Psychisch krank: Hilfe in der Diakonie auf dem Land

Herr Schuck blüht auf
Phsychisch kranke Menschen finden Hilfe im Teilhabezentrum Niederbiel

Der Garten: seine Leidenschaft. Aber immer nur allein zu sein, tut nicht gut, das weiß er jetzt

Sandra Schildwächter

Haselnüsse ernten, Fisch braten, Bogenschießen – das hilft Thomas Schuck, aus der Isolation zu finden. In die manövriert er sich selbst, er ist psychisch krank. Unterstützung findet er bei den Mitarbeitern des Teilhabezentrums Niederbiel.

Gleich kommen Gäste. Thomas Schuck* trägt Einweghandschuhe, er schnippelt Kräuter, wendet Seelachsstücke in Ei und Mehl und brät sie an. Es riecht nach frischem Dill. Wieviel Liter fasst der große Topf?, will er wissen. – Ungefähr 15 Liter. – Ungefähr? Keine gute Antwort für Schuck. Er nimmt sich einen Taschenrechner und bestimmt das exakte Volumen. Ich bin ein Kontroll­freak, sagt er, die kurzen grauen Haare akkurat rasiert.

Kontrolle, ein Plan, der Überblick – all das ist wichtig für Thomas Schuck, 53 Jahre alt. Er hat eine schizoide Persönlichkeitsstörung. „Schizoid“ bedeutet spaltungsähnlich. ­­Bei Schizophrenen teilt sich die Persönlichkeit auf. Bei Schizoiden trennt sich das Fühlen vom Denken ab, sie­ haben keine Anfälle oder Psychosen, sie isolieren sich, weil sie Kontakte zu anderen Menschen kaum aushalten können.

Bei Schuck ist es so: Logisches Denken fällt ihm leicht. Doch Gefühle und Menschen sind nichts für ihn. Sich zu unterhalten und soziale Erwartungen zu erfüllen, setzte ihn schon als jungen Mann unter Druck, erzählt er. Er hatte keine Freunde, zeigte keine Emotionen. Ein Chemie­studium brach er ab, er begann, Taxi zu fahren, oberflächliche Begegnungen bekam er hin.

Über psychische Krankheiten spricht man auf dem Dorf nicht

Jeden Dienstag kocht Schuck nun für den offenen ­Mittagstisch des Teilhabezentrums Niederbiel, mal gibt es Pizza, mal frisches Hühnchen. Der Tisch ist groß, wenn ­sie zusammenrücken, passen 20 Leute dran. Die Gäste ­kommen aus der mittelhessischen Gemeinde mit 2300 Einwohnern. Die Idee dahinter: Psychisch kranke Menschen finden Hilfe; sie treffen auf Nachbarn; die bauen Vorurteile ab; alle profitieren voneinander. Inklusion. Fünf ­Modellstandorte gibt es in Deutschland, Niederbiel bei Wetzlar ist einer davon. Die Sozialarbeiterin Lea Glaubrecht, 34, zupackend und fröhlich, kümmert sich hier um Thomas Schuck und zwei andere Klienten.

Die Diakonie Lahn-Dill und der Verein Soziale Inklu­sion aus Wetzlar sind die Träger des Zentrums. Psychisch kranke Menschen können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, das ist gut. Aber den Leuten vor Ort muss man ein bisschen Nachhilfe geben: Auf dem Dorf spricht man nicht über psychische Krankheiten. Lea Glaubrecht weiß das, sie ist hier aufgewachsen. „Wir sind Nachbarn. Alle“ steht auf einer Postkarte, ­die sie ins Fenster ihres Büros geklebt hat. Sie findet: ­Ge­rade auf dem Land kenne jeder jeden, aber oft kümmere sich trotzdem niemand um die „Menschen mit Besonderheiten“. Dabei gibt es doch überall einen Sozialpsychia­trischen Dienst, den man rufen kann!

 Thomas Schucks verstorbene Frau Maria. "Sie war, wir waren so glücklich", sagt erSandra Schildwächter

Eine genetische Veranlagung und eine traumatische Erfahrung, abgelehnt zu werden, können zu einer solchen tiefgehenden Kontaktstörung führen, wie Thomas Schuck sie hat. Er erinnert sich an einen Tag im Herbst 1972, als er für seine Mutter einen Brief zur Post bringen soll. Der sei ans Kinderheim, er sei ein böses Kind, sie ließen ihn bald abholen, sagt sie. Er ist acht Jahre alt und hat schreckliche Angst. Immer wieder fragt er sich, ob das Heim wohl schon geantwortet hat. Die Eltern heben die Drohung nicht auf. Das tut ihm weh. Er baut eine imaginäre Mauer um sich herum, nichts dringt mehr zu ihm durch. Er zeichnet mit den Händen eine waagrechte Linie in die Luft. Keine Höhen, keine Tiefen, nach außen scheint er gleichgültig.

Von dieser Mauer spricht er oft, ein Bild, das für ihn Sicherheit bedeutet. Aber auch Isolation. Bei einem Vortrag über psychische Erkrankungen, den er aus Interesse besuchte, ging es um die schizoide Persönlichkeitsstörung. Thomas Schuck stellte fest: Das bin ja ich. Er fragte den Professor, ob die Krankheit heilbar sei. „Da kann man fast nichts machen“, antwortete der. Thomas Schuck war um die 30, seine Mauer wuchs.

Dann trifft er Maria

Bei einer Taxifahrt im September 2000 steigt eine blinde junge Frau zu. Maria*. Als er sie kurze Zeit später noch einmal fährt, lädt er sie zum Essen ein. Viele Treffen folgen. Schnell fällt Maria auf, dass Thomas Schuck andere Menschen meidet. Das klingt für sie nicht dramatisch, schränkt sein Leben aber extrem ein.

Dann kann er nicht mehr arbeiten, hält die Kontakte mit den Kollegen nicht aus. Sie heiraten. Sein Radius: Maria, das Haus und der Garten. Andere Menschen sind „Feinde“, die ihm was Böses wollen.

Sie ergänzen sich. Er macht das Rationale, Verwaltung und Geld, sie kümmert sich um Gefühle und Freunde, schickt ihren Mann in die Selbsthilfegruppe. Auf Marias Drängen hin lässt er sich vom Versorgungsamt die Einschränkung bestätigen, ein Behinderungsgrad von 30.

Sie ziehen in ein rotes Häuschen, am Zaun hängen ein buntes Windrad, Plastikrosen und ein Schild mit zwei Gänsen: „Herzlich willkommen“. Manchmal schleicht ein Fuchs herum und zerbeißt die Gartenschuhe.

Aber Maria ist auch krank

Neben der Tür in Thomas Schucks Wohnzimmer ­hängen Bilder von Maria: Ein Foto, das wie eine Zeichnung aussieht – ihr erstes Weihnachtsgeschenk an ihn. Maria vor einer Sandskulptur in Portugal vergangenes Jahr. Sie war, wir waren so glücklich da, sagt er. Mit ihr hat er gelernt, Emotionen zu zeigen, Menschen zu be­gegnen und Freundschaften zu schätzen; mühsam war das. Aber Maria ist krank, viel schlimmer als er. Am 20. Juni 2017 stürzt Schucks Welt ein. Maria ist tot, sie hat sich das ­Leben genommen während einer schweren Depression.

Eine Rutsche nach ganz unten nennt Thomas Schuck die Wochen danach. Wolfgang Muy von der Diakonie Lahn-Dill, den er von der Selbsthilfegruppe kennt, ruft an. Ob er reden wolle? Früher hätte Schuck abgelehnt. Aber an dem Tag sagt er zu. Er war grenzgängig, sagt Muy heute. Was er meint: Thomas Schuck habe überlegt, sein Leben zu beenden. Nach dem Gespräch hat Schuck wieder ­eine Aussicht, das neue Teilhabezentrumin Niederbiel, da ­könne er ein paar Tage in der Woche hingehen.

 Mit seiner Frau träumte Thomas Schuck von einem Restaurant. Nun kocht er für andereSandra Schildwächter

Jeder aus dem Dorf darf das Zentrum nutzen, damit möglichst viele alltägliche Berührungspunkte mit den psychisch Kranken entstehen. Was interessiert die Leute hier? Was brauchen sie? Im unteren Stockwerk liegt das Spielzeug der Krabbelgruppe neben den Nähmaschinen vom Nähtreff. Im großen Saal steht eine Tafel mit einem Bilder-Abc für die Deutschkurse. Ein Dorfcafé für Ge­flüchtete und Ehrenamtliche öffnet immer donnerstags. Noch sind die Leute aus dem Ort skeptisch, doch ein paar wenige kommen.

Gespräche zwischen Tür und Angel, sich in andere hineinversetzen – dem weicht Thomas Schuck normalerweise aus. Aber er weiß, wie wichtig das ist. In Niederbiel kann er sich dem nicht entziehen. Jeden Morgen bei einer Tasse Kaffee fragt Lea Glaubrecht ihn: Wie geht es Ihnen heute? Thomas Schuck erzählt kurz, dass er gestern Abend beim Bogenschießen war, kommt dann aber schnell auf die Essensplanung für die nächste Woche zu sprechen. Champignonsuppe, Pasta mit Spinat . . .

Thomas Schuck lernt, nicht mehr wie früher nur für sich und seine Frau zu denken: Gestern ist Nachtisch übrig geblieben – ich dachte, Sie würden gerne probieren, sagt er und stellt Monika Gottwald ein Tellerchen mit karamellisierten Nüssen hin.

Herr Schuck hat sich beworben

Monika Gottwald arbeitet halbtags im Zentrum, sie war selbst psychisch krank und hat eine Weiterbildung zur Genesungsbegleiterin gemacht. Die macht Schuck jetzt auch. In seinem Kurs sind sie zu elft, sie lernen, aus dem, was sie selbst erlebt haben, Tipps für andere Betroffene abzuleiten.

Wie ist das eigentlich mit der Bewerbung? Monika Gottwald beantwortet in aller Ruhe seine Fragen zum Praktikum, das er für die Ausbildung machen möchte. Er hat sich in einer Klinik beworben, aber noch nichts gehört. Am besten nochmal anrufen, rät sie. Ex-In heißt diese Art zu arbeiten. Das steht für Experienced Involvement – man bringt seine persönliche Erfahrung in die Beratung mit ein. Für Menschen mit psychischer Erkrankung ist das ein Weg, wieder einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Birte Mensing

Birte Mensing, 23, Autorin, hat sich über die ­Kartoffeln und den frischen Mais gefreut, die ­Thomas Schuck bei ihrem Besuch geerntet und ihr mitgegeben hat.
Manoel Eisenbacher

Sandra Schildwächter

Die Fotografin Sandra Schildwächter, 25, 
weiß nun, wie wichtig es ist, Hilfe auch annehmen zu können. Aus den Kartoffeln hat sie Gnocchi in 
Salbei-Zitronensoße gekocht.
Privat

Wenn Thomas Schuck nicht im Zentrum ist, ist er meist in seinem Garten, Beete voller Möhren, Salat, Bohnen und Kartoffeln. Er erzählt von schwarzen Himbeeren, die er dort züchtet. Er baut so viel Gemüse an, dass er sich und seine Frau nahezu selbst versorgen konnte.

Schuck, in Gummistiefeln und Arbeitshose, trägt um den Hals eine Kette mit einem kleinen Halbmondan­hänger. Sehen Sie das?, fragt er. Linien eines Fingerabdrucks zeichnen sich auf der Oberfläche ab. Der Fingerabdruck von Maria. Wäre sie nicht gewesen, dann ginge es mir jetzt viel schlechter, sagt er. Ich würde irgendwo isoliert leben, vielleicht wäre ich obdachlos. Stille. Tränen sammeln sich in seinen Augen. Er verschwindet kurz im selbstgebauten Gartenhäuschen; Nase putzen.

Nach acht Jahren Psychotherapie sagt Thomas Schuck: Ich bin mir sicher, mein Vater hatte dieselbe Krankheit. Der Vater war Kranführer, der kleine Thomas für ihn ein unnützer Fresser. Zum Glück ist er gestorben, als ich 18 war, sagt Schuck. Zu seiner Mutter, 83 Jahre alt, hat er kaum Kontakt. Sie sehe nicht ein, dass sie vielleicht nicht alles richtig gemacht habe.

Als Kind las er eine Geschichte von einem Garten, in dem alles wächst. Ein kleines Paradies, umgeben von einer hohen Mauer. So was Schönes, dachte er damals.

 Wenn sie zusammenrücken, passen 20 Personen an den offenen Mittagstisch im Teilhabezentrum NiederbielSandra Schildwächter

Wieder diese Mauer. Lea Glaubrecht versucht, sie mit ihm zusammen abzutragen. Stein für Stein soll ein Weg ent­stehen, der ihn zu anderen Menschen führt. Auf seinem „integrierten Behandlungs-/Rehabilitationsplan“ stehen Ziele für die kommende Zeit, darunter: in seinem Haus bleiben können; Trauerbewältigung; das Leben neu ordnen.

Für Schuck ist die Tagesstätte ein Puffer, bevor er wieder allein klarkommt. Montags bis donnerstags ist er hier, immer von zehn bis 14 Uhr. Er erzählt viel, blickt zurück, verarbeitet. Und niemand guckt komisch, wenn er sagt: Ich wollte Freunde, aber ich konnte einfach nicht locker reagieren. Was er unbedingt noch wissen will, ist, wie viel Geld er monatlich zur Verfügung haben wird, jetzt, wo die Grundsicherung seiner Frau wegfällt.

Ich bekomme hier etwas angeboten und kann das wahrnehmen, was ich will, sagt Schuck. Zu Hause wäre er nie auf die Idee gekommen, sich über eine Weiter­bildung zu informieren. Daran, dass er gerne für sich bleibt, hat sich nichts geändert, sagt er. Aber er weiß: Allein sein tut ihm nicht gut. Und wenn ihn Frau Glaubrecht direkt fragt, ob er Lust hat auf einen Kurs oder Bogenschießen, dann sagt er jetzt öfter einfach mal: Ja.

Spazieren gehen, Unkrat jäten, Hof fegen

Er sagt: Wenn jemand etwas von mir erwartet, ­blockiert mein Hirn. Er soll lernen, damit umzugehen, daher baut Lea Glaubrecht kleine Hürden ein. Es ist nicht schlimm, wenn das Essen ein bisschen später fertig wird.

Jeder soll hier machen, was ihm Spaß macht, manchmal ist das einfach nur ein Spaziergang. Während einer 
der anderen Klienten im Garten Unkraut jätet, das ­Kräuter­beet gießt und den Hof fegt, bleibt Thomas Schuck in der Küche. Der Fisch zerfällt in der Pfanne. Kein ­Problem! Einfach improvisieren. „Schmeckt wieder sehr ­gut, Herr Schuck“, sagt Lea Glaubrecht. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Gleichgültig gegenüber Lob ist er nicht mehr.

 Lea Glaubrecht arbeitet daran, dass sich keiner von psychischen Krankheiten schrecken lässtSandra Schildwächter

Heute haben viele abgesagt, die sich angemeldet hatten. Auch Joachim Lutz, der ein Reisebüro im Nachbarort ­leitet. Seit ihn Lea Glaubrecht eingeladen hat, kommt er oft zum Mittagstisch. Unter der Woche mit seiner Frau essen, ohne selbst kochen zu müssen, findet er super, erzählt er später am Telefon. Und das für zwei Euro fünfzig. Er unterhalte sich gerne mit Thomas Schuck. Man merke keinen Unterschied zwischen Kranken und Gesunden.

Dennoch: Das Zentrum muss noch besser angenommen werden. Eigentlich sollten statt drei schon neun Klienten betreut werden und die offenen Angebote weiter ausgebaut sein. Viele Leute fürchteten, dass sie irgendwann selbst betroffen sein könnten, erklärt sich Lea Glaubrecht die Zurückhaltung der Niederbieler.

Die wollen Thomas Schuck und Monika Gottwald ­aufbrechen, sie planen eine Kochvorführung. Damit die Leute merken, dass es schmeckt. Und damit sie keine Angst haben, herzukommen. Mit seiner Frau hat er immer von einem Restaurant geträumt. Nun kocht er für andere. Lea Glaubrecht findet: Herr Schuck blüht auf.

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