"180 Grad Wende" rettet Jugendliche vor Radikalisierung

Die Macht der Multiplikatoren

Gordon Welters

Wie kann man extremistischen Gruppen entgegenwirken? "180 Grad Wende" setzt am Umfeld der Jugendlichen an
Deutschland spricht 2019

chrismon: Warum radikalisieren sich schon Jugendliche in einer friedlichen Gesellschaft wie in Deutschland?

Mimoun Berrissoun: Gerade Jugendliche radikalisieren sich! Junge Leute aus sozial schwachen Vierteln können leicht manipuliert werden. Sie suchen nach einem Sinn und ihrer Identität. Das spielt extremistischen Gruppen in die Hand, die einfache Antworten auf komplexe Fragen geben.

Erreichen Sie diese Jugendlichen noch?

Ja, indem wir unsere Multiplikatoren mobilisieren, Leute in Nordrhein-Westfalen, aus dem gleichen Stadtteil, dem Verein oder der Klasse. Oft hört man bei Jugendlichen, die in Notlagen geraten: Hat denn da keiner was bemerkt? Wir ­schulen unsere fast 200 Multiplikatoren darauf, das zu erkennen. Wenn ihnen auffällt, dass jemand sich verändert oder kriminell wird, sprechen sie die Betroffenen früh an. In unserer Beratungsstelle schauen wir, wie man ihnen ­helfen kann. Manchmal reicht es schon, ein Praktikum zu vermitteln.

Dann versuchen wir, die Jugendlichen wiederum selbst als Multi­plikatoren zu gewinnen. Dadurch immunisieren wir sie gegen die Zuflüsterungen von Extremisten und bringen sie dazu, selbst Gutes zu bewirken. Sie stehen dann als Teil des Netzwerkes unter Schutz und tragen Verantwortung. Man hat kein Recht auf Erfolg, aber ein Recht auf eine Chance, auf mehrere sogar. Wir wollen dazu beitragen, mehr Chancen für mehr Leute zu schaffen.

Was hat Sie bewegt, etwas zu tun?

Ich habe selbst gesehen, dass Jugend­liche kriminell werden, Drogen nehmen, sich islamistischen oder rechtsextremen Gruppen anschließen und keiner hat ­etwas ­unternommen. Ich frag­te mich: warum eigentlich? Als wir mit 180 Grad Wende angefangen haben, wollten wir aber nichts doppelt machen, sondern bestehende Angebote besser nutzen. Beratungsstellen gibt es schon, aber da müssen die Jugendlichen erst einmal hin. Also hatten wir die Idee, ein Netzwerk aufzubauen.

Was hat Ihnen geholfen, das Projekt auf die Beine zu stellen?

Als wir gesehen haben, wie viele bereit sind, sich zu engagieren, hat uns das motiviert. Unser Projekt hat Energie und Begeisterung entfacht. Allein 2015 konnten wir 450 Jugendlichen helfen. Unser Plan ist einfach aufgegangen.

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