Theologin über würdevolles Sterben im Pflegeheim

„Es ist alles 
gut, du kannst 
jetzt gehen“
Das Musikzimmer im Altenheim Marienstift in München

Das Musikzimmer im Altenheim Marienstift in München

Evi Lemberger

Die meisten Menschen wünschen sich das: Zu Hause Sterben. Bei vielen ist das Pflegeheim 
das letzte Zuhause. Auch dort soll das Lebensende würdig sein.
 Und die Heime werden darin immer besser, weiß die Theologin Dorothee Arnold-Krüger.

chrismon: Schwerkranke Menschen sagen manchmal: Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich habe große Angst vor dem Sterben...

Dorothee Arnold-Krüger: Viele fürchten, dann im Heim oder im Krankenhaus zu sein und angewiesen zu sein auf Menschen, die womöglich nicht gut mit ihnen umgehen. Sie haben Angst vor Schmerzen und vor der Einsamkeit. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass die Schmerzbehandlung inzwischen recht gut ist. Und in den Einrichtungen hat sich im Umgang mit Sterbenden viel getan.

Kommen die Leute noch häufig zum Sterben ins Krankenhaus?

Immer noch stirbt fast jeder Zweite im Krankenhaus. Manchmal werden sie in den letzten Tagen doch noch eingewiesen, auch aus den Altenpflegeeinrichtungen, wenn sich der Zustand massiv verschlechtert. Dabei sagen die meisten Menschen: Ich möchte gern zu Hause sterben, in meiner eigenen Umgebung.

Ist das denn eine realistische Option?

Wir haben inzwischen eine gute häusliche Versorgung. Es gibt ein dichtes Netz von SAPV-Teams, also spezialisierter ambulanter Palliativversorgung. Und in Medizin wie Pflege hat sich auch im Grundverständnis eine Menge geändert. Außerdem engagieren sich sehr viele Leute ehrenamtlich in ambulanten Hospizdiensten. Sie finden es wichtig, dass Menschen in ihrer letzten Lebensphase gut und würdig zu Hause betreut werden – unter Berücksichtigung ihrer Lebensgeschichte, ihrer Lebensumstände und ihrer Wünsche.

"Pflegekräfte möchten Menschen am Lebensende sehr gerne gut begleiten"

Viele hochbetagte Menschen verbringen ihre letzte Lebenszeit im Pflegeheim. Dürfen sie dort im eigenen Zimmer sterben?

Ja, natürlich. Aber wenn es zum Beispiel nachts oder am Wochenende einen Notfall gibt – wenn jemand etwa kollabiert, akute Blutungen oder Atemnot hat –, ist der Impuls immer noch groß, einen Krankenwagen zu rufen. Da setzt die palliative Fortbildung in Altenpflegeeinrichtungen an: Ist wirklich jede Krankenhauseinweisung nötig? Wahrscheinlich nicht. Wie ist die hausärztliche Versorgung? Und eben auch: Wie kann das Pflegepersonal gut mit solchen Situationen umgehen?

In Pflegeheimen herrscht Personalmangel, weit über zehntausend Stellen sind unbesetzt. Haben die Mitarbeiter da überhaupt die Zeit und die Ruhe, sich auf diese Situation einzulassen?

Da sprechen Sie ein großes Problem an. Ich erlebe, dass die Pflegekräfte die Menschen am Lebensende sehr gern gut begleiten möchten. Das ist ihr Anspruch und entspricht ihrem Selbstverständnis. In der Praxis haben sie aber wegen der Personalsituation und der Arbeitstaktung in der Einrichtung oft nicht die Zeit, sich ans Bett zu setzen und wirklich diesen letzten Weg mitzugehen.

Mit Ihren Fortbildungen möchten Sie unter anderem die „Hospizkultur“ in den Pflegeheimen stärken. Was verstehen Sie darunter?

Die personenbezogene, individuelle Betreuung von Menschen am Lebensende durch ein Team, das die vier Säulen der Palliativversorgung – medizinisch, pflegerisch, psycho­sozial und spirituell – abdeckt. Voraussetzung für diese Hospizkultur ist das Wissen darum, was zur palliativen Versorgung gehört und wie ich es umsetze. Es geht um Pflegeanamnese, um die Bedeutung der Biografien der ­einzelnen Personen . . .

 Eine der neueren Wohnungen der Einrichtung. Hier können die Bewohner weiter unabhängig leben, bekommen jedoch, wenn nötig, UnterstützungEvi Lemberger

Wie sieht das konkret aus?

Wir gestalten die Pflege für eine Person mit fiktivem ­Lebensweg. Zum Beispiel eine Frau, die 83 Jahre alt ist. Sie stammt aus Schlesien, hat also eine Fluchtgeschichte, war verheiratet, der Mann ist verstorben, sie hat Kinder, ein soziales Umfeld und ein bestimmtes Krankheitsbild. Sie wird in der letzten Lebensphase begleitet. Wie verändern sich die medizinischen Anforderungen, die pflegerischen Gegebenheiten? Aber auch: Wie kommt die Biografie der Person zum Ausdruck? Hat sie Traumata von der Flucht, hat sie Verlust erlebt, der am Lebensende wieder hoch­kommen kann?

Im Sterbeprozess können schreckliche Ereignisse von früher in den Vordergrund drängen?

Ja, das kann passieren.

Und woran merkt man das?

Solange Menschen sich noch äußern können, reden sie manchmal darüber. Andernfalls werden sie dann sehr unruhig. Man kann tatsächlich beobachten, wie so ein Prozess durchgearbeitet wird und dann zur Ruhe kommt.

Wie kann man einem Sterbenden helfen, der sehr unruhig wird?

Das ist oft der Moment, in dem Seelsorger oder spirituelle Begleiter gerufen werden.

"Man kann einfach die Hand halten und sagen: Ich bin da"

Was ist mit jemandem, der nicht mehr ansprechbar ist?

Wir wissen nicht, was genau die Menschen in dieser Situation noch hören, aber man erreicht sie schon noch. Man kann als Angehöriger zum Beispiel einfach die Hand halten und sagen: Ich bin da. Es ist alles gut, du kannst jetzt gehen. Man bedankt sich für das gemeinsame Leben. Es gibt aber auch Sterbende, die nicht kommunizieren möchten. Man merkt es, wenn Berührungen nicht gewünscht sind, wenn es einfach nur still sein soll. Derjenige würde die Hand zurückziehen. Oder steif werden. Handhalten ist nicht immer der richtige Weg. Und manchmal sterben Menschen erst dann, wenn die Angehörigen das Zimmer verlassen haben.

Fühlen sie sichfestgehalten von Ihren Verwandten?

Manchmal mag das so sein. Das ist unterschiedlich: Ob die Angehörigen festgehalten haben; ob der Sterbende sich noch verpflichtet fühlt und denkt, solange jemand da ist, kümmere ich mich um ihn – das gibt es ebenfalls. Mir haben auch schon Angehörige gesagt: Das passte zu ihm, er hat immer alles alleine geregelt.

Was kann man noch tun?

Manche Einrichtungen geben dem Menschen ein Kreuz in die Hand. Düfte können beruhigend wirken, zum Beispiel Lavendel. Manchmal helfen auch Musik oder Meeresrauschen, andere Menschen brauchen einfach nur Stille. Seelsorger beten oft Psalm 23, das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis. Offenbar werden dadurch Urerinnerungen angesprochen, die auf manche beruhigend wirken.

Kurz bevor die Menschen nicht mehr ansprechbar sind, gibt es oft eine Phase, in der sie nicht mehr essen mögen. Die Angehörigen bedrängen sie dann, dass sie unbedingt essen müssen. Ist das sinnvoll?

Nein. Der Nahrungs- und Flüssigkeitsbedarf und auch das Hungergefühl gehen am Lebensende zurück. In der palliativen Betreuung bekommt jemand, der subjektiv Hunger hat, natürlich etwas zu essen. Aber die Sorge der Angehörigen, dass er verhungert, ist wirklich unbegründet.

Und das sehen Sie mit dem Trinken genauso? Die Gefahr ist natürlich größer, dass jemand dehydriert, als dass er verhungert.

Es wird schon darauf geachtet, dass niemand dehydriert stirbt. Aber da ist zu unterscheiden: Dehydriert jemand, oder ist er in der Sterbephase und braucht immer weniger Flüssigkeit. Wichtig ist am Ende die Mundpflege, also den Mund feucht zu halten.

 Dr. Dorothee Arnold-Krüger ist Theologin und Referentin für Hospiz- und Palliativarbeit bei der Diakonie NiedersachsenSebastian Cunitz

Das bedeutet, dass der Mund mit einem Wattestäbchen angefeuchtet wird?

Ja. Manchmal werden auch Eiswürfel in den Mund gelegt, zum Teil mit Geschmack. Bei manchen ist das Zitrone, aber es gibt auch jede andere Geschmacksrichtung, je nachdem, was dem Sterbenden gut geschmeckt hat. Wenn man in der Einrichtung jemanden lange kennt, friert man womöglich seinen Lieblingsgeschmack ein und legt ihn dann dem Sterbenden auf die Lippen, damit er ihn nochmal genießt.

Sollte man einen Sterbenden immer noch waschen?

Die Körperpflege wird in der Sterbephase zurückgefahren. Wenn man allerdings weiß, es war jemandem besonders wichtig, dass die Haare immer gut frisiert sind, dann werden die Haare natürlich gemacht. Deshalb ist es gut, denjenigen vorher gekannt zu haben. Ich hatte ein Gespräch mit einer Frau, die sagte: Ich hatte immer getuschte Wimpern, und das möchte ich auch im Sterbeprozess noch so haben.

Hat es Sinn, dass man die Sonne reinlässt?

Wenn man weiß, jemandem ist Licht ganz wichtig, sollte er Sonne bekommen. Ich vermute, niemand stirbt gern in einem dunklen Raum, aber auch das ist individuell. Manchmal wird ein bisschen abgedunkelt, so dass indirektes Licht herrscht. Kerzen sind in Einrichtungen ein schwieriges Thema, stattdessen werden spezielle Leuchten genommen.

"Am Lebensende ist die Frage: Tun oder Lassen?"

Welche Bedeutung hat die Betreuung der Angehörigen?

In der Regel trifft sie die letzte Sterbephase sehr. Manchmal müssen Entscheidungen gefällt werden, mal liegt eine Patientenverfügung vor, mal nicht. Manche Angehörige sagen dann: Nun tun Sie doch endlich was. Da müssen die Ärzte auch sagen: Wir tun hier nichts mehr, der Mensch stirbt jetzt. Es gibt am Lebensende die Frage von Tun und Unterlassen. Das auszutarieren, es den Angehörigen zu erklären und die Entscheidung gemeinsam mit ihnen zu tragen, ist eine der Aufgaben von palliativer Versorgung.

Wenn ein Mensch gestorben ist, bleibt er traditionell noch eine Weile aufgebahrt. Wie ist das in Pflegeeinrichtungen?

Da gibt es sicherlich eine Veränderung durch die Hospizkultur. Zunehmend bleiben die Menschen noch eine ganze Weile in den Zimmern, so dass sich die Angehörigen verabschieden können.

Was ist denn eine Weile?

Möglich sind 24 bis 36 Stunden. Manchmal gibt es auch spezielle Aussegnungsräume. In den Einrichtungen der Diakonie wird ausgesegnet, wenn der Verstorbene das gewünscht hat oder die Angehörigen es möchten. Es wird also nochmal ein Abschiedsritual vollzogen. Zum Teil gibt es das Ritual, den Sarg hinauszugeleiten. Er wird dabei bewusst zum Vordereingang hinausgebracht und nicht etwa durch die Hintertür oder womöglich noch abends, was ja als Horrorvorstellung herumgeistert. Man sagt ganz klar: Hier in unserer Einrichtung ist jemand gestorben, und wir verabschieden uns gemeinsam von ihm.

 Was kann man als Angehöriger tun? Zum Beispiel Hand halten und sagen: "Ich bin da"Evi Lemberger

Gibt man auch so viel Zeit, wenn es sich um einen alten Menschen ohne Angehörige handelt?

Ja. Zum Teil sind dann ganz bewusst noch mehr Menschen vom Pflegeteam dabei. Eine „Aussegnung light“, weil keine Angehörigen da sind, entspricht nicht unserem christlichen Verständnis.

Geht es auch darum, der Seele genügend Zeit lassen, den Raum zu verlassen?

Ja, und es geht vor allem darum, auch diesen letzten Abschied würdig zu gestalten. Man nimmt es so wahr, dass hier Leben geendet hat, aber aus unserem Glauben heraus sagen wir: Das Leben geht bei Gott weiter und ist von Gott getragen. Das bringen wir zur Sprache und segnen diesen Übergang.

"Niemand soll irgendwo in die Ecke geschoben werden"

Es hat sich also viel in der Einstellung zum Sterben und zum Tod verändert in den vergangenen Jahren. Kann man da noch davon sprechen, dass die Gesellschaft das Sterben und den Tod verdrängt?

Es heißt immer, der Tod sei tabuisiert in unserer Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Dazu sind wir schon durch die Medien viel zu stark mit dem Tod konfrontiert. Und das Wissen um die Fragilität des Lebens hat sich gerade durch die Terroranschläge nochmal verstärkt. Ich denke aber, dass das eigene Sterben oder dass es jemanden aus meiner Familie treffen könnte – dass dieser Gedanke nur sehr zögerlich zugelassen wird.

Aber Menschen werden nicht mehr flächendeckend zum Sterben ins Krankenhaus gebracht und dort womöglich in die Ecke auf den Flur geschoben.

Genau, das hat sich glücklicherweise verändert. Das ist ein Verdienst der Hospizbewegung. Sie hat gesagt: Das geht nicht, Menschen können so nicht sterben. Das hier ist ein gelebtes Leben, das hat seine Würde, und das begleiten wir bis in den Tod. Auch wenn jemand in einer Institution stirbt, soll das würdig begleitet geschehen und nicht irgendwo in die Ecke geschoben. Ich habe neulich einen Arzt genau ­diese Situation beschreiben gehört. Da merkte man, wie sehr ihn das jetzt noch betroffen macht, nach 30 Jahren. Er sagte: Das gibt es Gott sei Dank nicht mehr.

Dennoch scheinen viele Menschen dieses Bild noch im Kopf zu haben – es schürt mit die Angst vor dem letzten Lebensabschnitt.

Das kann gut sein. Aber diese Angst kann man den Menschen nehmen. Selbst in der Hochleistungsmedizin wird inzwischen sehr auf eine würdige Begleitung des Menschen geguckt. Das ist zwar im Hospiz oder in Pflegeheimen nochmal anders möglich als auf Intensivstationen. Aber dieser Gedanke ist auch dort sehr präsent.

Infobox

Zu Hause kann ein ambulanter Pflege­dienst unterstützen. Wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert, wird die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) gerufen. Diese SAPV-Teams, bestehend aus Ärzten und Pflegekräften, gibt es inzwischen nahezu flächendeckend in Deutschland. Sie sorgen dafür, dass der Sterbende möglichst wenig leiden muss und schmerzfrei bleibt. 
Bei Bedarf koordinieren sie auch den Einsatz etwa von Physiotherapeuten oder Psychologen.

Die ambulanten Hospizdienste, in denen sich bundesweit 100 000 Ehren­amtliche als Sterbebegleiter engagieren, sind für die Patienten und ihre Angehörige ­eine psychosoziale Stütze. Sie kommen nach Hause und in alle Einrichtungen, ­
in denen die Menschen ihre letzten Tage verbringen. Die Palliativ­stationen der Krankenhäuser ­haben eigentlich das Ziel, den Zustand so weit zu stabilisieren, dass die Menschen anschließend im ­vertrauten Umfeld in Ruhe sterben können. Da das Pflegeheim für viele Hochbetagte ihr Zuhause ist, bemühen sich immer mehr Heime um eine würdige Begleitung bis in den Tod.

Vor allem jüngere schwer­kranke Menschen verbringen ihre letzten Tage oder Wochen häufig 
im ­Hospiz, wo eine besonders ­zu­gewandte Begleitung möglich ist. Sowohl für die Angehörigen als auch für Ärzte und Pflegekräfte ­ist es ­eine große Entlastung, wenn man rechtzeitig die eigenen Wünsche formuliert und eine Patientenver­fügung hinterlegt.

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