Fast gestorben, aber dem Täter vergeben

Er schubste sie vor die Bahn
U-Bahn in München

Ralph Peters / imago

Nach dem Angriff traf sich das Opfer (37) noch mal mit dem Täter. Und fragte ihn: Warum?

Sie wäre fast gestorben. Jetzt hat sie dem Täter verziehen. Für den eigenen Seelenfrieden

Die U-Bahn war mir vor der Nase weggefahren, der Bahnsteig also ziemlich leer. Ein Mann lief die Treppe runter, er hatte dicke Kopfhörer auf, kam zu mir und sagte: „Du bist total geil, du hast geile Beine.“ Ich hab ihn erst mal ignoriert.

Er setzte sich auf einen Schalensitz hinter mich und machte mich wieder blöd an. Ich rief: „Halt die Fresse, lass mich in Ruhe.“ Zwei Mal. Ein Junge sagte noch, „gehen Sie lieber weg“, aber da war der Mann schon aufgesprungen. Er packte mich an der ­Kehle und stieß mich heftig Richtung Bahnsteigkante. Ich sah, dass die Bahn einfuhr. Er schubste mich aufs Gleis. Ich hielt mich an ihm fest, damit ich nicht falle. Dabei stürzten wir beide auf die Schienen.

Ich lag da, sah die Bahn auf mich zufahren, und dachte, das war’s, du wirst jetzt zermatscht. In meiner Erinnerung ist es wie ein Film, ich weiß noch, dass die Bahn geklingelt hat und ich dachte: Bremsen, nicht klingeln, du Trottel. Ich hörte das Quietschen der Notbremse, dachte: Ah, er bremst, aber das schafft er nicht mehr.

Sobald ich die Augen zumachte, kam der Zug auf mich zugerast

Die Polizei hat später festgestellt, dass der Zug 13 Meter vor uns zum Stehen kam. Das hört sich nach viel an, aber hätte der Fahrer eine Sekunde langsamer reagiert, wär’s das gewesen. Wir sind dann beide aus dem Gleisbett geklettert, jeder für sich, und ich rief: „Warum hilft mir denn keiner?“ Das hat dazu geführt, dass sich die Leute aus ihrer Schockstarre lösten. Sie gaben mir was zu trinken und riefen die Polizei. Der Mann wurde verhaftet. 

Ich hatte einen Heulkrampf, war wackelig auf den Beinen und total verwirrt. Ein Nervenzusammenbruch. Immer wieder sagte ich: Ich wäre fast gestorben gerade. Ich rief in der Arbeit an und sagte, dass ich heute später komme. Dabei konnte ich doch an dem Tag gar nicht mehr arbeiten.

Ich wurde im Krankenhaus untersucht, körperlich fehlte mir nichts. Danach hat mich die Polizei vernommen. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Sobald ich die Augen zumachte, kam der Zug auf mich zugerast. Ich schrieb eine SMS an eine Freundin, die Heilpraktikerin ist. Sie hat mich gleich am nächsten Tag gegen den Schock behandelt. Und am übernächsten Tag war ich bei einer Traumatherapeutin. Nach diesen Behandlungen ging es mir viel besser. Ich konnte wieder schlafen. Ich kann heute auch wieder ganz normal Bahn fahren. Ich glaube, ob eine Unsicherheit oder ein Trauma bleiben, hängt stark davon ab, wie schnell man sich um seinen Schock kümmert.

Er ist eine arme Socke

Es war wichtig, dass ich mich um mich selbst gekümmert habe. Erst danach hatte ich Lust und Kraft, mich mit dem Mann zu konfrontieren, der mir das angetan hatte. Ich war nicht wütend auf ihn, sondern eher verwundert. Ich habe mich gefragt, was wohl mit ihm los war und wollte ihm ins Gesicht sehen. Ich ­hatte nur eine monströse Erinnerung, ohne ein konkretes Gesicht. Schon bei der Polizei hatte ich gesagt, dass ich vor der Verhandlung ein Mediationsgespräch, also einen Täter-Opfer-Ausgleich machen möchte. Mir war wichtig zu erfahren, wieso er das gemacht hat, und ich wollte auch wissen, was er dafür tun wird, damit es nicht noch einmal passiert.

Als ich ihn dann zum ersten Mal wiedersah, hatte ich sofort Lust, ihn zu begrüßen und ihm die Hand zu geben. Er war ein Häuflein Elend, der ist wirklich zu Kreuze gekrochen. Es ist ­leider so, dass er einen Blackout hat und sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr an die Tat erinnern kann. Er war stark alkoholisiert. An dem Abend wollte er zum Friedhof, zum Grab seiner Eltern, das weiß er noch. Er sagte, er denke jeden Tag in der Haft über die Tat nach.

Da sitzt also jemand vor mir, der eine arme Socke ist, der sein Leben ganz offensichtlich überhaupt nicht im Griff hat. Im ­Vergleich zu ihm habe ich sozial und psychisch viel mehr Ressourcen. Ich habe ihm verziehen. Ich empfand das nicht als großartige Geste. Ich habe das für mich getan. Denn wenn man gegen jemanden Groll hegt, dann leidet man selber darunter, man ist mit dieser Person verbandelt, weil sie einem als Gespenst im Kopf herumspukt. Für mich ist die Sache jetzt abgeschlossen. Der Mann wurde zu zweieineinhalb Jahren Haft verurteilt, davon eineinhalb Jahre Therapie. Ich hoffe, dass er die Zeit für sich nutzt.

Protokoll: Katrin Langhans

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