Panoramabild zur Reformation in Wittenberg

Vom Mann, der sich ein Bild machte
Fotoshooting Yadegar Asisi am 13.10.2015 in Wittenberg zu seinem neuen Panoramabild

Tom Schulze, Ausschnitte aus Yadegar Asisis Panorama Luther 1517 © Asisi; R. Hartwich © Asisi

Dramen auf der Straße, Lehrstunden im Kinderzimmer, Diskussionen im Kloster: Yadegar Asisi zeigt in Wittenberg sein riesiges Panorama der Reformationszeit
Deutschland spricht 2019

Er trägt ein frisches schwarzes Hemd und einen Dreitagebart, und doch hat er in den vergangenen Monaten im Mittelalter gelebt, in den Häusern und Gassen Wittenbergs. Yadegar Asisi geht die Szenen durch, die er in dieser Zeit erschaffen hat, und es scheinen unendlich viele zu sein. Von jedem Detail, jeder Personengruppe, jedem Wohnhaus und Garten wandert der Blick weiter. Noch ein Straßenzug, noch ein Innenhof, ein Verkaufsstand auf der Gasse, eine erleuchtete Wohnstube. Man meint, den Lärm in den Straßen zu hören, die Debatten der Mönche, das Geklapper der Pferdehufe, die Turmglocken.  

500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers erwacht die mittelalterliche Stadt zum Leben – auf einer Panoramaleinwand von besonderem Ausmaß: 15 Meter hoch, 75 Meter breit. Jetzt ist sie im Inneren einer überdimensionalen Tonne zu betrachten, aufgebaut unweit des Lutherhauses. Fünf Jahre lang soll das Panorama, zusammengesetzt aus Zehntausenden von Fotografien und verfeinert durch des Meisters Pinselstrich, dort zu sehen sein. 

Das Panorama ist eine der Perlen des Reformationssommers. Das Projekt wurde vom Verein „Reformations­jubiläum 2017“ mitgetragen und finanziert – gemeinsam mit der Lutherstadt Wittenberg. Der Verein, gegründet vom Deutschen Evangelischen Kirchentag und der Evangelischen Kirche in Deutschland, geleitet von den Geschäftsführern Hartwig Bodmann und Ulrich Schneider, muss das Meis­terstück fertigbringen, die zahlreichen Highlights des Jubiläumsjahres zu koordinieren und zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Wie vielseitig die Angebote sind, davon ­vermittelt r2017.org einen Eindruck.

Szenen des Panoramas

Tore der Freiheit – Weltausstellung ­Reformation

Wittenberg wird 2017 zum Ort einer Welt­ausstellung. Sieben „Torräume“ sollen der Be­gegnung dienen und sind sieben Themen gewidmet: zum Beispiel der Jugend und ihren Zukunftschancen, der Globalisierung, der ­Friedensarbeit, dem Glauben. Studenten mehrerer Hochschulen haben, passend zu diesen Themen, Kunstwerke geschaffen – verspiegelte Stelen, Glaskuben, Wege und Stege auf einem Bunkerberg, einen Willkommen-Turm. Es wird mehr als 80 Veranstaltungen geben, unter anderem auf den Open-Air-Bühnen hinter dem Schloss und auf dem Marktplatz. In etliche Ladengeschäfte sind für ein Jahr kirchliche Institutionen eingezogen und laden zu Gesprächen ein. Eine der ersten: Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

Martin Luther ist die Zentralfigur des Panoramas. Da sind die großen Geschichten: sein Auftritt vor dem Wormser Reichs­tag („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“), seine Bibel­über­setzung. Und die privateren, die ebenfalls ihre historische Wirkung entfalteten: ­seine Hochzeit mit der ­früheren Nonne Katharina von Bora, seine Tischgespräche. Yadegar Asisi hat viele solcher Geschichten ins Bild gesetzt: Luther bringt seinen Kindern Lesen und Schreiben bei. Luther zieht sich seinen Professorenkittel an, seine Mönchskutte ist über den Tisch geworfen. Seine Frau sitzt auf der Bettkante, sie lacht ihn an. Oder diese Szene: Eine Frau (!) liest aus der Bibel vor – Zuschauer blicken sehr skeptisch. Oder diese: Ein Stiftsherr, eigentlich zur Ehelosigkeit verpflichtet, hat mit seiner Magd drei Kinder. Viele der Motive im Panorama Asisis entstehen zuerst als Foto, dann als 3-D-Figur am Computer, dann werden sie zum Puzzleteil des Gesamtgemäldes. 

Yadegar Asisi, 1955 als Sohn persischer Immigranten in Wien geboren, begann mit zehn Jahren zu zeichnen. Er studierte Architektur in Dresden und ­Malerei in Berlin, lehrte 25 Jahre lang Architekturzeichnen in ­Berlin. Bis er den Unibetrieb verließ und sich ab 1992 dem Panorama­malen ­zuwendete. Damit ist er seit Jahren sehr erfolgreich. Er malte die Wälder Amazoniens, den Mount Everest, Rom im Jahr 312, das antike ­Pergamon, die Leipziger Völkerschlacht 1813, die Berliner Mauer.

Luther als Kämpfer und Bremser

Die Idee zum Reformationspanorama kam ihm selbst, er ließ sich darin von einem alten Bekannten bestärken: Pfarrer Joachim ­Zirkler, dem Studienleiter am Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg. Vor zehn Jahren stand Asisi das erste Mal in Wittenberg vor der Tür der Schlosskirche. „Keiner hatte mir bis dahin erklärt, was es mit den dort angeschlagenen Thesen auf sich hatte. Aber dann interessierte mich sehr bald ein besonderer Aspekt ­daran: die Selbstbestimmtheit Luthers.“ Für ihn als „Heiden“ sei die Kernfrage: „Verhilft mir der Glaube dazu, dass ich besser ­laufen, leben, mich mit Menschen besser verständigen kann?“ Eine sehr grundsätzliche, eine reformatorische Frage. Und auch das klingt irgendwie nach Luther: „Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu quälen. Keiner soll über dem anderen stehen.“

Asisi entrollt eine ganze Szenerie, verdichtet in ihr Ereignisse aus etwa dreißig Jahren. Im Zentrum: der Schlossplatz mit der Schlosskirche. Diskutierende Reformatoren, katholische Kleriker, Studenten, Sachsens Kurfürst, Ablasshändler, Kaufleute, Bauern, die Cranachs, die Professorenkollegen. 

Den Reformator Luther zeigt Asisi gleich in mehreren Lebensphasen, aus gegebenem Anlass auch beim Anschlag der Ablassthesen. Aber wie sieht Luther aus? Die bekannten Porträts der Cranachs reichten Asisi nicht. Deshalb malte er zuerst einmal eine Reihe eigener Porträts: Luther beim Trinken, Lachen, Debat­tieren. „Die wenigen Bilder, die wir aus seinen Lebzeiten von ihm haben, zeigen ihn so streng.“ Luther, so seine Analyse, mutete sich selbst und seinen Mitmenschen viel zu. Er war anstrengend, als Kämpfer wie auch als Bremser.

"Kunst ist dazu da, Fragen zu stellen"

So stellt Asisi ihn auch auf seinem Riesengemälde dar. Der sächsische Kurfürst reitet zur Jagd, Menschen huldigen ihm auf den Knien. Thomas Müntzer, der radikale Reformator auf der Seite der aufsässigen Bauern, will sich ihm in den Weg stellen, mit ihm reden. Doch Luther zerrt Müntzer zurück, will keinen Eklat. „Luther hat vielleicht gesagt: Müntzer, was soll das? Willst du die ganze Gesellschaft auf den Kopf stellen? Lass den Unsinn, lass uns den ersten Schritt vor dem zweiten tun!“ Auch das Gemetzel des Bauernkriegs, in dem sich Luther auf die Seite des Landesherrn schlug und die revoltierenden Bauern kritisierte, taucht im Gemälde auf: am Horizont.  

Oder die Sache mit den Juden. Luther trägt nicht mehr seine Mönchskutte, sondern ein bürgerliches Gewand. Ein Mann im Harnisch zerrt an einem Juden, will ihn aus der Stadt hinauswerfen. Luther steht daneben und beobachtet die Szene. Was tut er? Nichts. Aber dem Reformator im Nachhinein eins auszuwischen, das ist Asisis Sache auch nicht. „Wir müssen begreifen, dass es in uns Menschen beide Seiten gibt, immer!“ ­Luther und die Juden, Luther und die Türken, Luther und die Hexen, die Frauen, die Bauern: Da gäbe es viel Kritisches zu sagen. „Aber Kunst ist dazu da, Fragen zu stellen, nicht, sie zu beantworten.“ 

Entschleunigung durch Kunst

Und deshalb sind dem Maler Heldenmythen fremd. Das schließt nicht aus, dass er zu den Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels steht. „Man müsste ihnen Riesendenkmäler setzen“, sagt er. „Ohne sie wäre auch die Marktwirtschaft gar nicht zu denken.“ In Rouen, wo er gegenwärtig ein Panorama über Jeanne d’Arc zeigt, erlebte er vor kurzem, dass Menschen beim Betrachten des Gemäldes in Tränen ausbrachen. „Ich weiß nicht, was das ist“, sagt Yadegar Asisi. „Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen entschleunigen – auf eine Art und Weise, wie sie heute sonst selten ist. Es ist ein bisschen von kleinen Kindern in ihnen.“

Mit ihren endlos vielen Details erinnern Asisis Gemälde an Wimmelbilder. Eine ganze Riege von Bildbearbeitern hat an ihren Computern Kutschen zusammengesetzt, Lehm in die Mauern von Fachwerkhäusern gefüllt, Augäpfel in die richtige Richtung gedreht, Sonnenstrahlen in Wohnhäuser gelenkt, Personen zu Gruppen zusammen- und auseinander­geschoben. Auch wenn Asisis Bildschirm noch so groß ist, die Details sind klein. „Meine persischen Gene haben mich zur ­Miniaturmalerei gebracht“, sagt der Maler. „Ich liebe es, klein zu malen, aber ich habe auch keine Angst vor großen Formaten.“ 

Die Ebenen entdecken

Erst als das Panoramabild vollendet war, kamen Lichtdesign und Soundeffekte dazu. Der Komponist Eric Babak ließ sich erzählen, welche Geschichten Asisi besonders wichtig waren, und komponierte die passende Atmosphäre. Asisi: „Man meint, mitten in der Stadt zu stehen und das Gebrüll zu hören.“ Es gibt Tag und Nacht, die Sonne geht auf und wieder unter. „Würde ich nicht rhythmisieren, würden die Leute die Zeit verlieren. In der Nacht freut man sich auf den Tag, am Tag will man die Abendröte sehen. Haben die Menschen die Abendröte nicht gesehen, dann kehren sie später an diese Stelle zurück.“ 

Manche Besucher holen ihre Ferngläser heraus. Sie sind auf der Suche nach Geschichten, „die das normale Auge nie sehen kann“. Die Menschen entdecken eine zweite, dritte, vierte Ebene. „Sie wissen: Da ist noch etwas.“ Und genau so ist es auch mit der Reformation. 

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Tore der Freiheit – Weltausstellung ­Reformation

Wittenberg wird 2017 zum Ort einer Welt­ausstellung. Sieben „Torräume“ sollen der Be­gegnung dienen und sind sieben Themen gewidmet: zum Beispiel der Jugend und ihren Zukunftschancen, der Globalisierung, der ­Friedensarbeit, dem Glauben. Studenten mehrerer Hochschulen haben, passend zu diesen Themen, Kunstwerke geschaffen – verspiegelte Stelen, Glaskuben, Wege und Stege auf einem Bunkerberg, einen Willkommen-Turm. Es wird mehr als 80 Veranstaltungen geben, unter anderem auf den Open-Air-Bühnen hinter dem Schloss und auf dem Marktplatz. In etliche Ladengeschäfte sind für ein Jahr kirchliche Institutionen eingezogen und laden zu Gesprächen ein. Eine der ersten: Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

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Lesermeinungen

Es wird doch noch hoffentlich ein paar Mauselöcher für Menschen geben, die diesen Rummel nicht mögen ?
Wie gehen denn die Wittenberger mit diesem Wahnsinn im 21 Jh. um ?
Das würde mich interessieren. Aber wahrscheinlich sind alle hellauf begeistert, bis auf ein paar Ungebildete vermutlich.