Taizé-Gründer Roger Schutz teilte mit Flüchtlingen

Ein Meister im Zuhören
Roger Schutz

Marco Wagner

Roger Schutz (1915‒2005) gründete im Burgund eine konfessionsübergreifende Gemeinschaft

Sein Lebensziel: Menschen versöhnen. Roger Schutz half Kriegsflüchtlingen und gründete die Gemeinschaft von Taizé

„Kaufen Sie das Haus und bleiben Sie hier. Wir sind so allein!“ Ein alte Frau redete intensiv auf Roger Schutz ein. Der Krieg, der 1940 in Frankreich wütete, hatte das kleine Dorf Taizé im Burgund verschont. Roger Schutz suchte eine Bleibe für sich und einige junge Männer, um eine religiöse Gemeinschaft zu gründen. „Ich habe Taizé gewählt, weil die Frau arm war“, erklärte er später diese Entscheidung. „Christus spricht durch die Armen, und es ist gut, auf sie zu hören. Die Berührung mit ihnen bewahrt den Glauben davor, unbestimmt und unwirklich zu werden.“

Roger Schutz kaufte ein Stück Land und eine Kuh. Täglich klopften Flüchtlinge an seine Tür: Leute aus dem Widerstand, Juden, die vor den deutschen Besatzern flohen, Deserteure. Das wenige, was er an Nahrungsmitteln erwirtschaftete, teilte er mit ihnen. Sein Lebensprinzip: „Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfalt und Barm­herzigkeit.“

Als die Deutschen 1942 den Süden von Burgund besetzten, durchsuchte die Gestapo das Haus und verhörte Schutz. Er blieb fortan vorsichtshalber in Genf. 1944 kehrte er nach Taizé zurück. Jetzt waren es deutsche Kriegsgefangene, die seine Hilfe brauchten. Sonntagmorgens beteten die Brüder mit ihnen, dann teilten sie ihre wenige Nahrung. Das Motiv der Gemeinschaft: die Versöhnung zwischen Menschen. Auch die Ökumene, die Versöhnung der Konfessionen, war ihnen ein Anliegen.

"Finde dich niemals ab mit der Trennung unter den Christen"

1915 wurde Roger als jüngstes von neun Geschwistern geboren. Sein Vater war reformierter Schweizer Pastor, seine katholische Mutter stammte aus Frankreich. „Meine ökumenische Berufung verdanke ich der Großzügigkeit meiner Eltern“, ­erinnerte er sich später. Auch eine Großmutter habe ihn geprägt. Ihr verdankte er die Fähigkeit, „in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“

Schutz wollte zunächst Schriftsteller werden, studierte dann aber in Lausanne und Straßburg Theologie und wurde zum evangelischen Pfarrer ordiniert. 1939 hatte er eine Studentengruppe gegründet. Man sprach über den Glauben, lud zu Ein­kehrtagen und Meditation, Gewissenserforschung und Beichte ein. Diese Treffen wurden zur Keimzelle für das, was später in Taizé entstand.

Immer mehr evangelische Männer schlossen sich seit 1949 zu einer „Communauté“ zusammen, seit 1969 auch Katholiken. Ihr Prior Roger hatte die Regel mit ökumenischer Leidenschaft geschrieben: „Finde dich niemals ab mit dem Skandal der Trennung unter den Christen, die sich alle so leicht zur Nächstenliebe bekennen, aber zerspalten bleiben!“

Viele Menschen spüren bis heute, dass in Taizé etwas Besonderes geschieht. Es wird gebetet, aber ganz anders als sonst in den Gottesdiensten: stundenlang, umgeben von einem Meer von brennenden Kerzen, mit emotionalen, einfachen Liedern. Wer nach Taizé fährt, liest mit Jugendlichen aus anderen Ländern die Bibel. Vier von ihnen nahm Roger Schutz 1974 mit nach Frankfurt in die Paulskirche, wo er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels empfing. Er würde „bis zu den äußersten Grenzen der Erde gehen“, um zu bestä­tigen, dass er Vertrauen habe zu den Jugendlichen, sagte er in seiner Rede.

Wie andere Friedenskämpfer wurde er Opfer eines Attentats

Von politisch aktiven Christen wurde er und wird seine Gemeinschaft ebenso geschätzt wie vom Vatikan oder vom ­Deutschen Evangelischen Kirchentag. 2005, bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II., reichte ihm der theologisch konservative Kardinal Joseph Ratzinger, der folgende Papst, die Hostie. Spekulationen wurden laut: Sollte Frère Roger katholisch geworden sein? Taizé dementierte. Aber an seiner engen Verbundenheit mit den Päpsten bestand kein Zweifel.

Am 16. August 2005 war die Kirche von Taizé bis auf den letzten Platz gefüllt. Lieder erklangen. Unerwartet trat eine psychisch kranke Frau auf Frère Roger zu und stach auf ihn ein. Eine Viertelstunde später starb er. Die Nachricht vom Tod des reformierten Pfarrers betrübte auch die Teilnehmer des katholischen Weltjugendtages, der am Tag darauf in Köln begann.

Beigesetzt wurde Frère Roger neben der Dorfkirche von Taizé. Der Zustrom der Pilger ist bis heute ungebremst, wohl auch aus diesem Grund: Die Brüder wollen „vor allem Menschen sein, die anderen ­zuhören. Wir sind keine Lehrmeister.“ 

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Gelegentlich kann man sie ganz deutlich spüren, die Einheit der getrennten Kirchen. Zum Beispiel in Taizé
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