Historikerin Katharina Kunter über kommende und frühere Lutherjubiläen

Ende eines Helden
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Eva Hillreiner, Fotovorlagen: Ullstein Bild, Fotolia (2)

An Lutherjubiläen hatten Potentaten früher durchaus eigene Interessen. Katharina Kunter fragt sich: Wie wird es diesmal sein?
Deutschland spricht 2019

Auf dem Altmarkt in Dresden ging es am 31. Oktober 1917 feier­lich zu. Der Platz war geschmückt, die Vornehmen und Wichtigen der Stadt waren an diesem kalten Mittwoch versammelt, um des 400. Jahrestages der Reformation zu gedenken, dazu die Gardereiter der Königlich-Sächsischen Armee, Männer mit Hut und Frauen in dunklen Mantelkleidern. Eine überdimensionale Denkmalgestalt aus Marmor ragte weit aus der Festgemeinde heraus. Nein, nicht der Reformator Martin Luther. Er stand seit 1885 ein paar Schritte entfernt auf dem Neumarkt. Sondern die siegesbereite Germania sollte hier mit Schild und Reichsfahne an den deutschen Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnern. Ein großes Gefühl der Verbundenheit einte in diesem Moment Dresdner und Dresdnerinnen. Zu Füßen der „deutschen Mutter“ wussten sie, dass sich jetzt alle Protestanten im Reich ­ihren deutschen Helden Luther vergegenwärtigten: bei Volks­feiern, Andachten, Festgottesdiensten oder Schulfeiern.

Doch so friedlich, wie es ein Dresdner Fotograf festhielt und wie es später als Postkarte durch das Reich geschickt wurde, war die Lage nicht. Die alte Welt, auf die sich die protestantische Fest­gemeinde bezog, stand am Abgrund. Der Erste Weltkrieg mit ­seinen grausamen Stellungskriegen und Giftgasangriffen ging in sein viertes Jahr.

Im April 1917 waren die USA an der Seite der Alliierten gegen Deutschland in den Krieg eingetreten. Die Bolschewisten hatten das Zarenregime gestürzt und die Macht übernommen: Die Oktoberrevolution war in vollem Gange. Im Deutschen Reich wurden im Laufe des Jahres 1917 die Kirchenglocken „mit Gott für König und Vaterland“ heruntergeholt und zum Einschmelzen abgeliefert.

„Wir seien nun herausgefordert, bessere Jünger ­Luthers zu sein als die Deutschen“

Der ostwestfälische Pfarrer Ernst Hartmann schrieb in seinem Kriegstagebuch: Wir feiern dieses Jubiläum „etwas gedrückt“; erstens, der Krieg des evangelischen England gegen das evangelische Deutschland; zweitens, die „Lauheit und Untreue“ vieler Protestanten gegen unsere Kirche und „der Abfall der evangelischen Massen“ und dann noch, drittens, die zunehmende Macht Roms – war doch just an diesem Reformationstag 1917 der evangelische Reichskanzler Georg Michaelis gestürzt und durch den bayerischen Katholiken Georg von Hertling ersetzt worden.

Katharina Kunter

Katharina Kunter ist habilitierte Kirchenhistorikerin. Unter anderem veröffent­lichte sie den Bildband „500 Jahre Protestantismus. Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart“.
Foto: Privat
Einer der wenigen, die sich außerhalb Deutschlands 1917 für die Reformationsfeier interessierten, war der schottische Kirchen­historiker James Stalker. Er hatte bereits 1883 mit einer britischen Kirchendelegation in Wittenberg Luthers 400. Geburtstag mit­erlebt. Damals begeisterten ihn die fröhliche Feststimmung und die frommen Reden. Jetzt hielt er nüchtern fest, dass kein deutscher Protestant den Krieg verhindert habe; das überhebliche preußische Empire habe Besitz von Luther und den Deutschen er­griffen. „Wir“, und damit meinte Stalker die protestantischen ­Alliierten Großbritannien und USA, „seien nun herausgefordert, bessere Jünger ­Luthers zu sein als die Deutschen selbst“. Seine Hoffnung, dass die humane Friedenspolitik des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilsons deutsche, englische und amerikanische Protestanten wieder zueinander führe, erfüllte sich jedoch nicht.

1917 war nicht das einzige Reformations- und Lutherjubiläum, bei dem der deutsche Obrigkeitsstaat Martin Luther für seine nationalen und imperialen Interessen hemmungslos in Anspruch nahm. Freilich gefiel es auch dem Protestantismus, dass er ein gewichtiger Teil dieser Inszenierung war. Im Vergleich zu den Vorhaben zum Reformationsjubiläum 2017, dem 500. Jahres­tag des Thesenanschlags, treten die Unterschiede deutlich hervor. Welten liegen zwischen diesem elitären Reichsnationalismus und unserer modernen Gesellschaft.

Die Vereinnahmung des Reformators setzte sich nach dem Ende des Kaiserreiches im Nationalsozialismus in Politik, Gesellschaft und Kirche weiter fort. Luthers Judenhass öffnete dem völkischen Antisemitismus und dem Holocaust weite Türen. Zu Luthers 450. Geburtstag wurden in ganz Deutschland Postkarten versendet, die den Reformator beim Verbrennen der Bannbulle des Papstes 1520 zeigten. Sein dick gedruckter Geburtstag – 10. November 1483 – mit dem dick daneben gedruckten Jahr 1933 erinnerte perfide daran, dass auf den Tag genau ein halbes Jahr zuvor nationalsozialistische Studenten Zehntausende „undeutscher“ Bücher öffentlich verbrannt hatten. Fünf Jahre später brannten in Deutschland die Synagogen – in der Nacht zu Luthers Geburtstag.

1983 verloren Staat, Stasi und Kirche die Kontrolle über "ihren Luther"

Angesichts dieser Vergangenheit feierte die Bonner Republik 1983 den 500. Geburtstag Luthers eher unaufgeregt und würdigte die historische Person und ihre Wirkung. Erstmals gab es keine staatlich vorgegebenen nationalen Lutherfeiern. Anders im Osten des Landes. Staats- und Parteichef Erich Honecker und die SED übernahmen mit einem eigenen staatlichen Lutherkomitee die ideelle Führung der Lutherfeierlichkeiten. Dazu wurde Luther marxistisch in einen frühbürgerlichen Progressiven umgedeutet, den Kirchenleitungen ein eigenes „Lutherkomitee“ zugestanden. Der DDR ging es allerdings nicht um die Stärkung der Kirchen. Sie erhoffte sich internationale Anerkennung und setzte darauf, die Bundesrepubik mit einer großen staatlichen Lutherinszenierung ausstechen zu können.

Nicht zuletzt spielten wirtschaftliche Gründe eine Rolle: Die restaurierten Lutherorte sollten westliche Touristen anziehen und Devisen in die DDR bringen. Innen­politisch war die Lage jedoch kompliziert. Vor dem Hintergrund der laufenden Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren in Europa unabhängige, blocküber­greifende Friedensinitiativen entstanden. Die Kirchenleitung hoffte, dass mit der neuen staatlichen Wertschätzung Luthers nun endlich die „Kirche im Sozialismus“ als Realität und Partner anerkannt würde und sich damit auch die innerkirchlichen Spannungen lösten. Die kirchliche Basis fasste dagegen zunehmend Mut und widersprach Politik und Kirche.

Auf dem Wittenberger Kirchentag im September 1983, der zum regionalen Lutherprogramm gehörte, verloren Staat, Staatssicherheit und Kirchenleitung die Kontrolle über „ihren ­Luther“. Hammerschläge in der Abenddämmerung erfüllten den Lutherhof neben Luthers Wohnhaus. Vor mehr als 2000 Teilnehmern schmiedete der Wittenberger Schmied Stefan Nau nach biblischer Tradition ein Schwert zu einer Pflugschar um, dem Symbol der unabhängigen kirchlichen Friedensbewegung der DDR. Die ­Bilder dieser Aktion kündeten vom ­Friedens- und Freiheitswillen der ­Aktivisten, der bereits Züge der sich später formierenden DDR-Opposition trug.

Martin Luther King und die Pfingstler: Sie entfalten heute große Wirkung

Was wird 2017 sein? In den mehr als 30 Jahren hat sich Deutschland erneut verändert. Die Gefahr einer politischen ­Instrumentalisierung droht nicht mehr. Die Sorge ist eine andere: Die Mitgliedszahlen der Kirchen sind zurückgegangen. Wer kritisch auf die aktuellen kirchlichen Vorbereitungen blickt, kann da durchaus einen letzten Führungsanspruch des deutschen Protestantismus erkennen. Für das Reformationsjubiläum werden in Hannover und anderswo alle protestantischen Kräfte konzentriert.

Es scheint, als wollte die Kirche als Teil der Bürger­gesellschaft die Welt gern mit einem perfekt inszenierten Reformationsjubiläum beglücken. Zeigen, dass sie aus der dunklen Vergangenheit gelernt hat, dass sie heute freier, friedlicher und besser geworden ist. Das passt auf der einen Seite zur Außenpolitik der Berliner Republik, die einen neuen moralischen Führungs­anspruch an den Tag gelegt hat, zum Beispiel in der Griechenland- oder Flüchtlingsfrage.

Auf der anderen Seite leben evangelische Christen heute in einer offenen und säkularen Welt mit einer Vielzahl an National­geschichten und globalen Erfahrungen. Für viele Christen ist Martin Luther King die postkoloniale und wirkmächtigste Luther­verkörperung der Gegenwart. Auch die Pfingstkirchen sind eine einflussreiche reformatorische Bewegung des 20. Jahrhunderts. In Asien und Afrika leben mittlerweile mehr Protestanten als in Europa. Party machen in Wittenberg ist gut. Aber der Geist Gottes wird auch 2017 da wehen, wo er will.

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