Unterdrückte Christen in Syrien und Anatolien

"Wir hoffen auf eure Hilfe"
Von der IS befreite Gebiete, Christen, Syrien

Foto: Valeriy Melnikov / Sputnik / picture alliance

Ein Dorfbewohner in der Provinz al-Hasakah im Nordosten Syriens betet in der von IS-Terroristen zerstörten St.-Georgs-Kirche

Ein aramäischer Priester kämpft darum, dass die Christen nicht ganz aus Syrien und Anatolien verschwinden
Deutschland spricht 2019

Wie steht es um die syrisch-orthodoxe Kirche?

Ich bin traurig darüber, was mit den christlichen Minderheiten hier in Mesopotamien geschieht. Zwei unserer Erzbischöfe in Syrien, Mor Gregorios Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi, sind seit April 2013 verschleppt. Wir haben kein Lebenszeichen von ihnen. In Diyarbakır gab es vor 100 Jahren ein reges christliches Leben. Heute schauen wir uns um und sehen kaum noch jemanden. In Mardin sind etwa 100 syrisch-orthodoxe Familien verblieben, weitere 135 in Midyat und etwa 150 bis 200 Familien in den Dörfern in der Region Tur Abdin. In Diyarbakir sind es insgesamt 40 Personen.

Stirbt das Christentum hier aus?

Wir schätzen, dass etwa 20 000 Menschen ab­gewandert sind, teils nach Deutschland und Australien, teils nach Istanbul. In Gegenden wie Urfa, der ehemaligen Bischofsresidenz, wurden viele Kirchen zu Moscheen oder Fabriken umgewandelt. Aber es kommen auch neue Christen hier dazu. Wir sind ein altes Volk mit einer alten Kultur, wir haben bis zu 1700 Jahre alte Kirchen. Und in Malatya und Adıyaman sagen manche Muslime: „Unsere christlichen Vorfahren mussten den Islam annehmen, wir ­konvertieren jetzt zurück.“

Warum ziehen so viele Christen weg?

In den 1960ern vor allem wegen der Arbeit. Andere zogen die ­Ano­nymität der Großstadt vor, sie fühlten sich nicht sicher. Die Istanbuler Diözese zählt jetzt 20 000 Mitglieder. Christen sind schnell verunsichert. Anders als die Armenier haben wir Aramäer keinen Staat und sind auf Hilfe aus Europa und Amerika angewiesen.

Sollen Christen in Deutschland helfen, die syrisch-orthodoxen Gemeinden hier am Leben zu erhalten? Oder sollen sie den Christen von hier helfen, nach Europa auszuwandern?

Wir wollen ja eigentlich, dass die Christen zu Hause bleiben. Aber sie müssen auch ein sicheres Zuhause haben. Wo es Verfolgung, Ungerechtigkeit und Krieg gibt, können wir von niemandem verlangen, dass er bleibt.

"Derzeit verstehen wir uns mit den Kurden sehr gut"

Viele christliche Flüchtlinge aus Syrien haben in Anatolien ­Verwandte und Bekannte. Können sie bleiben?

Wenn sie wollten, ja. Sie bekommen finanzielle Unterstützung aus Europa – durch Organisationen wie die Diakonie Katastrophen­hilfe. Und der Staat erlaubt ihnen, zu arbeiten und ihre Kinder zur Schule zu schicken. Aber ihr eigentliches Ziel ist Europa.

Wie beschreiben Sie das Verhältnis von Kurden und Aramäern?

Derzeit verstehen wir uns sehr gut. Die Kurden nähern sich uns an. Sie haben ein Problem mit der Regierung in Ankara, und sie wollen uns als Bündnispartner. Seit dem Völkermord an den Armeniern und Aramäern während des Ersten Weltkriegs bin ich der erste christliche Priester, der Mitglied im Gemeinderat von Diyarbakır ist. In Mardin ist eine Aramäerin sogar Bürgermeisterin. Ein Aramäer ist im türkischen Nationalparlament Abgeordneter der von vielen Kurden gewählten linksgerichteten Partei HDP.

Hat sich ihre Lage in der Türkei also gebessert?

Dank der Kurden, nicht des Staates. Auf Initiative von uns Aramäern beschloss der mehrheitlich von Kurden gewählte Gemeinderat, die Straße zur syrisch-orthodoxen Kirche in Diyarbakır nach dem Metropoliten Dionysius bar Salibi umzubenennen. Er wirkte hier Mitte des 12. Jahrhunderts. Sein Grab ist in der Kirche.

Und darüber hinaus?

In den Dörfern werden Christen weiterhin benachteiligt und teils auch verfolgt. Mehrere Grundstücke des Klosters Mor Augin in Mardin wurden von den anliegenden muslimischen ­Dörfern beschlagnahmt. Die Aramäer baten den Bürgermeister, sich dafür einzusetzen, dass die Klös­ter ihre Felder zurückbekommen. Er hätte ­etwas bewirken können. Stattdessen hat er gesagt: "Was soll ich tun?" Hier hoffen wir auf Hilfe von unseren Partnerkirchen im Ausland. Auch der Staat beschlagnahmt ­Immobilien der Kirchen und Klöster.  

Trauen Sie dem aktuellen Frieden?

Bis vor wenigen Monaten beschoss das türkische Militär das Viertel Sur innerhalb der historischen Mauern von Diyarbakır, wo unsere Kirche steht. Während der Kämpfe mussten wir aus der Stadt fliehen. Ein weiteres Problem ist, dass die Regierung eigene Leute gegen die mehrheitlich von Kurden gewählten Bürger­meister eintauscht – in der ganzen Region. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Übersetzung: Gabriel Rabo

Yusuf Akbulut

Yusuf Akbulut ist Priester ­der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Diyarbakır im Südosten der Türkei. Viele Mitglieder seiner Kirche, einer der ­ältesten ­der Welt, sprechen Aramäisch, die Sprache ­Jesu.
Foto: Privat

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