Singen geht immer. Die evangelische Jugendkantorei in Durlach

"Ausschlafen kann ich auch wann anders"
Der Jugendchor in Durlach, Karlsruhe

Anne-Sophie Stolz

Auftritt der Jugendkantorei in der evangelischen Stadtkirche Durlach. Ganz rechts außen im Chor: Liam

Liam steht ganz rechts außen im Chor

Die Kirchen verlieren Mitglieder. Aber die Kantoreien haben unverändert viel Zulauf. Warum lassen sich selbst Jugendliche nicht von den alten Texten und Melodien abschrecken? Besuch bei einem Jugendchor in Durlach, Karlsruhe
Deutschland spricht 2019

Regentropfen laufen an der großen Fensterfront herunter. Drinnen kann man den Regen riechen. Die Jugendlichen haben ihn mit ihren Jacken und Schuhen hereingetragen. Im Halbkreis verteilen sie sich um den Flügel und singen mit aufgeweckten Stimmen „Come and sing a song with me, sing a song so joyfully.“ Die Jugendkantorei Durlach beginnt ihre wöchentliche Probe mit dem Einsingen. Ein Mädchen schleicht sich noch herein und wird von ihrer Freundin mit einem Flüstern begrüßt.

Johannes Blomenkamp, der große, schlanke 47-Jährige am Flügel, ist Kantor der evangelischen Stadtkirche Durlach und Leiter des Chores. Acht Lieder aus dem Programm für den Gottesdienst am kommenden Sonntag werden heute geprobt, Lieder aus einer Luther-Revue zum Reformationsjahr, die die Jugendkantorei schon vor einigen Wochen aufgeführt hat. Sie erzählt, wie der Reformator Martin Luther Jura studierte, doch Mönch wurde, nach Rom reiste und seine 95 Thesen schrieb, warum er widerrufen sollte, aber standhaft blieb – und so weiter. Das übliche Lutherprogramm.

„Erst dachte ich: Nicht schon wieder Luther“, sagt Karolina Lutherberg, 14, nach der Probe und streicht sich mit einer Hand ihre wilden, braunen Locken aus dem Gesicht. In der Schule habe sie schon zu oft Luther und die Reformation durchgenommen. „Aber dann war es doch cool. Ich habe einiges gelernt, was ich noch gar nicht wusste.“ Kantoren wie Blomenkamp begeistern Jugendliche und Erwachsene nicht nur fürs Singen. Sie schaffen das auch noch mit kirchlichen Themen. Etwa 750.000 Mitglieder zählen die mehr als 36.000  Chören und Ensembles der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland. Fast ein Viertel der Sängerinnen und Sänger sind Kinder und Jugendliche, Tendenz steigend. Auch die evangelischen Gospelchöre haben Zulauf, mittlerweile gibt es mehr als 3.000. Nachwuchsmangel haben allenfalls traditionelle Kirchenchöre auf dem Land. „In den größeren Kantoreien ist Mitgliederschwund gar kein Thema“, sagt Stephan Schulmeistrat. Er ist Projektleiter des Musikinformationszentrums in Bonn, wo der Deutsche Musikrat alle Daten über Chören und Orchestern sammelt. Den Kirchen mögen die Mitglieder weglaufen, ihren Chören bleiben sie erhalten. Johannes Blomenkamp, der auch Bezirkskantor für ganz Karlsruhe ist, kann das nur bestätigen: „Im ganzen Stadtgebiet singen 1200 Erwachsene und 550 Kinder wöchentlich in einem Chor der evangelischen Kirche.“

Die meisten Stücke seines Luther-Programms sind modern, haben eingängige Melodien und poppige Rhythmen. Auch ein paar ältere Melodien hat Blomenkamp untergemischt. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ ist für die Szene umgetextet, in der Martin Luther fast vom Blitz erschlagen wird und ein Mönch werden will. "Ich mag so alte Melodien, aber auch alte Texte", bekennt der 15 Jahre alte Liam Geiger. „Da kriegt man einen kleinen Einblick in die Vergangenheit, und ich beginne über die Texte nachzudenken.“

In ihrer Revue stellen die Jugendlichen die meisten Lieder szenisch dar. Antonia Sommer, 17, erzählt, sie habe im Religionsunterricht öfter mal auftrumpfen können, weil sie durch ein Chorstück schon einmal intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt habe. Sie singt schon seit mehr als zehn Jahren, erst im Kinderchor, dann in der Jugendkantorei. In der Probe muss sie heute bei ein paar Soli einspringen. Einige Mitsängerinnen fehlen – Abistress. Von der siebten Klasse bis zum Abitur sind hier alle Altersstufen vertreten. Auch Antonia und ihre Freundinnen singen schon seit der Grundschule in der Gemeinde mit. Ein gemeinsames Hobby schweiße zusammen, sagt sie, „vor allem gemeinsame Auftritte und Konzerte“.

In der Probe stehen am linken, äußeren Ende des Halbkreises vier große Jungs – die Bässe. Sie sind noch nicht lange aus dem Stimmbruch und stolz auf ihre tiefen Stimmen. Dass sie gegenüber den Mädchen aus dem Sopran stehen, ist nicht der unangenehmste Aspekt der Probe. Einer gestikuliert wild und macht Mundbewegungen wie ein Opernsänger. Liam, sein Sitznachbar, greift nach den fuchtelnden Händen und klopft dem Nachbarn auf den Bauch. Beide grinsen sich an. Die Mädchen gegenüber kichern, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. „Wir sehen uns am Sonntag um 11 Uhr“, sagt Blomenkamp am Ende der Probe.

Sonntagmorgen, kurz vor elf. Endlich scheint die Sonne wieder, es riecht nach Frühling. Jugendliche in dunklen Hosen und weißen Oberteilen versammeln sich nach und nach vor der evangelischen Stadtkirche: „Wie war dein Wochenende so?“ – "Ach ja, geht."

Liam ist heute unter den ersten. Das weiße Hemd hat er bis oben hin zugeknöpft, seine fast schwarzen Haare wirken im Kontrast noch dunkler. Sein Vater begleitet ihn. "Der geht sonst nie in die Kirche, nicht mal Weihnachten oder Ostern oder so.“ Aber immerhin wird Liam heute ein kleines Solo singen.

Der vorangehende Gottesdienst ist vorbei, die ersten Besucher treten aus der Kirche. Auch Johannes Blomenkamp kommt heraus, ganz in schwarz, grüßt die Jugendlichen fröhlich und bittet sie in die Kirche. Er hat im Zehn-Uhr-Gottesdienst die Orgel gespielt.

Die Jugendlichen wuseln durch die Bänke, lassen ihre Rucksäcke fallen und begrüßen Mitsänger. Der Kantor fordert drei große Jungs auf, Podeste vor dem Altar aufzubauen. Der Flügel steht schon vorm Altar. Der Küster hängt noch schnell ein Luther-Banner über den Liedanzeiger, die Jugendlichen trödeln auf die Podeste und necken sich gegenseitig. Es dauert, bis alle ihren Platz finden. Die Zeit bis zum Gottesdienstbeginn ist knapp. Aber Johannes Blomenkamp bleibt ruhig und macht klare Ansagen, freundlich und bestimmt.

Um fünf vor halb zwölf hat der Chor alle Lieder einmal durchgesungen. Kurze Verschnaufpause, schnell Mama oder Papa hallo sagen, und dann zurück in die Bank im linken Seitenschiff. Aufgeregt? – "Nee! Obwohl…ein ganz kleines bisschen vielleicht."

In der Gemeinde sitzen nur zwei Jugendliche, wohl Konfirmanden. Ansonsten nur Eltern, Senioren und Kinder. Liam wundert das nicht. „Die Freunde aus meiner Klasse schlafen wahrscheinlich aus oder frühstücken“, sagt er. „Die haben halt mit Kirche und Singen nichts am Hut." Warum er kommt? "Mir macht singen einfach Spaß und ausschlafen kann ich auch wann anders."

"Außerdem singen wir ja nur vier- oder fünfmal im Jahr im Gottesdienst“, schiebt Karolina nach. Sonst gehe sie kaum in den Gottesdienst, ihre Familie auch nicht. „Ich verstehe nicht, was der Pfarrer in der Predigt sagt.“ Wenn sie singe, sei das anders. Dann habe sie was zu tun. Warum sie ausgerechnet in einem Kirchenchor singt? „Die Musik ist schön. Außerdem singt eine meiner besten Freundinnen auch hier“, antwortet Karolina.

Liam wäre von selbst wohl nie auf die Idee gekommen, sich der Jugendkantorei anzuschließen. Johannes Blomenkamp hat ihn angesprochen. „Das war letztes Jahr, als er wegen seiner Konfirmation öfter in die Kirche kam“, erzählt der Kantor, „mir ist seine unglaublich tiefe Stimme aufgefallen.“ – „Ach, genau“, brummt Liam, „hatte ich fast vergessen. Und dann bin ich eben irgendwann mal zur Probe gegangen. Meine Mutter hat gesagt, ich soll noch ein paar Mal hingehen. Und jetzt bin ich hier“, sagt er trocken und grinst.

Für Antonia ist die Musik „irgendwie nochmal ein anderer Zugang zur Kirche und zum Glauben. Das habe ich besonders gemerkt, als ich mit meiner Firmgruppe in Taizé war." Antonia ist katholisch, sie singt trotzdem in der evangelischen Kantorei. Das Beste am Singen? „Man braucht nur sich, kein Instrument. Es geht immer und überall. Und mehrstimmig klingt es gleich noch viel schöner und irgendwie erhabener.“

„Musik könnte man vielleicht als eine gute Brücke beschreiben, auch für den Glauben", sagt Johannes Blomenkamp. "Durch Musik hat man einen anderen, leichteren Zugang.“ Eine junge Frau zum Beispiel, die bei ihm als Mädchen im Jugendchor angefangen hat und aus einem kirchenfernen Umfeld kam, studiere jetzt Kunst und Religion auf Lehramt.

Während des Gottesdienstes laufen die Stücke gut. Auch der Gemeinde scheint es zu gefallen. Hier und da wippt ein Fuß oder tippt ein Finger im Takt. Der Pfarrer tanzt sogar am Rand mit, als der Chor sich zu einem Lied im Takt bewegt. Nach dem Segen gibt es großen Applaus. Vielen Sängerinnen und Sängern huscht ein Lächeln übers Gesicht.

Dienstag geht es weiter. Als nächstes steht die Schöpfung von Haydn auf dem Programm, zusammen mit der großen Kantorei.

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