Für seine Spielsucht ließ er alles zurück

Spielsucht macht keinen Spaß
Spielsüchtiger

Sophie Stieger

Jetzt hat er aufgehört, er zahlt seine Schulden ab, hat wieder Arbeit – und den Kopf frei

Es fing nach dem Abi an. Aus Langeweile begann ich mit Sportwetten. Das steigerte sich: mehr Tippscheine, höhere Beträge, riskantere Wetten. Zusätzlich spielte ich Blackjack, Poker oder Roulette, im Kasino und später im Internet. Irgendwann setzte ich auf eine einzige Wette 400 Euro. Verrückt, oder?

Die Spielsucht diktierte mir acht Jahre lang mein Leben. Ich machte zwei Therapien, wurde aber rückfällig. Ich wollte den Kick wieder erleben und gewinnen. Ich dachte ständig ans Spielen, überlegte mir Strategien. Das Blöde ist: Am Ende verliert man doch wieder alles, wegen unglaublicher Zufälle oder weil man sich doch nicht an seine Taktik hält.

Leihen, betrügen, stehlen

Als freiberuflicher Projektmanager konnte ich eine Zeit lang Arbeiten und Spielen einigermaßen miteinander vereinbaren. Als ich immer mehr Geld verspielte, verkaufte ich mein Auto, mein Laptop, meine Möbel. Später klaute ich meiner Oma den Schmuck und brachte ihn zum Pfandhaus. Ich lieh mir Geld, bei der Bank, aber auch beim Kioskbesitzer um die Ecke. Irgendwann konnte ich mich nirgends mehr blicken lassen, überall hatte ich Schulden. Die Polizei erwischte mich beim Scheckkartenbetrug, zwei Mal wurde ich zu Sozialstunden verurteilt. Zum Glück kam ich ohne Vorstrafe davon, sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin.

Meine Eltern brachen schließlich den Kontakt zu mir ab, verständlich, sie hatten mir oft geholfen, und ich hatte sie enttäuscht. Irgendwann musste ich aus meiner Wohnung raus, ich hatte ­länger keine Miete gezahlt. Gepackt habe ich nur ein paar Klamotten – was ich tragen konnte. Ich war obdachlos.

Wenn man ganz unten ist, dann braucht man etwas, das einen dazu bringt weiterzumachen. Weil: Wer gar nichts mehr hat, für den wird auch Suizid ein Thema. Ich war an diesem Punkt, ich war so müde von allem. Aber eine Sache wollte ich unbedingt: Ich wollte wieder lieben – in der Hoffnung, dass mir auch Liebe zurückgeschenkt wird.

Wer würde mir noch helfen? Eine Frau von der Evangelischen Suchtberatung schlug mir einen Weg vor, wie es weitergehen könnte. Sie erklärte mir die einzelnen Schritte, um Hartz IV beantragen zu können. Dafür benötigt man zum Beispiel einen Wohnsitz, den ich nicht mehr hatte. Ohne Wohnsitz kein Hartz IV, ohne Hartz IV keine Chance auf eine eigene Wohnung. Deshalb bekam ich zunächst eine Briefkastenadresse bei einer sozialen Einrichtung, wo sich Obdachlose ihre Post hinschicken lassen können.

Die ersten Wochen lebte ich von Lebensmittelgutscheinen. Zunächst ließ mich ein Kumpel bei sich schlafen, dann ein Onkel, ich schlief auch einige Nächte draußen. Dann saß ich abends auf einer Parkbank und sah zu, wie alle anderen nach Hause gingen.Nach einigen Wochen bekam ich Sozialhilfe und später auch Hartz IV. Damit konnte ich wieder eine Wohnung anmieten. Ich musste neu lernen, mit Geld umzugehen. Dafür legte ich mir ­einen Hund zu, ich hatte Verantwortung für ihn, das half mir. Dann bin ich zum Schuldnerberater, mit einem Müllsack voller ungeöffneter Zahlungsforderungen.

"Ich habe alle angelogen. Furchtbar"

Noch bis 2018 lebe ich in Privatinsolvenz, sieben Jahre lang von 1030 Euro im Monat. Das ist okay, damit komme ich aus. Geld ist mir nicht mehr wichtig.

Ins Berufsleben habe ich zurückgefunden, weil mir ein Bekannter angeboten hatte, in seiner Firma zu arbeiten. Von dort aus habe ich mich Stück für Stück hochgearbeitet, mittlerweile bin ich in einem großen Unternehmen tätig. Niemand dort weiß, dass ich spielsüchtig war. Aber meiner Freundin habe ich es gleich beim Kennenlernen gesagt.

In all den Jahren als Süchtiger habe ich mir eine Menge Wissen zur Spielsucht angeeignet. Nun leite ich eine Selbsthilfegruppe, die sich jede Woche trifft. Dafür habe ich eine Suchthilfeaus­bildung und eine Gruppenleiterausbildung absolviert.

Seit fünf Jahren bin ich nun spielfrei. Einmal träumte ich, ich würde spielen, das war so krass real! Aber das werde ich auf keinen Fall tun. Das Leben als Spieler hat mich so ­vereinnahmt, mich so angestrengt. Ich habe alle angelogen, furchtbar. Seit ich nicht mehr spiele, kann ich meine Energie und meinen Kopf wieder für anderes einsetzen. Das macht mich froh.

*Name von der Redaktion geändert

 

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