Reformation für Einsteiger: Wofür braucht man Gnade?

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Andree Volkmann

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Nicht um Großes zu vollbringen, sondern um vor Gott bestehen zu können, sagten die Reformatoren. Heute muss man da etwas genauer sein

Lionel Messi gilt als begnadeter Fußballspieler, Sophie Pacini als be­gnadete Pianistin. Ein Leiter des Lebertransplantationszentrums Göttingen galt als begnadeter Chirurg – bis man ihm vorwarf, Daten manipuliert zu haben, um seinen Patienten bei der Organvergabe einen Vorteil zu verschaffen. „Begnadet“ scheint, wer mit seiner Kunst Großes vollbringt. Nicht anders klang das Wort zu Zeiten der Reformatoren, nur dass man es auf die Frommen bezog: „Voll der Gnaden“ seien Heilige, Märtyrer und Asketen, die den Freuden der Welt entsagten und nur Gott und ihren Nächsten dienten.

Philipp Melanchthon, ein Weggefährte Martin Luthers, klagte 1521 in den Loci Communes (einem Kompendium des Glaubens): „Hätten doch die Übersetzer das Wort Gunst dem Wort Gnade vorgezogen! Die Sophisten hätten dann keine Gelegenheit gehabt, über diesen Haupt­begriff so ungereimt zu faseln.“ Für ihn ist Gnade nichts, was den Frommen anhaftet. „Gnade ist Gottes Zuneigung zu uns oder der Wille Gottes, der sich unser erbarmt.“

Gnade ist wie die Luft, die ich atme, sagt Pastor Henning Kiene und erklärt, woher die Gnade kommt und warum wir sie brauchen.

Natürlich hatte Melanchthon recht. Gnade liegt bei dem, der Milde vor Recht ergehen lässt. Begnadet ist, wer mit Güte beschenkt wurde. Gerade die Kunst der Fußballer, Pianistinnen und Chirurgen fällt nicht vom Himmel. Sie ist hart erarbeitet. Gleiches gilt für die strenge Askese und für die Wohltaten, die sich manche Mönche und Nonnen zur Zeit der Reformation auferlegten. Mit „begnadet“ kann bestenfalls gemeint sein: Etwas in dieser Kunst oder in dieser Frömmigkeit wirkt auf den arglosen Betrachter wie ein Geschenk des Himmels. Aber ob die Künstlerin und der Fromme es wirklich der Gnade verdanken – wer weiß das schon?

Sich Gottes Ratschluss ergeben

Gnade avancierte zum Schlüsselbegriff der Reformation. „Allein aus Gnade“ werde Gott den Menschen beim Jüngsten Gericht von seiner Schuld freisprechen. Das heißt: Kein Mensch ist so gut, dass er das Jüngste Gericht anders als mit einem gnädigen Richter besteht. Die Reformatoren verlangten den Gläubigen keine frommen Werke ab. Sie unterschieden: Geistlich müsse der Mensch Gott gehorchen, äußerlich der von Gott eingesetzten Obrigkeit.

Es entstand eine rege Kunst, die dem geistlichen Gehorsam Ausdruck verlieh. „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, vertonte Johann Sebastian Bach: „Er kömmt von Gottes lieber Hand, der führet mich nach meinen Plagen zu Gott, in das gelobte Land. Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab, da wischt mir die Tränen mein Heiland selbst ab.“ Es ging um ­Demut und darum, sich Gottes Ratschluss zu ergeben.

Trügerische Hoffnung der Schergen

Äußerlich waren Protestanten der Obrigkeit Gehorsam schuldig – bis ins 20. Jahrhundert ein kaum hinterfragtes Ideal. Erst unter dem zynischen Regime der Nazis wuchsen Zweifel: Morden kann auch dann keine gottgefällige Pflichterfüllung sein, wenn der Staat es verlangt! Mancher Nazischerge mag trotz seiner Verbrechen auf Gottes Gnade gehofft haben. Doch der Theologe Dietrich Bonhoeffer nannte diese Hoffnung trügerisch. „Billige Gnade ist Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird: Gnade ohne Preis, ohne Kosten.“

Gott vergibt dem reuigen Sünder seine Schuld, anders könnte der Mensch vor Gott nicht bestehen. Aber dies ist kein Freibrief, Gottes Gebot zu missachten. Jesus erzählte das Gleichnis von einem Knecht, der seinem König 10 000 Zentner Silber schuldet. Der Knecht bittet um Nachsicht, der König erlässt ihm die Schuld. Später trifft der Knecht einen Mitknecht, der ihm einen Bruchteil davon schuldet, 100 Groschen. Aber er hat kein Erbarmen und lässt ihn verhaften. Seine Härte – so endet das Gleichnis – erregt den Zorn des eben noch gütigen Königs (Matthäus 18,23–34).
Gottes Gnade gilt allen Menschen. Doch wer sie nicht weitergibt, den scheint Gott mit seiner Gnade auch nicht zu erreichen. Es sollte nur niemand so tun, als ­könne er darüber urteilen.

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