Ulrich Körtner und Heinrich Bedford-Strohm: Soll Kirche sich in Politik einmischen?

Zu viel Moralismus?
Der Theologieprofessor wünscht sich von der Kirche mehr politischen Realitätssinn, der Bischof lässt das nicht auf sich sitzen
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Foto: Sebastian Arlt

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist Ratsvorsitzender der Evan­gelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Als Sozialethiker befasst er sich regelmäßig mit Fragen der Gerechtigkeit und der poli­tischen Verantwortung der Kirche. Soeben erschien sein Buch „Mitgefühl. Ein ­Plädoyer“ (Claudius-Verlag).

Ulrich Körtner

Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Körtner, geboren 1957, ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien. Der evangelisch-reformierte Theologe ist ­zugleich Direktor eines theologischen Instituts der Diakonie Österreich, ­außerdem Bundespfarrer der Johanniter-Unfall-Hilfe. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt auch die Medizin- und Bioethik.

chrismon: Was taten Sie 2015, als die vielen Migranten kamen?

Heinrich Bedford-Strohm: Ich hatte die Entwicklung schon vorher verfolgt, sie hat mich nicht völlig überrascht. Plötzlich kamen sehr viele Menschen hier am Münchner Hauptbahnhof an. Ich verabredete mich spontan mit Kardinal Reinhard Marx, und wir gingen zusammen hin und sahen das ungläubige Staunen der teils sehr erschöpften Menschen darüber, wie freundlich sie empfangen wurden. Das hat mich berührt.

Ulrich Körtner: Ich war im Ausland und empfing dort nur deutsches Fernsehen, kein österreichisches. Manches in den Berichten hat mich irritiert. Dass wir den Flüchtlingen helfen, war für mich keine Frage. Ich gehöre zur Johanniter-Unfall-Hilfe. Wir haben frühzeitig Notquartiere aufgemacht. In Wien war ich dann in den ersten Monaten in zwei Flüchtlingsquartieren engagiert.

Was hat Sie an der deutschen Berichterstattung irritiert?

Körtner: Die Weise, wie das eigene Tun hochmoralisch auf­geladen wurde, auch von kirchlicher Seite.

Bedford-Strohm: Dazu wurde ja schon viel Kritisches ge­schrieben, auch über die vermeintliche Haltung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Aber wer hat denn gesagt, wir seien die moralisch Besseren? Solchen Hochmut habe ich nicht beobachtet. Ich habe Menschen erlebt, die geholfen haben.

Körtner: Das sind zwei verschiedene Ebenen: die Hilfe der Menschen und die Verlautbarungen der Kirchen.

Bedford-Strohm: Welche Verlautbarungen konkret?

Körtner: Ich kritisiere die ganze Art und Weise, wie das Thema der Willkommenskultur kirchlicherseits behandelt wurde. Und das Unverständnis gegenüber denen, die das kritisch sahen.

Bedford-Strohm: Im Sommer und Herbst 2015 standen wir vor einer humanitären Ausnahmesituation. Nicht zuletzt weil die ­internationale Staatengemeinschaft ihren Verpflichtungen für die Flüchtlingshilfe in der Krisenregion nicht nachgekommen ist. Wir mussten unmittelbar helfen.

Körtner: Mir fehlte bei der EKD das Verständnis dafür, dass die europäischen Außengrenzen geschützt werden müssen, dass man die Kontrolle über das ganze Geschehen zurückgewinnen muss.

Bedford-Strohm: Für den Winter 2015 musste eine humanitäre Katastrophe für viele Tausend Menschen inmitten Europas abgewendet werden. Deutschland hat einen großen Anteil daran, dass diese nicht eingetreten ist. Aber ich möchte wirklich gerne mal wissen, wann die EKD, wann Bischöfe oder ich als Ratsvorsitzender in Zweifel gezogen haben sollen, dass die Behörden diese Menschen registrieren müssen und dass sie wissen müssen, wer im Land ist. Es existierten damals sieben verschiedene Registrierungssysteme. Dann hat man fieberhaft begonnen, die Registrierungen zu vereinheitlichen. Das war auch völlig richtig. Das haben wir als Kirchen nicht kritisiert.  

Körtner: Sie haben von Anfang an das Schlagwort der Will­kommenskultur in den Vordergrund gestellt. Ihr Schulterschluss mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel war sehr eng. Sie haben versucht, ihr den Rücken zu stärken. Da ging es von Anfang an nicht nur um die Frage: Wie hilft man denen, die gekommen sind? Sondern das war mit einer politischen Position verbunden: Wie soll Europa mit der Flüchtlingsfrage umgehen?

Bedford-Strohm: Wir haben gesagt, dass es erstens Pflicht ist, faire Asylverfahren zu gewährleisten. Zweitens, dass Europa ­gemeinsam auf diese Herausforderung antworten muss, eine ­nationale Politik also nicht reicht. Und legale Wege nach Europa jenseits des Asylrechtes verstärkt genutzt werden sollten. Und wir haben drittens gesagt: Die ungarische Position, als „christliches Abendland“ keine Muslime aufzunehmen, widerspricht christlichen Überzeugungen. Ich habe immer sehr genau über den Unterschied von Gesinnungs- und Verantwortungsethik reflektiert.

"Zäune um Länder sind keine zukunftsträchtige Lösung"

Erklären Sie uns den Unterschied.

Bedford-Strohm: Gesinnungsethik nach der klassischen Unterscheidung des Soziologen Max Weber heißt: Nicht die Folgen meines Handelns sind ausschlaggebend dafür, wie ich handele, sondern der gute Wille. Ein Verantwortungsethiker hingegen ­bedenkt die Folgen seines Handelns mit. Denn es ist ethisch fragwürdig, wenn man am Ende nur selbst gut sein will, obwohl die Folgen des Handelns den Menschen schaden. Doch nun zu sagen, die einen seien Gesinnungsethiker, die anderen Verantwortungsethiker, ist schlicht und einfach falsch. Wir müssen uns vielmehr fragen: Auf welche Gesinnung ist die Verantwortungs­ethik be­zogen? In welchem Horizont üben wir Verantwortung aus? Unsere Verantwortung endet ja nicht an bayerischen, nicht an deutschen und auch nicht an europäischen Grenzen. Was passiert mit all den Menschen, die es nicht nach Europa schaffen?

Körtner: So wird Max Weber verwässert. Konkret besteht der ­Dissens zwischen uns in folgendem Punkt: Sie haben von Kirchen­seite eine Politik wirksamer Grenzen kritisiert, auch Sie selbst haben es getan. Die österreichische Regierung hat die Balkan­route geschlossen – in Abstimmung mit den Balkanstaaten. Das war notwendig. Frau Merkel hat dies allerdings abgelehnt.

Bedford-Strohm: Nationale Alleingänge konnten auch nicht die Lösung sein. Die Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und ­Terror waren, befanden sich doch auf europäischem Boden.

Körtner: Kirchenvertreter haben diese Schritte immer kritisiert, obwohl sie die Lage entspannten. Auch in Österreich haben die lutherische, die methodistische und die reformierte Kirche zum Reformationstag 2015 emotional gegen Mauern und Zäune ­polemisiert. Dem Sinn nach sagten sie: Grenzsicherung und die Begrenzung des Zustroms von Flüchtlingen lehnen wir ab.

Bedford-Strohm: Ich habe im Spätsommer 2015 selber die chaotischen Zustände auf dem Balkan erlebt. Das war alles andere als eine entspannte Lage. Ich kenne auch keine kirchliche Forderung, alle Grenzen abzuschaffen. Es ging nicht um die Sicherung von Außengrenzen, sondern um Grenzen innerhalb des Schengen-Raums. Es ist und bleibt das Ziel, dass Europa gemeinsam agiert. Dass nicht jeder einfach ohne Kontrolle und Registrierung nach Europa kommen kann, ist ja klar.

Körtner: Aber die europäischen Außengrenzen zu sichern und die Innengrenzen offen zu halten, funktionierte schon lange nicht mehr. Sie haben sogar Kritik geübt an denen, die innerhalb des Schengen-Raums Kontrollen durchführen wollten. Obwohl die Situation nicht mehr kontrollierbar war!

Bedford-Strohm: In einem Interview wurde ich nach den Grenzkontrollen an der bayerischen Grenze gefragt. Ich habe gesagt: Das ist möglicherweise nicht zu vermeiden. Aber ganze Länder komplett einzuzäunen ist etwas anderes. Ich halte das für keine zukunftsfähige Lösung. Zur gleichen Zeit wurde auch das Türkei­abkommen verhandelt. Ich habe Bauchschmerzen wegen dieses Abkommens, ich habe es aber nicht grundsätzlich kritisiert. Einfache Lösungen gibt es in der Migrationspolitik nicht. Und weil wir damals in einer Situation waren, in der es vor lauter „einfachen Lösungen“ nur so wimmelte – Stichworte: Obergrenze und Grenzbewaffnung – haben wir als Kirchen Verantwortung übernommen für die Verpflichtungen der Hilfe und der Solidarität.

"Der Staat braucht die Kontrolle über das Recht und über seine Grenzen"

Herr Körtner, unterstellen Sie den Kirchen politische Naivität?

Körtner: Ich habe dieses Wort nie gebraucht. Aber ich hätte mir von Anfang an eine stärkere Betonung der Verantwortungs­ethik gewünscht. Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass ein Staat die Kontrolle über das Recht und damit auch über die Grenzen braucht. Auch um all den Menschen, die bei ihm um Asyl bitten, ein würdiges Leben zu ermöglichen.  

Bedford-Strohm: Da sind wir uns doch völlig einig, die Herrschaft des Rechts ist kostbar. Das ist eine ethische Grundüberzeugung, die uns Christen gemeinsam trägt.  

Körtner: Nur hat das zunächst nicht die Kirche formuliert, auch Sie nicht. Sondern das kam von Heinrich August Winkler, Richard Schröder, Udo Di Fabio und anderen. Wenn Sie jetzt sagen, wir sind da grundsätzlich einer Meinung, freut mich das. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich mit meiner Kritik erreichen.

Moralisieren die Kirchen zu viel in politischen Fragen?

Bedford-Strohm: Nein, sie versuchen, eine sinnvolle öffentliche Orientierung zu geben. Wir brauchen ja solche Orientierung. Christliche Grundorientierungen einzubringen und dafür zu werben, dass Politiker sie auch in ihr politisches Handeln einbeziehen, das ist keine Moralisierung von Politik.

Körtner: Schön, wenn das gelingt. Grundsätzlich plädiere ich dafür, dass wir Theologen die Sphäre des Politischen wichtiger nehmen.  

Bedford-Strohm: Die Frage ist, wie wir mit der Sphäre des Poli­tischen umgehen. Wir könnten ja etwa sagen, Abschiebungen seien grundsätzlich mit der christlichen Nächstenliebe unvereinbar. Genau das sagen wir aber nicht. Ich weiß doch auch: Man kann die Bergpredigt nicht direkt auf die Politik übertragen. Wenn es ein faires Verfahren gibt, wenn es nach allen recht­lichen Abwägungen kein Abschiebehindernis mehr gibt, dann muss die Rückführung erlaubt sein. Das habe ich in den letzten Jahren ­immer wieder gesagt. Wichtig ist nur, dass sie verhältnismäßig ist. Wenn Familien seit sechs Jahren im Verfahren sind, die Kinder Deutsch können, die Familie gut integriert ist, sie als Arbeitskräfte dringend benötigt werden, sie aber zurück nach ­Afghanistan müssen, in ein unsicheres Land, dann dürfen wir nicht unterschiedslos abschieben. Hinter jedem steht ein Einzelschicksal. Und wir können Menschen nicht dahin abschieben, wo ihnen Gefahr für Leib und Leben droht.

Körtner: Solch eine Aussage kann ich aber auch so drehen, dass ich hinter jedem Abzuschiebenden das menschliche Schicksal sehe und dadurch handlungsunfähig werde.

"Man darf über Richtwerte einer Obergrenze reden"

Herr Körtner, Sie beklagen angesichts des Reformationsjubi­läums eine Ausdünnung der Theologie. Was fehlt Ihnen?

Körtner: Zum Beispiel die Vorstellung vom göttlichen Gericht, vor dem wir uns für unser Verhalten verantworten müssen.

Bedford-Strohm: Das halte auch ich für sehr wichtig. Mich macht ein Zitat aus dem biblischen Weltgericht unruhig: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen.“

Körtner: Mir ist auch wichtig: Wie reden wir eigentlich von ­Chris­tus heutzutage? Luther provoziert, wenn er sagt, dass wir allein durch den Glauben an Christus gerettet werden. Nehmen wir diesen Anspruch in einer pluralistischen Gesellschaft noch ernst, auch im Gespräch mit anderen Religionen, etwa wenn es um die Frage von Mission und Dialog geht?

Bedford-Strohm: Das sehe ich anders. Genau weil wir an Christus glauben, gehen wir mit anderen wertschätzend um.

Körtner: Wertschätzender Umgang mit Andersglaubenden, theologische Klarheit und möglicher Widerspruch in der Sache schließen sich doch nicht aus!

Wie können wir mit den Gefühlen der Angst und der Überforderung bei vielen Menschen umgehen?

Bedford-Strohm: Ein fragwürdiger Weg wäre: Wir senken die moralischen Maßstäbe so lange ab, bis wir sie erfüllen können. Ich schlage einen anderen, den reformatorischen Weg vor: Der Anspruch, dem Nächsten zu helfen, bleibt hoch. Ich schaffe ihn nicht immer. Martin Luther hat sich kasteit, um mit guten ­Werken Gott gnädig zu stimmen, und entdeckte dann: Der Mensch ist gerecht allein aus Glauben, nicht aus seinen Werken. Theologisch gesagt: Wir dürfen unser Nichtkönnen in die Hand Gottes legen. Tun aber, was wir tun können.

Körtner: Ich empfinde auch diese Sicht als Moralisieren, weil sie rechtliche und moralische Maßstäbe vermischt und das politische Problem einseitig auf die Ebene der individuellen Gesinnung verlagert. Es geht doch auch um Fragen des Gemeinwohls. Was verkraftet die Gesellschaft? Die Rechtfertigungslehre hilft mir hier allenfalls indirekt.

Bedford-Strohm: Eine eigengesetzliche Politik, die ohne moralische Maßstäbe auskommt, wünsche ich mir für unser Land nicht. Ich begegne in der Politik so vielen Menschen, die aus einer echten Gesinnung heraus politische Verantwortung übernehmen. Und in den Jahren 2015 und 2016 konnten wir auch erleben, wie mit der Not auch die Kräfte gewachsen sind. Wir wissen nicht im Voraus, wie weit wir helfen können.

Körtner: Das nenne ich Gesinnungsethik, die die Folgeprobleme kleinredet. Juristen sagen, dass eine fixe Obergrenze rechtlich nicht zulässig ist. Ich gehöre zu denen, die sagen: Man darf aber über Richtwerte reden. Das bedeutet aber nicht, dass darüber ­hinaus kein Hilfsbedürftiger mehr ins Land kommen darf.

"Die Welthungerhilfe muss finanziell besser ausgestattet werden"

Bedford-Strohm: Da würde mich mal interessieren: Dürfen auch Jordanien, Libanon und die Türkei Richtgrößen festsetzen?

Körtner: Ja.

Bedford-Strohm: Und wer über dieser Grenze liegt, muss in ­Syrien im Kriegsgebiet bleiben?  

Körtner: Wir müssen bei den Flüchtlingen genauer hinschauen. Bei den syrischen Asylbewerbern hatten wir eine hohe Aner­kennungsquote von 98 Prozent. Bei Afghanen liegt sie noch bei etwa 50 Prozent. Bei anderen Gruppen höre ich mir von den ­Kirchen ungern an, Abschiebungen seien unmoralisch. Da müsste die Kirche in ihren öffentlichen Äußerungen auch für die Akzeptanz bei Rückführungen eintreten. Bei mir kommt immer nur an, dass die Kirchen dies unisono ablehnen.

Bedford-Strohm: Wieder so eine Verzerrung...

Körtner: Ich bin dafür, dass wir Flüchtlingskontingente festlegen.

Bedford-Strohm: Das sind die Kirchen auch. Aber bei der ­geringen Bereitschaft in Europa, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, reichen die Resettlement-Programme nicht aus!

Körtner: Und das Programm der Welthungerhilfe für die Flüchtlinge muss finanziell besser ausgestattet werden. Man muss den Menschen in der Nähe ihres Heimatlandes besser helfen und für menschenwürdige Lebensbedingungen sorgen.

Herr Körtner, fürchten Sie Lob aus der falschen Ecke, von Rechtspopulisten?

Körtner: Auch andere namhafte Sozialethiker haben sich ­kritisch zu Wort gemeldet. Jedes gute Argument kann missbraucht werden. Der Vorwurf, jemand könnte von den falschen Leuten zitiert werden, wird gern gebraucht, um Kritiker mundtot zu machen und die Diskussion abzuwürgen.

Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich finde es sehr begrüßenswert und mutig, daß Bischof Bedford-Strohm bereit war, dieses Interview zu veröffentlichen.

Es war bitter notwendig, einmal eine andere Meinung zur Flüchtlingsproblematik zu hören.

Vielen Dank .

Erich Schmid, Fürstenfeldbruck

Genau das ist die Kernfrage. Die hat die EKD jetzt seit 10 Jahren - ausgerechnet zum Reformationsjubiläum- ignoriert. Die Steuerungsgruppe Reformprozess, die ihre Aufgabe ohne Evaluation aufgab und sich darauf zurückzog die Jubliäumsfeiern zu steuern, spricht von Christologie als einer "Leerstelle". Dabei entsprang die einzig wirkungsreiche Intervention evangelischer Christen, die Barmer Erklärung, der Christologie und wurde nur durch diese Verwurzelung politisch fruchtabar. Ein anderes beispiel herrschaftskritischen Diskurses hat die evangelische Kirche in Deutschland in den letzten 500 Jahren nicht zustande gebracht. Sie kann schon lange niemandem mehr "öffentlich Orientierung geben".

Sehr geehrte Redaktion,

 

vielen Dank für diese überfällige  "Begegnung von Moralismus und Realitätssinn".

Ist nicht die Zeit gekommen, sich den Realitäten zu stellen, notwenige Differenzierungen vorzunehmen:

Dass es Grenzen der Aufnahmebereitschaft gibt, dass weniger als ein Drittel syrische Kriegsflüchtlinge sind, u.a.m.

 

Bischof Bedford-Strohm sollte endlich verstehen, dass eine solche Haltung dazu beigetragen hat,

dass es eine starke AfD gibt, dass viele Christen (wie ich aus meiner Bekanntschaft und dem Sportklub erfahren habe)

sich von dieser Mainstreampolitik bevormundet fühlen. Der gewöhnliche Christ und Bürger verspürt, dass mit der gepredigten

Barmherzigkeit der Rechtsstaat ausgehöhlt wurde und wird; man denke nur an die unkontrollierte

Anwesenheit meist männlicher Jugendlicher (die "Alten, Frauen und Gebrechlichen wurden unchristlich ihrem Schicksal überlassen) und an

die ablehnende Haltung vieler evangelischer Pfarrer gegenüber rechtsmäßigen Abschiebungen.

 

Christen fragen sich auch, wo der Bischof anzutreffen ist, wenn es um den Schutz der Familien, um die Hilfe für die seelisch Verwahrlosten

und nicht zuletzt um die notwendige Verbreitung und Vertiefung des Glaubens geht.

Im Übrigen  war es wohltuend, von den  verantwortungsbewussten  Ansichten des Theologieprofessors zu lesen.

 

Diese Zeilen können/sollen Sie gerne an den Bischof weiter leiten. Sie können auch Teile davon für einen Leserbrief verwenden, falls offene Worte gewollt sind.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Manfred Hoefle

Die Diskussion bewegt sich zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik an der deutsch-österreichischen Grenze. Sie ist notwendig. Dennoch fehlt mir in dieser moralischen Dilemmasituation, in der schuldfreies Handeln nicht möglich ist die Botschaft des Kreuzigung.
Gerd Petzold

Es fällt auf, dass beide Diskutanten mit keinem Wort auf diejenigen Menschen in der Gesellschaft eingehen, die sich durch Zuwanderung aus fremden Kulturen sozial verunsichert und wirtschaftlich überfordert fühlen. Johannes Rau hat einmal sinngemäß gesagt: "Da, wo ich wohne, gibt es viele Ausländer, mit denen eine Begegnung hoch interessant ist, die sind Professoren, Ärzte, Dirigenten und Theaterleute. Die Rentnerin in Duisburg, die auf der Straße nur noch fremde Töne und Verhaltensweisen wahrnimmt, wird in ihrer Identität verunsichert und bekommt Angst." Kirche hat m. E. nicht nur die Aufgabe, für die vor Krieg und Terror Geflohenen Partei zu ergreifen, sondern auch für solche "einfachen Leute", die zum Teil noch immer Kirchenmitglied sind, und ihnen mit Achtung zu begegnen, statt ihnen vorzuhalten, dass sie theologisch leider "falsch ticken". Die leben in anderen sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnissen als ein Landesbischof und ein Universitätsprofessor!

Das ethische Postulat des EKD-Ratsvorsitzenden in der Flüchtlingsfrage bedeutet de facto, dass Deutschland Millionen Verfolgter aus den Kriegsgebieten der Erde aufnehmen müsste, - eine mit Blick auf das hiesige Gemeinwohl absolut unrealistische und auch unakzeptable Position.  Es kann nicht sein, dass die christlichen Kirchen in Deutschland, die nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung repräsentieren, biblische Regeln etwa der Bergpredigt zu Maximen für das politische Handeln des Staates machen und die Politik moralisieren.

 

Stefan Kaisers, Gießen

Unsere Werte dürfen nicht nicht infrage gestellt werden. Sie sind einfach zu hoch, zu idealistisch, als dass sie falsch sein könnten. Das Gleiche gilt auch für die Menschenrechte. H. Kaisers hat dennoch etwas auf den Punkt gebracht. Es stellt sich schon die Frage, ob wir unsere hehren Werte für allgemein gültig festlegen dürfen. Können tun wir es schon lange nicht. Denn es gibt noch andere Kulturen mit vollkommen gegensätzlichen Werten. Wir hoffen auf eine Angleichung an die unsrigen. Das kann dauern. Das kann auch ein Opfer der Zeit werden. Ein Zetern nutzt nichts, wenn man keine Stimme mehr hat. Oder: Er hatte die besten Werte, die schönste Ware. Leider haben Angebot und Nachfrage und die böse Macht des Nachbarn keine Rücksicht auf ihn genommen. Jetzt ist er tot, hatte aber die Vorfahrt! Ebenso wie die Preise vom Angebot, wurden dem Volk auch die Werte schon immer von der Macht indoktriniert. Wer das wider besseren Wissens nicht begreifen und akzeptieren will, dem ist nicht zu helfen. Der ist ein Hasadeur.
Deswegen müssen wir noch lange nicht die christlichen Werte in den Wind schreiben. Wir sollten aber unsere Ansprüche nicht zu unüberwindlich hoch ansetzen, sonst könnten sie uns als Bumerang heimsuchen.

Beide Partner sind dafür, "dass wir Flüchtlingskontingente festlegen". Dann sind sie also auch dafür, dass die unschuldig nicht "Kontingentierten" von unserer christlichen Nächstenliebe ausgeklammert werden. Das ist ja eine gänzlich neue Relativierung der bisher so vehement verteidigten Werte. Dann geben Sie doch bitte gleich zu, dass die christlichen Werte nach Ihrer Ansicht nicht mehr zuverlässig mit den politischen Realitäten vereinbar sind. Womit wir dann auch endlich dort wären, wo das Mittelalter mit seinen christlichen Greultaten schon war. Das kann doch nicht sein! Dennoch werden Sie Ihr Glaubensfundament aus purem Selbsterhaltungstrieb nicht einreissen wollen und können. Anerkennen, dass die christliche Nächstenliebe nicht zwangsläufig für alle Kulturen und ihre noch älteren Weisheiten, als die des christlichen Glaubens, gültig sein können, dass könnte man schon. Eine menschliche Lösung für dieses Problem ist das aber auch nicht. Jedes Kleinkind, das oberhalb des Flüchtlingskontíngentes abgewiesen wird, ist nicht Ihr "Nächster". Das Dilemma ist perfekt und schlägt zurück.

Endlich ein sachliches Gespräch über unterschiedliche Positionen zur Flüchtlingspolitik im Rahmen der Kirchen! In unserer polarisierten Gesellschaft sollten gerade die Kirchen Raum für ruhigen und seriösen Dialog bieten, und Ulrich Körtners Argumente eröffnen diesen Dialog auf befreiende Weise. Die Flüchtlings- bzw. Migrantenkrise ist ja nur die Spitze eines Eisbergs: Wer es mit der Bekämpfung von Fluchtursachen ernst meint, muss alles daransetzen, eine wirklich faire und nachhaltige Weltwirtschaft zu fördern; das aber haben die reichen Länder seit über einem halben Jahrhundert weitestgehend versäumt. Migrationsforscher wie Paul Collier wissen, dass das extreme Gefälle zwischen Reichtum und Armut nicht durch Migrantenströme in andere Kontinente zu lösen ist. Schon gar nicht gelingt das, wenn dabei disparate Kulturen aufeinandertreffen. Wie sehr eine gesinnungsethische "Willkommenskultur" das eigentlich Notwendige verfehlt, zeigt z.B. Konrad Otts Studie "Zuwanderung und Moral". Dank also für Ihre Ermöglichung einer dringend nötigen Diskussion!

Prof. Dr. Hans-Georg Wittig, Lörrach

Es ist Aufgabe der Kirchen, das Wort Gottes zu verkünden und den Menschen eine Gesinnung vorzuleben, die von Barmherzigkeit, Vergebung und Solidarität geprägt ist. Die jesuanischen Vorgaben sind sehr eindeutig und von jeder Beliebigkeit hinsichtlich der Deutung ausgeschlossen.

Religion und Aufgaben der Kirchen stellen jedoch nur eine Facette unserer Gesellschaft dar. Wenn von den Worten der Kirchenführer in konkreten Entscheidungssituationen von Politikern etwas Grundlegendes zurückgeblieben ist, so mag das zu begrüßen sein.

Festzuhalten bleibt aber in jedem Fall, dass die jeweiligen Aufgabenfelder unterschiedlich gestaltet sind und die Bibel nicht als Folie zur Bewertung politischer konkreter Alltagsentscheidungen herangezogen werden sollte. Staatliche Notwendigkeiten und kirchliche Forderungen können im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Und das ist auch gut so!

Das Gewissen von Menschen zu schärfen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung wird immer ein Thema der Kirchenvertreter sein und bleiben müssen! Hier liegen die nie endenden Aufgaben der Kirchen.

Doch Religionsvertreter sollen und dürfen sich nicht in die konkreten politischen Alltagsentscheidungen einmischen. Die Zeiten, in denen Kirchenvertreter den politischen Vertretern des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ die Regierungspolitik diktieren konnten, sind und sollten keine „fröhliche Urständ“ feiern.

Die Zeiten, in den Kirchenvertreter sich zu Adlati der Regierenden gemacht bzw. sich selbst zu Caesaren aufgeschwungen haben, waren gewiss nicht immer die friedlichsten und glücklichsten der Menschheitsgeschichte!

Paul Haverkamp, Lingen

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