Johann Hinrich Claussen über Berge

Mensch, bist du klein

Olaf Unverzart

Welch grässlicher Anblick! Wer die Alpen früher in der Kutsche durchqueren musste, zog die Gardinen zu, um nicht von Angst gepackt zu werden. Heute sind die Berge Ferienziel und Seelenort. Den geborenen Flachländer Johann Hinrich Claussen zieht es immer wieder dorthin

Manchmal muss man in die Augen anderer Menschen schauen, um zu erkennen, was man selbst ist und hat. Im Blick der Fremden kann man das Eigene neu entdecken. Diese Erfahrung machte kürzlich eine Freundin, die Kino­vorführungen für Berliner "Willkommensklassen" ­organisiert. Es ist gar nicht so leicht, die richtigen Filme für Flüchtlingskinder zu finden. Zum Glück kam im vergangenen Jahr eine neue "Heidi"-Verfilmung mit der wunderbaren elfjährigen Anuk Steffen und Bruno Ganz als Alm-Öhi heraus. Dieser Film passt perfekt, aus mehreren Gründen.

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kultur­beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihm er­schien zuletzt: "Die seltsamsten Orte der Religionen: Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen" (C. H. Beck-Verlag, 2020) und zusammen mit Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt, Arnulf von Scheliha: "Christentum von rechts" (Verlag Mohr Siebeck, 2021).
Andreas Schoelzel(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfrei
Weil er wenige Worte braucht und deshalb gut verstanden werden kann. Weil er eine Geschichte erzählt, die Menschen zu allen Zeiten und an unterschiedlichen Orten selbst erlebt haben. Weil er eine Bergwelt zeigt, die viele Kinder aus Afghanistan, Pakistan, ­Syrien und dem Irak kennen: wild, bitterarm, sehr schön. Weil er ein Kind in eine fremde Welt stößt: die moderne Großstadt, in der es nur Häuser, aber keine Bäume oder Berge gibt. Weil er ein Kind zeigt, das zwar endlich ein sauberes Bett und gutes Essen bekommt, aber auch zur Schule gehen und komplizierte Manieren annehmen muss.

Gebannt, so erzählt die Freundin, schauen die geflüchteten Kinder diese Neuverfilmung von Johanna Spyris unsterblichem Kinderbuch. Ein, zwei Tage danach besprechen sie das Gesehene in ihrer Klasse. Erstaunt habe sie, was den Kindern besonders nahe­ge­gangen ist. Zum Beispiel die Szene, in der Heidis Tante Dete Geld bekommt, als sie das Mädchen abliefert – so etwas haben einige Flüchtlingskinder zu Hause selbst erlebt und es empört sie, dass ein Mädchen verkauft wird. Oder dieses Gefühl, das sie schmerzt, für das sie aber weder in ihrer Muttersprache noch gar im Deutschen ein Wort haben, bis die Lehrerin es ihnen sagt: "Heimweh." Nun haben sie ein Wort für ­ihren Schmerz und sind dankbar dafür.

Andere Kinder jedoch teilen das Gefühl nicht. Sie kennen ihre Heimat nur als Schlachtfeld und sehnen sich nicht zurück. Für sie bleibt "Heimweh" ein Fremdwort. Und dann spielen sie oft die Schlussszene des Films nach: ­Heidi ist zurück beim Schweizer Großvater, läuft barfuß über die Wiesen, über ihr kreist in der blauen Höhe ein Adler, und sie macht es ihm nach, mit ausgebreiteten Armen und hellem Lachen springt sie durch ihre Berge. Die Willkommenskinder machen es ihr nach und laufen in den Pausen mit weit ausgebreiteten Armen durch den Schulhof, als könnten sie über höchste Gipfel fliegen wie Adler.

Der erste Bergsteiger 1336 erntete Kopfschütteln

Die Berge gehören zur inneren Landschaft der Deutschen. Das gilt auch für Flachländer aus dem Norden wie mich. Die alpine "Heidi"-Welt ist für uns zugleich Ferienziel und Seelenort. Hier finden wir größtmöglichen Abstand zu unserem durchgerechneten Stadt­leben in der Tiefebene und seiner hektisch-technischen Mobilität. Wir erleben von neuem unsere eigene Natürlichkeit, indem wir wieder unsere eigenen Füße ­bewusst benutzen und mit ihnen weite Wege gehen. Wir erleben den Rausch der Höhe sowie der Ge­schwindigkeit, mit der es hinuntergeht. Abends essen und trinken wir mit mächtigem, aber gesundem Appetit und schlafen danach wie Steine. Und wir sehen eine Landschaft, die bei jedem Wetter auf eine Weise schön ist, dass uns die Worte dafür fehlen und wir nur "Ah" oder "Oh" stammeln können.

 

Mangart, SlowenienOlaf Unverzart

Aber eigentlich ist es gar keine Landschaft, was wir da anstaunen, sondern ein "seelisches Fernbild", wie der Philosoph Georg Simmel formuliert hat. Es ist ein metaphysisches Erlebnis. Nur dass wir uns auch daran gewöhnt haben, es für normal nehmen, und uns der Sinn für den Zauber der Berge manchmal abgestumpft ist. Weshalb es eben gut ist, davon zu hören, wie fremde Flüchtlingskinder unsere Berge – zumindest im Kino – betrachten.

Der Fotograf

Olaf Unverzart, geboren 1972, foto­grafiert seit zehn Jahren mit einer analogen Platten­kamera die Alpen.
Hilfreich ist es aber auch, sich daran zu erinnern, dass unser Kult um die Berge eine – menschheitsgeschichtlich betrachtet – junge Erscheinung ist. Der erste europäische Bergsteiger, von dem wir wissen, war der italienische Dichter Francesco Petrarca (1304–1374). Lange hatte er den für seine Zeit ganz ungewöhnlichen Wunsch, den Mont Ventoux in der Provence zu besteigen. Mit seinen 2000 Metern ist ­dies eigentlich ein niedriger Gipfel, damals aber, im Jahr 1336, war seine Besteigung ein epochales Unterfangen. Die Bergbauern schüttelten den Kopf, als sie Petrarca hinaufsteigen ­sahen.

Doch als er endlich den Gipfel erreicht hatte, lag ihm die Welt zu Füßen. Weit schaute er zu den Alpen, über den Golf von Marseille, ins Rhonetal. Dann setzte er sich und schlug ein Buch auf, das er mitgenommen hatte. Es waren die "Bekenntnisse" des Kirchenvaters Augustin. Darin stieß er auf einen Satz, der ihn wie ein Schlag traf: "Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahin fließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne und haben nicht acht auf sich selbst." Plötzlich fühlte sich Petrarca beschämt: "Da entschied ich mich, genug von dem Berge gesehen zu haben, und wandte das innere Auge auf mich selbst, und von Stund an hat niemand mich reden hören, bis wir unten ankamen."

Das köstliches Grauen der Berge

Petrarca war ein ferner Vorläufer all derer, die heute sommers wie winters in die Berge fah­ren, um das Staunen zu lernen und dabei sich selbst besser kennenzulernen. Zu seiner Zeit jedoch und noch lange danach musste seine Besteigung des Mont Ventoux den Menschen als ein exzentrischer Spleen erschienen sein. Denn ihnen galten die Berge als schrecklich, gefährlich und hässlich. Hohe Herrschaften, die die Alpen mit der Kutsche durchquerten, pflegten die Gardinen zuzuziehen, um sich den grässlichen Anblick zu ersparen und nicht von der Angst gepackt zu werden. So blieben die Alpen bis ins 19. Jahrhundert eine Un-Welt, unbekannt, unerforscht, nicht kartographiert – ein weißer Fleck auf der europäischen Landkarte, ähnlich weiten Teilen Afrikas.

Es war ein Gedicht, das den Europäern den Sinn für die einzigartige Schönheit der Alpen weckte. 1729 veröffentlichte der Schweizer Naturforscher und ­Literat Albrecht von Haller (1708–1777) nach einer ausgedehnten Reise durch die Berge seiner Heimat das Langgedicht "Die Alpen". Für einen heutigen Lesegeschmack sind seine barocke Landschaftsmalerei und sein aufgeklärtes Moralisieren schwer zu konsumieren. Aber zu seiner Zeit eröffnete es einen anderen Blick auf die Berge. Dieser störte sich nicht mehr an ihrer jedes Maß sprengenden Großartigkeit, sondern sah in den Bergen etwas "Erhabenes", das Ehrfurcht auslöst.

Damit war eine neue Ästhetik geboren, die nicht nur das harmonische Ebenmaß als schön erkennt und den wohlproportionierten Ausgleich sucht, sondern die ­im Angesicht des Unendlichen, vor überwältigenden Gipfeln und schrecklichen Abgründen ins Staunen ­gerät und dabei eine Art köstliches Grauen genießt. "Delightful horror" nennen es die Engländer.

Die Bergsteiger traten an die Stelle der alten christlichen Pilger

Diese neue Berg-Ästhetik verband sich schon bei Haller mit einer neuen Ethik, nämlich mit der Vorstellung, in den Bergen ein reines und gesundes Leben zu lernen: "Entfernt vom eiteln Tand der mühsamen Geschäfte / Wohnt hier die Seelen-Ruh und flieht der Städte Rauch; / Ihr tätig Leben stärkt der Leiber reife Kräfte, / Der träge Müßiggang schwellt niemals ihren Bauch." So sehr man die Sehnsucht des "Zurück zur Natur!" nachvollziehen mag, steckt in ihr doch ein gewisses Selbstmissverständnis. Denn nur unter den Bedingungen der Moderne kann man die Berge als Gegenorte zur Moderne erfahren. Vorher kam man ja gar nicht zu ihnen hin. Es brauchte neu­artige Verkehrsmittel und Techniken, die unzähligen Instrumente moderner Naturbeherrschung, um zu abgelegenen Tälern zu gelangen, Gletscher zu durchqueren, Abgründe zu überbrücken, Steilwände zu erklimmen, höchste Gipfel zu besteigen – und danach wieder heil ins Flachland zurückzukehren.

 

Rhonegletscher, SchweizOlaf Unverzart

In der Nachfolge von Hallers Gedicht entstand ­bald eine neuartige Bewegung, die sich zunächst aus weni­gen Auserwählten zusammensetzte, am Ende aber ein Massenphänomen wurde: der Alpinismus. Seine erste große Zeit waren die Jahre 1750 bis 1850. Mit besonderem finanziellen und körperlichen Vermögen ausgestattete Herren, vor allem englische Gentlemen in Tweet-Jackett und Knickerbocker, durchstreiften Österreich, die Schweiz, Südtirol und den Südosten Frankreichs auf der Suche nach neuen Touren, Abenteuern und Höhepunkten.

Für die Dörfler, die bis dahin kaum je einen Fremden zu Gesicht bekommen hatten, muss dies ein befremdlicher Anblick gewesen sein. Doch diese Pioniere legten den Grundstein für einen Wirtschaftszweig, der ihre Nachfahren zu Wohlstand bringen sollte: Alpintourismus und Wintersport. Man darf nicht vergessen, wie armselig das Leben der Alpenbewohner war. Extremem Wetter ausgesetzt, mussten sie kleinen, kargen Feldern Erträge abtrotzen, die halbwegs das Überleben sicherten. Dabei waren sie vom Rest der Welt abgeschnitten, in engen Tälern gefangen, sahen wenig vom Himmel, die Sonne nur wenige Stunden am Tag (oder waren im Winter von gleißender Helligkeit geblendet). Man muss sich das ursprüngliche Leben in den Alpen als unglücklich vorstellen: hart, arm, gefährdet, beschränkt, stumpfsinnig. 

Der neue "Heidi"-Film hat dies übrigens mit einer für Kinderfilme ungewöhnlichen Deutlichkeit gezeigt. Man muss sich dieses Alpenelend vor Augen halten, wenn man sich eine heile Berge-Welt zurückwünscht oder die heutige Kommerzialisierung dieses Gebirges beklagt. Die nicht geringste Leistung der ersten Alpi­nisten bestand also darin, langfristig einen unbekannten Wohlstand in die Berge gebracht zu haben.

Man kann in ihnen aber auch die Apostel einer neuartigen Religiosität sehen. Denn die Bergsteiger traten an die Stelle der alten christlichen Pilger. Sie suchten auf ihren Wanderungen nicht die Begegnung mit den Heiligen der Kirche und deren Wunderkräften. Doch auf ihre Weise waren sie ebenfalls auf dem Weg zum Göttlichen. Deshalb markierten sie jede ihrer Erstbesteigungen mit einem Kreuz. Das Gipfelkreuz wurde zum Inbild moderner Bergfrömmigkeit. In ihr verbindet sich höchst Unterschiedliches: Freude an der eigenen sportlichen Kraft, Lust am Abenteuer und Entdeckerglück, Höhen- und Geschwindigkeitsrausch, aber auch Demut vor den letzten unbeherrschbaren Kräften der Natur ­sowie Ehrfurcht vor dem Unendlichen. Die Alpen waren ebenso wie der Olymp kein heiliger, unbetretbarer Wohnort der Götter mehr. Der Mensch hatte sich selbst die höchsten Gipfel unter die Füße getan, dabei aber einen Sinn und Geschmack für das Ewige entwickelt.

Wer einmal einen Berg selbst bestiegen hat, mag nicht mehr Lift fahren

Als Student lebte ich in der Nachfolge der ersten Alpinisten. Jedes Jahr im Frühjahr machte ich mich zu einer Tour auf, mit möglichst leichtem Gepäck, die Felle ­unter dem Ski, Harsch- und Steigeisen griffbereit, den Lawinenpiepser am Körper, und dann über Gletscher, Schneefelder, hoch zu den Gipfeln, ­dazwischen Essen und Schlafen in schlichten Hütten. Man lernt viel über sich selbst auf solchen Touren: was man schafft und wo die Grenze liegt; was einem alles wehtun kann und wie egal das ist; wie man das Höchste anstrebt, bei Gefahr aber klaglos auf ver­lockende Erlebnisse verzichtet; wie glücklich und erfüllt man sein kann; wie weit man schauen kann, ohne an ein Ende zu kommen. Und man kommt zu anderen Menschen in eine Nähe, wie es in der Ebene nicht möglich wäre.

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Auf meinen Touren habe ich Freunde fürs Leben gefunden und meinen Vater eigentlich erst so richtig kennengelernt. Hier habe ich das einzige Mal Tränen in seinen Augen gesehen. Das war, als ich spektakulär gestürzt war und er sich voller Angst über mich beugte – am Ende aber war es gar nicht so schlimm gewesen. Dann kamen Beruf und Familiengründung. Für das Touren­laufen fehlte die Zeit. Für das Pistenskilaufen aber fehlte die Lust. Wer einmal einen Berg selbst bestiegen hat, mag nicht mehr Lift fahren.

Wer je in den Bergen eine absolute Stille gehört und unaussprechlich Schönes gesehen hat, der ist für den heutigen Wintertourismus mit Kunstschnee und DJ Ötzi zum Après-Ski verloren. Für mich ist dieser Alpinismus das negative Beispiel einer Konsumkultur, die verbraucht, was sie genießt. Sie zerstört, was sie liebt.

Im Sommer kann es noch ein bisschen anders sein, wenn man wandern geht. Schritt für Schritt, je nach Tagesform und Lust steile oder bescheidene Wege geht, ohne dabei großen Schaden anzurichten, stattdessen weit schaut, still genießt, Ahnungen von Freiheit und Grenzenlosigkeit gewinnt. Vielleicht sieht man dann auch einen ­Adler, der über einem seine Schwingen ausbreitet. Ob man dann wie Heidi im Film mit weiten ­Armen über die Wiesen springt, ist allerdings eine Frage der eigenen Mentalität und des Alters.

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