Aufstieg zu den Violinprofis

Einmal Geige, immer Geige

Foto: Getty Images/iStockphoto/Susan Chiang

Falk Peters kann Geigen maßschneidern. Ganz alte Violinen zeigen schon Ermüdungserscheinungen, sagt er

Eine Geige muss auch bei engagierten Hobbymusikern den Ansprüchen eines Orchesters genügen. Worauf ist bei der Auswahl zu achten?

Falk Peters: Viele Musiker suchen sich Geigen, die in ihren Ohren weich und warm klingen, sogenannte Ohrschmeichler. Aber solche Instrumente haben oft keine Durchsetzungskraft im Saal und werden von Orchester oder Flügel für das Publikum vollkommen überdeckt. Die Geige ist ein Obertoninstrument. Auch eine gute Geige kommt niemals durch die Lautstärke eines Orchesters oder Flügels hindurch, aber sie setzt sich mit ihren starken Obertönen davon ab. Der Klang eines Flügels oder Orchesters kann eine akustische Sättigung bis 2000 Hertz erzeugen. Die sehr gute Geige hat jedoch sehr ausgeprägte Obertöne bis 4000 Hertz. Sie schaut sozusagen aus dem Orchesterklang oben heraus.

Wie lässt sich herausfinden, ob eine Geige diese Qualität hat?

Man sollte das Instrument unbedingt in einem großen Saal ausprobieren und jemanden mitnehmen, der etwas davon versteht. Am besten spielt man zusammen mit einem offenen Konzertflügel. Der ist ein gnadenloser Partner. An Lautstärke nicht zu übertreffen. Die Geige braucht deswegen ein ausgeprägtes Obertonspektrum, um auch in einer Entfernung von zehn Metern und mehr herausgehört zu werden.

Wie ist das mit den Obertönen zu verstehen?

Jeder Ton besteht aus einem Grundton und der Obertonreihe. Theoretisch ist die Obertonreihe immer dieselbe. Faktisch unterscheidet sich der Klang verschiedener Instrumente dadurch, dass einzelne Töne der Obertonreihe lauter, das heißt klar wahrnehmbar und andere leiser, teilweise unterhalb der Hörschwelle vorkommen. Brillante Geigen haben eine ganze Anzahl von starken Obertonresonanzen im Bereich zwischen 1,3 und 4 Kilohertz. Diese kann man ab der halben e-Saite aufwärts bis zum Griffbrettende als Grundtöne anspielen. Dieses Anspielen wäre eine zweite Testmöglichkeit - neben dem Saaltest - die auch in kleinen Räumen durchführbar ist.

Was schafft diese gute Klangqualität?

Es gibt viele Mythen darum, was eine Geige zu einer guten Geige macht: Tolles Holz, der Lack, die Wölbung. Aber das ist alles nicht so maßgeblich. Die Holzstärken haben einen Einfluss, ja. Aber ob und wie viele Obertöne eine Geige hat, entzieht sich dem Planbaren. Diese müssen aus dem Instrument herausgekitzelt werden, indem man es nachbearbeitet und die Töne immer wieder durch Hören kontrolliert. An dem an sich fertigen Instrument, dem zum ersten Mal die Saiten aufgezogen wurden, beginnt die akustische Arbeit erst. Manche Orchestermusiker antworten auf meinen Rat bezüglich der Ohrenschmeichlerinnen: „Aber ich bin ja kein Solist“.

Und was sagen Sie darauf?

Je mehr Obertöne eine Geige hat, desto mehr kommt sie dem oder der Musizierenden entgegen. Man greift automatisch die Töne exakter – weil man sie besser hört. Die Geige erlaubt einen viel leichteren Strich als eine „Ohrschmeichlerin“. Sie erfordert also viel weniger Druck mit dem Bogen. Das wiederum entlastet die Greifhand. Man spielt leichter, leise Passagen artikulierter und das Vibrato reagiert schneller und gelingt feiner. Man kann auf einer brillanten Geige mit entsprechender Technik wunderbar warm, weich, süß und samtig spielen. – Aber umgekehrt niemals brillant, strahlend und tragfähig auf einer Geige, die durch fehlende Obertöne dumpf ist.

"Wir können heute genauso hervorragende Geigen bauen wie die Stradivaris"

Gibt es weitere Dinge, die zu beachten sind?

Natürlich ist da die physiologische Seite: Wir groß ist das Instrument, wie dick der Hals, liegen die Saiten hoch oder tief, wie weit liegen sie auseinander? Jeder Mensch ist ja anders gebaut. Das sind jedoch Faktoren, die ein guter Geigenbauer anpassen können sollte.

Lieber eine neue Geige oder eine gebrauchte?

Das hat beides sein Für und Wider. Das neue Instrument kann man sich selbst erspielen, das Brillanzspektrum der Frequenzen, das idealerweise schon angelegt ist, prägt sich durch das Einspielen noch weiter aus. Das Instrument verändert sich also noch leicht. Ein gebrauchtes Instrument hat schon jemand mit seiner Spielweise geprägt.

Lieber eine neue oder eine alte Geige?

Als Geigenbauer plädiere ich natürlich für eine neue Geige, die man sich individuell sowohl akustisch als auch physiologisch "maßschneidern" lässt. Zu den neuen Geigen zählen auch die 30 oder 40 Jahre alten. Die wirklich alten datieren vor 1850. Es sind oft Sammlerstücke, die durch viele Reparaturen und dem damit einhergehenden hygroskopischen Leim sehr „wetterfühlig“ geworden sind und dadurch ihre Zuverlässigkeit eingebüßt haben. Die ganz alten Geigen, die jetzt an die 300 Jahre heranreichen, zeigen mittlerweile auch oft schon akustische Ermüdungserscheinungen. Wir können heute genauso hervorragende Geigen bauen wie die Stradivaris und Guernieris damals, mit den gleichen interessanten Obertonspektren. Dies wurde mittlerweile durch viele Blindtests eindrücklich bewiesen.

Worauf ist beim Kauf einer gebrauchten Geige zu achten?

Dass sie noch keinen Stimmriss hatte, also weder Oberseite noch Boden einen Riss aufweisen.

Wie ist das Prozedere beim Geigenkauf?

Es gibt zwei Arten von Käufern. Den einen gefällt es, dass ich ganz speziell für sie ihre Geige baue und sie den Entstehungsprozess begleiten können. Andere glauben an die Liebe auf den ersten Blick. Ihnen muss ein vorrätiges Instrument gefallen. Normalerweise habe ich ein paar Instrumente als Referenz parat, anhand derer ich dann mit den Kunden gemeinsam herausfinde, was sie suchen. In diesem Orientierungsprozess spielen wir abwechselnd, sodass die Musiker die Gelegenheit bekommen, die Instrumente aus dem Nahfeld als Spieler und auch als Hörer aus der Entfernung deren Tragfähigkeit zu beurteilen.

Oft fertige ich dann speziell ein Instrument an. Aber der Auftrag verpflichtet den Kunden noch nicht zum Kauf. Es gibt eine Probezeit, bei der ich mittlerweile aber strenger geworden bin. Wer nach zwei bis vier Wochen nicht weiß, ob das Instrument zu ihm passt, weiß es in der Regel nach drei Monaten auch noch nicht.

Falk Peters

Falk Peters gehört zur Elite der deutschen Geigenbaumeister. Für seine Instrumente greift er auf die Klangforschung des Physikers Heinrich Dünnwald zurück, mit dem er einige Jahre zusammengearbeitet hat. Er ist überzeugt: Die Eigenschaften der alten italienischen Geigen lassen sich heute genauso produzieren.
Foto: Privat

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