Reichspogromnacht und Martinstag 1938 in Erfurt

Drei Tage 
im November
Martinsfest in Erfurt, 10.11.1938

Martinsfest in Erfurt, 10.11.1938: Die Lutherrose auf der Freitreppe zwischen Dom und Severikirche

Stadtarchiv Erfurt

Erfurt 1938: Auf der Freitreppe zwischen Dom und Severikirche feiert die Stadt Martinsfest. Auf dem Weg dorthin müssen die Menschen die Glassplitter unter ihren Füßen gespürt haben. In der Nacht zuvor hatte die Synagoge gebrannt, waren jüdische Geschäfte geplündert worden

Meine Familie ist im Herbst 1935 nach Erfurt gezogen. Als Achtjähriger kam 
ich in die evangelische Bekenntnisschule in der Schillerstraße. Und weil wir Anfang November hatten, war man schon intensiv in die Vorbe­reitungen zum Martinstag am 10. ­November eingebunden – ein wichtiger Feiertag in Erfurt.

In der Schule wurden Laternen gebastelt, Lieder eingeübt. Die Schüler 
tauschten Adressen von Geschäften aus, in denen man Süßigkeiten „schnorren“ konnte. Auf der Wandkarte wurde Wittenberg gesucht, wo Luther seine 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche angeschlagen hatte. Bilder wurden gezeigt: vom Mann mit den wuchtigen Hammerschlägen; von der Zelle, in der er, als „Junker Jörg“ verkleidet, das Neue Testament übersetzt und nach dem Teufel, der ihn dabei stören wollte, sein Tintenfass geschmissen hat; vom Wormser Reichstag, auf dem er angeblich mit Donnerstimme gerufen hat: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders! So wahr mir Gott helfe!“

So hatten wir schon im Grundschulalter eine deutliche, wenn auch holzschnittartig vereinfachte Vorstellung von dem Mann, dem zu Ehren wir an jedem 10. November mit dem Eintritt der Dämmerung in Richtung Domplatz loszogen. Alle trugen eine Laterne mit brennender Kerze auf den Platz; es waren viele Kinder, vielleicht tausend, vielleicht mehr, die meisten in Begleitung ihrer Eltern. Auf dem Platz angekommen drängte sich alles möglichst weit nach vorn zum Domberg, zur Bühne. Es war die große, berühmte Freitreppe zwischen dem Dom und der Severikirche, die am Martinstag als Bühne diente. Ein grandioses Architekturensemble.

Hans Eckart Rübesamen

Hans Eckart Rübesamen ist 90 Jahre alt und lebt in München
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Der Platz hatte schon andere Veranstaltungen gesehen. Mit seiner ­Größe eignete er sich für die dröhnenden Massenaufmärsche nach 1933, wie sie die Nationalsozialisten imponierend und furchterregend zu inszenieren verstanden. Bei diesen Großveranstaltungen war in der Menge der Uniformträger aus Partei, Staat und Wehrmacht kaum noch Platz für Zivilisten. Und die Lieder, die gesungen wurden, kündeten pathetisch, mitunter bedrohlich von einer neuen Generation, von Kampf und Sieg über eine Welt von Feinden.

Doch am Abend des 10. November 1935: keine Uniform, kein Machtsymbol weit und breit. Es war eine Veranstaltung, fern von allem staatlich oder parteilich Verordnetem. Viele Erwachsene, meine Eltern auch, ­haben diese Staats- und Parteiferne ge­nossen, ohne sich in Opposition zum NS-System zu sehen.

Während es nun dunkler wurde auf dem Platz und die Laternen heller zu leuchten begannen, füllten sich die Stufen mit den Schülern der Erfurter Oberschulen. Mit ihren weißen, grünen und roten Lampions bildeten sie nach festgelegtem Aufstellungsplan die „Luther-Rose“. Und dann stieg, mit unseren Kinderstimmen gesungen und vom Posaunenchor melodisch gestärkt, das Lied „Ein feste Burg“ zum mittlerweile nachtdunklen Himmel auf. Mehr oder weniger zaghaft zunächst, dann lauter und zuversichtlicher wurde es von vielen der auf dem Domplatz versammelten Menschen mitgesungen.

Am Martinstag 1937 war ich, nun als Gymnasiast, zum ersten Mal aktiv dabei, mit meinem weißen Lampion als Teil der Luther-Rose. Mit mir der größte Teil der Klasse, die Evangelischen. Auch die paar Katholiken hatten sich unter ihre evangelischen Klassen­kameraden gemischt. Sie wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen – von der Höhe der Domstufen sah es 
ja noch viel eindrucksvoller aus.

Die Menschen hätten die Glassplitter ­unter ihren Füßen knirschen hören müssen. Aber niemand wollte etwas bemerkt haben. Man wollte ja rechtzeitig und mit christlich er­hobenen Gefühlen auf dem Platz sein

In unserer Klasse, 1937 hatten wir als „Sextaner“ auf dem Gymnasium begonnen, waren auch zwei „jüdische“ Jungen. Der eine, Hänschen Blumenfeld, war konvertiert und evangelisch; er sang mit uns auf den Domstufen. Der andere, Gerhard Sommer, war tatsächlich mosaischen Glaubens. Er war zu Hause geblieben.

November 1938: Die Menschen, die vom Anger kommend durch die Schlösserstraße, über den Fischmarkt und durch die Marktstraße mit ihren Laternen dem Domplatz zustrebten, hätten eigentlich die Glassplitter ­unter ihren Füßen knirschen hören und sich vielleicht auch über einige mit Brettern vernagelte Schaufenster in den Geschäftsstraßen wundern müssen. Sie waren nicht zu über­sehen. Aber niemand wollte etwas gehört oder bemerkt haben. Man wollte ja rechtzeitig und mit christlich er­hobenen Gefühlen auf dem Platz sein.

Ich fing damals gerade an, Zeitung zu lesen, die „Thüringer Allgemeine Zeitung“, aber nur montags – und nur die Ergebnisse der beiden Vereine, die in der Fußballbereichsklasse Mitte spielten: der Sportclub (SC) und die Sportvereinigung (SV). Meine Eltern lasen die TAZ natürlich auch.

Auf der ersten Seite ihrer Tageszeitung hatten sie am 9. November vom Attentat auf den deutschen Diplo­maten vom Rath in Paris lesen können und am 10. November vom Ableben des „durch feige jüdische Mörderhand“ niedergestreckten Diplomaten und von „spontanen judenfeindlichen Kundgebungen im ganzen Reich“. Der Attentäter: ein 17-jähriger deutsch-polnischer Jude, sein Name: Herschel Grynszpan. Der Name passte ins Konzept des NS-­Propagandaministeriums.

„Meine Herren, Heil Hitler! Schlagt auf Seite 127, Euler, anfangen!“

Vor der ersten Stunde am 10. November 1938: erhöhter Lärmpegel in der Klasse, Stimmengewirr. Ein paar Klassenkameraden, deren Schulweg über Johannesstraße, Schlösserstraße, Anger führte, waren an eingeschlage­nen Schaufenstern, Glassplittern und Bretterverschlägen vorbeigelaufen, und ein notorischer Wichtigtuer und Bescheidwisser hatte die Synagoge brennen sehen. „Synagoge? – Was is’n das? – Wo is’n die?“ Bis zu ­diesem Tag hatte ich eine Synagoge weder ge­sehen noch von einer gehört. In meinem Elternhaus waren Juden kein Thema, zumindest nicht in Anwesenheit der Kinder.

Unser Klassenlehrer kam mit strammem Schritt, deutsch-national wie 90 Prozent des Lehrkörpers: ­„Meine Herren, Heil Hitler! Schlagt auf Seite 127, Euler, anfangen!“ Euler, bes
ter Lateiner in der Klasse, fing an, wir anderen atmeten auf: „Quibus rebus cognitiis Caesar . . . – Nachdem Caesar diese Nachricht bekommen hatte . . .“

Nach dem Unterricht liefen ein paar von uns zur noch rauchenden Ruine der Synagoge am Kartäuserring (heute Juri-Gagarin-Ring). Ein Klassen­kamerad erinnerte sich später: 
„Die Leute standen herum und guckten. Die Stimmung war gedrückt.­ Keiner hat was gesagt.“

Ich bin nicht zur Synagoge ge­laufen. Gegen das Gaffen hatte ich schon immer was gehabt. Aber sonst? Ich kann mich an nichts erinnern. Es war die totale Verdrängung. Fiel wirklich kein Wort über die Juden, über die Vorfälle in der Stadt? Wohl nicht. Und ob zu Hause an diesem und dem folgenden Tag ein Wort über die „Ereignisse“ in der Nacht gesprochen worden ist? Ich weiß es nicht.

Das zum Anzünden der Synagoge verwendete Benzin musste die jüdische Gemeinde selbst bezahlen

Dabei hatten die Eltern in ihrer bürgerlichen TAZ lesen können: „In Erfurt brannte die Synagoge nieder. Die Außenfronten einiger jüdischer Geschäfte wurden beschädigt und eine Anzahl Juden wurde zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen.“

197 jüdische Erfurter waren verhaftet, in die Turnhalle des Humboldt-Gymnasiums getrieben, dort geschlagen und getreten und anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Das zum Anzünden der Synagoge verwendete Benzin sowie den Abriss der ausgebrannten Ruine musste, laut einem Nachkriegsbericht, die jüdische Gemeinde selbst bezahlen.

Beim Abendessen erklärte ich, zum nächsten Martinsfest nicht mehr mit einer ollen Zylinderlaterne gehen zu wollen, sondern mit einer dieser großen bunten Mondlaternen, die man immer öfter zu sehen bekam. Ich würde auch die Mehrkosten übernehmen, im nächsten Jahr. Was ich nicht wissen konnte: Im nächsten Jahr ­war kein Martinsfest, sondern Krieg, Verdunklung, erstes Sirenengeheul.

Und es gab 1938 Wichtigeres zu besprechen mit den Eltern: das große Langemarck-Fest meines Gymnasiums. Der neue tiefbraun gefärbte Direktor hatte sich vorgenommen: ­
Ab morgen würde unsere Schule ­Langemarck-Gymnasium heißen!

Langemarck – ein Mythos aus dem verlorenen Weltkrieg. Am 10. November 1914 hätten Studentenkompanien französische Stellungen nahe dem westflandrischen Ypern angegriffen, angeblich unter Gesangdes Liedes „Deutschland, Deutschland über ­alles“. Was nicht überliefert wurde: Der Erfolg war gering, die blutigen Verluste waren hoch.

Am familiären Abendbrottisch wurde der Mythos nicht infrage gestellt, sondern das Programm des ­folgenden Tages erörtert. Zentraler Höhepunkt sollte der Festakt in der Aula werden. Am Nachmittag dann sportliche und musikalische Dar­bietungen der Schüler, am Abend
 „geselliges Beisammensein“ der Eltern 
und des Lehrkörpers im Veranstaltungssaal der „Reichshallen“.

Studien­assessor G. erschien 
zu allen 
offiziellen Veranstaltungen in der Uniform eines 
HJ-Führers

11. November, 10 Uhr: In der Aula
 war nicht genug Platz für alle. Der Festakt wurde für die Schüler der unteren Klassen über Lautsprecher in die Turnhalle übertragen. Unser ­Nazidirektor hatte seinen langatmi­gen und wenig beachteten Vortrag als Höhepunkt der Veranstaltung gedacht, in dem er Sokrates zu einem frühen Propheten des Nationalsozialismus erklärte. Oder war es Horaz? In der kaum überwachten Turnhalle spielten ein paar Jungen aus der 7 a „Schiffe versenken“.

Dann die sportlichen und musikalischen Darbietungen. Sicher wurde Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ gespielt. Diese war „klassisch“, nicht zu lang und leicht verständlich. Nachdem Österreich ins Reich heimgekehrt war, im März 1938, konnte ­Mozart – in Salzburg geboren, in Wien gestorben, der Vater kam aus Augsburg – sogar ohne große historische Klitterungen als echter „Großdeutscher“ gefeiert werden.

Der Leiter des Schulorchesters, Studienassessor G., erschien zu allen of­fiziellen Veranstaltungen der ­Schule – so auch zur Langemarck-Feier – in der Uniform eines hohen HJ-Führers. Zehn Monate später fiel er in den ers­ten Tagen des Polenfeldzuges.

Das „gesellige Beisammensein“ in den Reichshallen verlief recht entspannt. Am Tisch meiner Eltern saßen andere Eltern, die man vom Namen her kannte und so ungefähr einschätzen konnte. Leute, die ihre Kinder auch aufs Gymnasium geschickt hatten, weil man die humanistische Bildung für wichtig hielt und damit auch ein wenig Distanz zum NS-Staat demonstrieren konnte, dessen Funktionäre von dem „alten Kram“ nichts hielten.

„Die Krawalle vorgestern Abend . . .“, murmelte einer, „schrecklich.“ Ein Schluck vom lieblichen Mosel-Saar-­Ruwer. „Aber man kann ja nichts ­machen“, ein anderer. „Die SA soll wieder brutal geprügelt haben.“ Der Wein ist nicht schlecht, darüber war man sich, einander zutrinkend, einig und bestellte noch eine Flasche. „Es gibt doch auch viele anständige Juden.“ Ein paar in Erfurt namentlich bekannte Ärzte und Anwälte wurden genannt. „Außenpolitisch sind ja jetzt die Probleme gelöst“, dozierte ein Dritter. „Das hat der Führer wirklich gut gemacht.“

Hänschen Blumenfelds Vater hatte das Eiserne Kreuz. Die ganze Familie wurde in Auschwitz ermordet

Am folgenden Tag hatte unser 
Klassenlehrer, der Latein und 
Geschichte gab, die beiden jüdischen Klassenkamera­den Hänschen Blumenfeld (dessen Familie ja konvertiert und der eigentlich evangelisch war) und Gerhard Sommer vor dem Eingang abgefangen und wieder nach Hause geschickt. „Ihr dürft hier nicht mehr rein“, 
hatten Mitschüler gehört. „Aber ihr werdet ja bald eine eigene Schule bekommen.“ Sachlich, korrekt, ohne ­Häme, deutsch-national eben.

Die wohlhabende Familie Sommer konnte noch rechtzeitig emi­grieren. Auf meinem Schulweg durch die Richard-Breslau-Straße habe ich den Möbelwagen stehen sehen. Der Vater der anderen Familie, der Blumenfelds, durfte schon seit Jahren nicht mehr Richter sein, er war nun ein kleiner Angestellter im Landgericht. Er hatte 
sich als Weltkriegsteilnehmer mit Eisernem Kreuz sicher gefühlt. Die ganze Familie Blumenfeld wurde in Auschwitz ermordet.

Am Tag vor dem Langemarck-Fest hatten wir bei der Martinsfeier auf dem Domplatz aus voller Brust „Ein feste Burg“ gesungen. Es soll sehr schön geklungen haben, wegen der Resonanz durch die beiden katholischen Kirchen seitlich der evangelischen Freitreppe.

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Lesermeinungen

H.E. Rübesamen gebührt Dank für seinen authentischen Bericht über den November 1938 („Reichskristallnacht“) und die Reaktionen in der Bevölkerung: ‚Ach, die armen Juden…‘. 1956 auf die Frage meines Mitschülers an den Geschichtslehrer ( nicht wenige seiner Kollegen waren Parteigenossen gewesen) „Wie konnte die Judenverfolgung überhaupt geschehen, warum hat sich keiner dagegen gewehrt?“ erzählte er folgendes: Er sei auf Fronturlaub morgens um 5.00 Uhr auf dem Weg nach Hause gewesen und habe gesehen, wie (offensichtlich) Juden aus einem Haus auf einen LKW getrieben wurden. Auf seine Empörung, “Lasst diese Leute doch in Ruhe, die haben doch gar nichts getan!“ kam die Antwort: “Halt die Schnauze oder willst de gleich mitkommen?“. – Bleibt die Gewissensfrage: Was hätte man selbst damals anders oder besser gemacht??