Serie "Neue Religionen": Die Baha’i - eine Religion der Einwanderer

Quell der Freude sein
Bahai

Katrin Binner

Die Baha’i werden in vielen Ländern der Welt verfolgt. Sie selbst treten für Toleranz, Frieden und gleiche Rechte von Mann und Frau ein. Ein Besuch in ihrem Tempel in Hofheim

Über Shirin Zierau und ihren 50 Zuhörern spannt sich eine gigantische weiße Kuppel. Die Stühle sind rot gepolstert, der Raum ist kaum dekoriert. Die Feier beginnt ohne große Ein­leitung. Ein unangenehmes Pfeifen dringt durch das Mikrofon. Die 23-Jährige hält die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick gesenkt. „O Gott! Banne alles, was zu Zwietracht führt, und bereite uns, was Einheit und Einigkeit fördert“, singt sie: „O Gott! Lass himmlische Düfte über uns wehen und verwandle dieses Treffen in eine himmlische Versammlung.“ Die Glasfassade ringsum wirft die Klänge zurück. Hoch oben in der Kuppel preist ein persischer kalligraphischer Schriftzug die „Herrlichkeit des Allherrlichen“. Der Blick dort hinauf verursacht Schwindelgefühle. 

Die Baha’i sind laut Amnesty International eine der am stärksten verfolgten religiösen Minderheiten. In den meisten muslimischen Ländern wird ihre Religion nicht anerkannt. Immer wieder verwüsten Unbekannte ihre Friedhöfe und Heiligtümer, verbieten staat­liche Stellen ihre Versammlungen oder enteignen sie. Vor allem im Iran, wo die Religion entstanden ist und wo viele ihrer Anhänger leben, verurteilen Gerichte Baha’i nach absurden Anklagen zu absurd langen Haftstrafen. So bekamen im August 2010 in Teheran fünf Männer und zwei Frauen wegen „Spionage für Israel“, „Beleidigung religiöser Heiligtümer“ und „Propaganda gegen das System“ je 20 Jahre Haft. 

Seit über hundert Jahren feiern Baha’i-­Gemeinden jedes Jahr am 21. März auch in Deutschland ihr Neujahrsfest. Naw-Rúz heißt der altiranische Festtag, den auch die Kurden kennen, auf Deutsch: „Neuer Tag“. Auf einer riesigen Streuobstwiese im Taunus haben die Baha’i für religiöse Feiern wie diese ihr „Haus der Andacht“ errichtet: einen weißen runden Sakralbau mit neun Türen, dessen Kuppel 30 Meter in den Himmel ragt, umgeben von Feldern und Wald, eingebettet in eine gepflegte Gartenanlage. Bei der Anfahrt überrascht der Anblick. Unverhofft taucht der Tempel hinter den letzten Häusern der Wohnsiedlung auf. 

 Gottesdienst im kreisrunden Sakralbau der GemeindeKatrin Binner
Der Gottesdienst unter der prächtigen ­Kuppel ist eher schlicht, nur Gebete und Gesang, keine Musikinstrumente. Nach Shirin Zierau singt noch eine junge Frau. Dann treten Gemeindemitglieder aus der ersten Stuhlreihe ans Mikrofon und tragen ausgewählte Texte vor. Keine Moderation, keine Überleitung. Die Leute auf den Stühlen sind still. Ein Mädchen mit einem gelben Luftballon in der Hand muss auf die Toilette und zwängt sich durch die Reihen. Ansonsten hört man nur Kinderhusten und Papiergeraschel. Dann stellen sich zwei Muslime vors Mikrofon, Flüchtlinge, die in der Gemeinde Aufnahme gefunden haben. Sie lesen Koranverse von ihren Smartphones ab. Schließlich verlässt die ganze Gemeinde wortlos den Tempel. 

1913 kam die Baha’i-Religion nach Deutschland. Abdu’l Bahá, Sohn und Nachfolger des persischen Gründers, reiste am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit seiner orientalischen Friedensbotschaft durch Frankreich, das Kaiserreich und Österreich-Ungarn. 1931 ließ sich der „Geistige Nationalrat der Deutschen Baha’i“ beim Amtsgericht Stuttgart ins Vereinsregister eintragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen US-Soldaten den Baha’i, den unter den Nazis verbotenen Verein wiederaufzubauen. 1964 wurde das Haus der Andacht in Hofheim-Langenhain eröffnet. Seit 2012 sind die Baha’i eine Körperschaft des öffentlichen Rechts in Hessen. Weitestgehend unbemerkt ist ihre Zahl hierzulande auf mittlerweile 6000 angewachsen – weltweit sind sie wohl fast sechs Millionen. 

Shirins Vater war früher evangelisch, die Familie ihrer Mutter stammt aus dem Iran. Sie selbst wurde von klein auf in Deutschland im Baha’i-Glauben erzogen. Neujahr heißt für sie Naw-Rúz. Statt Anfang Januar feiert sie es im Frühjahr. Und ihr Tempel sieht aus „wie eine große Zitronenpresse“, findet Shirin. Erst wollte der ländliche Stadtteil mit den verputzten Fassaden, den beige-braunen Roll­läden und der barocken Dorfkirche die fremd­artige Architektur hier nicht haben. Heute wirbt Langenhain mit der Sehenswürdigkeit. Der ungewöhnliche Sakralbau zieht Touristen an. Und zum jährlichen Sommerfest mit ­Picknick ist die ganze Stadt eingeladen. 

Die Geschichte der Baha’i be­ginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in Persien. Ein schiitischer Muslim namens Bahá’u’lláh stellte sich damals in eine Reihe mit Jesus, Buddha, Mohammed, Krishna und allen anderen Religionsstiftern und verordnete seinen Anhängern Friedfertigkeit und religiöse Toleranz. Sie sollten sich wissen­schaftlich bilden. Von Anfang an waren bei ihnen Frauen und Männer gleichgestellt. Bahá’u’lláhs Reformideen überforderten Persiens konservative Geistlichkeit. Man akzeptierte ihn nicht mehr als Muslim, er musste ­Teheran verlassen. Seine neue Universalreligion verbreitete sich dennoch. Als Bahá’u’lláh 1892 starb, folgten ihr schon über 100 00 Perserinnen und Perser. Trotz heftiger Ver­folgung – vor allem seit der schiitischen Revolution von 1979 – hat sich ihre Zahl bis heute mehr als verdreifacht. „Lass dich durch nichts betrüben, o Land von Teheran“, hatte der Exilant Bahá’u’lláh seine Anhänger daheim auf seine blumige Art getröstet, „denn Gott hat dich auserkoren zum Quell der ­Freude für die ganze Menschheit.“

Die letzten 24 Jahre seines Lebens verbrachte Bahá’u’lláh in Palästina. Heute noch pilgern Baha’i zum Wohnhaus, Mausoleum und prachtvollen Garten in Bahji nördlich von Akko – und zum Grabmal seines Lehrers, des Bab, am Nordhang des Karmel in Haifa. 

 Nach dem Gottesdienst greift Shirin Zierau, Leiterin eines Religionskurses, im Gemeindehaus zur GitarreKatrin Binner
Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Gleichstellung der Frau und religiöse Toleranz etwas Neues. Heute kann eine Religion damit nicht mehr unbedingt punkten, zumindest nicht im Westen. Weil sich der Baha’i-Glaube aus dem Islam entwickelte, verbietet er Alko­hol und Drogen, ebenso vorehelichen Geschlechtsverkehr, was junge Baha’i unter eine Art Rechtfertigungsdruck setzt. Shirin hat für solche Einwände ihre Argumente parat. 

Keuschheit beziehe sich nicht nur auf den Geschlechtsakt, sagt sie. Man müsse sich auch angemessen kleiden und verhalten. Für sie auch kein Problem. „Selbst wenn die Gesellschaft die Gebote überholt haben sollte – ist das denn wünschenswert, zum Beispiel beim Rauchen und Trinken? Was ist so schlimm daran, etwas sein zu lassen, was mir schadet?“

Ihren Schulkameraden früher fiel irgendwann auf, dass sich Shirin anders benahm und Alkohol mied. „Ein bisschen getriezt wurde ich schon, aber dann sucht man sich Freunde, mit denen man über solche Sachen reden kann und die damit besser umgehen.“

Der Abend des Fastenbrechens am Neujahrstag hat zuvor im Versammlungshaus begonnen, 200 Meter vorm Tempel – in einem großen Stuhlkreis: Ein Strauß gelber und roter Tulpen ziert den weiß gedeckten kleinen Tisch auf dem Teppich in der Mitte. Die Glasfront gibt den Blick auf den Tempel frei, auf das gepflügte Feld und die Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gehen. An der Wand gegenüber baumeln Porträts an Schnüren im Wind der offenen Fenster, ein Hindu am Ganges dreht sich neben Mutter Teresa. 

Franziska Mayer

Franziska Mayer, Reporterin, freute sich über den herzlichen ­Empfang in der Gemeinde. Sie durfte sich am Buffet reichlich bedienen, genoss aber vor allem die Stille im Haus der Andacht.

Katrin Binner

Katrin Binner, Foto­grafin, las auf einer Tafel: „Es gibt ­keine Grenzen zwischen Völkern und Ländern.“ Nicht nur die Gemeindemitglieder aus aller Welt, auch sie selbst fühlte sich hier wohl.
Privat

Bahman Solouki, 73, wartet schon im leeren Stuhlkreis. Er kam in den 50er Jahren als Student, ­wurde akademischer Direktor an der Universität Frankfurt, Fachbereich Chemie, ein grauhaariger Mann in knallig hellblauem Pullover. Seine Brille scheint die Falten um seine Augen noch zu vertiefen. Er ist stolz auf seine Religion. Ihre Offenheit und Toleranz spiegele sich in der Tempelarchitektur wider, sagt er. Der ­Unterbau der Kuppel besteht rundum aus Glas und hat neun Eingänge. Nichts soll den Blick oder den Weg ins Innere versperren. Solouki hebt seine Handflächen hoch, schiebt die leicht gespreizten Finger beider Hände langsam ineinander und verhakt sie. Einheit, auch darum gehe es den Baha’i.  

Im Versammlungshaus breitet sich Essensgeruch aus. Am Vorabend zum Neujahr endet die 19-tägige Fastenzeit der Baha’i. Wie bei den Muslimen wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken. „Jeder muss für sich selbst ent­scheiden, ob und wie er sich an das Fasten hält“, sagt Shirin. Sie hat die letzten drei Tage tagsüber gegessen. Sie habe zu viel um die ­Ohren, findet sie. Ein Praktikum, eine Hausarbeit für die Uni. „Beim Fasten fehlt die Konzentration dafür. Das ist schon anstrengend.“

Die Leute setzen sich. „Wir werden heute zwei Gebete sprechen und anschließend gemeinsam das Fasten brechen“, sagt Bahman Solouki. Zwei Gemeindemitglieder lesen langsam und andächtig vor: „Gepriesen seiest Du, o mein Gott, da Du Naw-Rúz denen zum Fest bestimmt hast, die das Fasten aus Liebe zu Dir hielten und alles mieden, was Du ­ver­abscheust...“ Einige schließen die Augen, neigen den Kopf leicht nach vorne. Kleinkinder auf dem Schoß ihrer Eltern brabbeln und quengeln.  

Nach dem Gebet strömt die deutsch-­iranische Gemeinde zum Buffet mit Kartoffelsalat, Couscous, persischem Reis und ­Pizzaschnecken. Gesprochen wird vor allem persisch, deutsch und englisch. Tatjana Warner ist neu in Hofheim. Sie erzählt voller
Begeisterung, dass sie aus Mazedonien stammt und vor ein paar Monaten mit ihrem Mann hierherzog. Baha’i sei sie seit 16 Jahren. Erst war ihre christlich-orthodoxe Familie skeptisch. Zur Hochzeit aber hätten alle ihren Glauben akzeptiert. „Die erste Baha’i-Hochzeit in Mazedonien“, sagt Tatjana stolz. 

Ein Netz von Gemeinden spannt sich um die Erde. Auf jedem Kontinent findet man ihre Tempel: auch in Wilmette bei Chicago, in der Nähe von Sydney, in Panama, Chile, ­Uganda, Indien und auf Samoa – wie es sich Reli­gionsstifter Bahá’u’lláh gewünscht hatte: „Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“ Ihre Andachten unterscheiden sich kaum voneinander. „Bei jeder Reise suche ich Kontakt zu den örtlichen Baha’i-Gruppen“, sagt Tatjana. 

Nach dem Fastenbrechen zieht die Ge­meinde in den Tempel, wo Shirin unter der großen Kuppel singt. Der Abend klingt später im Besucherzentrum aus – mit Nachspeisen. Shirin holt ihre Gitarre, man singt Lieder. ­Die Kinder haben ein Quiz vorbereitet – wie auf einem Familienfest. Baha’i haben keine Priester. Doch auch ohne Klerus sind die Baha’i hierarchisch geordnet. Oberste Instanz ist das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Religionsstifter Bahá’u’lláh hinterließ Hunderte von Schriften, die sein Sohn Abdu’l Bahá erweiterte. Nur Urenkel Shoghi Effendi durfte diese Schriften noch interpretieren. Seit dessen Tod 1957 kann niemand mehr die Religion modernisieren oder für die Gegenwart deuten. Sie steht still, während der Rest der Welt sich weiterentwickelt. 

Anfang April, Hofheimer Gesamtschule Am Rosenberg: Als Körperschaft öffent­lichen Rechts können die Baha’i problemlos im Freizeithaus der Schule eigene Aktivitäten an­bieten. Seit über zwei Jahren leitet Shirin mit anderen jungen Baha’i dort jede Woche eine Gruppe von Jugendlichen an, längst nicht alle sind Baha’i. Durch die gekippten Fens­ter strömen Sonnenlicht und warmer Wind. Der chemische Zitronenduft von Putzmitteln hängt in den Schulfluren. Wieder ein Stuhlkreis. Wieder werden erst mal Texte zur Andacht vorgelesen. Danach wird das an­stehende Projekt besprochen: eine mit Graffiti beschmierte Wand in der Stadt neu gestalten. Vier erwachsene Animatoren leiten die Diskussion. „Man kann in der Gesellschaft manches zum Besseren verändern“, das soll der Nachwuchs hier lernen. In ihrer Gruppe könnte das noch besser laufen, findet Shirin. „Wir sollten uns viel öfter treffen.“ 

 Freier Blick auf den imposanten Tempel in Hofheim: Im Versammlungshaus feiern die Baha'i und unterrichten Kinder und JugendlicheKatrin Binner
Etwas bewirken – das wollen auch die iranischen Musiker, die Mitte Juni im Haus der Andacht in Langenhain auftreten. Bahman Solouki ist noch ganz beeindruckt von ihrem Konzert. Von einem der Künstler hat er er­fahren, dass er eine Weile im Evin-Gefängnis inhaftiert war, einem berüchtigten Folterknast am Nordrand von Teheran. Aber sich aus dem Iran nach Europa abzusetzen, das käme diesen Menschen nicht in den Sinn. ­Solouki will damit sagen: Baha’i fliehen nicht vor Verfolgung. Sie seien entschlossen, ihre Gesellschaft zu verändern. Auch in der Hofheimer Gemeinde, in der etwa jeder Zweite aus dem Iran stammt, kenne er nicht einen, der vor Verfolgung geflohen sei. Sie alle seien wegen des Studiums oder wegen der Liebe oder aus anderen, weniger dramatischen Gründen gekommen. 

Am 21. Oktober in diesem Jahr feiern die Baha’i den 200. Geburtstag ihres Gründers. ­Dafür haben sie die Stadthalle in Hofheim angemietet. Alle Bürger der Stadt sind eingeladen. Solouki rechnet mit 600 bis 800 Besuchern. Es soll eine Feierstunde geben. Die Baha’i werden von den Stationen aus Bahá’u’lláhs Leben erzählen. Und die Hofheimer gucken sich das dann an. 

Infobox

Serie Religionen

In fünf Folgen berichtet ­chrismon plus über fremde religiöse Gemeinschaften, die in Deutschland heimisch werden, die ihre Sitten und Bräuche der neuen Welt anpassen müssen. Wie geht das? Und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Erster Teil: Die Jesiden

 

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