Serie Bibel: Eine Feministin über die Heilige Schrift

Mit Grüßen an die Apostelin
Claudia Janssen. Alte Universität Marburg

Claudia Janssen in der Alten Universität Marburg

Sandra Schildwächter

Claudia Janssen erforscht die Bibel aus feministischer Sicht. Viele ihrer Erklärungen verblüffen. Ein Gespräch

chrismon: Vor gut zehn Jahren erschien die „Bibel in gerechter Sprache“. Was hat das seither bewirkt?

Claudia Janssen: Die Bibel ist wieder interessant geworden. Menschen stellen neue Fragen, etwa: Hat es wirklich Jüngerinnen gege­ben, oder übersetzt ihr sie einfach in die Bibel hinein? Wenn ich aber feststelle, dass auch Frauen Jesus begleiteten, muss ich Jüngerinnen und Jünger übersetzen. Sprache bildet Wirklichkeit ab – und verändert sie auch.

Einige Jüngerinnen sind namentlich erwähnt: Maria aus Magdala, Maria und Marta von Bethanien, Johanna – die Frau des Chusa, Salome von Galiläa, Maria im Hause des Kleophas.

Claudia Janssen, 42, ist habilitierte Theologin und Studienleiterin am Frauenstudien- und -bildungszentrum in der Evangelischen Kirche in Deutschland. An der Universität Marburg unterrichtet sie Neues Testament. Janssen ist Mitherausgeberin der "Bibel in gerechter Sprache", in der es darum geht, Frauen stärker in den Blick zu rücken und antijüdische Töne zu vermeiden.

Apostelgeschichte 9,36 nennt sogar Tabitha explizit eine Jüngerin. Und plötzlich ist Jesus nicht nur mit zwölf Männern unterwegs, sondern auch mit vielen Frauen.

Prägender war in der christlichen Tradition, dass Jesus zwölf Jünger hatte.

Das sind aber Bilder, die wir in die Vergangenheit hineinprojizieren. Und mit den herkömmlichen Übersetzungen haben wir die Wirklichkeit patriarchaler gemacht, als sie damals tatsächlich war.  

Bei der Übersetzung des harmlosen Wortes "Hirte" geht es um Machtfragen

Sie behaupten, es habe auch Hirtinnen und Fischerinnen gegeben. Kann das denn sein?

Als die „Bibel in gerechter Sprache“ erschien, empfanden es manche Kritiker als skandalös, dass hier von Hirtinnen und Hirten die Rede ist. Dabei haben tatsächlich Frauen in der Antike häufig Kleintiere gehütet. Dennoch war der Aufschrei groß: Mit Hirtinnen werde der Bogen überspannt! – Aber warum? Weil Hirt auch das Bild für Gott ist wie in Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte.“ Das Hirtenamt der Pfarrer baute auf der Vorstellung auf, dies könnten nur Männer tun. Sobald ich sage, dass es Hirtinnen gab, verändert sich etwas. Bei der Übersetzung eines an sich harmlosen Wortes kann es eben auch um Machtfragen gehen.

Trotzdem stand früh in der Kirchengeschichte fest: Nur Männer sollen das Hirtenamt übernehmen.

Die neutestamentlichen Schriften sind 50 bis 80 Jahre nach Jesu Tod in den Großstädten des römischen Reiches aufgeschrieben worden. Sie entstanden in Gemeinden von Migranten, von teilweise entwurzelten Menschen. Im ersten Jahrhundert war das eine Basisbewegung innerhalb des sehr vielfältigen Judentums. Erst ab dem zweiten, dritten Jahr­hundert nach Christus entstand eine Art Ämterstruktur.

Die frühen Gemeinden – eine Basisbewegung innerhalb des Judentums. Davon haben viele Christen noch nie etwas gehört. Erreicht denn das, was an den Unis gelehrt wird, auch die Öffentlichkeit?

Es besteht eine Ungleichzeitigkeit zwischen der Forschung an den Universitäten und dem, was bei den Menschen außerhalb ankommt. Manche Vorstellungen existieren weiter, obwohl die Wissenschaft sie längst widerlegt hat. Da erscheint etwa Paulus noch immer als der autoritäre, frauenfeindliche Patriarch, der den anderen vorgibt, wie die Dinge zu laufen haben. Im 1. Korintherbrief 2 sagt Paulus, dass er schwach und ängstlich sei und nicht gut reden könne, trotzdem habe die Gemeinde von Korinth ihn freundlich aufgenommen. Hier stellt er sich ganz anders dar, als es das herrschende Männerbild verlangt, sozusagen als nichtmännlicher Mann. Wer das erkennt, hat eine ganz andere Person vor sich als den Obermacker Paulus. Oder nehmen Sie den Satz „Das Weib schweige in der Gemeinde“ aus dem 1. Korintherbrief 14,34: Wissenschaftler haben bereits vor hundert Jahren gezeigt, dass dieser Satz später in den Text hineinredigiert wurde. – Frauen wurden in den ersten Jahrhunderten nach Christus regelrecht aus der Öffentlichkeit hinausgedrängt. Im Römer­brief 16,7 lässt Paulus die Apos­telin Junia grüßen. Sie wurde in späteren Handschriften zu Junias umbenannt, was ein männlicher Name ist. Bereits 1977 hat die feministische Theologie die Frau dahinter wieder sichtbar gemacht, was die revidierte Lutherbibel von 2017 nun endlich aufnimmt. All das ist wenig bekannt.

„In Christus ist nicht männlich noch weiblich.“ Diese Person grenzte sich klar von antiken Hierarchie ab

 Sandra Schildwächter

Hat denn die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Antike schon eine Rolle gespielt?

Geschlechterfragen wurden in neutestamentlicher Zeit jedenfalls diskutiert. Nehmen Sie den Slogan aus dem Galaterbrief 3,28: „In Christus ist nicht griechisch noch jüdisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich noch weiblich.“ Aus römischer Perspektive hatte jemand Macht und Einfluss, wenn er römischer Bürger war, frei und ­keine Frau. Wenn dann jemand sagte: „Solche Kategorien zählen in der ­Gemeinde Jesu aber nicht, da sind ­alle einzig einig im Messias Jesus“, dann grenzte sich diese Person klar von den hie­rarchischen Grenzziehungen in der Antike ab. 

Sie haben für die „Bibel in gerechter Sprache“ den Römerbrief übersetzt. Sie übersetzen in Kapitel 12,1: „Ich ermutige euch, Geschwister,...“ In der klassischen Lutherbibel ist von „Brüdern“ die Rede. Die neu revidierte Lutherbibel von 2017 schreibt: „Brüder und Schwestern“. Wie er­klären Sie die Unterschiede?

Im Griechischen gibt es anders als ­im Deutschen kein Wort, das Brüder und Schwestern in einer Bezeichnung zusammenfasst. Wenn hundert Frauen und ein Mann in einem Raum sind, steht dort die männliche Form „Brüder“. In seiner Grußliste am Ende des Römerbriefs zählt Paulus zehn Frauen und 17 Männer auf, darunter die Apos­telin Junia und die Diakonin Phoebe, die Überbringerin des Briefes. Wen stelle ich mir also vor? Schreibt Paulus nur an die Brüder oder an eine Gruppe von Geschwistern, zu denen er sich auch selbst zugehörig fühlt? Welche Übersetzung ich wähle, hat mit der konkreten Situation zu tun.

Ein wichtiges Anliegen der „Bibel in gerechter Sprache“ war auch, antijüdische Tendenzen in den Texten zu vermeiden. Wie zum Beispiel? Und: Hat das funktioniert?

Das Johannesevangelium spricht häufig von „den Juden“. Das hat später den Eindruck erweckt, Jesus und „die Juden“ seien Gegner. Aber viele Mitglieder der frühen messianischen Gemeinden waren jüdisch. In der Wissenschaft spricht man von unter­schiedlichen Judaismen, von vielfältigen Strömungen im Judentum, die nebeneinander existierten. Wenn Menschen heute, 2000 Jahre später, hören, dass Jesus „die Juden“ hart­herzig nennt, hören sie: Der Christ ­Jesus beschimpft die Juden, und diese haben ihn danach umgebracht. Aber dieser Eindruck ist falsch. Die „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzt daher: „Jesus spricht zu den anderen Juden.“ Plötzlich wird verständlich, dass hier innerjüdisch über das Verständnis der Tora gestritten wird. Und ja: Das ist in vielen Gemeinden angekommen.

Und wie steht es um das tradi­tionell Antijüdische im Römerbrief des Apostels Paulus, den Sie übersetzt haben?   

Manche Theologen nehmen an, Paulus vertrete ein gesetzesfreies Heidenchristentum. Aber wenn Paulus auf Griechisch „nomos“ sagt, meint er nicht „das Gesetz“ im Allgemeinen, sondern fast immer die jüdische Tora. Weshalb ich mich entschieden habe, im Römerbrief das griechische Wort „nomos“ nicht mit „Gesetz“ zu übersetzen, sondern fast immer mit „Tora“.

Die Tora ist kein starres Gesetzeswerk, sondern eine Lebensweisung Gottes für die Menschen. Bei Paulus heißt es auf Griechisch: Christus sei das „telos“ des Gesetzes. Nur: Wie muss man „telos“ übersetzen? Luther sagt: „Christus ist das Ende des Gesetzes.“ Demnach wäre das Gesetz mit Christus abgehakt, und wir wären der Tora gar nicht mehr verpflichtet. Diese Theorie wurde über Jahrhunderte mit sehr stark antijüdischen Implikationen vertreten. Wir kennen die Vorstellung von der Gesetzlichkeit des Judentums, das Zerrbild vom Pharisäer, der an irgendeinem Detail eines religiösen Gebotes hinge, das Zerrbild einer lebensfeindlichen Religion. „Telos“ hat aber auch die Bedeutung „Ziel, Ausrichtung“. Und genau das meinte Paulus: Jesus Christus ist nicht das Ende der Tora, sondern „die Tora ist ausgerichtet auf den Messias, auf Christus“. Das ist ein ganz anderer Sinn, der auch viel besser zur Realität des Judentums passt.

Maria, die Mutter Jesu, eine im Krieg vergewaltigte Frau?

Im Magnificat, dem Lobgesang der Maria (Lukas 1,46–55), heißt es in der Luther­übersetzung: „Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ Die „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzt: „Die göttliche Macht hat auf die Erniedrigung ihrer Sklavin geschaut.“ Was stimmt?

Das griechische Wort „tapeinosis“ kann „Niedrigkeit gegenüber Gott“ bedeuten, wie Luther es übersetzt. In der Bibel steht es aber oft da, wo es um sexuelle Gewalt gegen Frauen geht, also um Erniedrigung. Die Fragen, die sich mir hier stellen, sind: Sieht Gott das, was andere dieser Frau angetan haben? Welche Vorstellungen verbinden sich mit „Niedrigkeit“ und „Magd“? Demütig, gebückt, sie ist es eigentlich nicht wert, dass jemand sie anschaut. – Und wie passt es zu einer demütigen Frau, Gott für so umstürzende Dinge zu loben wie: „Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Erniedrigten“? – In der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel kommt „tapeinosis“ an vielen Stellen vor, an denen es um die Zerstörung von Städten und die physische und psychische Gewalt an Menschen geht. Das Lukasevange­lium wurde in einer Zeit geschrieben, als genau das geschah. Nach dem jüdischen Krieg wurde den Eroberern die Bevölkerung als bewegliche Beute zuge­sprochen. Wenn Maria sich eine Sklavin Gottes nennt, wird beides hörbar: wie sie erniedrigt wurde und wie Gott ausgerechnet sie mit großen Dingen beauftragt.

Maria, die Mutter Jesu, eine im Krieg vergewaltigte Frau? Das passt nicht zum weihnachtlichen Krippenspiel!

Das Wort „tapeinosis“ schließt diese Deutung ein. Matthäus und Lukas vermitteln in ihren Geschichten die Botschaft: Frag nicht nach der Herkunft dieses Kindes. Frag nicht, wer der biologische Vater ist. Sondern nimm es als Kind Gottes an. Und Matthäus sagt: Verstoße diese Frau nicht, wie Josef es anfangs vorhatte. Maria ist möglicherweise auch keine historisch identifizierbare Einzelgestalt. Sie steht als Repräsentantin für das Schicksal vieler Frauen mit Gewalterfahrungen nach einem Krieg. Das ist bis in die Gegenwart so. Die Erzählung richtet sich an die Ge­meinschaft, vor allem die Männer: Stoßt die Frauen nicht aus, sondern nehmt sie und ihre Kinder auf. Wir sehen hier den Adop­tivvater Josef und den Anfang der heiligen Patchworkfamilie.

Paulus weist den menschlichen Körpern Heiligkeit und Würde zu

Was hilft Ihnen beim Übersetzen und Auslegen?

Ich schaue in viele Wörterbücher und in andere Übersetzungen. Bei Wörterbüchern schätze ich besonders solche, die aufzeigen, welche Bedeutung ein Wort außerhalb des Neuen Testaments in der Alltagssprache hatte. Ich schaue auch in die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel, die Septuaginta, um von da aus auf die hebräischen Wurzeln von Wörtern zu kommen. Es geht nicht allein um richtig oder falsch, sondern darum, sich die biblischen Geschichten neu zu erschließen. In der jüdischen Tradition hat eine Schriftstelle nicht an sich eine Autorität, sondern sie bekommt erst dann Relevanz, wenn sie in die Gegenwart spricht. Ob die Geschichte sich wirklich so zugetragen hat? Ich weiß es nicht. Vermutlich sind die ­biblischen Geschichten Legenden, keine historischen Tatsachenberichte. Aber das macht nichts aus. Mich interessiert, warum die Geschichten genau so erzählt wurden. Was war denen, die sie erzählt haben, so wichtig, dass sie darauf vertrauten? Woher kommt die Kraft, die mich heute noch erreicht?

Sie stellen sich auf der Website der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel mit einem Pauluszitat aus Römer 12,1–2 vor. Warum?

„Bringt eure Körper als heilige und lebendige Gabe dar“ und „schwimmt nicht mit dem Strom“, das fordert mich heraus. Paulus weist den menschlichen Körpern Heiligkeit und Würde zu. In der Gottesbeziehung erfahren Menschen ihre Würde und können sie füreinander einsetzen. Paulus’ Lebensstrategie ist, die Würde nicht nur selbst zu erfahren, sondern sie auch in jedem Gegenüber zu sehen.

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