Drei Jahre nach dem Fabrikeinsturz in Bangladesch

Die Menschen vom Rana Plaza
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Ismail Ferdous

Drei Jahre ist es her, dass die Kleiderfabrik für Billigketten in den reichen Ländern einstürzte. Was wurde aus den 2438 Verletzten, was aus den Angehörigen der 1127 Toten? Der Fotograf Ismail Ferdous dokumentiert ihre Schicksale

Rozina, Saju and Sanjida

Saju Talukdar: Vor dem Einsturz verdienten meine Frau und ich zusammen 18 000 bis 20 000 Taka im Monat (umgerechnet etwa 200 bis 225 Euro). Nun bin ich Alleinverdiener, und wir haben nur 6000 monatlich (etwa 68 Euro).

Rozina: Für arme Leute ist die Arbeit in der Kleiderindustrie der einzige Weg. Gerade Mädchen haben keine andere Wahl. Die meisten können sich nicht im Ausland bewerben. Und die Mädchen, die ins Ausland gehen, denen sagen die Leute schreckliche Dinge nach. Das tun sie auch bei den Mädchen in der Kleiderindustrie. Aber wenigstens arbeiten wir hart und verdienen unser eigenes Geld.

Saju: Wenn neue Kleiderfabriken öffnen, finden viele Leute Arbeit. Und wenn sich diese Industrie auf Dauer weiterentwickelt, hat jeder Arbeit und kann für die eigene Familie sorgen.

Rozina: Es gab nach dem Unfall finanzielle Hilfen, aber sie erreichten uns nicht. Irgendjemand hat sich das Geld genommen und wurde damit reich. Leute, die uns helfen sollten, stahlen unser Geld!

Sujon Mia

Wegen meiner Ausgaben für Arznei und Behandlung verkaufte mein Vater ein Stück Land. Auch Nachbarn gaben mir Geld für Medizin und Essen. Eine Frau aus Uttara, nördlich unserer Hauptstadt Dhaka, spendete mir 50 000 Takas (etwa 560 Euro) für Krankengymnastik. Eines Tages riefen mich Leute aus der Rehaklinik an: Ob ich einen Computer oder Maschinen bedienen könne. Ich verneinte. Sie fragten, ob ich einen Laden aufmachen könne. Ich kann nicht laufen, sagte ich. Sie fragten, ob mir ein Verwandter bei einem Laden helfen könne. Ich zahlte 20­ 000 Taka, 1500 Taka kostet die Monatsmiete.

Die Leute von der Rehaklinik sahen nach dem Rechten und sagten: Ein guter Ort für einen Laden, direkt an der Hauptstraße! Sie gaben mir 50 000 Taka für die Innenausstattung.Nun habe ich den ganzen Tag mit dem Verkauf zu tun, bin viel im Laden und überlege ständig, was ich ver­bessern kann. Die Leute kommen von überall. Meine Eltern und alle um mich sind auch froh, da sie sich sehr um meine Zukunft gesorgt hatten.

Fazle Rabbi

Rahela Begum: Am Abend vor dem 24. April 2013 kam mein Sohn Fazle Rabbi von der Arbeit. Ich war krank, er gab mir zu essen und bereitete mein Bett für die Nacht. Er erzählte uns von den Rissen im Rana Plaza. Und von der Gefahr, dass es einstürzen könnte. Ich hörte nicht richtig hin. Am nächsten Morgen erfuhr ich vom Einsturz und eilte hin. Ich bat jemanden um sein Telefon und rief meinen Ältes­ten an. Drei Tage suchten wir, wir liefen in alle Kliniken. Keine Spur.

Am Morgen des dritten Tages hörten wir: Aus dem vierten und fünften Stock, wo Fazle Rabbi gearbeitet hatte, seien Angestellte gerettet worden. Auf einem Schulhof nahe dem Enam Medical Hospital legten sie Leichen hin. Wir fanden seine auf einer Veranda. Er war erst 13 Jahre alt. Die Behörden baten mich um die Nummer seiner Rana-Plaza-ID. Ein Freund wusste sie: 1081. Und ich soll­te mich von der Leiche entfernen, weil sie zu riechen begann. Wie sollte mich der Geruch meines Sohnes stören?!

Raihan Kabir

Mein rechtes Bein war komplett von einer Maschine zertrümmert. Sie machten eine Röntgenaufnahme und operierten es. Ich dachte, es sei okay. Aber dann fuhr der Krankenwagen an meiner Wohnung in Savar vorbei. Ich fragte sie, wohin sie fahren. Ins Orthopedische Krankenhaus von Dhaka, sagten sie. Ich erinnere mich nicht an die nächsten vier Tage. Ich weiß nur: Ich wurde hin und her geschoben. Und ein Arzt sagte, mein rechtes Bein habe sich infiziert, er könne es nicht retten. Die Ärzte amputierten es. Ich musste damit klarkommen, dass ich immer mit einer Krücke laufen würde.

Ein Fernsehsender berichtete von meinem Schicksal. Die Angestellte einer kanadischen Firma für Prothesen sah die Sendung und kontaktierte mich. Ihre Firma wolle mir ein Plastikbein stiften. Sie ist Bangladescherin, aber sie lebt in Kanada. Dreieinhalb Monate nach dem Einsturz des Rana Plaza bekam ich meine Prothese. Ich erhielt auch Krankengymnastik, um die Fortbewegung zu üben. Und die Dame erkundigt sich immer noch hin und wieder, wie es mir geht.

Protokolle: Thahitun Mariam, Übersetzung: Burkhard Weitz

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