Großscheich Sheikh Ahmad el-Tayyeb und Innenminister Thomas de Maizière über Islam, Friede und Brüderlichkeit

Alter Scheich, neuer Scheich
Sheikh Ahmad Masaa al-Tayyeb aus Ägypten

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Sheikh Ahmad Masaa al-Tayyeb aus Ägypten

Sheikh Ahmad Masaa al-Tayyeb aus Aegypten bei einem Vortrag zum Thema Toeranz im Rahmen des Evangelisch Deutschen Kirchentages in Berlin [ Rechtehinweis: picture alliance/CITYPRESS 24 ]

Der ägyptische Großimam tritt beim Kirchentag für religiösen Respekt ein. Das war nicht immer so klar von ihm zu hören. Aber gerade deshalb wurde er zum Liebling der Kirchentagsbesucher.

Inzwischen ist er bei deutschen Politikern und Professoren ein gern gesehener Gast: Großscheich Sheikh Ahmad el-Tayyeb, Imam der al-Azhar-Moschee in Kairo, Ägypten, und einer der wichtigsten Führer des sunnitischen Islam weltweit. Sympathie und Zustimmung schlagen ihm schon deshalb hierzulande entgegen, weil der gemäßigte Religionsführer die Gewalttaten und Ziele des „Islamischen Staates“ kritisiert. So auch beim Evangelischen Kirchentag in Berlin im Gespräch mit dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière.

Die Veranstaltung sei eines der „großen Hoffnungszeichen“ für den Frieden und den Dialog, heißt es zuvor von Seiten der Kirchentagsspitze. Kennt man frühere Äußerungen des Scheichs, so muss man sagen: Ganz offensichtlich ist er in den vergangenen Jahren zum Frieden konvertiert. Oder, wie andere vermuten: Er spielt beim Kirchentag eine besonders versöhnliche Rolle. So erklärt er nun gleich zu Beginn seines Vortrags in Halle 20 des Berliner Messegeländes: „Ich möchte erst einmal im Namen der Religionen alle Anschläge verurteilen, vor allem den jüngsten von Manchester.“ Christina Aus der Au, die Kirchentagspräsidentin, hatte gleich zu Beginn der Großveranstaltung betont, der Scheich trete für die Linie „Keine Gewalt“ ein. Ist es so?

Ein liberaler Religionsführer mit einer schillernden politischen Vorgeschichte

Das war nicht immer so. Erinnerlich ist, dass er vor 15 Jahren bei Selbstmordanschlägen gegen Israel ein gewisses Verständnis erkennen ließ. Es verwundert auch, dass al Tayyeb bei früheren Gelegenheit den „IS“ nicht als Verbrecherbande, sondern als eine Inszenierung und Intrige von Zionisten bezeichnet hat, die dazu diene, militärische Interventionen der USA im Nahen Osten zu rechtfertigen. Hart kritisierte er wiederholt die israelische Siedlungspolitik. Bei alldem wird klar: Hinter dem religiösen Führer, der für die große Verständigung zwischen den Religionen und Kulturen eintritt, wird ein Mann mit politischen Zielen und Strategien fassbar.

Vergessen darf man nicht, dass er ein Anhänger des früheren ägyptischen Präsidenten Mubarak und Mitglied des Politbüros der Regierungspartei NDP war, von Mubarak 2002 zum Großmufti der Arabischen Republik Ägyptens ernannt worden war, eine Aufgabe, die er erfüllte, bis er an die Universität Kairo wechselte. 

Nicht Muslime seien für die Attentate verantwortlich, sagt der Scheich

Doch nun, 2017 in Berlin: El-Tayyeb beschwört die Anwesenden, die er mit „meine Herren“ anspricht, für Frieden und Brüderlichkeit einzutreten. Dieses Ziel sei allen monotheistischen Religionen gemein. Der Theologe hat wohl nicht den „IS“, sondern lange zurückliegende Perioden der Geschichte vor Augen, wenn er sagt: „Nie haben Muslime Menschen mit Gewalt zum Islam gezwungen.“ Der Koran nenne die Bibel schließlich eine „Rechtleitung und Licht“.

Ein islamischer Rechtsgrundsatz laute: „Sie (die Christen) haben die selben Rechte und Pflichten wie wir.“ Das heiße nicht, „dass die muslimischen Gesellschaften mit den Christen immer engelsgleich mit den Christen verfahren seien“. Dass der Scheich nicht konkret über die blutigen Übergriffe gegenüber den koptischen Christen spricht, fällt auf. Just am Tag der Veranstaltung wurde ein erneuter Angriff auf Kopten in Ägypten bekannt. In Kairo sollen Unbekannte auf einen Bus mit koptischen Christen geschossen haben, mindestens 23 Menschen starben.

Aber nach seiner Logik muss er es auch nicht. Der Scheich wörtlich: „Die Muslime tragen keine Schuld an Terroranschlägen. Diese Verbrechen sind verabscheuungswürdig, sie stehen nicht für den Islam. Ich rufe alle Menschen auf, den Terror als gemeinsamen Feind zu sehen.“ Und er fordert „Schluss mit diesen Verbrechen im Namen der Religionen, auf Kosten der Schwachen, die mit ihrem Blut den Preis für einen Krieg bezahlen, der ihnen nichts bringt und mit dem sie nichts zu tun haben“.

De Maizière spricht von einer „großen Friedensbotschaft“ des Scheichs

Seinen Appell krönt der Scheich mit der fragwürdigen Pointe: „Wie sollte der Islam eine Religion des Terrors sein, wo doch die meisten Opfer selbst Muslime sind?“ Das wird der Realität des Terrors leider nicht gerecht. Tatsache ist: Attentäter morden wahllos, ihnen geht es darum, den größtmöglichen Schrecken zu verbreiten, nicht um eine durchdachte, gezielte Einflussnahme.

Thomas de Maizière zeigt sich begeistert von der „großen Friedensbotschaft“ des Scheichs. In seinem Vortrag über religiöse Toleranz offenbart er auch eine Vision: Rund um das Mittelmeer sollen sich bei besonderen Anlässen Muezzine und Glocken für den Frieden vernehmbar machen. „Es ist eine Aufgabe aller, aber vor allem der Religionen selbst, eine gemeinsame Friedensaufgabe zu formulieren“, sagt der Minister. Das friedliche Zusammenleben sei nicht ohne Streit, respektvollen Streit möglich. Man sieht es dem Politiker an, dass er Zeit und Lust hat, sich Debatten über eine tolerante Gesellschaft zu stellen.

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