drin. Und so hat es dieser Paulus ja auch geschrieben. Das weiß Jo noch aus dem Konfirmanden-Unterricht. Und er hat ein paar Gottesdienste an Weihnachten erlebt, an die er auch in diesem Advent gerne denkt. Da stand er zwischen den anderen Jungs und Mädels und schmetterte aus vollem Herzen "Oh du fröhliche!", sein weihnachtliches Lieblingslied. "Das war aber ziemlich falsch, wie du das gesungen hast", schnauzte ihn damals seine Musiklehrerin vor der Kirchentür an, als sie einander "Frohe Weihnachten" wünschten. Kümmerte ihn nicht. Wer laut und aus vollem Herzen diesen wunderbaren Song schmettert, mag die Noten nicht treffen. Wichtig ist allein die Freude.

6. Nikolaus

"Als Nikolaus", raunt Jakob Daniel der aufmerksamen May zu, "darf ich in aller Bescheidenheit sagen, als Nikolaus - war ich große Klasse!" Er rollt mit den Augen, zwinkert und macht eine Schnute. "Als ich in Tübingen studierte", fährt er fort, "haben die Katholiken in dem Dorf, wo ich mit meiner WG untergekommen war, dringend einen Nikolaus gesucht." Elfriede mustert leicht genervt die Zimmerdecke und geht in die Küche. Nein, das braucht sie jetzt nicht. Das erzählt Jakob in jedem Advent. Und irgendjemanden findet er dann, der oder die ihm aufmerksam lauscht. Zeit für sie, die Spülmaschine einzuräumen.

"Als sie mich fragten, ob ich mir nicht einen weißen Bart ankleben und eine Mitra aufsetzen wolle, sagte ich ihnen gleich, dass ich evangelisch sei." Genutzt habe das nicht viel. May stutzt. "Geht Nikolaus nicht, wenn man evangelisch ist?" – "Tja, junge Frau, da muss ich wohl weiter ausholen. Bis vor 500 Jahren als Martin Luther auftauchte, gab es an Weihnachten keine Bescherung. Die Kinder bekamen ihre Geschenke am sechsten Dezember, dem Festtag des Heiligen Nikolaus." Und Luther mochte den nicht? "Weiß ich nicht", brummte Jos Vater, "aber mit der Heiligen-Verehrung hatte er ein Problem. Das einzige Fest der Gaben und Präsente dürfe Christi Geburtstag sein, also Weihnachten, stellte Luther fest. Und so wurde Weihnachten zu dem, was es heute ist und das Christkind zum Geschenke-Bringer." Spannend, denkt May.

"Macht nix, haben die katholischen Schwaben gesagt. Und also habe ich mich verkleidet, mir den Wattebart ankleben lassen, die Bischofsmütze aufgesetzt und den Geschenkesack meinem Knecht Ruprecht aufgeladen. Der ist heute übrigens ein erstklassiger Jurist und wohnte damals auch in unserer WG." Dann fängt Daniels Senior an in dröhnendem Bass seine Ansprache an die Kinder zu rezitieren. Nach zwei, drei Minuten taucht Ehefrau Elfriede wieder bei ihnen auf. "Jetzt lass mal gut sein!" Und Jo, der bis dahin schweigend in der Ecke gelümmelt und ein Kreuzworträtsel gelöst hat, meint: "Den weißen Bart musst du dir ja heute nicht mehr ankleben. Drei Monate ohne Rasur und du hast ihn in Natur."

"Habe ich nicht eine wunderbare Frau und einen großartigen Sohn, liebe May?" Sieht sie Tränen in seinen Augen? Jakob schüttelt den Kopf und beginnt zu singen: "Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freu´n! Lustig, lustig, trallalallala! Bald ist Nikolausabend da, bald ist Nikolausabend da!"

7. Kann Elli helfen?

Ich muss mit jemandem reden! Als May ihren Mantel anzog und die Arzthelferin ihr den Zettel mit dem nächsten Termin zusteckte, war sie in einer seltsamen Stimmung. „Sie sind schwanger“, hatte ihr die Frauenärztin knapp und klar erklärt. „Wahrscheinlicher Geburtstermin Ende Dezember, Anfang Januar“.  Die Ärztin notierte die Diagnose und fragte: „Sie wissen, wer der Vater ist?“ May erinnerte sich noch heute genau an diesen Augenblick. Wer? Ist? Der Vater? Sie hatte während ihres ersten selbstbezahlten Urlaubs am Mittelmeer … nein! Pit und Lasse konnten es nicht gewesen sein!

Jo? Jo! Die Begegnung mit diesem Kerl war der Sonnenaufgang ihres Lebens. Jo! Ja! Ja! Jo! „Ich weiß, wer der Vater ist.“ Sie müsse ihr es jetzt nicht mitteilen, antwortete Frau Dr. Gallhart. Sie habe ja auch noch nicht entschieden, ob sie den Embryo überhaupt austragen wolle. „Doch habe ich“, antwortete May, „ich bekomme das Baby.“ Dann, so die Ärztin, sei es aber im Sinne des Kindes und auch ihrer selbst vernünftig, „die Sache mit dem Vater rasch zu besprechen und – wenn möglich – seine Vaterschaft  eintragen zu lassen.“

Ein Karussell in meinem Kopf. Ein Kind! Jetzt! Und ich die Mama! Da war unglaubliche Freude und gleichzeitig eine Riesenangst. Gerade war sie wegen des neuen Jobs nach Nahzarelingen gezogen. Sie befand sich noch in der Probezeit. Ob das Restaurant sie nun rausschmeißen würde? „Erstens müssen sie es ihrer Firma noch nicht mitteilen. Und zweitens …“. May hatte Dr. Gallhart kaum zuhören können. Es schwirrte kreuz und quer alles Mögliche durch ihren Schädel.

Und Jo? Würde er ihr glauben? Eltern! Nach dem ersten oder zweiten Mal! Oder würde er von ihr die Abtreibung fordern? Ihr Lebewohl sagen? Andererseits: ein Kind mit Jo – was könnte es besseres geben? Jo – das Gegenteil eines Angebers, eines Wichtigtuers, eines Macho. Aber auch kein spießiger Feigling. Was mach‘ ich nur? Ich muss mit ihm reden!

Aber bevor ich mit ihm rede, brauche ich Rat und Hilfe. Von wem? Die eigenen Eltern? In jeder Hinsicht weit weg von ihr. Freundinnen? Da gab es nicht besonders viele. Eigentlich blieb sogar nur eine, mit der sie sich beraten könnte. Elli! Die war zwar zwanzig Jahre älter als May. Aber sie war schon zu Kinderzeiten ihre Nächste. Elli betrieb eine Gärtnerei, in der Mays Mutti gerne einkaufte. Und als sie einander zum ersten Mal in die Augen  schauten, war für May klar: Das ist meine ältere Schwester. Und Elli, wie sie es May vor ein paar Jahren erzählt hat, hatte das wohl genauso empfunden: „Das junge Ding funkt auf der gleichen Welle. Wir werden verbunden bleiben.“ Elli eine SMS schicken! Gleich! „Wann können wir uns sehen und miteinander reden? Brauche deinen Rat. Deine May“.

8. Besuch bei Elli

Elli reagierte sofort auf May’s SMS. „Besuch‘ mich“, schrieb sie zurück. „Habe das ganze Wochenende Zeit. Würde mich freuen. Kannst hier übernachten. Wäre super, wenn du kommen kannst!“ May überlegte kurz. Ist `ne ganz schöne Strecke in das Bergdorf, in dem Elli seit ein paar Monaten mit diesem Zacki haust. Sie checkte die Verbindungen per Bahn und Bus. Dreimal umsteigen, insgesamt vier Stunden. Aber sie entschied sich dafür, Elli zu besuchen. „Ich brauche das Gespräch mit jemand, die mich kennt und mag.“

Als May aus dem Bus stieg und Elli an der Haltestelle erkannte, war ihr auf den ersten Blick bewusst: „Wir haben ein gemeinsames Thema: Schwangerschaft.“ Die smarte Elli war ihr wohl mindestens fünf Monate voraus, schätzte sie. Stolz trug sie das Bäuchlein vor ihrer Modell-Figur. „Hey May!“ – Nein, bitte nicht drücken! „Du auch?“ – Ja. „Na denn.“

Sie fuhren mit Mays Cabrio zum Gartencenter. Vorne Laden und Büro, im Hinterhaus die Wohnung von Elli und Zacki. „Mein Mann wird mit uns zu Abend essen, wenn du nichts dagegen hast. Ansonsten werden wir beide unter vier Augen miteinander quatschen können. Zacki muss übermorgen unsere Steuererklärung abgeben  und hat da noch `ne Menge im Büro zu rackern.“

Zacharias, wie er eigentlich hieß, öffnete die Haustür mit herzlichem Lächeln. May und er hatten sich vielleicht zwei- oder dreimal gesehen. „Ich heiße dich willkommen, schöne Maid!“ Von einem Kerl deutlich jenseits der 50 muss man eine so altmodische Begrüßung akzeptieren. Was die temperamentgeladene Elli an dem fand? Naja, es werden sich einige auch fragen, warum sie sich für Jo entschieden hat.

„Nein, keinen Wein!“, rief Elli, als ihr Mann mit der Flasche ins Esszimmer trat. „Auch für May Saft oder Wasser. Seh'  ich doch richtig?“ – „Siehst du“´, sagte May. Elli mit den braunen Augen, hob das Glas, blickte May lange an und sagte dann: „Es ist fantastisch, dass wir beide schwanger sind. Du wirst ein geniales Kind in die Welt setzen. Und mein Sohn – wir wissen, dass es ein Bub  ist – mein Sohn wird sein bester Kumpel werden. Zusammen werden sie eine Spur des Glücks, der Liebe und des Erfolgs durch die Welt bahnen. Und dich werden wir alle als großartigste Mutter auf diesem Planeten verehren. Es ist Gottes eigene Idee, dass du schwanger geworden bist.“

May saß da und konnte kaum begreifen, warum Elli sie so mit Lob und Liebe duschte. Es war einfach klasse! Noch schöner, noch besser, als sie es sich bei dem Entschluss erhofft hatte, die beste Freundin zu besuchen.

9. Schwanger? Immer falsch!

Es wurde spät an diesem Abend im Wonnemonat Mai. Bevor May Elli tatsächlich mit ihren Herzensangelegenheiten beschäftigen konnte, musste sie sich deren Geschichte anhören. „Warum, fragen mich Nachbarn und Freunde ganz unverhohlen, kriegst du mit über 40 noch ein Kind? Und dann von einem Mann der sogar weit über 50 Jahre alt ist, also auf dem Weg zur Rente?“

Elli grinst. „Das ist so typisch für unsere Gesellschaft. Du bist immer falsch unterwegs. Immer! Du, liebe May, musst dir sobald du die Info rauslässt, spätestens aber, wenn man es dir ansieht, die Frage gefallen lassen: Warum lässt du dich mit gerade mal zwanzig Jahren schwängern? Das schadet dir doch in deiner Lebensplanung! Du musst doch erstmal deine Berufsausbildung abschließen und in gesicherten Verhältnissen leben! Du machst dich doch abhängig von anderen! Du musst ja nicht ‚Jungfrau May´ bleiben, nur verhüten! Du weißt doch wie das geht!“

Bevor May antworten kann, galoppiert die beste Freundin längst weiter: „Meine Cousine Beate hat mit 30 ihr erstes Kind erwartet. In dem Konzern, wo sie als PR-Frau arbeitete, galt sie bis dahin als absolut auf ihren Erfolg im Job fixiert, als Karrieristin. Zwei Leute aus der Firma, die Kunden bei mir sind, haben mir erzählt, wie es in Kantine und Cafeteria abging:  Das hat die Beate sicher nicht absichtlich gemacht. Die hat ihre Pille vergessen. Eine wie die kann doch gar nicht „Familie“! Die ist doch ein totales Ego-Weib. Und jene, die sie mögen, hätten erwidert: Ja, ein blöder Zeitpunkt. Sie hätten so auf den Aufstieg von Beate in die Unternehmensleitung gehofft. Und jetzt das! Und der Vater des Kindes? Ein Rapper! Gut, aber kommerziell absolut erfolglos. In den habe sie sich während eines seiner Konzerte verguckt. Da passe doch überhaupt nix!“

Elli entschuldigte sich, dass sie „ständig quatscht! Deshalb wolltest du mich doch nicht besuchen. Statt dir zuzuhören, rede ich unentwegt. Ich hoffe mal, dass Hannes – diesen Namen haben wir für unseren Sohn ausgesucht – das nicht geerbt hat. Da wünsche ich ihm genetisch mehr von Zacharias: ruhig, gelassen, überlegt. Deswegen liebe ich ihn doch so sehr. Er hält Ruhe auch dann, wenn um ihn herum alle spinnen. Aber jetzt bin ich schon wieder in der Laber-Spirale. Schluss jetzt!  May, übernehmen Sie!“

May sah auf die Uhr. Es ging schon auf Mitternacht zu. „Lass uns morgen beim Frühstück weiterreden. Okay?“ Und bevor Elli in eine längere Entschuldigungsrede ausbrach, fügte sie hinzu: „Ich bin dir nicht böse. Du bist meine liebste Freundin. Und was du erzählt hast, hat mir gut getan. Bis morgen.“

10. Gottesgeschenk

Elli war früh wach. Zacki hatte angeboten, Brötchen zu holen und Kaffee zu kochen. „Ruh´ dich aus, meine Liebe! Ich mach das schon.“ Okay. Hochschwanger richtig im Bett zu liegen, ist eine echte Herausforderung. Man ist todmüde – und dann fängt der Zwerg im Bauch das Turnen an. Und wenn er endlich aufhört, turnen die Gedanken durch den Kopf.

In Ellis Gehirn tobte das schlechte Gewissen. Da sucht eine Freundin meine Hilfe, dachte sie. Und ich bin nur mit mir selbst beschäftigt. Zwischen den düsteren Wolken ihrer Schuldgefühle tauchte strahlend Mays Gesicht auf. Ja, wenn jemand göttliche Gaben für die Mutterschaft hat, dann diese junge Frau. Sie ist so warmherzig, so liebevoll und zärtlich. Wenn jemand bei ihr Heimat findet, dann lebt er in einem Stückchen vom Paradies.

Vielleicht, dachte Elli, hat das damit zu tun, dass sie aus ihrer eigenen Heimat weggehen musste. In ein fremdes Land mit einer komplett anderen Kultur. Und sie erinnerte sich an ihren ersten Blickkontakt vor etwa zehn Jahren, als May mit ihrer Mutter in Ellis Gärtnerei gekommen war. Mit zarter Altstimme sprach das Mädchen, in perfektem Deutsch. Sie hatten über Tulpen und Teerosen gesprochen. Diese Stimme wollte sie nun wieder hören. Elli stand auf, zog den Morgenrock an und spazierte ins Esszimmer. „Guten Morgen, May! Sprich!“

„Was“, begann May, „soll ich Jo sagen? Ich glaube fest, dass er der Vater des Kindes ist. Aber mich plagt die Angst. Denn kurz bevor ich ihn kennen lernte, gab es einen anderen Mann, der mir sehr nahe kam. Ein Afrikaner. Spätestens bei der Geburt wird sich also zeigen, von wem ich geschwängert wurde.“ Und Elli fragte nach Mays Beziehung zu Jo. „Für mich ist er das perfekte Gegenüber. Er macht keine großen Worte, hat einen feinen Humor. Und vor allem. Er hält mich aus.“

Elli nickte heftig. „Wenn Du das sagst, dann ist es genauso. Ich schätze deine Fähigkeit zur Menschenkenntnis. Sag‘ Jo: Du bist der Vater unseres Kindes, eines göttlichen Geschenkes!“ Sie tranken einen Hagebuttentee, redeten über Hormontabletten und Kinderbetten. Beim Abschied von May versprachen sie einander, sich auch als Mütter so nahe wie möglich zu bleiben.

Als May anderntags Jo berichtete, dass sie schwanger sei, fragte er gar nicht: von mir? Er nahm sie einfach in den Arm und sprach wie Elli: „Das ist ein göttliches Geschenk!“ Ob die beiden wohl heimlich miteinander  telefoniert hatten? In Mays Kopf folgte sofort die Antwort: „Und wenn, dann hat es nicht geschadet. Aber wahrscheinlicher ist, dass der liebe Gott in beide Köpfe gesendet hat.“

11. Das Du

Je länger ihre Schwangerschaft dauerte, desto besser konnte May nachempfinden, was ihr Elli vor ein paar Monaten erzählt hatte. „Du lernst erkennen, dass sich in deinem Bauch ein Du entwickelt.“  Ein eigenes Wesen rührte sich in ihrem Leib. Und sie begann mit ihm zu sprechen. Mal beruhigend: „Alles ist gut. Sei ganz ruhig!“ mal aufmunternd: Na, wie geht es dir, mein Kleines.“ Und so musste es wohl auch Jo empfinden, wenn er über ihren Bauch streichelte.

Elli und ihr Mann hatten May und Jo neulich mit Hannes besucht. Der war inzwischen fünf Monate alt. Ein aufgewecktes Wesen. Der, so nahmen es seine Eltern, aber auch May und Jo wahr, neugierig und aufmerksam seine Augen und Ohren benutzte. „Schau mal, wie er guckt. Und jetzt … wie er den Kopf dreht … er hört, was wir einander erzählen.“ Verstehen meinte Vater Zacharias werde er noch nicht viel. „Immerhin, wenn ich Hannes sage, dreht er seine Augen zu mir. Jetzt! Ja! Seht ihr es?“ Ja, man konnte erkennen, wie Hannes die Stimmen seiner Eltern wahrnahm.

„Ich bin mir sicher, dass unser Nachwuchs zu den Hochbegabten zählen wird“, stellte Elli fest, „und bei eurem Kind wird es ähnlich sein.“ Jo grinste. „Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Meine Eltern, die promovierte Mutter und der Vater aus uraltem Bildungsbürgertum, haben mich auch ausgehalten. Manchmal haben sie mich zwar als Blödsack beschimpft, aber lieb hatten sie mich trotzdem. Lieben kann man auch einfältige Kerle. May macht es meinen Eltern gerade intensiv nach.“

Zacharias grinste und klopfte Jo auf die Schultern. „Meine Alten haben meinen Namen auf ‚Zacki´   verkürzt, obwohl „zack-zack“ nie meine Qualität war. Und zur Konfirmation haben sie mir den Spruch gewidmet: In der Ruhe liegt die Kraft. Das hat unseren Pastor zu einer sehr witzigen Predigt animiert, in der er ausführte, dass das Wichtigste in einer Familie, einem Verein oder einer Fußball-Mannschaft die Verschiedenheit sei. Das sei schon bei den Aposteln so gewesen. Der ängstliche Kephas habe von Jesus den Spitznamen „der Fels“ (Petrus) erhalten, auf dem man die Kirche bauen könne. Und der später hinzugestoßene Paulus sei geistig wie physisch ein absoluter Wirbelwind gewesen, mehrsprachig und immer unterwegs. Heute würde man bei ihm ADHS diagnostizieren und ihn mit Ritalin abfüllen. Uns hat der Pastor ermuntert, die Bezeichnungen „Nervensäge“ oder „Schlafmütze“ als Kosenamen zu empfinden.“

„Na denn, Prost!“, rief Jo, „Advent, Advent, auf den Nachwuchs, auf Gottes Geschenke! Und uns sollten wir wünschen, dass wir sie lieben, wie sind.“ – „Und sie uns“, rief Elli, Prost Hannes!“ Und das Baby schien tatsächlich zu verstehen. Die Mundwinkel hoben sich zu einem Grinsen.

12. May – wo war die Heimat und wo wird sie sein?

„Kann ich dir helfen? Sag‘ mir, wenn ich was  für euch tun kann.“ Elfriede Daniel legte May den Arm um die Schultern. „Wir freuen uns so sehr, dass du in unser Leben getreten bist und wir demnächst Omi und Opi sein werden. Und für Jo bist du das große Glück.“ Langsam beginnt May, die Sympathiebekundungen Elfriedes als ernstgemeint einzuschätzen. Als sie einander kennen lernten, empfand sie Jo’s Mutter in ihrer Freundlichkeit eher aufdringlich.

Warum nur? Wahrscheinlich, weil sie solches Verhalten bei sich zuhause nie erlebt hatte. Während ihr das beim Kaffee durch den Kopf geht, fragt Elfriede sie prompt: „Deine Eltern – werden wir die mal kennen lernen? Du hast noch gar nix von ihnen erzählt.“ Die Frau hat eine hochsensible Antenne im Gehirn! Tja, irgendwas muss May jetzt sagen. Aber was? Und wie? Sie räuspert sich, hustet, atmet durch. Elfriede hat recht: es geht nicht, dass sie gar nix von Mutti und Vati erzählt.

„Meine Eltern kommen aus Damaskus.“ – „Sind also Syrer?“, fragt Elfriede. „Ja und nein. Sie sind Christen. Aramäer nennt man sie meistens in Europa. „Syrisch“ ist nur ihre Staatsangehörigkeit.“ May berichtet, dass ihre Eltern vor dreißig Jahren aus Syrien „abgehauen“ seien – „auch aus religiösen Gründen. Vor allem aber, weil Vati in Deutschland Pharmazie studieren wollte. Das hat er dann auch getan.“ – „Und erfolgreich?“, will Frau Dr. Daniel wissen? „Ja. Er betreibt eine Apotheke. Und Mutti arbeitet mit. Sie hat eine Lehre als Helferin abgeschlossen.“

Elfriede atmet tief ein: „Spannend, spannend.“ Und genau das ist aus May’s Sicht das Problem. Wenn sie anfängt, die Geschichte ihrer Familie klugen Leuten zu erzählen, dann wollen die immer mehr wissen.  „Und hast du Geschwister?“ Hat sie. „Drei Schwestern. Ich bin die Älteste. Meine Mutti war 17 als sie mit Vati in Deutschland angekommen ist. Die ersten zehn Jahre hatten sie keine Zeit für Familie. Studieren, arbeiten, Geld verdienen, einen Platz zum Leben und für die Apotheke finden.“

„Und wann lernen wir  deine Eltern mal kennen? Und wie heißen sie denn?“ Jetzt muss es raus! „Ich habe den Kontakt zu ihnen fast ganz abgebrochen. Weihnachten und zum Geburtstag kriegen sie Karten – ohne Absender.“ Mays Augen beginnen feucht zu werden. Sch…! Sie kann es nicht verbergen. Und was macht Elfriede? Sie nimmt sie drückt sie an ihre Brust und sagt: „Ich merke, es strengt dich an. Mit schwangeren Frauen sollte man vorsichtig sein. Du erzählst einfach weiter, wenn du Lust dazu hast. So. Was kann denn jetzt von unserem Kaffee-Geschirr noch in die Spülmaschine?“

13. Die miese Dirne

Als May die Tür ihres Appartements öffnet, sieht sie drei große Kartons vor ihrer Nase, darunter zwei Frauenbeine mit aparten Stiefeln. „Hallo May!“, ertönt hinter den Pappkisten Elfriedes Stimme. Gemeinsam schleppen sie die Sachen in den Flur. „Die Newborn-Windeln waren im Sonderangebot. Da dachte ich, schlagen wir mal zu.“ Elfriede lächelt Zustimmung erheischend. „War doch hoffentlich nicht falsch? Sag’s mir. Kann sie sofort umtauschen.“ May schüttelt den Kopf. „Danke dir. Nehme ich gerne.“ Hinter Elfriede taucht Jakob auf. „Hier haben wir noch einen schönen Christstollen aus der Weihnachtsbäckerei für dich und Jo im Rahmen unseres pränatalen Service-Dienstes. Ist völlig gratis!“

Zum Gläschen oder Tässchen muss May die beiden fast nötigen. „Wir wollen dir doch keine Mühe machen“, schnurrt Elfriede. Aber dann setzen sie sich doch „auf ein paar Minuten. Und vielleicht sehen wir ja noch Jo, wenn er von der Arbeit kommt und nicht im Stau steht.“ Jakob mustert den Kalender an der Küchentür. „Am nächsten Sonntag ist schon der 3. Advent. Sag` mal, Elfriede hat erzählt, du seist aramäische Christin. Feiern die auch Weihnachten? Und haben die auch Advent und Geschenke?“

„Ja haben wir“, antwortet May. „Gefeiert wird ein bisschen anders als hierzulande, aber nicht weniger. Hat man mir zumindest erzählt.“ Dann nimmt sie den Faden der letzten Begegnung mit Elfriede auf. „Du hattest mich nach meinen Eltern gefragt. Sie heißen Hanna und  Jojakim. Dass ich mit ihnen wenig Kontakt habe, liegt daran, dass ich von zuhause abgehauen bin, weil sie mich mit einem Kerl verkuppeln wollten, den ich absolut unsympathisch finde.“

Ihre Eltern, erzählt May, empfänden sich zwar als „ziemlich westliche“, liberale Leute. In Sachen „Vermählung der Tochter“, handelten sie aber „absolut gestrig orientalisch, wie in alten Zeiten“. Immerhin habe sie „das erste Date  mit dem Kerl akzeptiert“. Der sei aber so von sich eingenommen gewesen, „dass ich nach einer Stunde in der Bar beschlossen habe: das war`s!“

Als sie es ihren „Alten“ erzählt habe, seien die regelrecht ausgeflippt. Der junge Mann sei ein erfolgreicher Manager aus der Pharma-Branche und habe Vater Jojakim versprochen, ihm bei der Umstrukturierung der Apotheke zu einem modernen „Internet-Pharma-Vertrieb“ zu helfen. „Und du haust uns jetzt den Kopf ab, miese Dirne!“, brüllte Vater Jojakim. Und Mutter Hanna: „Du wirst enterbt, wenn du ihn nicht heiratest, und bist nicht mehr unsere Tochter!“ Daraufhin habe sie beschlossen, noch in der Nacht ihr Elternhaus zu verlassen.

Schweigen am Tisch. Nach einer Minuten atmet Jakob tief durch: „Dann wirst du jetzt unsere Tochter. Egal, ob du Jo heiratest oder nicht.“ – „So ist es“, ergänzt Elfriede. „Aber trotzdem wäre es schön, wenn wir dir helfen könnten, den Familienfrieden wieder herzustellen.“

14. Richtung Frieden

Und wieder liegt May in den frühen Morgenstunden wach. Der Mensch in ihrem Bauch ist auch schon munter. „Lange kann es jetzt nicht mehr dauern“, denkt sie. Alle sagen, sie solle die letzte Phase der Schwangerschaft entspannt durchleben. Kunststück! Wenn es dauernd im Bauch rumort, wenn da drin jemand schon um halb 4 Morgengymnastik macht, wartet man doch schon drauf, dass dieses Ziehen endlich beginnt, das man „Wehen“ nennt.

Wie Elfriede und Jakob gestern auf die Story vom Krach mit ihren Eltern reagiert haben, hat May die ganze Nacht hindurch beschäftigt. Ja, die beiden haben recht: So darf es nicht bleiben. May muss einen neuen Weg zu Hanna und Jojakim finden. Schließlich werden auch die Großeltern. Und sie fände es wirklich gut, wenn sie Jos Eltern kennen lernen würden.

Zwar hat auch Jo schon erzählt, dass er unter Jakobs blöden Witzen und der schnippischen Besserwisserei von Dr. Elfriede als Kind gelitten habe. Nie seien seine Zeugnisse gut genug gewesen. Seine Mama habe ihn von einem Psychologen zum nächsten geschleppt, um herauszufinden, warum der junge seine „intellektuellen Möglichkeiten nicht nutzen“ könne. „Ich hatte immer das Gefühl, ich sei behindert oder einfach nicht gut genug. Und als ich dann beschlossen habe, eine Lehre in der Zimmerei von Onkel Manfred zu machen, war beider Eltern Reaktion: Naja, wenn es dir gut tut!“ Geändert habe sich das eigentlich erst, als Onkel Manfred ihnen mitgeteilt habe, Jo sei so fit, dass er beschlossen habe ihm die Werkstatt zu vererben, ja schon zu Lebzeiten zu schenken.“ Da hätten Vater und Mutter signalisiert: „Du kannst offenbar doch etwas. Auch wenn es etwas anderes ist, als wir erhofft und uns gewünscht haben.“

May hatte zuhause nie einen Bildungsanspruch erfüllen müssen. „Ich war die Magd. Wenn Mama aus der Apotheke kam, hat sie sofort gebrüllt: Warum hast du nicht gebügelt, nicht abgewaschen, im Garten kein Unkraut gejätet? Du hast wieder nur faul rumgelegen!“ Im Hause dieser Familie war immer Stress. Aber wahrscheinlich, denkt May, während sie sanft auf ihren Bauch klopft, war die Anspannung für die Eltern, eine neue Heimat zu finden und sich dort einzurichten so groß, dass sie selbst sehr gelitten haben. Und das haben sie dann weitergegeben. Vor allem an May, ihre älteste Tochter.

„Ich werde ihnen etwas zu Weihnachten schenken und versuchen, mit ihnen ins Reine zu kommen. Und Elfriedes Angebot, mir dabei zu helfen, werde ich wahrscheinlich nutzen.“

15. Hallo, hier ist May

„Ja, bitte“, dröhnt die vertraute Stimme aus dem Smartphone. „Ja, Hallo. Hier ist May“, antwortet sie. „Maaayyyy!“ brüllt Mutter Hanna. „Maaayyy! Jojakim! May ruft an! Hallo!“ – „Ja, ich bin’s. Wollt‘ mal wissen, wie es Euch geht.“ – „Das willst du wirklich wissen? Weil bald Weihnachten ist? Weil du dich entschuldigen willst? Hä?“

May schweigt. „Hallo! Hööörst duuu miiich?“, ruft Hanna. Ja, sie hört. Sie möchte den Eltern etwas mitteilen. Persönlich. Aber ohne Krach und Streit. Hanna gibt das Phone an Jojakim weiter. „Du willst nach Hause kommen?“, fragt der. „Ja, aber nur zu Besuch. Und in Frieden.“ Schweigen.

„Okay, wir werden uns bemühen. Und du dich auch“, antwortet Vati. Sie hätte gerne jemanden mitgebracht, sagt May. „Kannst du. Wir sind gespannt. Wann kommst du, äh, ihr? Noch vor Weihnachten?“ Ja, am liebsten übermorgen. Am 3. Advent. Die Eltern akzeptieren.

Elfriede, die das Telefonat aufmerksam verfolgt hat, nickt zustimmend. „Das ist doch super. Wie weit ist das denn von hier aus? Wir fahren mit unserem Auto.“ May kalkuliert drei bis vier Stunden, „Is ne ganze Ecke.“ Elfriede findet das überhaupt nicht schlimm. Dann können wir uns ein bisschen vorbereiten. Jo und Jakob setzen wir hinten rein. Jo wird wahrscheinlich sowieso die Kopfhörer auf haben und seine komischen Hits hören. Macht er ja immer. Und Jakob gebe ich mein Tablet, dann kann er Sudoku, Solitaire oder was weiß ich spielen und hält die Klappe.“

Elfriede schaut auf die Uhr. „Oooh, schon so spät. Ich habe um drei noch eine Konferenz. Jetzt musst du ganz allein den Tisch abräumen. Schaffst du das? Wenn nicht, lass das Zeug auf dem Tisch stehen. Du kannst gerne noch hier bleiben. Auf dem Sofa links neben dir liegt man ganz gut.“ Elfriede ergänzt mit dem sonnigen Lächeln, das May nie mehr vermissen möchte: „Weiß ich genau. Denn ich habe das Teil vor 25 Jahren hochschwanger mit Jo von Jakobs Patentante geschenkt bekommen und intensiv ausprobiert.“

May betrachtet das Sofa. „Ist eine Antiquität“, ergänzt Elfriede. „Über 200 Jahre alt. Soll schon Goethe drauf gesessen haben. Die Daniels sind wohl weitläufig mit ihm verwandt. Muss dich aber nicht stören. Ruh Dich aus! Und wenn du gehen willst, bevor Jakob oder ich wieder da sind, ziehst du einfach die Türe zu.“ Während Elfriede ihren Ledermantel anzieht, fällt ihr noch ein: „Ähh, ich habe übrigens die Apotheke deines Vati gegoogelt. Ist auch ein Foto von ihm zu sehen. Wenn Jojakim nur halb so chic und sympathisch ist, wie er da rüberkommt, muss unser Treffen sehr angenehm werden.“

Die Adventskalendergeschichte zum Hören und Sehen gibt's übrigens hier: adventskalender.evangelisch.de

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