Friedensreferendum in Kolumbien

"Frieden muss man lernen"
Teilnehmer einer Friedenskundgebung am Rande der Aufbauarbeiten für die Unterzeichnung des Friedensvertrages in Cartagena

Foto: Björn Kietzmann/action press

Teilnehmer einer Friedenskundgebung am Rande der Aufbauarbeiten für die Unterzeichnung des Friedensvertrages in Cartagena

Seit 1958 wurden in Kolumbien 220 000 Menschen getötet. Ein Referendum soll jetzt den Bürgerkrieg zu beenden helfen

chrismon: Am 2. Oktober stimmt die Bevölkerung Kolumbiens über einen Friedensvertrag mit der Guerillabewegung FARC ab. Wie ist die Stimmung im Land?

Josefina Echavarría: Manche Leute sind wütend. Viele Menschen demonstrieren. Das ist normalerweise ein Zeichen für Demokratie. Aber die Situation macht mir trotzdem Sorgen. Poster, die für „Ja“ oder „Nein“ werben, wurden von Unbekannten abgedeckt. Die ­Leute sagen so, dass sie andere Meinungen nicht akzeptieren wollen.

Woran könnte der Friedensprozess scheitern?

Die Menschen hat geärgert, dass die Guerilleros nicht um Vergebung bitten wollten. Anfang September haben sich allerdings Guerillas und Hinterbliebene eines Massakers in Havanna getroffen. Da ging es um Vergebung. Dieses Ereignis hatte eine enorme Wirkung, so dass sich das Land jetzt langsam in Richtung „Ja“ bewegen könnte. Die Kommunikation der Regierung ist aber weiterhin eine Katas­trophe! Präsident Juan Manuel Santos sagt: Wenn ihr die Verhandlungen nicht unterstützt, werden wir einen noch grausigeren Krieg erleben. So funktioniert das nicht. Wenn man Frieden will, soll man nicht drohen! Trotzdem ist es gut, dass er abstimmen lässt. Rechtlich hätte er die Macht, das Abkommen alleine abzuschließen.

Was passiert, wenn es abgelehnt wird?

Dann fehlt dem Friedensprozess eine Legitimation, und die Friedensarbeit wird sehr schwierig.

Und wenn das Friedensabkommen angenommen wird?

Wir haben dann Jahrzehnte intensiver Friedensarbeit vor uns. Wir müssen lernen, mit jemandem umzugehen, den wir 50 Jahre lang bekämpft haben, und andere politische Positionen zu respektieren. Aus anderen Konflikten wissen wir, dass nach den Verhandlungen die Gewalt in irgendeiner Form weitergeht, sei es als Verbrechen.

Wie begegnet man dieser Gewalt?

Politische Partizipation ist wichtig. Ich sehe vor allem drei große Herausforderungen. Erstens: Wie können wir Demokratie wirklich leben? Das heißt, nicht nur einen Konsens finden, sondern mit unter­schiedlichen Meinungen friedlich umgehen. Zweitens: Was machen wir mit denen, die legal und illegal vom Krieg profitiert haben, wie können sie friedlich Geld verdienen? Drittens: Social Healing.

Sie sagen jetzt extra nicht „Versöhnung“, oder?

Versöhnung klingt grandios und unerreichbar zugleich. Social ­Healing heißt, den Menschen anzuerkennen, der hinter der Waffe steht, ihm zu vergeben und mit ihm in Frieden zu leben.

Aber die meisten Kolumbianer kennen nichts als Krieg!

Und auch vor Frieden kann man Angst haben. Wir sprechen über Frieden oft wie über etwas, das wir unterzeichnen können. Dabei ­ist Frieden ein Prozess. Universitäten veranstalten Foren und Seminare. Aber das ist nur eine kognitive Auseinandersetzung. Auch unsere Ängste benötigen einen Raum. Wir wissen alles über Phasen des Kriegs, über Akteure der Gewalt und Drogengeschäfte. Ich kann die Augen schließen und erinnere mich daran, wie sich der Krieg anhört, ich erinnere mich an Schreie, an Menschen, die rennen. Aber wir haben fast kein Vokabular, um über Frieden zu sprechen. Wir müssen uns fragen: Wie hört sich Frieden an, wie schmeckt er, wie fühlt es sich an, in Frieden miteinander einen Kaffee zu trinken?

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur bei chrismon. Nach dem Studium der Germanistik und Geografie in Bamberg sowie dem Masterstudiengang Journalismus in Mainz hat er in den Redaktionen von chrismon und epd volontiert. Praktika führten ihn zur "Allgemeinen Zeitung" Mainz, zum "Fränkischen Tag", SWR-Fernsehen, HR-Hörfunk sowie den Kinozeitschriften "Cinema" und epd Film. Er interessiert sich besonders für die Themenfelder Politik, Gesellschaft und Kultur.
Lena UphoffMichael Güthlein, chrismon-Redakteur
Wie schmeckt Frieden denn?

In einem Workshop haben wir genau das gefragt. Es muss ja etwas sein, das kulturell geprägt ist. Wie Schweinebraten für Deutsche. Eine Frau sagte, der Frieden schmeckt nach Chontaduro, die Frucht der südamerikanischen Pfirsichpalme. Chontaduro erinnerte die Frau an ihre Heimat, ihre Kindheit und ihren Vater. So schmeckt Frieden aber nur für diese Frau! Mir schmeckt Chontaduro überhaupt nicht, aber ich muss verstehen, dass es ihr schmeckt.

Hat ein langfristiger Frieden eine Chance?

Wenn ich an das politische Klima denke, habe ich Zweifel. Aber ­ich hoffe, dass die Leute für „Ja“ stimmen. Die Friedensinitiativen würden viel Unterstützung erfahren. Wir können die Menschen überzeugen. Das braucht viel Selbstreflexion und klare Kommunikation. Die Botschaft muss lauten: In diesem Frieden geht es nicht um die Guerilleros, sondern um uns als Gesell­schaft.

Josefina Echavarría Álvarez

Dr. Josefina ­Echavarría, geboren 1977, ist Senior Lecturer am Arbeitsbereich für Frieden und Konfliktstudien der Universität Innsbruck. Sie ist in Kolumbien geboren und lebt in Österreich. Am Unesco Chair for Peace ­Studies werden in einem Master­studiengang jedes Semester 30 ­Peacemaker ausgebildet.

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