Ansprache von Barbara Kittelberger beim Gedenkgottesdienst am 25.07.2016 in der Olympiakirche München

"Nichts kann uns trennen von Gottes Liebe"

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa / picture-alliance

Im Münchener Olympia-Einkaufszentrum hatte am Freitagabend nach Polizeiangaben ein Einzeltäter neun Menschen und anschließend sich selbst getötet, 35 Menschen wurden verletzt. Barbara Kittelberger, Stadtdekanin des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks München, spricht beim ökumenischen Gottesdienst, den sie zusammen mit Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern, und dem katholischen Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg zum Gedenken an die Opfer am Montagabend im Kirchenzentrum der evangelischen Olympiakirche und der katholischen Kirche Frieden Christi feiert. Wir dokumentieren die Ansprachen von Barbara Kittelberger und Susanne Breit-Keßler (laut Redemanuskript).

"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn." (Römer 8,38f)

Was wollen wir nun hierzu sagen? Die Wortfetzen, Bilder und Erfahrungen von Freitagnacht haben sich eingegraben in das Gedächtnis. Es ist nichts mehr so wie am Tag zuvor. Sprachlos und gelähmt, unfähig uns aufzurichten, verharren wir heute, morgen und auch in den kommenden Tagen.

Was wollen wir nun hierzu sagen?

Wir suchen nach Zeichen des Trostes. Eine Blume am Ort der schrecklichen Tat, eine Kerze, in deren Lichtschein man sich wärmen kann.

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn.

Heute scheint dieses Wort zu groß um es mit Leben zu füllen.

Heute mögen diese Sätze leer klingen, weil sie in uns noch keinen Widerhall finden. Noch sind wir gefangen von dem, was uns erfasst hat.

Noch trauen wir uns nicht, weiterzudenken, noch scheinen Wege verschlossen. Es braucht Mut, sich zu trauen und Hoffnung zu wagen. Ich möchte Ihnen und uns allen Mut machen zur Hoffnung.

"Nichts kann uns trennen von Gottes Liebe", ist kein großspuriges Gerede; es ist überlebensnotwendig, eine alltagstaugliches survival kit, eine Handvoll Hoffnung im Gepäck. Lassen Sie uns heute das Pflänzchen diese Hoffnung aufnehmen und weitergeben.

Barbara Kittelberger

Barbara Kittelberger, Jahrgang 1954, ist Theologin und Familientherapeutin und seit elf Jahren Stadtdekanin in München. Zuvor war sie lange Seelsorgerin im Krankenhaus. Seit 2002 gehört sie der Landessynode der bayerischen Landeskirche an. 2014 trug sie als Dienstvorgesetzte einen Teil der Verantwortung für Fehlinvestitionen des Münchner Kirchengemeindeamtes. Sie lebt mit ihrem Mann in München.
Foto: Sebastian Arlt
Die Kerzen auf dem Altar stehen für die Opfer der Gewalttat. Die weißen Rosen sind Zeichen der Liebe und Zuneigung für die Menschen, die erschossen wurden. Als Christen vertrauen wir aber darauf, dass das Böse nicht die Oberhand behält und siegt, dass Gott keinen Menschen verlässt. Deshalb hat auch die Kerze für den verstorbenen Täter seinen Platz.

Auch der Verletzten an Leib und Seele wollen wir gedenken.

Schließlich soll eine Kerze brennen für die Opfer in Würzburg und Ansbach, in Kabul und all den Orten dieser Welt, die vom barbarischen und menschenverachtenden Terror heimgesucht werden.

Wir zünden unsere Kerzen an als Zeichen gegen die Angst und für das Leben.

Wir entzünden Kerzen und erinnern, dass wir nie allein sind, sondern auch im tiefsten Tal und den dunkelsten Stunden in der Liebe Gottes, durch seine Hand gehalten sind.

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