Schriftsteller Thomas Glavinic über das Bergwandern

Der Berg ruft mich nicht

Martin Parr

Er würde am liebsten immerzu sitzen oder liegen. Auch essen, trinken, lesen, aber eben nicht über Steine klettern. Der Schriftsteller Thomas Glavinic will keiner von den fröhlichen Trotteln sein, die alleweil grüßen. Aber manchmal geht er doch. Und spürt etwas ­anderes als sich selbst

Ich mag Sport. Ich liebe Fußball, ich mag Boxen und Ringen, und sogar Tennis und Golf kann ich etwas abgewinnen. Körperliche Betätigung ohne kompetitiven Charakter jedoch empfinde ich als geistig und körperlich zermürbend. Menschen, die in der Stadt spazieren ­gehen, sind seltsam. Frische Luft ist der Gestank zwischen zwei Gasthäusern, diesen Standpunkt habe ich immer schon vertreten. Was so ein ­Spaziergänger in seiner Stadt zu sehen kriegt, hat überschaubaren Neuigkeitswert. Nichtssagende Gesichter, Asphalt, Hunderte Male gesehene Häuser, Autos und Busse, Radfahrer auf Kamikaze­mission. Man geht durch dieses Chaos, und dann geht man wieder heim. Man gewinnt kein Spiel, man schießt keine Tore, es gibt kein Ergebnis.

Thomas Glavinic

Thomas Glavinic, geboren 1972, ist Schriftsteller und lebt in Wien. Sein neuer Roman heißt "Der Jonas-Komplex" (S. Fischer).
Zum Grübeln kommt man, ja. Grübeln ist eine Selbstreinigungsfunktion der ­Psyche. Ich grüble über eine Sache nach, und plötzlich kommt mir eine Idee zu etwas ganz anderem. Wie dieser Prozess genau funktioniert, kann ich nicht er­gründen, doch er ist essenziell für mein Leben. Nur beginnt er auch, wenn ich mich ans Steuer meines Autos setze. Zielloses Autofahren hat auf mich einen kathartischen Effekt, und ich muss nicht schwitzen.

Ich kann es nicht leiden, zu schwitzen. Daher schwimme ich, wenn ich etwas für meine Kondition tun will. Da schwitzt man angeblich ebenso, aber mir ist das noch nie aufgefallen. Bahn um Bahn, langweilig, doch immerhin meditativ.

Auf einen Berg gehen? Mich fasziniert dieser Gedanke, ich habe dafür passive Sympathie. Doch ich verstehe die meisten Menschen nicht, die das tun. Sie besteigen ohne triftigen Grund eine Erhebung in der Landschaft, für die die Erde Jahr­mil­lionen gebraucht hat, und sie bedanken sich bei ihr nicht einmal dafür. Gut, manche tun das vielleicht sogar, sie sind dankbar dafür, ihren Bewegungsdrang in der Natur ausleben zu können, aber sie verschwenden keinen Gedanken daran, was vor ihnen war und was nach ihnen kommen wird. Millionen von Jahren wächst der Berg, ein paar Stunden klettern sie auf ihm herum, dann leben sie noch ein paar Jährchen, und auch nach ihrem Tod wächst der Berg weiter. Oder schrumpft. Wie es der Erde gefällt. Der Berg vergisst sofort, wer oder was auf ihm herumgekrabbelt ist.

In ihrer Kampfmontur stampfen sie übers Geröll

Ich steige nicht gern auf Berge. Ich wandere nicht gern. Ich ertrage schon den Anblick der fröhlichen, gesunden Menschen nicht, die sich am Fuß des Berges neben mir sammeln und drauflosmarschieren, als ginge es bergab. Man sieht ihnen an, dass sie jeden Moment ein Liedlein anstimmen möchten. Sie halten nach Schmetterlingen Ausschau und lauschen dem lieblichen Geschrei von Flugwesen, die ich für Geier halten würde, die es auf meine Eingeweide abgesehen haben. Sie können nicht nur die Gattung jedes Baums bestimmen, vermutlich erkennen sie sogar sein Geschlecht.

Diese Fichte ist ein Weibchen, diese da ein Männchen, das traue ich diesen Wandervögeln zu. In ihrer Kampfmontur des Sonntagsbergbezwingers stampfen sie über Geröll den Pfad hinauf, und in je größerer Entfernung das Gipfelkreuz zu sehen ist, desto mehr frohlocken sie. Es ist Sonntag, sie müssen etwas unter­nehmen. Etwas machen, etwas machen, wir müssen etwas machen, wir haben die ganze Woche gearbeitet, jetzt müssen wir etwas machen. Solche Leute wandern vor mir oder überholen mich, und selbstverständlich wird gegrüßt.

Am Berg wird immer gegrüßt. Jedem Trottel, der einem entgegenkommt, muss man zumindest zunicken. Als würden mich diese Menschen ein paar Hundert ­Höhenmeter niedriger interessieren. Oder andersrum: als würde die geringfügig sauer­stoffärmere Luft uns alle gleich­machen. Man tut für einen verlogenen Moment so, als würde man etwas teilen, als würde ­einen das Schicksal des anderen ernsthaft interessieren. In Wahrheit ­gehen alle für sich selbst diesen Berg hoch. Und selbst da erfreuen sie sich noch an Konventionen.

Was mache ich hier, denke ich

Die wandern also. Und ich? Wenn ich wandere, bin ich unansprechbar. Aus ­Ärger. Meine Schuhe drücken, und ich bin entweder zu warm oder zu kühl ange­zogen. Der Wind pfeift mir schneidend ­um die Glatze, auf die die Sonne brennt. Meine Menschenscheu hält mich abseits. Ich würde Wandern ja verstehen, wenn man es tut, um den Menschen zu ent­fliehen, aber hier rotten sie sich zusammen und laufen rudelweise bergauf, man kann sich ihnen nicht entziehen.

Was mache ich hier, denke ich an den wenigen Tagen, an denen es mich aus unerfindlichen Gründen – zumeist ist es wohl Zwang, Erpressung, ein Ultimatum, ein drängender Wunsch Nahestehender – an einen solchen Ort verschlägt. Warum krieche ich schnaufend diesen ewigen ­Gesteinsbrocken hoch?

Am liebsten würde ich immerzu sitzen oder liegen. Sitzen und denken. Liegen und denken. Sitzen oder liegen und essen und trinken und Musik hören und lesen und ­reden und denken. Mein Körper ist ziemlich sinnlos. Kulinarische Freuden und Sex, dafür ist er gut, ansonsten überflüssig.

Ich beschäftige mich gern mit Zukunftsforschung. Unsere mittelfristige Verwandlung in Cyborgs interessiert mich sehr. Ich bedauere, zu früh geboren worden zu sein, um noch mitzuerleben, wie Maschinen die Qualen der Menschheit radikal lindern. Ich bin für Eismaschine, Kühlschrank, Staubsauger und Aufzug dankbar. Noch dankbarer wäre ich für eine verlässlich funktionierende Lunge, für unverletzbare Haut, für ein gleichmäßig pumpendes Kunstherz und vor allen Dingen für Beine, die nicht schmerzen, wenn ich gezwungen bin, mich zu bewegen. Am liebsten hätte ich Räder. Elektronisch betriebene.

Irgendwann ist man oben. Wie immer, wenn man nicht umdreht

Aber so weit sind wir noch nicht, und deswegen stapfe ich an manchen Tagen einen Berg hoch. Wenn ich ein Gebäude sehe, bete ich, dass es eine Einkehrstation ist. Es sind Orte der Barmherzigkeit, auch wenn diese Barmherzigkeit teuer bezahlt sein will. Die wackeren, knorrigen Wirtsleute verkaufen mir Getränke und Speisen, die ich zu Hause keines Blickes würdigen ­würde, und ich darf sitzen. Sitzen und ­denken und in die Landschaft schauen.

Denn die Landschaft, ich gestehe es ungern, die mag ich. Nach einer Weile mag ich sie. Ich sitze in ihr, ich bin umgeben von ihr, ich werde zu einem Teil der Schöpfung. Dieses Gefühl habe ich selten.

Irgendwann überwinde ich meinen Unwillen und gehe weiter. Wanderer überholen mich. Um den gewünschten kom­petitiven Charakter zu schaffen, könnte ich mit ihnen um die Wette gehen, aber das ist langweilig.

Letztes Jahr habe ich mich durch einen Klettersteig gekämpft. 90 Minuten lang. Das war auch ohne Gegner kompetitiv. Das hat Spaß gemacht. Ich wollte mir etwas ­beweisen, ich habe es mir bewiesen. Hier will ich mir nichts beweisen. Es gibt nichts zu gewinnen.

Irgendwann bin ich oben. Das ist immer so, irgendwann ist man oben. Wenn man nicht umdreht. Umgedreht habe ich noch nie. Ich werde nie umdrehen, wenn ich ­losgegangen bin. Denn nach ein paar ­Stunden erwacht in mir ein kindliches ­Gefühl von Trotz und Stolz, verbunden mit dem Drang, eine Herausforderung zu bewältigen. Nach einiger Zeit wird alles kompetitiv. Man muss nur lange genug um die Herausforderung kämpfen.

Ich kann schon beim Abstieg umkommen, ungeschickt stolpern

An diesen raren Tagen, wenn ich irgendwo in der Nähe des Gipfelkreuzes erleichtert auf einen Stein sinke, denke ich über das Sterben nach. Über die Vergänglichkeit meines Körpers, über den Tod, den ­jeder der Menschen, die rings um mich Fotos schießen, für mich bald sterben wird. Denn vermutlich werde ich sie nie mehr sehen, wir werden einander nie wieder begegnen, Fremde, tot für mich in dem Augenblick, in dem sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind.

Dann sitze ich da und schaue wieder in die Landschaft und betrachte ab und zu einen Stein und denke daran, wie lange die Erde dazu gebraucht hat, ihn zu erschaffen. Er wird hier noch liegen, wenn von mir nichts mehr übrig ist. Ich kann schon beim Abstieg umkommen, auf eine absurd ungeschickte Art stolpern und mir den Kopf einschlagen und verschwinden ins Nichts. Der Stein bleibt. Ich vergehe. Früher oder später. Aus seiner Sicht bin ich kaum noch da.

Das ist es wohl, was mir am Gehen Angst macht. Beim Fußball wird mir nicht bewusst, dass ich eine winzige Sekunde erlebe, dass mein gesamtes Dasein schemenhaft ist, nicht viel mehr als ein Gerücht. Hier spricht die Natur zu mir. Und wenn man ihr selten zuhört, gefällt einem die Botschaft nicht.

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Lesermeinungen

Als begeisterter Bergsteiger, Kletterer und Klettersteig-Freak sage ich Herrn Glavinic vielen Dank für diesen herrlich erfrischenden und zum Schmunzeln anregenden Artikel.
Frau Tischler rufe ich zu: Nehmen Sie es mit Humor! :-)
Weiter so Herr Glavinic!

Bergsteigerische Grüße, Ihr,
Wolf

Als überzeugte, doch tolerante Atheistin las ich bis jetzt Ihr der SZ beigelegtes Magazin durchaus gerne. Doch der obengenannte Artikel hat mich gelinde gesagt an Ihrer Kompetenz zweifeln lassen. Es ist in Ordnung, wenn auch völlig unverständlich, dass jemand keinen Gefallen an der Bergwelt findet. Es ist schon etwas weniger in Ordnung, wenn dieser jemand darüber einen derart abfälligen und abwertenden Bericht schreibt. Aber es ist für mich völlig unbegreiflich, warum sie diesen auch noch überaus miserabel geschriebenen Artikel von Herrn Glavinic so prominent in Ihrem Magazin platzieren.
Wie gut, dass so mancher "Trottel" - um mit den Worten von Herrn Glavinic zu sprechen - letztendlich im Tal bleibt.

Kopfschüttelnd und verärgert grüße ich Sie. Manuela Tischler, Mühldorf

Ich bin so dankbar, dass es Menschen wie den Thomas gibt, die über Dinge nachdenken, die ich zwar auch erlebe, über die ich aber nicht nachdenke. Und da ich mit dem, was der Thomas da geschrieben hat übereinstimme ist er wohl nicht nur ein Nach-, sondern auch ein Vordenker. Er macht sich meine Gedanken. Wie eine Versicherung. Deswegen gehe ich aber trotzdem auf keinen Berg oberhalb der Waldgrenze.