48 Jahre unschuldig im japanischen Todestrakt

Todgeweiht
Unschuldig im japanischen Gefängnis

Visum, Privat

Iwao Hakamada saß ein halbes Jahrhundert im Todestrakt. Offenbar unschuldig. Was macht das mit einem Menschen?

Der Mann, der 48 Jahre lang auf seine Hinrichtung wartete, nimmt Erdbeersahne auf die Gabel. Iwao Hakamada, ein ehemaliger Profiboxer, ein kleiner Mann von vielleicht ein Meter fünfzig, isst gerne Süßes. Mit Anfang dreißig als Vierfachmörder zum Tode verurteilt und 2014 aus der Haft entlassen, soll er heute Geburtstag feiern. In Freiheit. Er wird 79 Jahre alt.

Hakamada sitzt auf einem gepolsterten Plastiksessel in einer Wohnung in Hamamatsu, einer Stadt 250 Kilometer südlich von Tokio, wo er 1936 als Jüngster von sechs Geschwistern geboren wurde. Ihm gegenüber sitzt die ältere Schwester Hideko, 81 Jahre alt. Seit seiner Freilassung lebt er bei ihr. Vor dem Apartmenthaus drängt sich Kamerateam an Kamerateam, im Wohnzimmer drängt sich Mensch an Mensch. Die engsten zwanzig oder dreißig Unterstützer haben Kuchen und Geschenke besorgt.

Hakamadas Geschichte ist die eines unvergleichlichen Justizskandals. Länger als jeder Mensch vor ihm saß er im Todestrakt. Seit 2011 steht er damit im Guinessbuch. Ein brutaler, trauriger Rekord. Will man wissen, was ein Leben in Isolationshaft mit einem Menschen macht, muss man zu ihm, nach Hamamatsu, Japan. Man muss seine Akten und Briefe lesen und ihn begleiten. Seine Geschichte handelt von der japanischen Tugend des Durchhaltens und von einem, der überlebte.

 

Brief aus dem Gefängnis 1967

Vielen Dank für eure Unterstützung. (...) Auch ich verbringe hier meine Tage ohne große Veränderungen. (...) Nichts an dem Leben hier ist mühsam, nur die Freiheit fehlt. (...) Morgen, am 10. März, ist mein 31. Geburtstag. Weil es ein Gefängnis ist, kann ich euch nicht empfangen. Bleibt gesund. Sayonara.

 

48 Jahre später, am 10. März 2015, packt Hakamada einen Leder­geldbeutel aus. Er achte auf das Geld, das er nun habe, heißt es, lässt es nicht aus den Augen, nimmt es sogar mit in die Badewanne. „Man kann nur leben, wenn man Geld hat. Denn man lebt, indem man Geld zahlt“, sagt er. Glückwünsche. Ein Mann schrummt auf der Gitarre, singt: „Der Sohn schreibt immer ­weiter Briefe, schreibt, dass er es nicht getan habe. Ein Schatten-Ich jagt dem Traum des Weiterlebens hinterher. Lebe! Lebe! Bis deine ­Unschuld bewiesen ist. Free Hakamada! Free Hakamada!“

Der hört sanft und gleichmütig zu. Als ginge es nicht um ihn, als ließe er das Fest über sich ergehen. Ein Fels im Meer, um den die Wellen tanzen. „Iwao, wie hat dir das gefallen?“, fragt einer. Hakamada sagt: „Man muss auf seinen Körper achten. Wenn man glaubt, dass man stark ist, kann man die Welt verbessern.“ Und das Lied, Iwao? „War viel Energie drin.“ Alle duzen ihn, es ist ein bisschen wie bei Stars, die dem Publikum vertraut sind. „Ich bin die Anwältin Tanaka, erinnerst du dich an mich?“ –„Nicht wirklich.“ – „Ich habe dich seit den 80er Jahren unterstützt. Du hast mir Briefe geschrieben.“ – „In der Welt gibt es vieles, und man vergisst vieles.“ Sie kennen ihn, er kennt sie nicht. Eine ein­seitige Nähe. „Gibt es gerade etwas, was dich stört, Iwao?“ – „Nein, eigentlich nicht.“

Mit seinem kompakten Körper und dem runden Gesicht erinnert Hakamada an Daruma, einen kugeligen Talisman, der den Japanern Wünsche erfüllen soll. Daruma, auf Indisch heißt er ­Bodhidharma, war ursprünglich ein Zen-Mönch, der laut Überlieferung so lange meditierte, bis ihm Arme und Beine abfielen. Neun Jahre in einer Steinhöhle. Die Darumafigur aus Papp­maché ist daher kugelig. Hakamada, der fast vierzig Jahre länger in seiner Zelle als Daruma in seiner Höhle saß, sagt: „Ich bin 23.“ Er sagt auch: Ich bin der Gott des Universums. „Er wird wohl ­niemals wieder gesund werden“, sagt seine Schwester.

 

Brief aus dem Gefängnis 1967

Es ist ein halbes Jahr, dass wir uns alle nicht mehr treffen ­können. Gibt es nichts Neues bei euch? Mir geht es gut. Es tut mir leid, dass ich den Verwandten Sorgen bereite. Mit dem Vorfall bei der Kogane-Misofabrik habe ich nichts zu tun. Ich bin unschuldig. Ich warte jetzt gelassen auf das Urteil. Ich bin in einem warmen ­Zimmer, also bin ich nicht unzufrieden. (...) Bitte gebt auf euch acht. Sayonara.

 

Hakamada war Boxer. Fünfzehn Jahre alt und gerade aus der Mittelschule, arbeitete er in einer Autowerkstatt und trainierte nebenbei, bewies Talent, kam schnell nach oben. Federgewicht. Im Frühling 1958 beschrieb ein Magazin den mittlerweile 21-­Jährigen als „stürmischen Fighter“. Im gleichen Jahr zog er von der Provinz nach Kawasaki, eine Nachbarstadt Tokios, um dort als Profiboxer zu trainieren. Zwei Jahre nach seinem Debüt war er auf Platz sechs in Japan. Flog nach Manila für einen Kampf. Dann schwächelte der Körper.

Hakamada wollte pausieren und zog zurück in die Provinz, nach Shimizu, wo sein Manager ihm einen Job in einer Bar verschaffte. Er heiratete eine Tänzerin, bekam einen Sohn, übernahm eine andere Bar, trennte sich. Ein Lebemann. Aber ein Anpacker. Über Kontakte bekam er einen Job in der Kogane-Misofabrik, die Paste für die klassische japanische Misosuppe herstellte. Der Chef, ein Judoka, trieb sich wie Hakamada in der Vergnügungsbranche herum. Die meisten anderen Arbeiter dort, insgesamt waren es etwa dreißig, waren enge Freunde und Verwandte. Auch Hakamada soll ein enges Verhältnis zum Chef gehabt haben, war öfter zum Abendessen im Wohnhaus der Familie unweit der Fabrik.

In der Nacht des 30. Juni 1966 brannte das Wohnhaus des Chefs. Später fand man vier Leichen: die Frau des Chefs und seinen Sohn, einander im Schlafzimmer umklammernd, übersät mit Stichwunden. Seine Tochter im Raum daneben, dem Pianozimmer, Stichwunden in der Brust. Der Chef selbst lag in der ­Nähe des Hintereingangs des Hauses, auch sein Körper wies Stich­wunden auf. Neben den Leichen wurde ein kleines Messer mit einer Klinge von zwölf Zentimetern gefunden. Außerdem fehlte Geld, etwa 60 000 Yen, damals etwa 435 Euro. Es war der Tag vor der Lohnauszahlung. Vier verkohlte Leichen mit mehr als vierzig Stichwunden. Damit fing es an.

In Shimizu, inzwischen Shizuoka, leben heute etwa eine viertel Million Einwohner. Die Kogane-Misofabrik gibt es nicht mehr. Dort stehen jetzt Wohnhäuser. Auf dem Parkplatz vor ihnen fermentierten früher die Sojabohnen in Holzfässern. Darüber lag der Schlafsaal für die Arbeiter. Der Täter soll über die angrenzenden Schienen zum Wohnhaus des Chefs gelangt sein, heute schirmt ein Zaun die Gleise ab. Man sieht noch die Balken des Hauses, in dem die Morde passierten, als schwarzen Ruß, eingebrannt in die Wände des Nachbarhauses.

Die Polizei ging 1966 davon aus, dass der Täter stark ge­wesen sein muss. Jemand, der einen Judoka umbringen kann. Und jemand, der gewusst hatte, dass Zahltag war und Geld im Haus. Der Verdacht fiel auf Hakamada, den Außenseiter, den Boxer, den ­Tunichtgut. Er hatte kein stichhaltiges Alibi für die Tatzeit, eine kleine Verletzung am Finger und ein paar Flecken auf dem Pyjama.

Er passte nicht einmal in die blutbefleckte Hose

Tokio, 2015. An einem Donnerstag im März, fünf Tage nach seiner Feier in Hamamatsu und fünf Tage vor ­seinem Geburtstag, sieht Hakamada einen Boxkampf. So richtig, im Tokyo Dome. Das erste Mal seit seiner Freilassung sitzt er, kariertes Sakko, Fliege, Papier­fächer, auf einem Klappstuhl in der zweiten Reihe vor dem Ring und beobachtet, wie sich die Federgewichtigen gegen­seitig auf die Nase hauen. Wie meistens ist Hakamadas Gesicht bewegungslos. Er klatscht nicht. Er spricht nicht. Er wirkt ausdrucksleer, lässt die Kämpfe an sich vorbeiziehen. „Wie eine No-Maske“, beschreibt es seine Schwester an einem anderen Tag. Sie sitzt heute zu seiner Linken. Doch die Masken, die No-­Darsteller im japanischen Theater tragen, erlauben durch verschiedene Neigungen verschiedene Gesichtsausdrücke: Freude, Trauer, Schmerz. Eine größere Bandbreite, als Hakamada zu bieten hat.

„Wir haben heute einen besonderen Gast“, ruft der Ring­sprecher, „den ehemaligen Profiboxer Iwao Hakamada, der fünfzig Jahre unschuldig im Todestrakt saß.“ Als die Zuschauer applaudieren, springt Hakamada auf und klettert in den Ring. Seine Schwester ruft ihm hinterher, er solle zurückkommen. Ein Auftritt war nicht geplant. Hakamada hat Probleme, zwischen den Seilen durchzuschlüpfen, er prallt zunächst ab. Dann steht er im Ring. Er läuft von Ecke zu Ecke, wackelig, tatterig, und lässt sich beklatschen.

1966, bei einer ersten Befragung, sagte Hakamada der Polizei, er habe zur Tatzeit im Wohnheim geschlafen, habe sich die Verletzung am Finger bei den Löscharbeiten am Haus des Chefs zugezogen, und der Fleck auf dem Pyjama sei kein Blut, sondern Misopaste.

Hakamada war für die Ermittler der einzige Verdächtige.

Er kam in Untersuchungshaft, die in Japan höchstens 23 Tage dauern darf. Durchschnittlich zwölf Stunden am Tag wurde er verhört. Am 6. September um zehn Uhr morgens, nach insgesamt 264 Stunden Verhör, drei Tage bevor die Polizei ihn aus der Unter­suchungshaft hätte entlassen müssen, gestand Hakamada die Tat. Es folgten weitere Geständnisse. Fünfundvierzig an der Zahl. Mal habe er eine Affäre mit der Frau seines Chefs gehabt, mal habe er einfach nur das Geld haben wollen. Das Motiv wechselt, als wäre es auch egal, warum jemand vier Menschen tötet, und vielleicht auch als wäre jemand bereit, zu allem Ja zu sagen, was ihm vorgesetzt würde. Des Leugnens leid.

Während zunächst Hakamadas Pyjama als Beweis her­halten sollte, tauchten etwa ein Jahr nach der Festnahme weitere Kleidungs­stücke auf. Ein Hemd, eine Hose, eine lange Unterhose und Unterwäsche wurden aus einer Tüte in einem der Misofässer der Fabrik gefischt. Auf ihnen große Blutflecken. Die Blut­gruppen Hakamadas und der Opfer wurden festgestellt. Auch wenn Hakamada den Mord mittlerweile wieder leugnete und er nicht in die Hose passte – ein Foto zeigt, wie er sie nicht mal über die Oberschenkel ziehen konnte. Bei seiner Mutter zu Hause wurde ein Stück Stoff aus dem gleichen Material gefunden. Hakamada ­wurde verurteilt.

 Spielbegeistert: Hakamada ist stark im Shogi, der japanischen Variante des Schach. Er lernte es von seinem Bruder
Hakamadas Familie glaubte an seine Unschuld und war damit zunächst allein. Erst als der Oberste Gerichtshof in den Achtziger­jahren die Todesstrafe endgültig bestätigte, bildeten sich Unterstützergruppen. In Shimizu, Hamamatsu, Tokio. Die Gruppe in Shimizu machte Versuche, um Hakamadas Unschuld zu beweisen: Sie besorgte tote Schweine und stach mit dem ­kleinen Messer, das als Tatwaffe bestimmt wurde, auf sie ein. Es hielt nicht stand, verformte sich, wurde brüchig. Sie legten blut­befleckte Kleidung in ein Misofass, machten über ein Jahr verteilt immer wieder Bilder. Nach einem Tag sah die Kleidung so aus, wie die von den Ermittlern vorgeführte Tatkleidung, aufgrund derer Hakamada verurteilt wurde. Nach einem Jahr waren keine Blutflecken mehr zu erkennen. Die Kleidung hatte die braune Misofarbe angenommen.

In Tokio unterstützte eine katholische Kirchengemeinde Hakamada. Ebenso wie die Boxer, weil sie dachten, Vorurteile gegen sie hätten das Gericht beeinflusst. Sie starteten eine Kampagne zu seiner Freilassung und reservieren ihm seitdem bei Boxkämpfen zwei Stühle im Tokyo Dome.

Im März 2015 ist es das erste Mal, dass Hakamada das nutzt. Als die acht Kämpfe nach Stunden ausgefochten sind, gibt Hakamada zusammen mit seiner Schwester und seinem Anwalt eine Pressekonferenz. Auf die Frage, wie ihm die Veranstaltung heute gefallen habe, sagt er: „Wir sind in ein Zeitalter der Keuschheit eingetreten“ und: „Ich bin der Chef, und ich schaffe eine glücklichere Welt.“ Es ist schwierig, ihn zu bremsen, wenn er einmal loslegt zu sprechen. „Iwao, es reicht“, sagt seine Schwester. „Na, wir wollen mal hören, was der Anwalt so sagt“, sagt der Ver­anstalter. Iwao spricht einfach weiter. Es ist ebenso schwierig, aus ihm das herauszubekommen, was man wissen will. Auf seine Lage angesprochen sagt er: „Es gibt keine Todesstrafe, die habe ich abgeschafft“ und: „Es gibt keine Gefängnisse“.

 

Brief aus dem Gefängnis 1980

Es sind 13 Jahre, dass sie mich zu einem zum Tode Verurteilten gemacht haben. (...) Während sie (die Mitinsassen) unter dem ­Warten auf ihre Hinrichtung leiden, wünschen sich die meisten, sich kühn selbst das Leben zu nehmen, bevor sie, sich selbst ver­gessend, einen unschönen hysterischen Anfall bekommen. (...) Dass die Todesstrafe wegen ihrer Grausamkeit furchtbar ist, ­habe ich hier das erste Mal verstanden. (...) Eigentlich ist nicht die Todes­strafe das Furchtbare. Das Herz, das sich so furchtbar fürchtet, ist das Furchtbare.

 

Ein zum Tode Verurteilter sitzt in Japan in Einzelhaft. Jeder Tag kann sein letzter sein, denn der Gefangene ­erfährt erst morgens, ob er ein paar Stunden ­später ­hingerichtet wird. Ihm ist nicht erlaubt, mit den Wächtern oder anderen Insassen zu sprechen. Zwei- bis dreimal die Woche dürfen die Gefangenen eine halbe Stunde lang Sport machen. Getrennt voneinander. Davon abgesehen sollen sie möglichst regungslos in ihren Zellen sitzen. Sie dürfen unregelmäßig Besuch von ihren Anwälten und Verwandten empfangen und täglich einen bis zu sieben Seiten langen Brief schreiben.  

Hakamada schrieb viele Briefe aus dem Gefängnis. An ­seine Eltern, seine Geschwister, Hideko. Beschrieb seinen Alltag: ­essen, schlafen, lesen. Schattenboxen, Filme schauen, Kekse essen, ­Radio hören beim Friseur. Jahr um Jahr verging. Hakamada beteuerte seine Unschuld. Ging die Beweise durch. Legte dar, wie er zu seinem Geständnis gezwungen wurde. Dass er diesen für ihn untragbaren Verhören habe entfliehen wollen. Hakamada ­erklärte, warum er es nicht gewesen sein kann. Die Hose zu klein, das ­Messer zu mickrig, der angegebene Fluchtweg unmöglich.

 

Brief aus dem Gefängnis 1982

Vor meiner Zelle gibt es einen Kirschbaum. (…) An jedem Ast sind die Blumen jetzt in voller Blüte. (…) Meine Seele ist dem Geist der Blumen gefügig. Ich singe sie an: Sakura, sakura, der Frühlingshimmel, so weit das Auge reicht...

 

Todeskandidaten werden am Tag ihrer Hinrichtung morgens in der Zelle abgeholt. Die wenigen Utensilien: ein Seil, drei Zentimeter dick, eine Buddhastatue und ein Kreuz für das Leben nach dem Tod. Dann drücken drei Beamte im Nebenzimmer jeweils auf einen Knopf. Einer davon öffnet eine Falltür. Das Genick bricht, die Atmung lässt nach. Ein Arzt kontrolliert, wann das Herz zu schlagen aufhört. Im Schnitt dauert es 15 Minuten. Der Erhängte wird in Weiß gekleidet, seine Familie wird über den Tod informiert, und die Habseligkeiten werden übergeben.

Die letzte Postkarte an seine Schwester verschickte Hakamada 1991. Als Empfängerin schrieb er den Namen einer Göttin, strich ihn durch, schrieb „Hideko“. Damit endete die Korrespondenz. Von da an drang fast nichts mehr nach außen. Hakamada verweigerte seit 1994 Besuche. Er habe keine Schwester. Zwölf Jahre fuhr sie trotzdem nach Tokio, schrieb ihren Namen, ihre Adresse, ihr Verwandtschaftsverhältnis, zeigte ihren Ausweis. Wie beim Bürgeramt erhielt sie eine Nummer und wartete, bis diese aufschien. Dreißig Minuten später betrat sie den Besuchsraum Nummer fünf, zehnter Stock. Dort stand ein Wärter, Iwao kam nicht. 2006 sah sie ihn erstmals wieder, dann verweigerte er sich aufs Neue. Hideko fuhr jeden Monat hin. Wenn sie ihn sehen konnte, achtete sie auf seine Gesichtsfarbe und nicht darauf, was er sagte. Weil das meistens Unsinn war.

Zehn Minuten aufstehen, zehn Minuten anziehen

Ein psychologisches Guthaben wurde erstmals 2007 erstellt. Es sollte geprüft werden, ob Hakamada mental fit genug sei, ein Erbe anzutreten. Der Arzt kam zu dem Schluss, Hakamada leide unter Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch den langen Gefängnis­aufenthalt. 2008 wurde er von einem anderen Arzt untersucht. Der fragte ihn, was eine Hinrichtung sei. Hakamada antwortete: „Die Weisheit stirbt nicht. (…) Es gibt viele Frauen in der Welt und viele Tiere. Jeder lebt und fühlt etwas. Elefanten, Drachen. Ich werde keineswegs sterben.“

Und Hakamada starb nicht. Keiner der Justizminister unterschrieb seine Hinrichtung. Etwa hundert Todeskandidaten wurden unterdessen gehängt. Hakamada kam frei. Doch dazu musste erst ein anderer Mann auf die Bildfläche treten.

März 2015. Während Hakamada in Hamamatsu seinen Geburtstag feiert – Biskuittorte, Gitarre, Gesang – liegt Norimichi Kumamoto, einer der drei ehemaligen Richter im Süden Japans im Krankenhaus. Der zweite Schlaganfall. Dazu Alzheimer, Parkinson, Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Kumamoto kann nicht mehr sprechen, nur noch nicken und den Kopf schütteln. Der Arzt verbietet ein Treffen. Zu aufregend, zu gefährlich.

Kumamoto ist 2007 an die Öffentlichkeit gegangen. Damit, dass er Hakamada für unschuldig halte. Damit, dass er das immer schon gedacht habe. Und damit, dass er von den anderen Richtern überstimmt worden sei. Die waren mittlerweile ge­storben. Auch Kumamoto war schon wackelig geworden, sprach verzerrt durch einen schmalen Mund im Fernsehen und in New York bei Amnesty International. Sagte Sätze wie: „Jeden Tag bete ich, dass Hakamadas Unschuld anerkannt und er aus dem Todestrakt entlassen wird.“ Kumamoto brachte den Fall wieder in die Medien. Zeigte, dass sich das japanische Justizsystem mit seiner Ver­urteilungsrate von über 99 Prozent täuschen kann. Und dass all die Unterstützer mit ihren Tests an Schweinekörpern und blutverschmierter Kleidung wenig ausrichten konnten. Es brauchte eine Respektsperson. Kumamoto.

Er war der Richter, der das Urteil schreiben sollte. Teilweise liest es sich wie eine Verteidigung: Das Verhör, schrieb er, habe einen zwanghaften und nötigenden Einfluss gegenüber der freien Entscheidungsfindung des Angeklagten gehabt. Folglich hätte jeder Schwierigkeiten, die Geständnisse, die unter dieser Art der Befragung entstanden seien, als in „freier und rationaler Wahl“ niedergeschriebene Geständnisse zu betrachten. Man könne sie daher nicht als Beweise gelten lassen.

Die Autorin

Lena Schnabl, Jahrgang 1983, studierte Japanologie. Sie absolvierte die Zeitenspiegel-Reportageschule und arbeitete sich für diese Reportage durch Hunderte Briefe und japanische Gerichtstexte. 
Kumamoto wurde überstimmt und schwieg. Er hatte einen Brief an Hakamadas Anwälte geschrieben, der unbeantwortet blieb. Er hatte eine steile Karriere vor sich, Richter mit nur 29 Jahren. Vor Hakamada hatte er fünf weitere Todesurteile gefällt. Nicht die Todesstrafe schien ihn zu wurmen, sondern Hakamadas Fall. Nach dem Urteil gab Kumamoto seinen Job auf, arbeitete als Lehrer und Anwalt, trennte sich von seiner zweiten Frau, mit der er zwei Töchter hat. Seinen Sohn aus erster Ehe hatte er nie ge­sehen. Er streifte umher, wurde obdachlos. Dann traf er eine neue Frau und erzählte erstmals von Hakamada und seinen Zweifeln. Der Sohn der neuen Freundin entwarf ein Weblog. Das Geheimnis war raus. Und die japanische Justiz reagierte. Es wurde ein DNA-Test gemacht. Auf der blutverschmierten Kleidung fand sich weder die DNA der Opfer noch die Hakamadas. 

Hakamada kam nach beinahe 50 Jahren Haft frei. Der oder die wirklichen Täter wurden nie gefasst. Der einzige Verdächtige war Hakamada und die Beweise gegen ihn waren anscheinend gefälscht. Das Verfahren wurde wieder aufgerollt. Er wollte nicht mitkommen, als drei Anwälte und Hideko, die Schwester, ihn abholten. „Ihr lügt.“ Wenn es kein Gefängnis gibt in seiner Realität, wozu musste er raus in die Freiheit? Hideko kehrte am nächsten Tag zurück, wollte ihren kleinen Bruder mit nach Hause nehmen. Gleich in Tokio in den Shinkansen, den japanischen Hochgeschwindigkeitszug, steigen und nach Hamamatsu fahren. Bei einer ersten Autofahrt übergab sich Hakamada. Sie hielten in einem Parkhaus. Vielleicht doch erst mal in Tokio bleiben. Zuerst im Hotel, wo Hakamada das erste Mal in seinem Leben in einem Bett schlief, er war ein Futon am Boden gewohnt. „Er ist rumgekugelt und hatte Probleme, daraus aufzustehen, so weich war es“, sagt Hideko. Am nächsten Tag in ein Krankenhaus. Erst zwei Monate später war Hakamada fit genug für die Fahrt nach Hause. An ihm zog eine Welt vorbei, die er nicht kannte. 

Hochgeschwindigkeitszüge, sprechende Rolltreppen, Leuchtreklame. Hakamadas Augen bewegten sich nicht, schauten die Welt, die er verpasst hatte, kaum an. Gleichmütiger als eine No-Maske, gleichmütig wie eine Darumafigur aus Pappmaché. Er kannte dieses Hamamatsu nicht, auch wenn er hier geboren war. Die „Act city“, ein Shopping-Hotel-Büro-Komplex, aus ­dessen ­Mitte ein 45-stöckiger Turm emporragt. Die Fast-Food-Ketten gegen­über dem Bahnhof. In der Heimatstadt war Hakamada zunächst im Krankenhaus. Wieder Wochen später zog er in das Apartment der Schwester. Er verließ es zwei Monate lang nicht. Am Anfang hat Hakamada gar nicht gesprochen. Gebrabbelt habe er, und man habe kein Wort verstanden, sagt seine Schwester. Sprach in die Richtung, in der gar niemand stand. Und er ging auf und ab in der Wohnung, an manchen Tagen zehn Stunden lang.

Jeden Morgen um 4.30 Uhr steht Hakamada auf. Es dauert ­etwa eine Stunde, bis er sich für das Frühstück bereitgemacht hat. Zehn Minuten aufstehen, zehn Minuten Bad, zehn Minuten Futon zusammenfalten, zehn Minuten anziehen. Ein Leben in Zeitlupe. „Ich glaube schon, dass er die Wohnung mittlerweile kennt. Als Ort, an den er zurückkehrt und an dem er sich sicher fühlen kann“, sagt Hideko.

Freunde habe sie kaum, sagt Hideko. Es ist nicht so, dass sie ­wegen ihres Bruders diskriminiert worden sei. Eher habe sie sich von sich aus zurückgezogen. Sie wollte sich nicht mit Menschen umgeben, die dachten, ihr Bruder sei schuldig. Und außer der Familie glaubte niemand an seine Unschuld. Einmal dachte ­Hideko über das Heiraten nach, verwarf die Idee aber. „Ich hätte mich nicht mehr um Iwao kümmern können.“ Ein schreckliches Schicksal, ja, aber was bringe es, darüber zu lamentieren, sagt sie. Das Einzige, was man tun könne, sei durchhalten, sagt sie. ­Gaman: aussitzen, ertragen, dulden. In Japan ein Zeichen von Stärke und Reife. Im Ausland oft als fehlende Initiative miss­verstanden. Hideko erträgt und lächelt. Sie feierte weder Neujahr noch Geburtstage, solange Hakamada im Gefängnis saß. „Ich wollte ihm nah sein.“ Er habe doch auch durchgehalten, er habe überlebt.

Hakamada läuft jetzt nicht mehr so viel, vielleicht zwanzig ­Minuten am Tag. Die restliche Zeit sitzt er im Wohnzimmer, er schaltet den Fernseher ein. Aber seine Augen bewegen sich nicht. Er sieht nicht fern, sondern in die Ferne. Dann steht er auf, holt aus einem Regal das Shogi-Spiel, die japanische Variante des Schach, gibt es auf einen niedrigen Couchtisch und setzt sich wieder. Ihm gegenüber ein Unterstützer.

Hakamada ist gut im Shogi, wo die Spielsteine keine Farbe ­haben und ihre Zugehörigkeit durch ihre Richtung bestimmt wird. Hakamada hat das Spiel als Kind von seinem Bruder gelernt. „Iwao, warum bist du so stark im Shogi?“ – „Weil ich der Stärks­te bin.“ „Verlierst du nie?“ – „Nein, das geht gar nicht.“ – „Warum?“ „Weil das hier ein Haus Gottes ist.“

 

Brief aus dem Gefängnis 1985

Ich bete momentan vor dem Schlafen etwa eine halbe Stunde und morgens etwa eineinhalb Stunden. (...) Zwischen halb fünf und fünf erhalte ich vom Heiligen Geist Kraft zum Aufwachen. (...) Ich lerne von der heiligen Maria, ein menschliches Leben für Gott zu führen.

 

Sie hofft, dass das Gericht bis zu ihrem Tod entschieden hat

Den Glauben fand Hakamada in seiner Zelle. Nachdem die Todesstrafe 1981 durch den Obersten ­Gerichtshof bestätigt worden war, wurde er Christ. Er nannte sich Paul und wollte sich taufen lassen, nur Gott könne ihn beschützen. Er zitierte aus der Bibel, schrieb immer häufiger in seinen Briefen über Gott. Er beschäftigte sich so viel mit Gott, bis er dachte, dass er selbst eine Gottheit sei.

Hakamada ist nach all den Jahren in der Zelle gefangen in seinem Geist. „Eigentlich“, sagt ein Unterstützer, „will ich den kämpfenden Iwao sehen, aber ich denke, das ist schwierig. Jetzt möchte ich vor allem, dass er gemütlich leben kann.“

Der Unterstützer hat ehemalige Todeskandidaten nach ihrer Freilassung kämpfen sehen. Zum Beispiel Kazuo Ishikawa, der 1963 für den Mord an einem Schulmädchen verantwortlich gemacht worden war. Er steht auch heute noch zwei Mal die Woche vor dem Gerichtshof in Tokio und demonstriert. Hagerer Körper, schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin unschuldig“. Er gehört der Gruppe der Burakumin an, der japanischen Unberührbaren. Wie Hakamada gestand er die Tat nach langen Stunden des Verhörs. Die Verurteilung ergab wenig Sinn: Der Mörder hatte einen Erpresserbrief geschrieben, Ishikawa konnte nicht lesen oder schreiben. Doch bei der dritten Hausdurchsuchung fanden die Ermittler einen Kugelschreiber des Opfers. Auch bei ihm scheinen Beweise manipuliert worden sein.

Würde Hakamadas Unschuld im Wiederaufnahmeverfahren bestätigt, würde er vom japanischen Staat für jeden Hafttag 12 500 Yen, also 110 Euro Entschädigung erhalten, insgesamt rund 1,9 Millionen Euro. Anders als Ishikawa ist er nicht mehr fähig, sich selbst zu verteidigen, er ist auf seine Schwester und die Anwälte angewiesen. Auch Hideko steht heute vor dem Gerichtsgebäude in Tokio, umarmt Ishikawas Frau, als die fertig gesprochen hat. Sie bespricht sich heute mit den Anwälten. Hideko lächelt: Sie hoffe, dass das Gericht bis zu ihrem Tod entschieden hat, sagt sie.

Während in Tokio für Hakamada demonstriert wird, ist er zu Hause in Hamamatsu, er passt auf die Wohnung auf. Wartet dort nicht mehr auf den Tod, sondern auf die Rückkehr Gottes. 

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