Schriftstellerin Dörte Hansen vergisst sich selbst beim Schreiben

"Ich möchte so gern das Polarlicht sehen!"
Autorin Dörte Hansen

Foto: Dirk von Nayhauß

Autorin Dörte Hansen: "Es kann überhaupt sehr klug sein, Dinge zu denken und sie für sich zu behalten."

Dörte Hansen

Dörte Hansen, 1964 in Husum geboren, studierte Linguistik und hat über Mehrsprachigkeit promoviert, mit ihrer Familie spricht sie Plattdeutsch. Sie arbeitete als Journalistin, seit 2012 ist sie freie Autorin. 2015 erschien ihr erster Roman, „Altes Land“, ein „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“, das über 500.000-mal verkauft wurde und ab 13. März als Taschenbuch erhältlich ist; jetzt schreibt sie ein neues Buch. Dörte Hansen ist mit dem Dokumentarfilmregisseur Sven Jaax verheiratet, hat...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Beim Schreiben kann ich mich vergessen – das fühlt sich wunderbar an. Es ist, als sei ich in einer anderen Welt. Das hat etwas Räumliches, ich bin an dem Ort mit diesen Menschen zusammen. Zugleich bin ich Teil eines Geschehens, es passiert mit mir. Wenn es klappt, dann komme ich plötzlich in Sätzen an, von denen ich vorher nichts wusste. Es ist aufregend, zu spüren: Da ist noch etwas Unbekanntes. Aber dann plagen mich auch Selbstzweifel, da bin ich bestimmt nicht die Einzige. Ich gehe jeden Tag in mein Zimmer und muss erst einmal diese Stimme abwehren, die sagt: Ach, das wird eh nichts. Lass es doch!

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Spielen, und zwar auf eine selbstvergessene, zweckfreie Art. Also Schleichtiere mit in die Badewanne nehmen und damit spielen, bis das Wasser kalt ist. Und sich nicht fragen: Warum mache ich das? Ich würde gern wieder lernen, vollkommen in Dingen zu versinken, die man nur um ihrer selbst willen tut.

"Altes Land" hören

Hören Sie einen Auszug aus dem Roman "Altes Land" von Dörte Hansen, gelesen von der Schauspielerin Hannelore Hoger (entnommen dem gleichnamigen, bei Random House erschienenen Hörbuch).

 

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich habe das Gefühl, dass ich geführt oder geschoben wurde. Ich bin für so vieles irre dankbar, weiß aber nicht, wohin mit dieser Dankbarkeit, weil ich denke: Wenn es jemand so gut mit mir meint, wer ist das? Denn der meint es mit anderen offensichtlich überhaupt nicht gut. Ich komme über diese Hürde nicht hinweg. Nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand, wie es Margot Käßmann ausgedrückt hat, das muss ein tolles Gefühl sein. Aber: Wenn ein syrisches Kind in Aleppo in seinem Krankenhaus getötet wird, dann hat Gottes Hand doch nichts Abfederndes oder Tröstendes für dieses Kind. Wenn man sich anguckt, was Menschen widerfährt, dann ist für mich Gottes Hand der Boden eines tiefen, tiefen Abgrundes. Ich suche Gott noch immer. Es gibt Menschen, die eine Begabung zum Glauben haben. Ich hätte das auch gern.

"Manche Schuldgefühle verfolgen mich lange"

Muss man den Tod fürchten?

Das Leben kann furchterregend sein, wenn man das Pech hat, im falschen Land, zur falschen Zeit, in die falsche Familie geboren zu sein. Oder wenn man schwer krank ist und sehr leiden muss. Aber aus meiner Sicht denke ich: Tod, hau bloß ab! Ich möchte nicht, dass das aufhört, ich möchte nicht, dass ich oder meine Familie sterben muss. Ich kann mir noch keinen Zustand vorstellen, wo man lebenssatt ist. Noch ist jeder Morgen anders und jeder Tag irgendwie neu. Als mein Vater gestorben ist, habe ich gelernt, dass man sich auf den Tod der Eltern nicht vorbereiten kann. Das gleicht einem Seebeben, der Tsunami kommt viel später. Man fühlt sich schon sicher, und dann wirft es einen doch um. Plötzlich weint man unvermittelt, fühlt sich so furchtbar allein und verlassen. Der andere ist auf eine vorher unvorstellbare Weise aus der Welt. Endgültig. Das kann man vorher nicht ermessen.  

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Ich würde so gerne das Polarlicht sehen! Das muss überwältigend sein. Wenn ich etwas habe wie ein Erlebnis von Schöpfung oder eine Idee von Gott, dann bei solchen Phänomenen in der Natur.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Man kann an Schuld zerbrechen, wenn man nicht irgendwann anfängt, sich selbst zu vergeben. Manche Schuldgefühle verfolgen mich lange. Auf der Schule hat sich mal ein Lehrer vor einen Schüler gestellt und ihn vor der versammelten Klasse angebrüllt: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem späteren Leben scheitern werden. Menschen wie Sie brauchen wir nicht.“ Meine ganze Schulzeit hindurch hatte ich vor diesem Lehrer furchtbare Angst – trotzdem hätte ich aufstehen müssen. Es macht meine Schuld nicht kleiner, dass die anderen auch sitzen geblieben sind. Ich habe nichts gesagt. Das habe ich mir bis heute nicht ganz verziehen.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Stimmt das?

Man darf schweigen. Meine Generation ist ja gesprächsgläubig: Sprich darüber und dir ist geholfen. Man hat aber das Recht, manches in sich abzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen. Das machen einige Figuren in meinem Buch. Vera, die im Krieg Grauenhaftes erlebt hat, würde niemals davon erzählen. Das muss sie auch nicht. Wir haben unserer Eltern- und Großelterngeneration oft vorgeworfen, sie würden nicht sprechen wollen. Aber es gibt Unsagbares, und diese Flüchtlingsgeneration hat Dinge erlebt, die sind unsagbar. Es kann überhaupt sehr klug sein, Dinge zu denken und sie für sich zu behalten.

Lesermeinungen

Doch nicht so, liebe Frau Hansen! Sie kennen die norddeutsche Deichlandschaft mit ihren Schafen am Deich und auf dem Deich, sie sind nach jedem Spaziergang dort vor Ihrer Haustür stehen geblieben und haben die Schuhe draußen stehen lassen: Man weiß ja, dass Schafschiet drunter ist; schade um den Teppich im Arbeitszimmer!

Und mit diesen Schuhen trampeln Sie auf diese Bank, auf die wir uns gerade niederlassen möchten. Meinen Sie, von dort oben könne man das Polarlicht doch schon sehen? Bezahlen Sie oder Ihr Fotograf die Kosten für die Reinigung unserer neuen Mäntel? So etwas sollten Kinder doch nicht von Erwachsenen lernen! Das gäbe ja Schuldgefühle, oh, oh oh!

Ich heiße Gerhard Bauer, 25497 Prisdorf. "Das alte Land" habe ich gerne gelesen. Freundliche Grüße!

Liebe Frau Ott, lieber Herr Brummer, Kolleginnen und Kollegen,

genau diese Frage hatte ich mir tatsächlich auch gestellt: Darf Dörte Hansen auf dem Foto die Füße auf die Bank stellen? Aufgrund des verwitterten Zustandes der Bank entschied ich mich für das Bild.

Nun kann man natürlich darüber sinnieren, ob man dennoch ein solches Foto nicht zeigen darf, weil es Mitbürger dazu verleiten könnte, auch andere Bänke (unabhängig von ihrem Zustand) als Fußstütze zu missbrauchen – aber das muss dann wohl jeder mündige Leser für sich entscheiden.

Herzliche Grüße

Dirk Nayhauß

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