#Integration von Flüchtlingen an bestimmten Orten einfacher

Alle wollen in die Großstädte – ist das ein Problem?
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Illustration: chrismon Grafik

Der Soziologie-Professor hat eine Idee, wie sich Flüchtlinge leichter integrieren können: An bestimmten Orten

In den Großstädten gibt es Arbeit! Städte ziehen von jeher Fremde an, weil der typische Großstädter der Fremde ist. Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel schrieb schon vor hundert Jahren: Der Städter müsse eine besondere Lebensweise entwickeln, um mit der alltäglichen Begegnung mit Fremden umgehen zu können. Er beschrieb die typische urbane Mentalität wenig schmeichelhaft als Blasiertheit, Gleichgültigkeit, Distanziertheit und Intellektualität. In der Stadt kann man nicht jeden kennen. Also sieht man am anderen vorbei, ohne ihn zu grüßen. Der Fremde wird gleichsam aus der Wahrnehmung ausgeblendet. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass Stadtgesellschaften überhaupt halbwegs konfliktfrei existieren können: Integration durch Verzicht auf Integration. Auf dem Dorfplatz fällt der Fremde sofort auf – auf dem Marktplatz einer Stadt fällt es auf, wenn man zu vielen Bekannten begegnet. Hier ist Fremdheit normal. Außerdem haben die neu Zugewander­ten in Städten die besten Chancen, auf Landsleute zu treffen.

Walter Siebel

Walter Siebel ist emeritierter Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Foto: PR
Für zugewanderte Familien oder Fachkräfte kann es zwar auch sinnvoll sein, aufs Land zu gehen. Aber normalerweise sind die prosperierenden westdeutschen Metropolregionen für sie erfolgversprechender. Es gibt drei Orte, wo über Integration entschieden wird: Der wichtigste ist der Betrieb. Bei der Arbeit muss man ­miteinander umgehen. Zum Kollegen sagt man: „Gib mir mal das Werkzeug!“ Und irgendwann fragt man ihn auch: „Wie geht es ­deinen Kindern?“ Der zweitwichtigste Ort für Integration ist die Schule. Dort entscheidet sich, welche Chancen man auf dem Arbeits­markt hat. Und auch dort gibt es einen festen Rahmen, in dem Menschen miteinander umzugehen lernen. Der dritte Ort für Integration ist der Wohnort. Aber welchen unverfänglichen Grund gibt es, mit dem Fremden zu reden, wenn man ihm auf der Straße begegnet? In der Stadt sind wir uns räumlich nah, aber ­sozial oft sehr fern, und es gibt keine vorgegebene Brücke für Kommunikation wie bei der Arbeit oder in der Schule.

Deshalb kann es die Menschen überfordern, wenn sie sich in einem Wohnquartier aktiv integrieren sollen. Zuwanderer ziehen ja auch normalerweise nicht in die Nachbarschaft toleranter, gebildeter, grün-alternativ orientierter deutscher Beamter, die keine existenziellen Sorgen haben und den Zuwanderer nicht als Konkurrenten fürchten müssen. Die Filter auf dem Wohnungsmarkt lenken die Flüchtlinge vermutlich dorthin, wo die Verlierer des deutschen Strukturwandels wohnen. Flüchtlinge konkurrieren mit denen, deren Situation ohnehin schon prekär ist. Verlierer sind selten fähig und bereit, tolerant auf Fremde zuzu­gehen. Verlierer brauchen Sündenböcke. Fremde eignen sich dafür. Solche erzwungenen Nachbarschaften führen selten zu Integration, sondern eher zu aggressiver Abwehr. Trotzdem haben wir in Deutschland noch keine Unruhen wie in französischen Ban­lieues, im britischen Birmingham oder in den USA erlebt.

Diese Länder haben eine längere Geschichte der Einwanderung. Bei uns gibt es – noch – einen relativ gut funktionierenden Sozialstaat. Brisant wird es, wenn sich Armut, Arbeitslosigkeit und die Diskriminierung von Ethnien überlagern. Forscher haben in deutschen Städten nach Ghettobildungen gesucht, nach Vierteln, wo eine Ethnie mindestens 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Sie fanden so etwas nicht, in keiner einzigen deutschen Stadt!

Streit muss nicht nur schlecht sein

Unsere Normalität sind ethnisch gemischte Viertel mit einer deutschen Mehrheit. Aber wenn wir nicht aufpassen, kann sich das ändern. Es käme zur erzwungenen Segregation: Weil sie wenig Geld für eine Wohnung haben, drängen wir die Armen – Deutsche wie Zuwanderer – in bestimmte Quartiere. Es gibt auch eine freiwillige Segregation. Viele Türken in der zweiten Generation verzichten auf bessere Wohnungen, wenn ihre Familien nicht mehr in fußläufiger Entfernung zu erreichen wären. Sie möchten mit ihresgleichen benachbart sein. Das hat Nachteile, es kann bedeuten, dass Frauen kontrolliert werden. Aber es hat auch etwas Positives. Deutsche Auswanderer in die USA zogen gern nach „Little Germany“.

In der neuen Umgebung sind solche ethnischen Kolonien wie ein Brückenkopf der aufgegebenen Heimat. Dort findet man sich halbwegs zurecht, und von dort aus kann man sich auf die noch fremde Gesellschaft besser einlassen.

Wir müssen jetzt alles dafür tun, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt und ihre Kinder ins Bildungssystem zu integrieren. Wir müssen ihnen dieselben Chancen einräumen wie deutschen Kindern. Das wird viel Geld kosten und lange dauern. Und wir müssen uns bewusst sein, dass Konflikte in Einwanderungsgesellschaften unvermeidbar sind. Wir brauchen Moderations- und Mediationsverfahren, damit Streit nicht gleich auf die Ebene der Polizei eskaliert.

Ein Beispiel: Wohnungsbaugesellschaften brauchen ein Frühwarnsystem, also Menschen, die Zank schlichten – bevor sich die bildungsorientierten deutschen Eltern überlegen, vielleicht doch lieber wegzuziehen. Streit muss nicht nur schlecht sein: Wenn Konflikte mit demokratischen Spielregeln gelöst werden, sind sie ein Teil der Integration und können neue Antworten auf die alte Frage liefern, was denn ein gutes Leben in der Stadt sei. 

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Siebel,
vielen Dank dafür das Sie mich als Verlierer bezeichnen (Hartz 4 Empfänger, trotz 500 Bewerbungen, Qualifikationen = BA Psychology UMASS Boston (Note 1, Cum Laude), LLB King's College London und LLM (Masters in Law & Development, SOAS University of London).
Ich hätte sehr gerne genauso viel Aufmerksamkeit wie diese Illegale Einwanderer.
Da ich nur eine halb deutsche Frau bin (Migrantin) die mir SELBST deutsch beibringen musste (kein Umsonst Kurs bekommen), die 30+ Jahre Ausländische Berufserfahrung mitbringe und NULL hier umsonst bekommen habe, bin ich natürlich für Sie einen Wutbürger.
You have no idea about poverty in Germany or how many young illegal immigrants hang around Uelzen and Lüneburg on a daily basis and DO NOT WORK!
Ich dürfte (bis ich Arthrose/Bandscheiben Krank wurde) TROTZ Qualifikationen für die deutschen - Tellerabwaschen, Erntehelferin, Produktion und Kartoffel Fabrik Arbeit entrichten.
Dort habe ich keiner dieser 'Flüchtlinge' arbeiten gesehen.
Es wird auf dem Wohnungsmarkt Probleme geben, weil die Wirtschafts Migranten auch Soziale Wohnungen haben wollen wie die Migranten die schon 'länger hier sind'.....und das Jobcenter hat schon bei mir meine Leistung gekürzt (ich soll weniger Heizen). Es werden mehr Menschen die Tafel überfallen und natürlich nicht in die Rente einzahlen.
Diese Naivität in Deutschland überrascht mich, da ich 27 Jahre in USA und GB und London gelebt habe. Es gibt dort keine Multi Kulti Utopie - es herrschen Parallelgesellschaften.