#Integration: Vorurteile gegenüber Flüchtlingen

Warum reagieren wir oft so emotional auf das Thema Flüchtlinge?
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Illustration: chrismon Grafik

Der Professor für Sozialpsychologie erklärt, wie bei diesem Thema manche Mechanismen unsere Emotionen befeuern
Deutschland spricht 2019

Wir sind nicht alle gleich beunruhigt. Wer glaubt, in einer Konkurrenz mit den Flüchtlingen zu sein – um Wohnungen, um Kita- oder Arbeitsplätze – macht sich eher Sorgen. Das ist normal. Unakzeptabel ist es, wenn Politiker solche Ängste auch noch schüren.

Ulrich Wagner

Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie und im Zentrum für Konfliktforschung an der Universität Marburg.
Foto: J. Laackman PSL-Studios Marburg
Es gibt Mechanismen in unseren Köpfen, die unseren Umgang mit anderen Menschen beeinflussen. Wir kategorisieren, wir vereinfachen unsere Umwelt, um unser Leben zu organisieren. Verkehrsteilnehmer teilen ihre Welt in Radfahrer und Autofahrer ein: Wir definieren uns auch sehr stark über Gruppen. Wenn ich mich mit zehn Worten beschreiben sollte, käme relativ schnell: Ich bin ein Mann. Ich wohne in Deutschland. Ich arbeite an der Universität. Fußballfans kategorisieren immerzu. Oft wird dabei auch gewertet: Dortmunder können die Schalker nicht gut leiden. Im Sport hat das einen spielerischen Charakter – im Falle von Nationen oder Religionsgruppen kann es gefährlich werden. Wir ordnen die Täter von Köln unbewusst der gleichen Gruppe zu wie die Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Und islamistische Terroristen zu den armen Muslimen.

Es gibt noch einen weiteren Automatismus. Er erscheint komplizierter, als er ist: Wir überschätzen die Häufigkeit, in der seltene Ereignisse gemeinsam auftreten. Angenommen, ich sehe im Zug jemanden, der ein Flüchtling sein könnte – das ist ja in vielen Gegenden eher selten. Und der wird dann auch noch ohne Fahrkarte erwischt – das ist auch selten. Trotzdem neigen wir dazu, diese beiden seltenen Ereignisse zu koppeln: „Aha! Flüchtlinge fahren schwarz!“ Das bleibt viel eher in Erinnerung als ein Fremder, der einer alten Dame aus dem Zug hilft.

Solche Mechanismen können erklären, warum man plötzlich Angst vor einer ganzen Gruppe hat – zum Beispiel vor „den“ Flüchtlingen. Obwohl man gar nicht genau weiß, warum. Unsicherheit und Angst führen dazu, dass wir uns zurück­ziehen. Das schränkt unsere eigene Freiheit ein. Und es grenzt die anderen aus. Wenn wir uns dieser Mechanismen bewusst sind, können wir uns von ihnen frei machen. Als Sozialpsychologe argumentiere ich nicht anders als klinische Psycho­logen: Sie behandeln Menschen mit Agoraphobie, einer Angst vor großen Plätzen, dadurch, dass sie mit ihren Patienten auf große Plätze gehen, langsam und vorsichtig. Ich rate daher jedem, der sich verunsichert fühlt: Treffen Sie Flüchtlinge, besuchen Sie Willkommenscafés! Sie werden hinterher weniger beunruhigt sein. 

Information

Schaffen wir das?

Die Flüchtlinge sind da – eine Welle, sagen manche, eine Flut. Aber wir sind darin nicht untergegangen. Wir wollten ganz praktisch wissen, was wir tun müssen, damit wir hier alle gut leben können. Acht Experten haben uns in chrismon 06/2016 geantwortet. Sozialpsychologen, Ethnologen, Immobilienwirtschaftler. Alle haben Ideen.

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Lesermeinungen

Die Ängste , die sich in der Bevölkerung Bahn brechen, haben meiner Meinung nach auch damit zu tun, dass wir hier in Deutschland die Traumata der Flüchtlingswelle nach 1945 mit dem damit verbundenen Leid nicht aufgearbeitet haben. Wie im Artikel in der selben chrismon-Ausgabe beschrieben, pflanzt sich solches -oft unausgesprochenes und unbewältigtes -  Leid in die nachfolgenden Generationen weiter. Die 15 Millionen vertriebenen Flüchtlinge und die damit zusammenhängenden 2 Millionen Vergewaltigungen hatten damals keine psycologischen Beistände und haben fast alles in sich vergraben und verborgen. Sie büßten mit ihrem Leid für 12 Jahre Hitlerdiktatur und trafen auf Menschen, die nur unwillig Platz machen wollten, obwohl sie - von den Ausgebombten abgesehen - kaum Einbußen an Eigentum hatten. In all den Aufbaujahren mussten die Flüchtlinge miterleben, wie sie bei Null anfangen mussten  und wie andere kaum Verständnis für ihre Lage hatten. Jahrelang war "Flüchtling" ein Schimpfwort geblieben, und das Erinnern und Reden von die Vertreibung war in der DDR ganz verboten und im Westen als Revanchismus verpönt. Dies alles ist in Erinnerungen ,Bemerkungen und Neidkomplexen noch virulent. Wie kann auf diesem Boden  eine Willkommenskultur gedeihen ?

Während Herr Cem Özdemir zu Recht  eine Mitverantwortung des alliierten deutschen Kaiserreichs am Völkermord der Türken an den Armeniern feststellt, darf eine solche Mitverantwortung der heute mit uns Verbündeten an der Vertreibung , der sinnlosen Bombardierung von mit Flüchtlingen überfüllten Städten in den letzten Kriegstagen nicht angesprochen werden. Dieses Verdrängen und Nicht-Aufarbeiten aber sitzt uns noch im Nacken.

Dazu kommt, dass wir nach 1990 Tausende Aussiedler und die Probleme der marode gewordenen ehemaligen DDR bewältigen mussten , in einem Europa, das von Solidarität nicht gerade strotzte und es auch in der Flüchtlingsfrage nicht tut.

alois lienhard

Es ist tatsächlich so: Nichts bleibt so, wie ist. Der Mensch ist ein historisches Wesen. Alles, was der Mensch  erlebt, wird in ihm gespeichert. Oft wird das Erlebte verdrängt, vergessen oder bei einem inneren Anstoß wieder ins Bewusstsein  gehoben, so wie hier: "... ich sehe im Zug jemanden, der ein Flühtling sein könnte - das ist  ja in vielen Gegenden eher selten. Und der wird dann auch noch ohne Fahrkarte erwischt - das ist auch selten. ..."Aha! Flüchtlinge ...! 

Das paart sich mit eigenem Erlebten 1946: Wir, meine Schwester und ich (11 J.), standen in einem Coupe eines überfüllten Zuges. Da sprach ein Reisender: "Hier stinkts!" Ein anderer antwortete: "Das sind die Flüchtlinge!" Sie, die gegenwärtig über das Flüchtlingsproblem schreiben, gehören zu den Nachgeborenn, geboren in eine Wohlstandsgesellschaft. Sie schreiben distanziert, aber dem Problem zugewandt: "Treffen Sie Flüchtlinge, besuchen Sie Willkommenscafes!" Das lobe ich an dieser Zeitung: Sie greifen soziale Probleme auf, legen sie offen und  empfehlen, friedvoll auf sie zuzugehen.

Heinz-Jürgen Buhrke

Troisdorf