Schauspielerin Anna Schudt über ihren Umgang mit Krisen

"Ich lese den Satz und werde milde"
Er hängt am Kühlschrank, der Satz, und stimmt sie friedlich. Früher ließ sie eine Krise gern mal eskalieren, sagt die Schauspielerin Anna Schudt

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn die Dinge im Fluss sind und ich mich nicht anstrengen muss. Wenn es keine Nebenarme gibt, in die das Wasser fließt – ob das nun Gedanken sind oder 3000 Pläne, die ich gleichzeitig habe. Wenn ich konzentriert bin. Beim Spielen improvisiere ich sehr gern. Das ist natürlich risikoreich, denn du weißt nicht, was passieren wird. Aber es knistert!

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Als kleines Mädchen habe ich mich mit Jesus sehr verbunden gefühlt. Ich hatte in meinem Zimmer eine große Truhe, meine Gebetstruhe. Ich habe oft davor gekniet. Jesus hat mich begleitet, er war an meiner Seite. Einmal aber meinte jemand zu mir: "Ach, du mit deinem Jesusquatsch." Das war wie eine Guillotine, ich habe mich geschämt. Die Verbundenheit war mit einem Mal weg, wie abgeschnitten. Ich habe dann nicht mehr gebetet. Das war sehr schade, denn ich weiß noch, wie innig das war. In der letzten Zeit bin ich wieder häufig in der Kirche. Sie ist für mich ein Raum, in dem ich außerhalb bin von Gewusel und Gewirre, außerhalb von Ansprüchen an mich – ob die nun von mir selbst kommen oder von anderen. Ich begebe mich dort in etwas Größeres, ich begebe mich in einen Raum, wo ich innehalte und still bin und zulasse, dass es etwas anderes gibt als mich.

Anna Schudt

1974 in Konstanz geboren, war Ensemblemitglied an den Münchner Kammer­spielen, der Berliner Schaubühne und dem Bayerischen Staatsschauspiel. Sie spielte etliche Hauptrollen, 2006 erhielt sie den Kurt-Meisel-Preis für ihre Darstellung der Maria Stuart. Seit 2012 ermittelt sie als Martina Bönisch im Dortmunder "Tatort". Anna Schudt ist ver­heiratet mit dem Schauspieler Moritz Führmann, hat drei Söhne und lebt in Düsseldorf.
Dirk von Nayhauß

Muss man den Tod fürchten?

Als mein erster Sohn noch ein Baby war, haben Ärzte vermutet, dass er einen Hirntumor haben könnte. Es war zum Glück nicht so, aber ich habe Eltern mit ihren schwerkranken Kindern gesehen. Das hat mich tief beeindruckt. Ich habe irgendwann zu einem Kinderhospiz gefunden, ich mache dort zusammen mit meinem Mann Lesungen. Ein Kinderhospiz ist kein Ort von Trauer. Wenn einem der Wert des Lebens so bewusst ist wie in dem Moment, in dem man weiß, es ist endlich – dann sucht man nicht nach den Tränen, sondern nach dem Glück und nach dem Lachen. Es ist toll, dass es solche Einrichtungen gibt, wo man sich aufgehoben fühlen darf und wo die Kinder, die Eltern, die Geschwister so viel Linderung erfahren. Leider müssen sich diese Einrichtungen zu einem großen Teil durch Spendengelder finanzieren.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe, die ich geben kann. Das bedeutet für mich, den anderen so anzunehmen, wie er ist, und ihn weder zu bewerten noch zu kommentieren. Sobald ich den anderen kategorisiere in "funktioniert", "ist kompatibel", "macht das Richtige", schneide ich mich von dieser Liebe ab. Du kannst sehen, wie Menschen sich verändern, wenn du sie nicht bewertest und kommentierst. Und wie sich Konflikte entspannen, wenn du versuchst, dem ­anderen mit diesem inneren Lächeln zu begegnen. Dieses Lächeln in mir wachzurufen ist eine tägliche Übung. Ein Beispiel: Mein Mann ist überzeugter Langschläfer, ich bin Frühaufsteherin. Manchmal ärgert mich das. Ich habe mir nun eine Karte an den Kühlschrank gehängt, auf der steht: Schlafen ist eine spirituelle Praxis. Wenn ich jetzt morgens in der Küche stehe und mich ärgere, dass der noch schläft, dann lese ich diesen Satz und ­werde milde.

"Ein Teil von mir genießt das Schmerzhafte an der Krise"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich gehe und entschuldige mich. Wenn man es nicht ausgesprochen hat, wird es nicht heilen. Kann ich den anderen nicht mehr erreichen, ist die erste Maßnahme, ein inneres Gespräch zu führen oder einen Brief zu schreiben. Mehr kann man nicht machen. Es gibt ein paar Sachen, da bleibt der elektrische Stoß nicht aus, wenn ich daran denke. Ich habe mich noch nicht einmal getraut, die auszusprechen. Die kommen manchmal aus dem Hinterhalt, und dann will ich sie ganz schnell wieder vergraben.

Wer oder was hilft in der Krise?

Die Familie, dann tragen viele Schultern die Last. Lange ­Jahre glaubte ich, ich schaffe alles allein. Ich musste ­lernen, dass es mich stärker macht, andere um Rat zu fragen. ­Ohne Gegenüber ist der Weg immer mindestens doppelt so lang. Wenn man überhaupt einen Weg findet. Früher habe ich es in einer Krise gern fast gegen die Wand ­knallen lassen – was wirklich ein schwieriger Charakterzug ist. Es reizt mich, selbst in dunklen Momenten zu ­sehen, wie weit es geht, bis alles abstürzt. Das Schmerzhafte an der Krise ist etwas, das ein Teil von mir genießt.

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