Zuflucht für die Kinder von Mördern in China

Die Kinder der Gehenkten
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Adam Dean

Kinder in Sonnendörfern: Die Jüngsten wohnen bis zum sechsten Lebensjahr in einer Kinderkrippe. Manche von ihnen sind nur wenige Monate alt

Children xxx at 'Sun Village', an orphanage for Children who's parents are in prison, near Beijing, China on 24th August, 2016.

Nirgendwo auf der Welt werden mehr Menschen hingerichtet als in China. Die Kinder von Mördern, Todes­kandidaten und Hingerichteten werden ver­stoßen – es sei denn, sie kommen in den Sonnendörfern von Zhang Shuqin unter

Mörderinnen? In ihnen erkennt Zhang Shuqin auch ver­zweifelte Mütter. In Totschlägern oder Vergewaltigern sieht sie Väter voller Sehnsucht nach ihren Familien. Dem Gesetz nach sind sie Schwerverbrecher und Todes­kandidaten. Sie haben ihren Ehepartner erwürgt, Nachbarn erstochen oder Wildfremde erschossen. Für die Mehrheit der chinesischen Gesellschaft sind sie bloßer Abschaum. Doch für Zhang Shuqin sind sie: Eltern.

In ihren Zellen schneiden sie sich die Pulsadern auf, rennen mit dem Schädel gegen die nackten Betonwände. Bis sie ohnmächtig werden. Nicht, weil sie ihre Taten bereuen. Sondern weil sie ihre Kinder vermissen, sagt Shuqin. Sie wissen nicht, was draußen mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter passiert. Wie es ihnen geht. Wo sie sind.

Zhang Shuqin ist die Gründerin der „Sun Villages“, zu Deutsch Sonnendörfer. Verteilt über ganz China gibt es mittler­weile neun solche Dörfer für die Kinder von Schwerstkriminellen und Hinge­richteten. Sie sollen eine Heimat, aber vor allem eine Chance sein für diejenigen, die sonst keiner mehr haben will. Damit kratzt die 68-Jährige an einem ­großen Tabu der chinesischen Gesellschaft: ­Eine Katze wirft niemals Hundewelpen. Mit diesem Sprichwort fasst Shuqin den ­Glauben vieler Chinesen zusammen: Der Nachwuchs eines Verbrechers kann selbst nur ein Verbrecher werden.

Eines der bekanntesten Sun Villages liegt vor den Toren Beijings, gut 50 Kilo­meter entfernt von den glitzernden Hochhäusern. Schwüle Hitze liegt schon morgens über dem Gelände, es riecht nach verbranntem Holz und Kohle. Wer das geschwungene Eingangstor an einer mehrspurigen Ausfallstraße durchquert und dann einem breiten, schnurgeraden Weg mit aufgeplatztem Asphalt folgt, sieht bald eine lange Reihe aus braunen Arbeits­garagen mit breiten Fensterfronten, Bauschutt, Kohlenberge, ein Gewächshaus – aber kaum Kinder.

Immer wieder gibt es Vorwürfe: Was ist mit den Kindern der Opfer?

Das Dorf wirkt wie eine Mischung aus Farm- und Bauland, nur langsam tauchen zwischen den Bäumen himmelblau, zitronengelb oder rosa gestrichene Häuser auf. Ihre Fassaden zeigen aufgemalte Blumen, Flüsse und Comicfiguren. In den Häusern schlafen, wohnen und leben jeweils bis zu zwölf Kinder, aufgeteilt nach Altersgruppen: von sechs bis zwölf Jahre und dann bis zum 18. Geburtstag.

Direkt neben den Barackenhäusern befindet sich die Krippe des Dorfes. Nicht selten werden Babys, nur wenige Wochen alt, an Shuqins Dörfer übergeben. Chinas Gefängnisse verbieten das Zusammensein von Müttern und Kindern in den Zellen. „Viele Kinder sind traumatisiert, wenn sie zu uns kommen“, sagt Shuqin. „Je jünger sie sind, desto weniger verstehen sie, warum sie nicht mehr bei ihrer Mutter oder ihrem Vater sein können, warum die Polizei sie ihnen weggenommen hat.“ Andere Kinder mussten sogar mit ansehen, wie ein Elternteil den anderen umgebracht hat. „Wie sollen sie das begreifen?“

Shuqin sitzt an einem wuchtigen Konferenztisch in einer umgebauten kleinen Lagerhalle, das Büro des Sun Village in Beijing. Ihr Telefon klingelt fast pausenlos, sie drückt kaum einen Anrufer weg. Trotz aller Reisestrapazen, all der Jahre des Kampfes wirkt die fast 70-Jährige ­Shuqin wie Anfang 50. Eine Haut glatt wie Porzellan, brünettes Haar, elegant ge­kleidet. Weiße Härchen auf ihrem Kopf verraten, dass Shuqin Färbemittel benutzt. Sie mag eitel sein. Doch vor allem muss sich Shuqin perfekt präsentieren, weil sie sich mit ihrer seriösen Erscheinung gegen die Vorurteile der Gesellschaft ­stellen muss, gegen die Vorbehalte mancher Politiker.

Immer wieder gibt es Vorwürfe, Nachfragen. Warum sie nicht besser den Kindern der Opfer helfe? Wieso sie mit ihren Dörfern sogar Kriminalität fördere? Denn immerhin wüssten doch Räuber, Diebe und Mörder, dass sich jemand um ihre Kinder kümmere. 

Erinnerung an eine gewaltige Schande

Shuqin versucht jedes Vorurteil mit Fakten zu widerlegen, nennt Zahlen, Untersuchungen, Kriminalitätsstatistiken. Nicht der Familienhintergrund bringe Kriminalität hervor, sondern Armut und mangelnde Bildung. Für sie gilt: Jedes Kind verdiene die gleiche Chance. „Wenn zwei Kinder gleichzeitig ertrinken, wer fragt dann ernsthaft, welches das Kind eines Verbrechers und welches das eines Opfers ist?“ Ventilatoren wälzen die schwülwarme Luft durch den Raum. An den Wändenwird auf rosa Pappe die Geschichte der Sun Villages erzählt – eine Erfolgsstory. Fotos zeigen prominenten Besuch wie ­Königin Silvia von Schweden, daneben eine Bilderserie, wie aus einem verdreckten und in Lumpen steckenden Fünfjährigen im Laufe der Jahre ein Universitätsabsolvent wurde.

Heute leben Kinder wie die Zwillinge Wei hier – zwei streichholzdürre, elfjährige Jungen aus der Provinz Guangxi, fast 2500 Kilometer entfernt von Beijing. Ihr Vater ist ein Räuber und Hehler, Urteil: 18 Jahre Haft. Oder Ding Ding aus Beijing. Die Mutter des heute 17-jährigen ist tot, erwürgt von seinem Vater, während der Junge danebenhockte. Er war fünf und kapierte nicht im Geringsten, was passierte. Nur dass seine Mutter irgendwann aufhörte zu schreien und sich nicht mehr bewegte. Der Vater wurde zunächst zum Tode verurteilt. Nach einem Einspruch ermäßigte ein Gericht die Strafe später auf lebenslänglich.

In ihrer Heimat leben die Kinder der Verurteilten als Ausgestoßene. Besonders auf den Dörfern, tief im Inneren des Riesenreiches wird meist die gesamte Familie der Täter gemieden. Sie gilt als lebende Erinnerung an die brutalen Taten, einer gewaltigen Schande. Manchmal nehmen Großeltern oder Tanten des Opfers die Kinder auf. Doch die leben meist selbst in Armut, sind einfache Bauern oder bitter­arme Rentner. Von einer Schule oder gar Ausbildung sind die Kleinen dort so weit entfernt wie ihr Bergdorf von den glitzernden, reichen Metropolen der Ostküste. Doch auch dort lastet der Fluch auf ihren Schultern. Schon mit vier, fünf Jahren landen sie auch in Beijing ­oder Shanghai auf der Straße, allein, ohne Hilfe. Sie müssen betteln oder stehlen, um zu überleben.

Sie sah, wie Kinder entführt und missbraucht wurden

Insgesamt 700 Betten bieten alle neun Sun Villages zusammen, allein in der ­Nähe von Beijing leben 120 Kinder. Seit der Gründung des ersten Dorfs 1995 hat Shuqin mehr als 10 000 Kindern geholfen. Den De-facto-Waisenkindern hat sie ein Heim gegeben, Schulausbildung und ­„Liebe“, wie sie sagt. Shuqin will ihnen eine neue Familie bieten, ohne die alte aufzugeben. Wenn die Gefängnisleitungen es erlauben, können die Kinder aus dem Sun Village mit ihrem inhaftieren Vater oder ihrer Mutter telefonieren. Wenige Minuten nur, doch für beide Seiten ist das unendlich wertvoll.

„Die Kinder leiden, wenn sie ihre Eltern nicht mehr sehen können. Auch wenn dies nur ein Telefonat ist, hilft ihnen der Kontakt sehr“, sagt Shuqin. Auch für die inhaftierten Eltern ist das wichtig. Sie erfahren dadurch, dass ihr Kind noch mit ihnen sprechen will und draußen auf sie wartet. Das motiviert sie, sich im Gefängnis gut zu verhalten, um ihre Haft so verkürzen zu können.

Das Problem ist nur: China zählt mehr als 2,3 Millionen Gefangene und scheint jährlich mehr Menschen hinzurichten als alle an­deren Länder der Welt zusammen. Genaue Zahlen bleiben ein Staatsgeheimnis, aber Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder Death Penalty Worldwide gehen von ­über 1000 Exekutionen allein im Jahr 2015 aus. Bei diesen Zahlen wird klar: Shuqin kann nicht allen helfen. Denn die Zahl der Kinder, die durch die Verhaftung eines Elternteils in tiefster Armut leben müssen, überstieg schon im Jahr 2005 die 600 000 – aus dieser Zeit stammt die letzte Schätzung der chinesischen Regierung. 

Seit 20 Jahren führt Shuqin ihren Kampf um eine Chance für die Kinder. „Es sollte so passieren“, sagt Shuqin. Weil sie sich schon als Kind um ihre Brüder und eigenen Eltern kümmern musste. Weil sie als Krankenschwester in den Wirren der Kulturrevolution über die Dörfer ihrer ­Heimatprovinz Shang Xi gezogen ist und dort mit eigenen Augen sah, wie Kinder einfach entführt und missbraucht wurden. Es hat sich niemand um sie kümmern ­können.

Mit ihrer Arbeit als Journalis­tin habe sie einfach ihre Perspektive ge­wechselt. Statt den Kranken zu helfen, kümmerte sie sich um die Verwundbaren in den Gefängnissen. Shuqins erstes „Dorf“ war 1997 nur eine einfache Etagenwohnung in einem angemieteten Haus in ihrer Heimat Shang Xi City. 16 Kinder, Shuqin mitten unter ihnen. Sie wusch, putzte, kochte für sie, jeden Tag. Manchmal vermisst sie diese Zeiten, die Intimität, das Gefühl einer eingeschworenen Familie gegen den Rest der Welt. Heute regiert sie ein kleines Imperium mit 35 Angestellten und fast 100 freiwilligen Helfern. Betreibt Lobbyarbeit. Doch vor allem wirbt sie Spenden ein, um die ­Dörfer unterhalten zu können. Jedes Dorf ­verschlingt jährlich Unsummen. Vom Staat bekommt Shuqin nichts. Deshalb baumeln an nahezu allen Häusern, Tischen und selbst Bäumen in den Dörfern kleine ­Karten mit dem Namen der Spender.

"Ihr konnte ich vertrauen"

Shuqin sagt: „Eigentlich ist es längst Zeit für die Rente. Doch wenn ich etwas anfange, will ich es perfekt machen. Und ich habe noch Pläne.“ Sie will weitere Sun Villages gründen, so viele wie möglich. Aktuell ist ein Dorf in Shanghai in Planung. An das rettende Ufer ihrer Sonnen­dörfer hat Shuqin auch Ding Ding gezogen, vor mehr als neun Jahren. Mehr als sein halbes Leben hat Ding Ding inzwischen in dem barackenartigen Haus verbracht. Angerostete Doppelstockbetten in einem muffigen, spartanischen Schlafsaal, ein kleines Bad mit abgeplatzten Kacheln, ein Wohnraum mit Fernseher und Tischen zum ­Lernen. Mit sieben anderen Jungen, seinen „Brüdern“, wie er sie nennt, teilt Ding Ding sein Zuhause. Früher lebte er im Zentrum von Beijing mit seinem alkoholkranken und jähzornigen Vater und seiner Mutter, die er nicht vor ihm schützen konnte mit seinen fünf Jahren. Vor den Schlägen, vor dem Erwürgen. „Ich habe ihn nie gefragt, was genau passiert ist damals. Aber die Erinnerungen werden für immer bleiben.“

Ding Ding wurde vom zuständigen Gericht zunächst in einen Tages­kindergarten gesteckt. Die Familie seiner Mutter wollte, die Familie seines Vaters konnte ihn nicht unter­stützen. Er war allein. Ohne Anspruch auf einen Platz in einem Waisenhaus. Denn rein technisch gesehen hatte Ding Ding noch einen Vater. Auch wenn er ein Mörder ist. So blieb ihm im Alter von sechs Jahren entweder die Straße. Oder das Sun Village von Shuqin. Heute sitzt Ding Ding auf den Stufen unter dem schmalen Vordach seines Hauses, sein Blick heftet sich starr an das leere, mit Grasbüschel und Unkraut zugewucherte Betonbassin vor ihm. Zu Anfang dachte er, das Sun Village wäre nur ein weiterer Kindergarten für ihn. Vorüber­gehend. Kein schlechter Platz eigentlich. Die anderen Kinder sangen zu seiner Ankunft, die Häuser hatten eine Heizung, dazu ein eigenes Bett für jedes Kind, und es gab morgens, mittags, abends Essen. „Shuqin war jeden Tag bei uns, kannte uns alle mit Namen. Ihr konnte ich vertrauen.“

Es gibt noch andere Mitarbeiter im Dorf: Lehrer, Hausmeister, Köche. Ohne sie kann kein Dorf existieren. Ding Ding unterliegt wie alle Kinder denselben Regeln. Punkt sechs Uhr dreißig Wecken per Trillerpfeife. Sieben Uhr Frühstück. Ab sieben Uhr dreißig eine Stunde lang kollektives Säubern und Fegen der Häuser. Dann Schule. Lernen. Eine Stunde Freizeit am Nachmittag. Licht aus um Schlag neun Uhr.

Das Programm ähnelt mit Absicht einem militärischen Drill, denn Disziplin und ein fester Tagesablauf garantieren Stabilität und Verlässlichkeit. Sie bilden den Rahmen, an dem sich die Kinder orientieren und in dem auf jeden Einzelnen einge­gangen werden kann. „Wir müssen zu Anfang vor allem korrigieren“, sagt Shuqin. „Viele Kinder haben mentale Probleme, sind aggressiv, wollen andere schlagen. Wir versuchen das schlechte Vorbild ihrer Eltern wieder auszugleichen und geben den Kindern vor allem, was sie zuvor so gut wie nie hatten: das Gefühl einer Heimat, Sicherheit, Vertrauen.“

Stark genug für den Gegenwind aus der Gesellschaft

Shuqin wirkt mittlerweile wie eine professionelle Pädagogin. Doch zu Anfang klammerte sie sich noch an die Erfahrungen, die sie in der Erziehung ihrer eigenen zwei Töchter gemacht hatte. 1997 holte sie sich Unterstützung von einem Kinderpsycho­logen aus Kanada, analysierte die häufigsten Probleme der Kinder, entwarf Konzepte. Die Kinder müssen sich der schmerzlichen Realität stellen: Ihre Eltern sind tot oder im Gefängnis. Wenn sie das nicht können, haben sie auch keine Chance gegen die Vorurteile der Gesellschaft. „Sie müssen mit Selbstbewusstsein sagen können: Ich bin nicht wie meine Eltern“, sagt Shuqin. In China gibt es zwei Wege zum Erfolg: durch eine gute Ausbildung und durch Kontakte. Aber die Kinder der Sun Villages haben niemanden. Sie können sich nur auf sich selbst verlassen.

Ding Ding hofft auf eine Karriere als IT-Berater und bereitet sich wie alle chine­sischen Schüler mit 18-stündigen Lernschichten auf die Aufnahmeprüfungen an den Universitäten vor. Auch wenn das abgelegene Dorf manchmal etwas langweilig für einen 17-Jährigen ist, es ist seine Heimat geworden, die er nur selten für Kinobesuche oder Ausflüge verlässt. Aus Sicherheitsgründen darf er das nur in Begleitung. Manche Familien wollen sich an den Kinder rächen und lauern ihnen auf. Ding Ding meint, er habe seinem Vater zwar nicht verziehen. Aber er könne die Tat verdrängen. Ihm helfe, dass alle Kinder im Dorf ähnliche Erfahrungen gemacht hätten. „Mit ihnen zu reden, Erfahrungen zu tauschen, ist wichtig. Schlechte Er­innerungen sind bei uns kein Tabu, doch man muss älter werden, um sie richtig verarbeiten zu können.“

Auch Ding Ding wird wie alle anderen Kinder mit 18 Jahren das Sun Village verlassen. Dann sollen sie bereit sein für ein eigenes Leben und stark genug für den Gegenwind aus der Gesellschaft. Sie stehen dann oft allein vor großen Herausforderungen. Doch mit einer wirklichen Chance.

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