Angie Thomas über Trump, Polizeigewalt und ihren Debütroman "The Hate U Give"

„Wo gehöre ich hin?“
Angie Thomas, 30, lebt in Jackson, Missisippi

Angie Thomas, 30, lebt in Jackson, Missisippi. Ihr Debüt "The Hate U Give" schaffte es auf Platz eins der "New York Times"- Bestsellerliste

Nina Robinson

Ein weißer Polizist erschießt einen unschuldigen schwarzen Jugendlichen und wird freigesprochen. Im Auto neben dem Ermordeten saß das schwarze Mädchen Starr – 
von ihr handelt der fulminante Jugendroman der Autorin Angie Thomas

chrismon: In Ihrem Debut „The Hate UGive“ erschießt ein weißer Polizist einen schwarzen Teenager. Mussten Sie so einen Mord in Ihrem Umfeld erleben?

Angie Thomas: Merkwürdigerweise erst, als das Buch fast fertig war. Kurz bevor es erschien, wurde in Los Angeles ein Cousin von mir von einem weißen Polizisten er­schossen. Aber ich habe immer wieder im Fernsehen ge­
sehen, wie das passiert. Und die jungen Männer und Frauen, um die es da ging, haben mich nicht nur an Menschen in meinem Leben erinnert, sondern auch an mich selbst.

Und davon wollten Sie erzählen.

Ja, ich wollte zeigen, dass hinter den Nachrichten Menschen stehen. Und was das für sie bedeutet.

Was bedeutet es für Afroamerikaner, wenn jemand ­Unschuldiges aus ihren Reihen erschossen wird und die weißen Polizisten freigesprochen werden?

In den USA ist das ein großes politisches Thema, aber für uns ist es ganz persönlich. Es fühlt sich so an, als sei unser Leben nicht viel wert. Gerade eben ist wieder ein Polizist in St. Louis freigesprochen worden, der 2011 einen 24-­jährigen Afroamerikaner erschossen hat. Es existieren sogar Sprachaufnahmen, in denen der Beamte deutlich sagt, dass er den jungen Mann töten würde. Und noch nicht einmal das reicht, ihn zu verurteilen. Die Botschaft an uns lautet: Unser Rechtssystem gilt nicht für uns. Das macht uns wütend und verletzt uns. Zumal das ja auch eine lange Geschichte in Amerika hat – angefangen bei der Sklaverei bis hin zur Bürgerrechtsbewegung und ­systemischem Rassismus. Und dann gibt es auch noch Politiker, die sagen, die Opfer hätten selbst Schuld, und ergreifen Partei für die Polizisten. Das heißt doch dann: Es ist niemand auf unserer Seite. Dann kocht die Wut hoch, und wieder ist eine Stadt in Schutt und Asche. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

Wie sollte sich die Polizei denn in Gegenden mit viel ­Gewalt auf der Straße verhalten?

Polizisten sollten dort, wo sie arbeiten, bessere Beziehungen aufbauen. Nicht zuletzt bezahlen wir sie mit unseren Steuern. Es ist ganz einfach ihre Aufgabe, für alle da zu sein. Sie sollten nicht ihre Arbeitszeit absitzen, sondern sich da einbringen, wo sie arbeiten. Beide Seiten würden von mehr Vertrauen profitieren. Und natürlich sollten sie auch nicht versuchen, es zu vertuschen, wenn sie geschossen haben, oder sich gar selbst noch als Opfer darstellen. Dann könnte sich etwas ändern.

Angie Thomas

Angie Thomas, geboren 1987, lebt in Jackson Mississippi. Thomas hat einen Bachelor-Abschluss im Fach kreatives Schreiben an der Belhaven Universität. Ihr Debüt „The Hate U Give“ erntete ein großes Presse- und Leserecho und schaffte es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste. Sie sagt: „In meinem nächsten Buch wird es um Hip-Hop gehen. Um ein 16jähriges obdachloses Mädchen, dass seine Kraft und seine Stimme über Hip Hop findet.“

Wie ist die Situation seit der Wahl von Donald Trump?

Ich war nicht überrascht, dass er gewählt worden ist. Ich wusste, dass viele Leute sich darüber aufgeregt haben, dass zwei Mal hintereinander ein schwarzer Präsident an der Macht war. Aber Kinder werden jetzt immer er­fahren, dass Afroamerikaner genauso gut Präsidenten werden können wie Weiße. Ich werde nie vergessen, wie meine 90-jährige Großmutter geweint hat, als Obama gewählt wurde.

Und wie ist die Stimmung jetzt?

Hoffnung macht mir, dass die Menschen sich besser informieren, dass sie sich interessieren und einmischen. Vor Trump waren die meisten Amerikaner politisch passiv. Sie haben höchstens gewählt. Jetzt sagen sie ihre Meinung, protestieren, rufen ihre Kongressabgeordneten an. Schwarze und Weiße. Viele wehren sich gegen Trumps Politik. ­
Er spürt den Gegenwind, weil wir ihm ins Gesicht blasen. Offensichtlich haben sie das Gefühl, dass sie den Dingen nicht mehr einfach ihren Lauf lassen können. Das ist gut.

Der „Guardian“ schreibt, 2015 seien fünfmal so viele schwarze junge Männer erschossen worden wie weiße.

Ja, an den Zahlen hat sich leider nicht viel geändert. Aber durch die sozialen Medien dringt immer mehr an die ­Öffentlichkeit. Und das ist gut.

Der Titel Ihres Buches lautet „The Hate U Give“. Was ­bedeutet das?

Das ist ein Rapsong von Tupac Shakur. Ein Rapper, ­
der vor ungefähr 20 Jahren gestorben ist. Sein Song „Thug Life“ ist ein Akronym für „The hate you give little infants fucks everybody“ – „Der Hass, den du kleinen Kindern einimpfst, macht alle kaputt“. Der Song ist 1992 nach bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Los Angeles entstanden, nachdem die weißen Polizisten, die Rodney King 1991 halb tot­geprügelt hatten, freigesprochen wurden. Und er bezieht sich auf den ebenfalls 1991 begangenen Mord an der 15-jährigen schwarzen Schülerin Latasha Harlins. Eine Ladenbesitzerin hatte sie erschossen, weil sie eine Flasche Orangensaft klauen wollte. Der Rapper Tupac sagte damals, der Hass habe halb Los Angeles zerstört.

Und in Ihrem Buch?

Auch da brennt schließlich das Viertel, aus dem Khalil – der junge Afroamerikaner, der erschossen wird – stammt. Thug, also der Hass, den du kleinen Kindern ein­impfst, hat Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft und darauf, wie wir Kinder und Jugendliche behandeln. Ein „thug” ist im Übrigen auch das Wort für „Tunichtgut“ oder „Gauner“. Oft bezieht man es auf junge schwarze Männer, die getötet werden. Ich wollte diesem Wort eine neue Bedeutung geben. Khalil ist kein schlechter Junge, im Gegenteil. Aber in den Medien wird er sofort als Dealer abgestempelt.  

Die eigentliche Heldin des Buches ist die 16-jährige Starr, die neben Khalil im Auto sitzt, als er erschossen wird. In welcher Weise ähnelt sie Ihnen?

Wie Starr komme ich aus einer armen schwarzen Gegend – aus Jackson in Mississippi – und bin auf eine noble Privatschule gegangen. Wie Starr habe ich also die Erfahrung gemacht, in zwei Welten zu leben, die sehr verschieden sind. Immer wieder habe ich mich gefragt: Wer bin ich wirklich 
und wo gehöre ich hin? Außerdem bin ich, genau wie meine 
Hauptfigur, sehr stark in meiner Familie verwurzelt. ­Außer dass mein Vater oft abwesend war. Aber meine Mutter und meine Großmutter haben mir alles gegeben.

Das klingt so, als ob die beiden Ihre Heldinnen in der Wirklichkeit sind.

Unbedingt. Wir hatten nicht viel Geld, und meine Mutter wusste manchmal nicht, wie sie die Rechnungen be­zahlen sollte. Aber sie war immer für mich da und hat mich auch vor vielem geschützt. Es gab keinen Ku-Klux-Klan in ­unserer Gegend, dafür aber Dealer, Kriminaliät und Bandengewalt. Und als meine Großmutter mit Alzheimer bettlägerig wurde, hat meine Mutter ihren Job aufgegeben und sie gepflegt. Und gleichzeitig mich aufgezogen und den Haushalt geschmissen. Mit Erfolg. Ich habe gesehen, was das bedeutet.

 Ein Demonstrant gegen Polizeigewalt gerät vor dem Hauptquartier in Baton Rouge, Louisiana, selbst ins VisierREUTERS/Jonathan Bachman

Warum fällt es Starr so schwer, sich selbst zu finden?

Sie versucht herauszufinden: Bin ich die Starr aus dem Ghetto, oder bin ich die Starr aus der weißen Privatschule? Bin ich die Starr mit der richtigen Turnschuhmarke, oder bin ich die Starr, die gerne mit ihrem weißen Boyfriend ­herumalbert? Jeder Teenager versucht herauszufinden, wer er oder sie ist. Aber für dieses schwarze Mädchen ist es komplizierter. Im Lauf des Buchs wird ihr klar, dass sie ein bisschen von beidem ist und dass das okay ist. Schwarze Kids in Amerika denken schnell, wenn ich diese Art von Musik mag oder so und so spreche, bin ich nicht schwarz genug. Ich sage ihnen dann: Deine Musik und deine Art zu sprechen definieren dich nicht. Du definierst dich selbst. Diese Erfahrung macht auch Starr. Sie wird immer mehr sie selbst.

Hatten Sie mal einen weißen Boyfriend?

(Lacht) Nein, aber ich war nah dran. Und ich habe keine Angst davor. Ich diskriminiere niemanden.

Warum haben Sie Starr einen weißen Boyfriend gegeben?

Aus verschiedenen Gründen: Ich wollte zeigen, was ein guter Verbündeter ist. Starrs Freund Chris wird das für sie. Der erste Schritt dazu ist zuzuhören. Der nächste Schritt ist, nicht farbenblind zu sein. Chris sagt, deine Hautfarbe interessiert mich nicht, du interessierst mich. Aber Starr macht ihm klar, dass die Welt sie nach ihrer Hautfarbe ­beurteilt und dass er darauf vorbereitet sein muss. Nehmen Sie mich: Es ist nichts Falsches daran, in mir eine schwarze Frau zu sehen. Die Frage ist dann nur: Was bedeutet das für Sie? Dass ich die Unterlegene bin?

Welche Bedeutung hat die Liebe in Ihrem Buch?

Ich wollte zeigen, wie diese beiden Kids mit total unterschiedlichem Hintergrund sich wirklich umeinander kümmern und sich lieben. Diese Liebe übersteht sogar den Mord an einem schwarzen Jungen! Letztlich geht es in diesem Buch um Rasse. Auch auf die Gefahr hin, kitschig zu klingen: Liebe ist stark und kann Hindernisse überwinden. Wir sollten alle mehr davon in die Welt bringen.

Warum ist Starrs Onkel ein Polizist?

Polizist zu sein ist ja nichts Schlechtes. In meiner Familie gibt es Polizisten. Ich wollte zeigen, was ein guter Cop ist. Meine Verwandten haben mir erzählt, dass schwarze Polizisten in der schwarzen Community oft als Verräter gelten. Ich wollte zeigen, wie das für sie ist, wenn so ein Mord passiert. Und mich so auch bei ihnen für ihre Arbeit bedanken.

"Es gibt 
mehr 
Bücher über Tiere und 
Traktoren 
als über schwarze Kinder"

Starr entwickelt sich im Lauf des Buches immer mehr zu einer Aktivistin, bis sie schließlich sogar vor ein Mikrofon tritt. Warum ist es wichtig, den Mund aufzumachen?

Starr ist in ihrer Familie geborgen und überwindet nach und nach ihre Angst, öffentlich die Wahrheit zu sagen. Viele junge Leute machen sich nicht klar, welche Macht sie haben. Ganze Industriezweige reißen sich um sie. Wenn wir wirklich wollen, dass Rassismus verschwindet, müssen 
wir uns dagegen wehren. Dasselbe gilt für Armut. Dafür müssen wir nicht unbedingt auf die Straße gehen oder in den sozialen Medien etwas posten. Auch Literatur ist eine Form von Aktivismus. Kunst ist eine Form von Aktivismus. Ja, ich will einfach glauben, dass sich etwas ver­ändern lässt.

Engagieren Sie sich in einer schwarzen Bewegung?

Nein, ich engagiere mich laut und deutlich für die­ „Diversity in Children’s Literature“-Bewegung. Das finde ich sehr wichtig. Kindern nicht nur einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich selbst sehen können, sondern ihnen auch ein Fenster zu anderen zu öffnen. So kann Em­pathie ent­stehen. Studien belegen, dass es mehr Bücher über Tiere und Traktoren gibt als über schwarze Kinder. Das gilt auch für asiatische Kinder. Das müssen wir ändern. Schwarze und asiatische Kinder sollen sich in der Buchhandlung ­wiederfinden. Und weiße Kinder sollen auch nach diesen Büchern greifen können.

Greifen weiße Teenager nach „The Hate U Give“?

Und wie. Viele sagen: „It is so empowering“ – also, es macht Mut, zu sich selbst zu stehen. Starrs Geschichte ­
erzählt von Schwarz und Weiß in Amerika, hat aber gleichzeitig auch etwas Universelles. Jeder, der sich schon einmal irgendwo „anders“ gefühlt hat, kann etwas damit anfangen: Immigranten, Frauen in männerdominierter Umgebung, Au-pair-Mädchen. Es gibt viele Beispiele. Mein Buch ist in Amerika in der 17. Auflage und hat sich schon hundertausendmal verkauft.

Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Schon als kleines Mädchen habe ich die Geschichten ­weitererzählt und umformuliert, die mir meine Mutter vorgelesen hat. Als Teenager habe ich gerappt und fand mich irre cool. So konnte ich aber auch Geschichten erzählen – nur dass ein Song nicht so lang sein darf und Rap-Geschichten deshalb kurz sind. Aber man lernt beim Rappen viel über Wörter, Rhythmus und den Satzfluss. Das hat meine Artzu schreiben bis heute geprägt.

"Einschüchtern lasse ich mich nicht"

Wer hat Sie ermutigt weiterzumachen?

In meinem letzten Highschooljahr habe ich Fan-Fiction ­geschrieben und Soap-Operas im Netz weitergedichtet. Dafür bekamich viel Zuspruch von Leserinnen. Deshalb habe ich „Creative Writing“ studiert. Es gibt zwar viele schwarze Autoren und Autorinnen, aber sie kamen in meinem Umfeld nicht vor. Da fehlte es mir leider an Vorbildern.

Jetzt wird Ihr Buch sogar verfilmt. Haben Sie Angst vor Drohungen aus der rechten Ecke?

Bis jetzt ist nichts passiert. Mein Buch ist ja das Gegenteil von aggressiv, es wirbt um Verständnis. Aber vielleicht kommt das noch auf mich zu, wenn der Film nächstes Jahr in die Kinos kommt. Ich hoffe nicht. Aber einschüchtern lasse ich mich nicht. 

Was sagt Ihre Mutter zu Ihrem Erfolg?

Sie ist mein größter Cheerleader. Sie macht mir Mut und treibt mich an. Und sie wirbt für mein Buch, besser als ­jeder andere. Zum Beispiel spricht sie in der Buchhandlung total fremde Leute an und sagt: „Schönes Wetter ­heute. Ich hoffe, dass auch so gutes Wetter ist, wenn der Film zum Buch meiner Tochter herauskommt.“ Wirklich, mein Verleger sollte sie anstellen.

Produktinfo

Angie C. Thomas: The Hate U Give. cbt, 512 Seiten, 17,99 Euro

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