Reformationsjubiläum im katholischen Italien

"Glaubt ihr auch an Christus?"
Neapel

Foto: imago / Kickner

Von Posillipo oberhalb der Stadt bietet sich ein grossartiger Blick über die Millionenstadt Neapel

In Italien wartet man auf das Reformationsjubiläum - und die politische Reform. Viele Katholiken wissen wenig über die Protestanten

Reformationsjubiläum im Land der „Gegenreformation“, in dem 90 Prozent der Bevölkerung katholisch sind. „Wie erlebt ihr das?“, fragt man mich oft.

Kirsten Thiele

Kirsten Thiele ist Pastorin der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Neapel.
Foto: Privat
Zum einen lernte ich selbst eine Menge dazu. Ich hatte keine Ahnung, dass in Neapel das reformatorische Gedankengut schon sehr früh, um 1540, verbreitet war. Juan de Valdés und Giordano Bruno etwa waren eng mit der Stadt verbunden. Die einfachen Leute und auch der König hörten sich reformatorische Predigten an.

Zum anderen nutzen wir die Gelegenheit, den evangelischen Glauben in Italien bekannter zu machen. Wenn ich mit katholischen Gläubigen hier spreche, merke ich immer wieder, wie wenig sie von uns wissen. Sie fragen meistens zuerst, ob wir denn auch an Christus glauben, ob wir die gleiche Bibel haben, wie unsere Liturgie aussieht. Da kann man zumindest mit den Gemeinsamkeiten beginnen. Zu den Unterschieden kommt man dann eh schnell: unsere Stellung zur „Gottesmutter“, so nennen sie hier Maria, und deren Himmelfahrt, zu den Heiligen, dem Papst, zum Priestertum, zur Definition von Kirche.

Viel zu bereden! Umso besser, dass es jetzt mehr Anlässe gibt: Theateraufführungen an Orten der Reformation und Gegenreformation, Ausstellungen, der italienische evangelische Kirchentag an Pfingsten 2017 in Mailand.

Aspettando la Riforma – unter diesem Titel bereitet sich unsere Gemeinde in Neapel auf das Jubiläum vor. Das ist durchaus doppelbödig. „Aspettando“ heißt „(er)wartend“, „Riforma“ hat zwei Bedeutungen: Reformation und Reform. Wir beziehen uns damit auch auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation. Denn in Italien warten alle auf die lang ersehnte Verfassungsreform, die den Politikbetrieb verschlanken und beschleunigen soll. Seit dreißig Jahren wird an der „Riforma“ gearbeitet, vor einigen Monaten nun hat das italienische Abgeordnetenhaus einen Entwurf verabschiedet. Die Italiener müssen darüber in einem Volksentscheid abstimmen. Aber es gibt noch keinen Termin dafür...

Ich hoffe, dass es in dieser Zeit des Wartens – auf die Reform und das Reformationsjubiläum – zu vielen Begegnungen kommt und die gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung wachsen.

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